Ist das Kunst – oder Religion?

05.07.2023 |

Weltweit einmalig ist das, was sich im Untergrund von Karlsruhe getan hat. Markus Lüpertz, Deutschlands Malerfürst, hat für die U-Bahn-Stationen  große Kunst zum Thema Genesis entworfen. Sein Werk sorgt jetzt für Debatten.

Der Maler, Grafiker und Bildhauer Markus Lüpertz - hier im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern des Schönborngymnasiums bei den Bruchsaler Schlossgesprächen.
 
Wer bei der Talkrunde in der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe (PHKA) über Markus Lüpertz‘ Kunstwerk „Genesis“ eine vollständige Interpretation dieses Zyklus erwartet hatte, wurde wohl enttäuscht. Denn mal eben eine Interpretation dieser vielschichtigen Keramiktafeln übers Knie zu brechen, ist nicht so einfach, „da müsste ich jetzt richtig arbeiten, wenn ich das fertig interpretieren wollte“, meint Leonie Beiersdorf, Kuratorin an der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, als das Publikum eine exemplarische Deutung einer Tafel wünscht. Dass die Karlsruher U-Bahn-Kunst Bürgerinnen und Bürger der Stadt – ob jung oder alt – aus den verschiedensten Gründen spaltet, aber mindestens genau so sehr interessiert, zeigte der voll besetzte Vorlesungssaal bei ziemlich heißen Temperaturen und hitzigen Gemütern. Aber nicht die Interpretation des Kunstwerks stand bei der Diskussion im Vordergrund. Vielmehr sollte es um die Frage gehen, ob der 14-teilige Genesis-Zyklus, der seit Ende April in den Karlsruher U-Bahn-Haltestellen zu betrachten ist, religiöse Kunst darstellt.  Neben der künstlerischen Expertise durch Leonie Beiersdorf war Kulturbürgermeister Albert Käuflein Sprachrohr für die Politik. Für den theologischen Input sorgten Joachim Weinhardt, Professor am Institut für Evangelische Theologie an der PHKA, sowie Alexander Weihs, Professor für Neues Testament und Religionspädagogik für Katholische Theologie, ebenfalls an der PHKA, der sich gleich zu Beginn wünschte, dass die „Gemüter ruhig und demokratisch“ bleiben.
 
 "Wie unangenehm – ich musste meine Meinung ändern"

Das Kunstwerk von Markus Lüpertz sorgt nicht erst seit seiner Enthüllung für Diskussionen in der Bevölkerung. Bereits vorab gab es vehemente Vorbehalte gegen politische Entscheidungen, aber auch um die Person des Künstlers und um die inhaltliche Ausrichtung des Zyklus sowie die Darstellung von religiöser Kunst im öffentlichen Raum. Ganz schön viele Vorbehalte. Leonie Beiersdorf musste zugeben, dass ihr bei den Vorbereitungen auf diese Diskussionsrunde etwas „Unangenehmes“ passiert sei – „ich musste meine Meinung ändern“. Ihre anfängliche Kritik und Skepsis seien etwas aufgeweicht. „Ich kann heute gar nicht die Meckertante geben“, sagt sie und räumt nebenbei mit einigen Vorbehalten rund um das in vielen Augen unmoderne Material Keramik oder die Frage, warum gerade Markus Lüpertz und nicht andere Künstler auf. Sie betont dabei aber auch, dass sich junge Künstlerinnen und Künstler aus der Region mit Sicherheit über einen fairen Wettbewerb gefreut hätten. Übrigens: In Beiersdorfs Augen kann kein Material unmodern sein. Gerade Keramik habe durch die Majolika eine lange Tradition in Karlsruhe. Zudem lege ein Kunstprojekt, das unter der Erde ausgestellt wird, doch nahe, die Arbeit mit einem Material zu erschaffen, das aus Erde gewonnen wird. Und schließlich schuf Gott Adam aus Erde „und Markus Lüpertz schafft seine Kunst aus Ton“.
 
"Die Entscheidung für die Genesis war demokratischer denn je"

Albert Käuflein, der unter anderem Mitglied der Kunstkommission der Stadt Karlsruhe ist, erklärt, wieso das Gremium auf einen Wettbewerb unter Kunstschaffenden verzichtet hat: Ein Prozent der Bausumme wird für Kunst im öffentlichen Raum und Kunst am Bau verwendet. Dafür gibt es einen offenen Wettbewerb, den die Kunstkommission initiiert und auch für die Karlsruher U-Bahn-Kunst angestoßen hat. Ergebnis dieses Wettbewerbs war nicht der Genesis-Zyklus, sondern die Lichtinstallationen in den einzelnen Stationen, „die teilweise vielleicht gar nicht als Kunst empfunden werden“, so Käuflein. Da die Lichtkunst offen für weitere Kunst sei, ging Lüpertz selbst – mit der Anregung, etwas beisteuern zu wollen – auf den Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup zu. Die Entscheidung darüber sei demokratischer denn je erfolgt, das zu betonen, ist Käuflein wichtig. Denn an der Abstimmung sei nicht allein die Kunstkommission beteiligt gewesen, sondern unter anderem auch der Gemeinderat, der zwar mit einer deutlichen Mehrheit für das Prestigeprojekt stimmte, aber auch klarstellte: Die Lüpertz-Kunst darf die Stadt kein weiteres Geld kosten. So hat der Verein „Karlsruhe Kunst erfahren“ um den Vorstand Anton Goll die einzigartige U-Bahn-Kunst mit großem Engagement initiiert, organisiert und privat – durch Sponsoren und Investoren – finanziert. Für sieben Jahre ist das Kunstwerk nun eine Leihgabe an die Stadt.
 
Kunst im Vorübergehen: Die Tafel "Die Königswürde" gehört zum  14-teiligen Zyklus "Die Genesis".
 
Was nach dieser Zeit passieren wird ist ungewiss. Käuflein könnte sich vorstellen, dass der Verein „Karlsruhe Kunst erfahren“ der Stadt das Kunstwerk nach Ablauf der sieben Jahre hinterlässt. Leonie Beiersdorf schätzt das etwas anders ein und verweist auf Bonn, wo wohl bald Kunstwerke von Markus Lüpertz und anderen Künstlern verschwinden werden und Platz für Neues machen. „Das kann ich mir auch für Karlsruhe vorstellen“, sagt Beiersdorf und hofft, dass die Flächen nicht als Werbetafeln enden, wie ursprünglich vorgesehen. Auch hier sind die Meinungen wieder einmal geteilt. Aber egal, wo „Genesis“ nach Ablauf der sieben Jahre zu sehen sein wird, geht es Lüpertz auch um die Inhalte und er weiß: „Jede Zeit wird ihre eigenen Antworten finden.“
Auch auf die Frage, warum Markus Lüpertz und nicht etwa junge Künstler die Möglichkeit erhalten haben, haben die Gäste Antworten parat. Für Käuflein ist die Sache klar, denn „es lag konkret ein Angebot auf dem Tisch“ – von niemand anderem als Markus Lüpertz, der sich der Stadt nach seiner Lehrtätigkeit an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe noch immer verbunden fühle. So habe sich die Frage nach anderen Kunstschaffenden in diesem Moment überhaupt nicht gestellt. Dass Markus Lüpertz sich nicht in einen Wettbewerb mit anderen begeben hätte, vermutet Leonie Beiersdorf. Dass die Stadt auch keinen daraus gemacht hat, kann sie irgendwie verstehen. Denn auch sie kennt das Dilemma aus ihrer Tätigkeit in der Kunstkommission des Landes. Bei der Frage, welche Künstler für Großprojekte infrage kommen, habe man automatisch renommierte Künstler aus dem „älteren Semester“ im Sinn, während der Nachwuchs eher für kleinere Projekte in Erwägung gezogen wird. „Das große Geld geht an die Bekannten“, denn die Aufmerksamkeit erfolge vor allem auch durch die Faszination und Anziehung solcher Personen. Und dass Markus Lüpertz eine Kultperson ist, darüber sind sich alle einig. Beiersdorf beschreibt ihn als „schillerndes und vielseitiges Wesen“, als „Dandy im Stil der Malerfürsten vor 150 Jahren“, der sich selbst zur Marke erhebt. Gleichzeitig nimmt sie ihn als Person wahr, die das Talent hat, „Menschen auf freundliche Weise für sich zu gewinnen“, der Humor und Selbstironie zeige, was ihm wiederum „den Snobismus verzeiht, den er an den Tag legt“. Aber sie stellt auch klar: „Ihm fällt nicht alles in den Schoß, sondern er schafft viel.“ Das ist eine lange Liste, die die Gründe für Markus Lüpertz nahelegt; Joachim Weinhardt erinnert aber auch daran, dass die Stadt mit dem Genesis-Zyklus ja „die Katze im Sack gekauft“ habe. Denn niemand wusste vorab, „wie sich das Kunstwerk entwickeln wird“. Vielleicht hat auch genau das zu den vielen Diskussionen geführt?! Denn der Name „Genesis“ stand bereits fest.
 
"Es gibt auch eine Raumsonde mit dem Namen Genesis" 
 
Und wer Genesis hört, denkt unweigerlich an das erste Buch Mose und die Schöpfungsgeschichte. Und wer an sieben U-Bahn-Stationen denkt, in denen die Werke zu sehen sind, verknüpft diesen Namen unmittelbar mit der Erschaffung der Erde in sieben Tagen. Oder? Nicht etwa Käuflein, der ausdrücklich betont, dass die Kunst in der Karlsruher U-Bahn keine religiöse Kunst sei: „Nicht alles, was Genesis heißt, muss notwendig etwas mit Religion, Judentum oder mit Christentum zu tun haben. Es gibt eine Raumsonde, die so heißt, in der keine Gottesdienste gefeiert werden, es gibt eine Band, die so heißt, die alles andere als ein Kirchenchor ist.“ Und dennoch: „Wer sein Projekt ‚Genesis‘ nennt, lädt natürlich dazu ein, das erste Buch zu erwarten“, sagt Beiersdorf. Für sie geht es auf den 14 Tafeln um Religionen „im Plural“. Lüpertz werfe die Frage auf, woher wir kommen und wohin wir gehen, was im Kontext des öffentlichen Nahverkehrs nicht ohne Humor zu betrachten sei. Der Künstler setze sich ernsthaft mit dem mesopotamischen Gilgamesch-Epos, griechischen Mythen und auch mit der Bibel auseinander. Die Tafeln seien „Spiegel zu tiefmenschlichen Fragen über Räume und Zeiten hinweg“. Gerade angesichts der ethnischen Vielfalt – mit der die Stadt Karlsruhe im Übrigen zuletzt um die Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen, die im vergangenen Jahr stattfand, warb – hält die Kuratorin ein in ihren Augen „religiös fundiertes Werk“ im öffentlichen Raum für angemessen. 
 
"Hier werden Themen berührt, auf die Religionen eine Antwort geben"

Theologe Joachim Weinhardt findet in den Keramiken religiöse und nicht religiöse Elemente, wenngleich die 14 Tafeln gerade einmal zwei konkrete biblische Zitate enthalten. Dennoch assoziiert er auch die vier Elemente Wasser, Erde, Luft und Feuer mit der Schöpfungsvorstellung, da alles, was ist, aus diesen vier Elementen bestehe. Generell versteht er das Gesamtthema als „Leben und Tod, besonders die Phase zwischen den beiden“. Und auch Käuflein findet doch noch einen klitzekleinen religiösen Aspekt im Zyklus – im weiteren Sinne – da die Kunstwerke Themen berühren, „auf die Religionen eine Antwort geben“, aber auch „weil religiöse Fragen gestreift werden“. Und der Künstler selbst? Der betrachtet die U-Bahnfahrt als „etwas Ähnliches wie Abstieg in die Totenwelt mit anschließender Retoure“.
 
Kunst oder Religion? Eine Diskussion mit Alexander Weihs, Leonie Beiersdorf, Albert Käuflein und Joachim Weinhardt (von links).

Aber ist das Kunstwerk nun religiös? Nein. Und ja. Darauf gibt es wohl keine allgemeingültige Antwort, was schon allein die Diskussion aufgezeigt hat. Letzten Endes versteht, assoziiert und konnotiert jeder individuell nach seinem persönlichen Wissen und seinen Erfahrungen. Und jeder, der den Weg in die Karlsruher U-Bahn findet, wird diese Werke individuell wahrnehmen, verstehen (oder auch nicht verstehen) und deuten. Denn schon allein die Gründe, die die Menschen in die U-Bahn-Stationen führen, sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Sie unterscheiden sich in ihrer Herkunft, ihrem Dasein und in ihrem Ziel. Gemeinsam haben sie den Abstieg vom Tageslicht unter die Erde, die Fahrt durch den Tunnel und womöglich das Innehalten und Nachdenken vor einer Lüpertz-Tafel. Für Weinhardt ist der ganze Zyklus ein „sehr imposantes Memento mori, also ein religiöses Kunstwerk – vielleicht“ …
 
Yvonne Jarosch
 
Weitere Informationen
 ... zum Genesis-Projekt finden Sie unter www.genesis-lüpertz.de