Szenen einer Familie

28.05.2024 |

Im Freiburger Augustinermuseum ist derzeit die wirklich schöne Ausstellung „Bellissimo“ zu sehen. Gezeigt werden über 100 altitalienische Kunstwerke aus einer weltberühmten Sammlung. Ein Sanierungsfall macht es möglich ...

Die Madonna del Silenzio („Heilige Familie mit Johannesknaben“) malte Pellegrino Tibaldi zwischen 1546 und 1549. Sie ist eines von zahlreichen bemerkenswerten Marienbildern in der altitalienischen Sammlung des Lindenau-Museums und jetzt auch in Freiburg zu sehen.
Die Mutter sitzt auf einer Holzbank. Im Schoß schläft tief ihr junger Sohn. Vier, vielleicht fünf Jahre alt. Nackt liegt er auf ihrem blauen Gewand, seine Arme hängen herab. „Psst“, deutet der andere Junge hinter der Holzbank an, der den Zeigefinger an den Mund hält und in das Fell eines Leoparden, oder vielleicht ist es auch ein Gepard, gehüllt ist. Der Vater ist auch noch da. Nachdenklich blickt er auf den schlafenden Jungen.
 
„Heilige Familie mit Johannesknaben“, so lautet der Titel des Gemäldes, das diese durchaus weltliche Familienszenerie darstellt. Der italienische Künstler Pellegrino Tibaldi malte das Kunstwerk zwischen 1546 bis 1549. Ein außergewöhnliches Bild. Vorneweg weil es das Urbild eines neuen Typus der christlichen Ikonografie ist, der Typus der Madonna del Silenzio (Madonna der Stille). Zudem beinhaltet es zahlreiche Anspielungen auf die zentralen Mysterien des christlichen Glaubens. Die Auferstehung, die Überwindung des Todes, wird im Aufwachen nach dem tiefen Schlaf angedeutet. Maria hat das Buch Jesaja in der Heiligen Schrift aufgeschlagen. Genau jene Stelle, in der der Prophet den Messias ankündigt. Und mit der linken Hand lüftet sie den hauchdünnen Schleier, der auf dem schlafenden Jesuskind liegt. Sinnbildlich zeigt sie so dem Betrachter: Das ist der wahre Leib Christi, das Allerheiligste. Und dem nicht genug; noch mehr Andeutungen stecken in dem Bild: die Sanduhr, die auf die verrinnende Lebenszeit des Kindes verweist. Oder das Kissen, das an seine Grablegung gemahnt. 
 
Zu sehen ist das außergewöhnliche Gemälde derzeit in einer überaus sehenswerten Ausstellung im Freiburger Augustinermuseum. „Bellissimo“ ist sie überschrieben. Das passt. Denn viel Schönes gibt es in der Ausstellung, die noch bis zum 3. November zu sehen ist, allemal zu bestaunen. Gezeigt werden Kunstwerke aus dem Zeitraum zwischen dem 13. Jahrhundert bis ins frühe 16. Jahrhundert, also dem Übergang von der Gotik bis zur Renaissance. Darunter Werke von Sandro Botticelli, Fra Angelico oder Giovanni Santi, dem Vater Raffaels. 
 
Vom Goldgrund zum Landschaftshintergrund
 
„Eine hochkarätige Ausstellung“, sagt Jutta Götzmann, die Direktorin des Augustinermuseums. Zusammen mit Eva Maria Breisig, die zuständig für den Sammlungsbereich der Alten Kunst im Augustinermuseum ist, hat sie die Schau kuratiert und ein bisschen Italien nach Freiburg gebracht. Dabei mussten die Kunstwerke nicht einmal den Weg über die Alpen antreten und auf dem Brenner im Stau stehen. Schlappe 600 innerdeutsche Kilometer mussten sie lediglich zurücklegen. Dass diese Ausstellung in Freiburg zu sehen ist, ist nämlich sozusagen ein Sanierungsfall. Denn alle gezeigten Gemälde stammen aus der Sammlung des Lindenau-Museums im thüringischen Altenburg. Dieses wird derzeit umfangreich saniert und modernisiert. Und weil es über einen längeren Zeitraum geschlossen ist, kann eine Vielzahl von Werken aus seiner Sammlung altitalienischer Tafelmalerei nun in Freiburg gezeigt werden. 
 

Info

Die Ausstellung „Bellissimo! Italienische Malerei von der Gotik bis zur Renaissance aus dem Lindenau-Museum Altenburg“ ist bis zum 3. November im Augustinermuseum zu sehen. Zur Schau gibt es ein breites Rahmenprogramm und einen Katalog. Mehr Infos: www.freiburg.de/bellissimo
 
Diese Sammlung des Lindenau-Museums gilt als weltberühmt, weil sie eine der bedeutendsten Kollektionen Italiens der Spätgotik und Renaissance außerhalb des Landes darstellt. Zu verdanken ist sie Bernhard August von Lindenau, der im 19. Jahrhundert lebte. Staatsmann, Astronom und Wissenschaftler, Autor und Kunstmäzen. Nicht nur ein Asteroid ist nach ihm benannt, auch ein riesiger Krater auf dem Mond. Als von Lindenau 1843 von seinen Staatsdiensten zurücktrat und in seine Heimatstadt Altenburg zurückkehrte, wandte er sich intensiv dem Aufbau seiner Kunstsammlung zu. Mit einem bestimmten Zweck: Die Werke sollten Anschauungsmaterial für die Schüler der Altenburger Kunstschule sein, die er gegründet hatte. 
 
Das Bild mit der eindringlichen Szene von der Geißelung Christi stammt von dem bedeutenden italienischen Künstler Luca Signorelli (1445-1523). Die Tafel ist Teil eines Bildzyklus‘ für eine Predella mit Szenen aus dem Passions- und Auferstehungsgeschehen.
 
Im Laufe der Jahre erwarb der Antiken- und Renaissance-Liebhaber eine beachtliche Sammlung. Begünstigt durch seine guten Kontakte und die damalige Zeit, in der sich durch Johann Joachim Winckelmann zuerst eine Antikeneuphorie und später unter anderem durch Johann Wolfgang Goethe eine Italieneuphorie entwickelt hatte. In vielen Klöstern und Kirchen schnitten damals Mönche mit der Säge Altarbilder auseinander, um die einzelnen Bilder dann an den Bestzahlenden zu verkaufen.
 
Die großformatige Tafel eines Polyptychons zeigt Johannes den Täufer. Sie stammt von Piermatteo d‘Amelia. Er schuf den Altar zwischen 1479 und 1481.
Gleich im ersten Raum der Freiburger Ausstellung begegnet einem das Gemälde der Madonna del Silenzio. In diesem dreht sich alles um die Gottesmutter, der Star der christlichen Ikonografie. Keine andere Gestalt aus der Heilsgeschichte wurde so häufig, so vielfältig dargestellt. Schon im ersten Raum wird dabei deutlich, welche Entwicklung die Malerei in dem Zeitraum von der Spätgotik bis zur Renaissance gemacht hat. Von einer Kunst, die stark von Konventionen beherrscht ist, zu einer Kunst, die Maria und das sakrale Geschehen in die Lebenswelt, in die Realität der Menschen bringt. Maria wird nicht mehr vor goldenem, transzendentalem Hintergrund dargestellt, sondern ist beispielsweise vor einer umbrischen Landschaft zu sehen. Und die Bilder werden im Zusammenspiel von Mutter und Kind – in ihren Blicken, ihrer Gestik – emotionaler, lebendiger, natürlicher. Marias Haare lugen unter dem Schleier hervor, sie wird zu einer schönen Frau, das Jesuskind wird lebhafter, mal nackt, mal in Windeln gewickelt. Diese malerische Entwicklung zeigt den selbstbewusster werdenden Menschen im Übergang in die Renaissance. 
 

„Wir konnten aus dem Vollen schöpfen“
 
Eines der ältesten Bilder in der Schau stammt von Deodato Orlandi; die „Thronende Madonna mit Kind und zwei Engeln“. Ende des 13. Jahrhunderts, ein kleinformatiges Andachtsbild. Hier thront die Gottesmutter auf einem großen Stuhl, majestätisch ist ihre Pose, das Jesuskind trägt Tunika und Pallium. Vergleicht man dieses mit der Madonna del Silenzio oder dem Bild „Heilige Familie mit Johannesknaben“, das zwischen 1525 und 1530 entstand, werden die Entwicklungen deutlich. Letzteres schuf Domenico Beccafumi, ein Künstler aus Siena. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Tondo, ein kreisrundes Gemälde. Der Künstler schafft es durch das Spiel des Lichts, die Anordnung der vier Personen und durch die Gestik und Mimik, die Innigkeit zwischen Mutter und Kind zu betonen. Das Bild ist intim, gleichzeitig wirkt es lebhaft und real. Bei allen Entwicklungen: Manches ändert sich in den zwei Jahrhunderten auch nicht, beispielsweise das rote Kleid und der blaue Mantel der Maria.
 
Neben der Gottesmutter widmet sich ein Themenbereich den Darstellungen von Jesus und der Heiligen Familie, wieder ein anderer Heiligendarstellungen. Auch die italienischen Kunstzentren der damaligen Zeit werden in der Schau vorgestellt: Florenz, Padua, Siena oder auch die Region Umbrien.
 
Einen genaueren Blick werfen die Ausstellungsmacher auf das „Bildnis einer Dame“ von Sandro Botticelli. So genau, dass auch noch ein Röntgenbild des Gemäldes zu sehen ist. Die Attribute auf dem Bild identifizieren die Dargestellte als die heilige Katharina von Alexandrien. Die Besonderheit des Kunstwerks, das Botticelli um 1475 malte, ist jedoch: Es wurde übermalt. In seiner ursprünglichen Version hatte die Dame keinen Heiligenschein, und auch das Rad und die Märtyrerpalme wurden nachträglich aufgemalt. Vom Porträt einer Adligen wurde das Bild zu einem Heiligenbild. Warum und von wem es übermalt wurde, ist nicht bekannt. 
 
„Pietro Lorenzetti aus Siena hat mich gemalt“
 
In Freiburg werden über 100 altitalienische Kunstwerke aus der Sammlung des Lindenau-Museums gezeigt. „Wir konnten aus dem Vollen schöpfen“, sagt eine dankbare Kuratorin Eva Maria Breisig. Darunter 93 Gemälde und Altartafeln – mit viel Gold, Raffinesse und leuchtenden Farben –, aber auch sieben historische Gipsabgüsse zentraler Meisterwerke, unter anderem von Donatello und Michelangelo. Letzterer schuf die eindringliche Skulptur „Sterbender Sklave“. Ein Gipsabdruck des Originals, das im Louvre zu sehen ist, wird ebenfalls in der Schau ausgestellt. Auch diese Gipsabformungen sollten als Anschauungsmaterial für die Schüler der Kunstschule dienen. 
 
Sandro Botticelli (eigentlich Alessandro Filipepi) malte das Gemälde „Bildnis einer Dame“ um 1475. Später wurde es übermalt und die Dame erhielt Attribute der heiligen Katharina: das Rad, die Märtyrerpalme und den Heiligenschein.
Bei den zahlreichen Altartafeln haben die Ausstellungsmacher sich Verschiedenes für ihre Besucherinnen und Besucher einfallen lassen. So zeigen kleine Grafiken neben den Bildern an, wo sich die Tafeln im Ensemble des ursprünglichen Altars befanden. So wie bei den kleinen ausgestellten Altartafeln von Luca Signorelli, die die Passion und Auferstehung Christi darstellen (siehe Seiten 20-21). Ursprünglich bildeten sie ein einziges Bildbrett auf der Predella eines Altars. Vor allem bei der Tafel mit der Geißelung Christi zeigt sich, welchen Einfluss Michelangelo auf Signorelli hatte. Die Ähnlichkeiten zwischen dem Körper des „Sterbenden Sklaven“ und den Körpern der Peiniger und Jesu auf der Altartafel sind augenscheinlich. 
 
Ein weiteres Bonmot: Mit der App des Augustinermuseums hat man nicht nur die Möglichkeit sich die Schau per Audio-Tour zu erschließen, sondern bei manchen Tafeln kann man mit der App digital den gesamten Altar bewundern, also auch jene Bilder, die mittlerweile in anderen Museen der Welt verstreut sind. 
 
Wer nicht nur die Kunstwerke bewundern, sondern auch erfahren möchte, wie der Goldgrund entstand oder auf was gemalt wurde, der folgt der Farbe Orange in der Ausstellung. In dieser Farbe sind mehrere Wissensecken gehalten, die genau solche Fragen beantworten. Besonders aufschlussreich ist die orangene Nische über die damals verwendeten Farben und wie diese hergestellt wurden. Für das tiefe Rot auf vielen Bildern sind unzählige trächtige Schildlaus-Weibchen der Gattung Kermes (Coccus ilicis) verantwortlich, die voll von dem rotem Farbstoff Karmin sind.
 
Eine noch verhältnismäßig überschaubare Zahl an Schildläusen musste für den Diptychon von Pietro Lorenzetti ihr Leben lassen. Die Farbe Rot verwendete er moderat. Das zweiteilige Andachtsbild, eines der Lieblingsexponate der Kuratorin Eva Maria Breisig, das wohl für den privaten Gebrauch gedacht war, auch für die Andacht auf Reisen, zeigt auf der einen Tafel die Gottesmutter mit dem Jesuskind, auf der anderen Christus als Schmerzensmann. Der Goldgrund der Tafeln weist auf ein Kunstwerk in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts hin. Selbstbewusst findet sich in goldenen Buchstaben die Signatur des Künstlers: „Pietro Lorenzetti aus Siena hat mich gemalt.“ Und noch heute zieht das Werk des Künstlers in den Bann.
 
Daniel Gerber