Die Studien- und Begegnungsreise des Konradsblatts 2024 führte nach Albanien. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erlebten ein Land im Aufbruch und voller landschaftlicher und kultureller Höhepunkte.
Die Stadt Berat wird aufgrund ihrer Häuser im osmanischen Baustil auch als „Stadt der tausend Fenster“ bezeichnet.
„Minarette, Ikonen, Glockentürme“ – mag sein, dass das Motto der diesjährigen Studien- und Begegnungsreise des Konradsblatts auf den ersten Blick nicht unbedingt spektakulär wirkte. Aber den 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sich unter der bewährten und souveränen Leitung von Eva Kiefer vom Singener Unternehmen Blasstravel, der fachkundigen örtlichen Reiseführung von Arben Mece, genannt Beni, und in Begleitung der Konradsblatt-Redaktion auf den Weg nach Albanien gemacht hatten, wurde sehr schnell bewusst, dass dieses Motto zwar bei weitem nicht alle, aber doch einen ganz wesentlichen Aspekt dieser Reise abdeckte. Nämlich die Erfahrung der Vielfalt des religiösen Lebens in dem südosteuropäischen Land.
Das Nebeneinander von Christentum und Islam in Albanien ist deshalb besonders erwähnenswert, weil es sich dabei um eine friedliche Koexistenz handelt. Der sunnitisch geprägte Islam kommt weitaus liberaler daher als in anderen Regionen der Welt. Dazu kommt die Präsenz des sufistischen Bektaschi-Ordens mit seiner mystischen, auf das Innere des Einzelnen ausgerichteten Spiritualität. Dessen Zentrum in der Hauptstadt Tirana besuchte die Reisegruppe des Konradsblatts ebenso wie den katholischen Wallfahrtsort Lac mit dem Kloster des heiligen Antonius. Dorthin pilgern auch zahlreiche Muslime, während umgekehrt viele Christen und auch Konfessionslose den fast 2400 Meter hohen Kulmak, den heiligen Berg der Sufisten in der Mitte des Landes, erklimmen. Und auch wenn die Katholiken im Vergleich zu den orthodoxen Christen eine Minderheit bilden, so verfügen sie doch über repräsentative Kirchenbauten.
Natürlich stellte sich für die Teilnehmer der Konradsblatt-Reise die Frage nach dem Grund für die spürbare Atmosphäre der religiösen Toleranz in Albanien. Eine – überaus traurige – Erklärung dafür drängt sich auf: Es ist die gemeinsame Erfahrung der brutalen Unterdrückung, die ausnahmslos alle Religionen in der Zeit der Herrschaft des real existierenden Sozialismus insbesondere unter dem zwischen 1944 und 1985 regierenden Diktator Enver Hoxha erleiden mussten. Hoxha rief Albanien im Jahr 1967 als den weltweit ersten komplett atheistischen Staat aus. Zwei Drittel der ursprünglich rund 4800 Gotteshäuser, Moscheen wie Kirchen, wurden dem Erdboden gleichgemacht. Die anderen wurden umgenutzt, so wie die orthodoxe Stephanskathedrale in der christlich geprägten nordalbanischen Stadt Shkoder, die lange als Sporthalle diente. Seit der Wende 1990 herrscht in Albanien Religionsfreiheit. Infolgedessen sind heute auch an zahlreichen Orten im Land Statuen von Mutter Teresa aufgestellt. Die albanischstämmige Heilige war ihrer Heimat zeitlebens verbunden.
Und doch gehörte die Erkenntnis dessen, was die sozialistische Diktatur über vier Jahrzehnte in diesem Land und mit seinen Menschen angerichtet hat, zu den erschütterndsten Eindrücken dieser Reise. Im „Museum der Erinnerung“ in Shkoder, eingerichtet im früheren Kommissariat der Polizei, wurde der Konradsblatt-Reisegruppe das Schicksal der fast 3000 politischen Häftlinge bewusst, die dort während der Diktatur inhaftiert waren. Über 600 Unschuldige wurden hingerichtet. Zahlreiche katholische Priester wurden zu Märtyrern. Umso beeindruckender war der kurze Besuch in der vor 90 Jahren erbauten, 1967 geschlossenen, teilweise zerstörten und ab 1990 restaurierten Kirche Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz am Stadtrand von Shkoder. Hier erläuterte Franziskanerpater Aurel den Besuchern neben der dramatischen Geschichte dieses Gotteshauses auch die Aktivitäten der dort ansässigen, sehr lebendigen Pfarrgemeinde.
Ist Albanien reif für die Europäische Union? Auf diese Frage gab der überaus patriotisch gesinnte Reiseführer Beni eine erstaunlich freimütige Antwort. „Nein“, sagte er. Allerdings nicht ohne hinzuzufügen: „Es gibt Staaten, die ebenfalls noch nicht reif dafür sind und trotzdem schon zur EU gehören.“ Albanien beantragte den Beitritt im Jahr 2009 und erreichte 2014 den Status als Beitrittskandidat. Fest steht, dass der Aufbruch des Landes und die immer noch andauernde Transformation von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft 35 Jahre nach der Wende nur ein Ziel hat: den Westen und die EU. Es gibt kaum ein repräsentatives öffentliches Gebäude, an dem neben der albanischen Flagge nicht auch die Fahne der Europäischen Union gehisst ist.
Das größte Problem Albaniens ist die Abwanderung
Dass die grassierende Korruption zu den größten Hindernissen für eine EU-Mitgliedschaft gehört, stellt auch unter den Einheimischen niemand infrage. Laut dem Journalisten Armand Plaka, den die Konradsblatt-Reisegruppe zum Gespräch traf, hat das Land bis dato zwar erst knapp die Hälfte der Aufgaben und Kriterien erfüllt, die für eine Aufnahme in die EU notwendig sind. Plaka, der unter anderem als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung lange in Deutschland gelebt hat, sprach aber auch von einer „Bringschuld der EU“ und verwies auf das Problem, dass die Stimmung in Europa derzeit eher von einer Skepsis gegenüber der Aufnahme weiterer Staaten geprägt ist.
Die Konradsblatt-Gruppe in der Ausgrabungsstätte Butrinti.
Der Drang nach Europa ist gerade in den Städten Albaniens mit Händen zu greifen. Allen voran in der pulsierenden Hauptstadt Tirana, die sich in Sachen Fußgängerzonen, Restaurants und Bars, Handel, Parks, Kultur und Vielfalt kaum von westlichen Metropolen unterscheidet. Am riesigen Skanderbeg-Platz im Zentrum, der an den Nationalhelden erinnert, der im 15. Jahrhundert den Kampf gegen die Osmanen anführte, zeugt einzig noch die kleine Et’hem-Bey Moschee aus dem Jahr 1821 vom „alten“ Tirana.
Gleichzeitig sind die sozialen und ökonomischen Probleme des Landes unübersehbar. Allen voran die Abwanderung. Derzeit leben rund 2,4 Millionen Albaner im Land, etwa eine Million hat die Heimat verlassen, um im westeuropäischen Ausland ihr Geld zu verdienen. Vor allem junge Menschen. Insofern sind die Bemühungen der Politik nachzuvollziehen, den wirtschaftlichen Sektor zu stärken, der aktuell das größte Potenzial in sich birgt: den Tourismus. Rund 12 Millionen Gäste werden im Laufe des Jahres 2024 Albanien besucht haben. Freilich ist diese Entwicklung mit der Tendenz zum Massentourismus verbunden. Der Widerstreit zwischen Naturschutz und dem Ausbau der touristischen Infrastruktur einschließlich eines zweiten Flughafens, Hotels und Bettenburgen liegt auf der Hand.
Verwunderlich ist dieser touristische Boom nicht – aus einem schlichten und einfachen Grund. Albanien ist einfach viel zu schön und attraktiv, um sich auf lange Sicht nicht zu einem Besuchermagnet zu entwickeln: die atemberaubende Gebirgswelt im Ostteil des Landes bis hin zum Ohridsee an der Grenze zu Nordmazedonien. Die Vjose, der einzige komplett ungezähmte Fluss Europas, der sich durch das ganze Land schlängelt, um dann am Meer eine einzigartige Deltalandschaft zu bilden. Überhaupt die albanische Riviera mit ihren Stränden und Serpentinen, die geradezu atemberaubende Ausblicke auf die türkisblauen Buchten ermöglichen. Dazu kommen großartige kulturelle Schätze wie die Ausgrabungsstätte von Butrinti ganz im Süden. Hier erschließt sich anhand der freigelegten Ruinen die rund 2500 Jahre alte Geschichte der Region. Als nicht weniger beeindruckend erwiesen sich für die Konradsblatt-Reisegruppe von der osmanischen Architektur geprägte Städte wie Gjirokastra und Berat. Zu den Höhepunkten der Reise gehörte nicht zuletzt der Besuch des Museums für mittelalterliche Kunst im südöstlich gelegenen Korce. Nicht weniger als 7000 Ikonen sind hier aufbewahrt, 400 dauerhaft ausgestellt. Sie stammen von den größten Meistern der byzantinischen Ikonenmalerei.
Und die alten orthodoxen Gotteshäuser, denen die Teilnehmer auf der Reise begegneten. Darunter die Marienkirche in dem kleinen Dorf Labova mit ihrer etwas schief stehenden Kuppel. Sowohl die Ikonen als auch die Reste der historischen Fresken schaffen dort eine ganz eigene Stimmung. Dasselbe gilt für die aus dem 13. Jahrhundert stammende Marienkirche innerhalb der Ausgrabungsstätte Apollonia. Hier drängte es sich geradezu auf, ganz spontan ein gemeinsames „Laudate omnes gentes“ anzustimmen.
Apropos gemeinsam: Wie in der Vergangenheit entwickelte sich innerhalb der bunt zusammengewürfelten Reisegruppe einmal mehr schon nach kurzer Zeit eine Atmosphäre des Miteinanders. Die vielen guten Gespräche machten deutlich, dass das Konradsblatt ein hohes Maß an Verbindung unter den Leserinnen und Lesern schafft. Eine Verbindung, die dann auch und gerade bei einer solchen Reise zum Tragen kommt. Die nächste ist übrigens schon geplant: Vom 17. bis 24. Mai 2025 geht es auf die Insel Malta. Nähere Informationen folgen.
Michael Winter
Aktuelle Nachrichten: Ausschreitungen in Albanien
Am Montagabend herrschte in Albaniens Hauptstadt abermals Ausnahmesituation. Bei Protesten gegen die Regierung von Ministerpräsident Edi Rama ist es in der Nacht zu Dienstag zu schweren Ausschreitungen gekommen. Oppositionsanhänger bewarfen mehrere Gebäude in der Hauptstadt Tirana mit Brandbomben, darunter die Zentrale der regierenden Sozialisten, den Sitz des Ministerpräsidenten und das Innenministerium. Mehr als 1.000 Polizisten waren im Einsatz, wie das Portal „Balkan Insight“ berichtet. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein, um die Demonstranten zu zerstreuen. Bei Zusammenstößen seien zehn Polizisten verletzt worden, hieß es.
Regieren im Alleingang
Die Anhänger der Opposition hatten sich unter dem Motto „Make Albania Free Again“ versammelt. Sie werfen Rama vor, zunehmend im Alleingang zu regieren, und forderten die Einsetzung einer Übergangsregierung vor den Wahlen im nächsten Jahr. Ihr Protest richtete sich außerdem gegen die jüngste Verurteilung eines Oppositionspolitikers zu einem Jahr Gefängnis sowie gegen den Hausarrest von Oppositionsführer Sali Berisha. Bereits vergangene Woche war es zu Ausnahmesituationen gekommen, als oppositionelle Abgeordnete vor dem Parlament ihre Stühle und wenige Tage danach Schaufensterpuppen mit den Gesichtern ihrer politischen Gegner verbrannt hatten.