Lob der Geschöpfe

26.08.2025 |

Umweltschutz steht bei den christlichen Kirchen schon länger auf der Agenda und läuft dort meist unter dem Stichwort „Bewahrung der Schöpfung“. Demnächst steht ein ganzer Monat in diesem Zeichen.

Von Brigitte Böttner
 
Alle Jahre wieder im Sommer rufen Kirchen weltweit gemeinsam zur „Schöpfungszeit“ auf, fünf Wochen lang, vom 1. September bis 4. Oktober, Fest des heiligen Franziskus. Gläubige aller Kontinente nutzen diese Wochen und beschäftigen sich mit Fragestellungen und praktischen Möglichkeiten, wie wir Menschen verantwortungsvoll mit den Lebensgrundlagen aller Geschöpfe dieser Welt umgehen können; wie wir Gottes wertvolle Gabe der Schöpfung, als die Gläubige sie begreifen, umsichtig und haushälterisch, mit Blick auf folgende Generationen nutzen, hegen, pflegen und bewahren können.  

Die Geschichte des Projekts „Schöpfungszeit“ beginnt 2007, als im rumänischen Sibiu die dritte Europäische Ökumenische Versammlung der Kirchen tagt. Die Delegierten verfassten eine Botschaft, in der unter anderem die Empfehlung ausgesprochen wird, „dass der Zeitraum zwischen dem 
1. September und 4. Oktober dem Gebet für den Schutz der Schöpfung und der Förderung eines nachhaltigen Lebensstils gewidmet wird, um den Klimawandel aufzuhalten“.

Der Anstoß zu diesem Aufruf kam aus der Orthodoxie. Schon 1989 lud der damalige Ökumenische Patriarch Demetrios „die ganze orthodoxe und christliche Welt“ ein, „jedes Jahr zum 1. September in Gemeinschaft mit der heiligen Mutterkirche, der Großen Kirche Christi, zum Schöpfer der Welt zu beten: mit Dankgebeten für die große Gabe der geschaffenen Welt und mit Bittgebeten für ihren Schutz und für ihre Erlösung“. Anschließend werden die Gläubigen der Welt ermutigt, „auf väterliche Weise, sich selbst und ihre Kinder daran zu erinnern, die natürliche Umwelt in ihrer Integrität zu achten und zu bewahren.“ Auch an die Staatenlenker, die „die Völker lenken und Verantwortung dafür tragen, sie zu regieren“, ergeht der Appell, „unverzüglich alle notwendigen Schritte zu unternehmen, um die Schöpfung zu beschützen und zu retten“.
Der Termin zum Frühherbst kommt nicht von ungefähr: Am 1. September beginnt das orthodoxe Kirchenjahr – ein Datum mit langer (Vor-)Geschichte. So wurde das neue Jahr in Konstantinopel schon seit etwa 462 am ersten dieses Monats begrüßt. Offiziell wurde der Termin 537 durch ein Dekret von Kaiser Justinian I. und als justinianisches Neujahrsfest in den Kirchenkalender der orthodoxen Ostkirche aufgenommen. Seither wird dort das Kirchenjahr am 1. September mit eigenen Ritualen und der Bitte um Gottes Segen eröffnet.
 
Ein Gebetstag für die Schöpfung
 
Nach der Veröffentlichung der Umweltenzyklika „Laudato sí“ im Juni 2015 führte Papst Franziskus den 1. September als jährlichen Gebetstag für die Schöpfung in den liturgischen Kalender ein. Damit hat dieser Termin nun auch in der katholischen Kirche einen festen Platz. Die zur Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) gehörenden Konfessionen feiern am ersten Freitag im September den „Ökumenischen Tag der Schöpfung“.
Krönender Abschluss der fünfwöchigen Gebetszeit für die Schöpfung ist der Gedenktag des heiligen Franziskus von Assisi (4. Oktober). Der Fratello aus Umbrien ist für seine Liebe zur Schöpfung über katholische Kreise bekannt; der von ihm überlieferte Sonnengesang „Laudato sí’, mi’ signore, cun tucte le tue creature“ („Gelobt seist du, mein Herr, mit all deinen Geschöpfen“) gehört in vielen Konfessionen zum geistlichen Liedschatz. Und der päpstliche Namensvetter des Heiligen eröffnet sogar sein Rundschreiben zum „Gemeinsamen Haus“ der Schöpfung mit eben dessen Anfangsworten: „Laudato sí ...“
 
Eines von vielen Wundern der Schöpfung: eine Gottesanbeterin.
 
„Du hilfst den Menschen und den Tieren“, lautet dieses Jahr das Motto über der zentralen Eröffnung der Schöpfungszeit am 5. September, gefeiert wird auf dem Gelände des landwirtschaftlichen Versuchs- und Bildungszentrums „Haus Düsse” bei Bad Sassendorf (Nordrhein-Westfalen). Der Wahlspruch folgt einem Vers des 36. Psalms, wo es heißt: „HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“ Oder, in der Übersetzung der Lutherbibel: „Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe. HERR, du hilfst Menschen und Tieren.“
 
Gott hilft allen seinen Geschöpfen

Der Gebetscharakter des Psalms wird in der Liturgie aufgegriffen, Gott als Handelnde(r) in den Fokus gerückt: Der Psalmist vertraut auf Gottes Hilfe für alle, die in Bedrängnis sind – Menschen und Tiere. Gott hilft allen seinen Geschöpfen; sie stehen in gemeinsamer Beziehung zu ihm, auf Augenhöhe. Das war dem Verfasser dieses Gebets bewusst, viele Jahrhunderte vor den Erkenntnissen des Schöpfungsforschers Charles Darwin (1909-1882), der seine Naturbegeisterung bekanntermaßen eher im heimischen Chemielabor erlebte als in den Vorlesungen seines Theologiestudiums. Oder in Beobachtung der ehrfürchtigen Haltung einer Gottesanbeterin, wie das Titelbild sie zeigt …
 
Im Begriff „Schöpfung“ finden sich mehrere Bedeutungen: der Vorgang des Erschaffens als auch das erschaffene Ergebnis. Im religiösen Kontext, insbesondere im Christentum, bezieht sich „Schöpfung“ auf die Erschaffung der Welt durch Gottes Tun (siehe die Schöpfungserzählungen der Genesis). Wie in vielen religiösen und mythischen Konzepten geht es auch in den frühen Erzählungen des Volkes Israel darum, die Entstehung der Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten zu erklären und sich – wie in den Psalmen – gewissermaßen einen Reim darauf zu machen, wie alles geworden ist. 

In vielen Gemeinden engagieren sich die Menschen für den Erhalt der Schöpfung in vielfältiger Art und Weise. Ob bei Informationsveranstaltungen oder bei Aktionstagen.
Im weiteren Sinne bezeichnet „Schöpfung“ auch geistiges und künstlerisches Schaffen, ein Werk kreativer Tätigkeit. Im modernen Kontext von Umweltschutz und Nachhaltigkeit wird „Schöpfung“ auch als Synonym für die natürliche Umwelt und den Lebensraums verwendet, die es zu schonen und zu bewahren gilt – vor allem in Bezug auf die menschliche beziehungsweise christliche Verantwortung gemäß göttlicher Ansage: „Ihr aber, seid fruchtbar und mehrt euch; regt euch auf der Erde und mehrt euch auf ihr! (...) Alles, was sich regt und lebt, soll euch zur Nahrung dienen. Das alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen“ (Genesis 9). Ein Auftrag, der über weite Strecken der Geschichte missverstanden oder fehlinterpretiert wurde. Mit den bekannten Folgen …
Jahrhunderte lang wurden die biblischen Schöpfungsberichte einseitig interpretiert und missbraucht, um Hierarchien zu errichten: zwischen Mensch und Natur, Mensch und Tier und Menschen untereinander. Was sich in den Texten der Bibel ausrückt, dürfte im Kern indes zeitlos sein. Schon die Anordnung der Reihenfolge des göttlich Geschaffenen in der Genesis lässt erkennen, welches Selbst- und Umweltverständnis, welches naturwissenschaftliche Wissen Menschen schon vor 3000 Jahren hatten und (in späterer Zeit) niederschrieben. Heute liefern die Erkenntnisse der modernen Forschung und Schöpfungstheologie interessante Perspektiven auf die Erschaffung „des“ Menschen: mit Blick auf das Verhältnis zu Gott wie untereinander. 
 
Zwei Schöpfungstexte

Die Genesis betreffend, rät die Grazer Bibelwissenschafterin Irmtraud Fischer, sich an die Grundlagen zu halten, sprich: das hebräische Original: „Es gibt zwei Schöpfungstexte. Im ersten, dem sogenannten Sechstagewerk Gottes, wird der Mensch am selben Tag wie die Tiere geschaffen. Das bildet den Auftakt der Bibel“, so Fischer. „Der zweite Text, Genesis 2, ist die Paradiesgeschichte. Nur dort gibt es die Adam-und-Eva-Erzählung, und es wird die Menschenschöpfung extra noch einmal thematisiert.“

Interessant an beiden Texten: Es wird eine Gleichwertigkeit der Geschlechter geschaffen. „Im ersten Text steht Gottes Aufforderung ,Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!‘ (Genesis 1, 26) sogar im Plural. Im zweiten Text formt Gott ,Adam‘, was aus dem Hebräischen übersetzt ,Mensch‘ bedeutet und das Männliche und Weibliche in sich trägt.“ Genesis 1 als Ganzes betrachtet, fördert noch mehr Spannendes zutage: Der Text ist polar aufgebaut – Himmel und Erde, Tag und Nacht, Erde und Wasser. „Das heißt, mit diesen beiden Polen ist stets die Gesamtheit von allem gemeint, was zwischen den Polen ist – etwa Strand und Lagune.“ Die Bibelforscherin schlussfolgert daraus, „dass wir diese Polarität genauso beim Menschen, der männlich und weiblich erschaffen wird, lesen müssen. Alle Geschlechter sind von Gott erschaffen. „Nur die beiden äußersten Pole, das Männliche und das Weibliche, seien „fruchtbar“, um die Erde laut Mehrungsauftrag zu füllen, so Fischer. „Der Herrschaftsauftrag indes, nach dem Abbild Gottes zu handeln und die Erde so zu gestalten und zu verwalten, wie Gott sie gewollt hat, betrifft alle Menschen, auch alle sexuellen Orientierungen und alle Geschlechter.“ Was schlicht heißt, dass der Auftrag, die Schöpfung zu bewahren, Verpflichtung der gesamten Menschheit ist.

Ein Bewusstsein, das mehr und mehr in den Kirchen Einzug findet – vom Gebäudemanagement über nachhaltige Verpflegung bis hin zu regionalem Einkauf und fairem Handel. Viele weitere große und kleine Initiativen werden in den Wochen der Schöpfungszeit zu erleben sein. 
„Wir leben von dem, was die Leute vor Ort anbieten“, sagt Sonja Jiménez, Teamerin in der Stabsstelle Schöpfung und Umwelt und Koordinatorin der Kompetenzstelle Bildung für Nachhaltiges Handeln. Die Schöpfungszeit sei „eine gute Möglichkeit, unsere Themen unterzubringen“. Auf die Fläche des Erbistums Freiburg bezogen, sieht Jiménez allerdings noch „Luft nach oben“. Aber die „schöpfungsgeprägten“ Septemberwochen könnten doch eine „Hochzeit“ ihres Ressorts sein, ähnlich der jährlichen Fastenzeit vor Ostern? Dagegen hätte sie nichts, erläutert aber zugleich: „Bei uns läuft das Thema Schöpfung ja das ganze Jahr über.“ Wie das Thema Bildung: eine wichtige Form von Nachhaltigkeit.
 
Schöpfungstag
Der ökumenische Tag der Schöpfung wird in Sigmaringen am Sonntag, 28. September 2025, begangen, beginnend mit einem Gottesdienst auf der Donaubühne. Anschließend präsentieren sich ökologische und nachhaltige Initiativen und Gruppen.
Impulsangebote für die Schöpfungszeit und Anregungen zur Selbstbesinnung bietet die Evangelische Erwachsenenbildung Freiburg.
Mehr Informationen, Materialien und Anregungen: www.schoepfungstag.info