Umweg oder Ausweg?

18.02.2026 |

Der Synodale Weg sollte der katholischen Kirche einen Ausweg bringen aus den verheerenden Rufschaden durch den Missbrauchsskandal. Nun ist der Weg beendet, doch viele Fragen bleiben. 

Die Alte Reithalle in Stuttgart bildete den Rahmen für die abschließnde Versammlung des Synodalen Wegs in Stuttgart. Ein Ergebnis des mehrjährigen Reformprozesses: Ab Herbst soll eine neue so genannte Synodalkonferenz das synodale Prinzip in Deutschland verstetigen.
 
Eine Gruppe katholischer Journalisten hat den Synodalen Weg intensiv verfolgt –von der spannungsgeladenen Eröffnungssitzung im Frankfurter Dominikanerkloster 2020 bis zum deutlich entspannteren Finale in der Stuttgarter Reithalle. Einige der Kolleginnen und Kollegen ziehen für das Konradsblatt ihr persönliches Fazit.
 
Der große Wurf blieb bislang aus
Mit großen Erwartungen sind die kirchlichen Reformkräfte 2020 auf den Synodalen Weg gestartet. Vom „Geist von Frankfurt“ war die Rede, als Laien gemeinsam mit Bischöfen in den Frankfurter Bartholomäusdom einzogen und die Sitzordnung erstmals nicht nach Hierarchie, sondern alphabetisch festgelegt wurde. Sechs Jahre später haben sich viele dieser Hoffnungen jedoch nicht erfüllt. Zwar wurde das kirchliche Arbeitsrecht angepasst, und ein neues gemeinschaftliches Beratungsgremium auf Bundesebene ist geplant, doch noch immer ist unklar, ob dort gemeinsam entschieden oder nur beraten werden soll. Ist der Synodale Weg damit eine Enttäuschung? „Dass man das Beste aus den begrenzten Möglichkeiten macht, ist vielleicht das größte Hoffnungszeichen“, sagte der Vizepräsident des Projekts, der Theologe Thomas Söding, im Domradio.de-Interview. Gleichzeitig sind in diesen Jahren Millionen Menschen aus der Kirche ausgetreten, mehrere Bischöfe haben sich vom Projekt distanziert, und auch der Vatikan zeigt sich skeptisch. Möglicherweise wurden anfangs zu hohe Erwartungen geweckt. Nach dem Missbrauchsskandal bestand Einigkeit über den Reformbedarf, doch die Verbindung von Missbrauchsprävention mit Debatten über Homosexualität oder Frauenweihe erwies sich als problematisch. Offen bleibt, ob die geplante Synodalkonferenz echte Impulse setzen kann oder zu einem weiteren Gremium ohne Durchschlagskraft wird. Der erhoffte große Wurf von 2020 ist bislang ausgeblieben. 

Renardo Schlegelmilch, Chefredakteur des Kölner Domradios
 
Stets griffbereit: Stressbälle
Stressbälle. In verschiedenen Farben lagen sie während einer Versammlung da. Griffbereit. Ein Symbol für den Druck, der auf dem Prozess lag. Der Druck aus der Kirche selbst, nach der MHG-Missbrauchsstudie die systematischen Ursachen endlich anzugehen. Der Druck der Öffentlichkeit. Und der Erwartungen, die sich über Jahre aufgestaut hatten. Die Spannung war bei jedem Treffen zu spüren: Immer wieder ging es um dieselben Grundsatzfragen. Menschen machten sich verletzbar, indem sie ihre Biografien teilten. Enttäuschungen wurden benannt, unterschiedliche Meinungen blieben nebeneinander stehen – die Versammlung hielt das aus. Sie zerbrach nicht. Eine Stärke des Prozesses. Und doch blieb es für mich – trotz der gefassten Beschlüsse – ein Austausch. Die Wortmeldungen wiederholten sich, die Lager blieben bis zum Schluss die gleichen. Ein echtes Aufeinander-Zugehen blieb aus. Am Ende war es vor allem das professionelle Aushalten von Spannung.
Katharina Sichla, 
leitende Redakteurin „Innehalten“, Michaelsbund München
 
Viel Vertrauen ist gewachsen
Am beeindruckendsten war das neue Format, das Begegnungen ermöglichte. Wo treffen sonst Bischöfe und Vertreter des deutschen Katholizismus so unkompliziert aufeinander wie in der Schlange vor dem Kaffeeautomaten oder beim gemeinsamen Essen? Da ist in den vergangenen Jahren viel Vertrautheit gewachsen, auch die Medienvertreter konnten dies aus der Nähe deutlich spüren. Es trug Früchte auch im Plenum, wenn Synodale von sich und ihrer Lebensgeschichte erzählten, die Forderungen nach mehr Anerkennung in einem neuen Licht erschienen ließen. Vor allem durch solche Bekenntnisse und Zeugnisse ist es auf beiden Seiten zu mehr Verständnis füreinander gekommen. Dies alles führte dazu, dass – von den Ausnahmen abgesehen – ein Zusammenhalt entstanden ist, der für die teils deutlichen Abstimmungsergebnisse verantwortlich war – bis hin zum mit Händen zu greifenden Willen zur Einmütigkeit bei der Verabschiedung der Satzung der Synodalkonferenz im vergangenen November Fulda. 

Stefan Orth, Chefredakteur HerderKorrespondenz, Freiburg
 
Mit Irritationen am Ende
Äußerlich sah die letzte Synodalversammlung aus wie die fünf zuvor – die Gewöhnung an das Außergewöhnliche inklusive: Bischöfe und Laien haben sich zusammengesetzt, um sich auseinanderzusetzen mit den Konsequenzen, die Missbrauchsskandal und Relevanzverlust der Kirche forderten. Sie taten das in alphabetischer Sitzordnung, sodass etwa der Apostolische Nuntius neben einem Delegierten saß, der mit Freude ein T-Shirt mit der Aufschrift „You can’t pray the gay away“ trug. Viel Vertrauen wurde da errungen. Umso irritierender war am Ende, dass sich doch mancher Bischof verbat, dass ihm synodal in sein Bistum hineinregiert wird. Und es bleibt bei aller Etablierung von Synodalität die Frage, wohin mit der langen Liste der unabgeschlossenen Reformnotwendigkeiten – Frauen, Homosexualität, Ämterfrage. Sie können (natürlich) weiterhin nur in Rom entschieden werden. So bleiben sie also, die systemischen Gründe für die Ausgangslage: Missbrauch und Relevanzverlust. 
Markus Nolte, 

Chefredakteur „Kirche-und-Leben.de“, Münster
 
Im 21. Jahrhundert angekommen?
Sechs Jahre lang haben Bischöfe und Laien beim Synodalen Weg um Reformen in der katholischen Kirche gerungen. Und? Noch immer keine geweihten Frauen und keine verheirateten Priester. Noch immer strenge Hierarchien und Verknüpfungen von Macht und Weiheamt. Man könnte also sagen: Außer Spesen nichts gewesen. 
Doch gerade während der Synodalversammlungen gab es sie, diese kleinen Momente, die einen haben denken lassen: Da bricht etwas auf. Da könnte etwas Neues kommen. Junge Synodale, Frauen wie Männer, die zumindest für diesen Moment auf Augenhöhe mit den Bischöfen waren und mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg hielten. Oder Bischöfe, die sich demonstrativ zu den enttäuschten, teils weinenden Synodalen gesellten, als der Grundlagentext für eine neue katholischen Sexualmoral knapp scheiterte. Für jemanden, der sich tagtäglich in kirchlichen Kreisen bewegt, ist eine Veränderung in der Kirche in Deutschland spürbar; strukturell etwa durch die Synodalkonferenz oder das neue kirchliche Arbeitsrecht, aber vor allem im Denken. Außenstehende sehen das etwas nüchterner, wenn man vom Reformprozess erzählt. Ein Zitat bleibt mir dabei in Erinnerung: „Na dann seid ihr ja fast im 21. Jahrhundert angekommen.“

Björn Odenthal, Chefredakteur des Onlineportals katholisch.de