„Eine Maschine für Freude“

03.03.2026 |

Susanne Baader ist nicht nur Provinzoberin im Kloster Hegne, sondern auch ausgebildete Rikschafahrerin. Hinter ihrer Begeisterung für das besondere Fortbewegungsmittel steht der Verein „Radeln ohne Alter“. Die Idee: Senioren und mobil eingeschränkten Personen die Fahrt an für sie schwer erreichbare Orte zu ermöglichen.

Schwester Susanne Bader fährt mit der Rikscha eine Runde im Hof des Klosters Hegne. Sie kutschiert heute ihre Mitschwestern Maria Coletta Seifert (links) und M. Jacobe Wetzel. 
 
Susanne Bader lässt die Kopfschleier flattern. Die Provinzoberin der Barmherzige Schwestern vom heiligen Kreuz strampelt gerade auf der neuen Rikscha im Kloster Hegne. Vorne sitzen ihre beiden Fahrgäste: Schwester Maria Coletta Seifert und Schwester M. Jacobe Wetzel. Susanne Baader, 52 Jahre alt, ist Vorreiterin für die Bürgerbewegung „Radeln ohne Alter“. Sie gehört zu den ersten ausgebildeten Pilotinnen, also Rikscha-Fahrerinnen in Hegne. Sie sagt: „Ich habe das Gefühl, das ist eine Maschine für Freude.“

Schwester Susanne Bader sorgt dafür, dass Menschen, die nicht mehr so mobil sind, und deren Aktionskreis ansonsten sehr klein wäre, ein kleines Abenteuer an der frischen Luft erleben. Der Verein „Radeln ohne Alter“ spricht immer vom „Recht auf Wind im Haar“. Die Idee: Viele Senioren haben Angst vor Stürzen. Sie bewegen sich nur noch im kleinen Umkreis. Mit der Rikscha kommen sie an Orte, die weiter weg liegen, und die sie schon lange nicht mehr gesehen haben, wie etwa ihr früheres Wohnviertel. 

Michael Buchmüller hat den Verein, der 2015 in Berlin gegründet wurde und der 2022 schon bundesweit mehr als 100 Standorte zählte, im Mai 2024 nach Konstanz gebracht und inzwischen in der dortigen Region fast 40 Menschen gewonnen, die Rikscha fahren. Denn die Idee zieht inzwischen Kreise. Standorte auf der Reichenau, in Radolfzell und Singen sind in der Diskussion. In Hegne gibt es ihn schon. Auch Susanne Bader hofft auf weitere Anhänger im Ort.
Die Provinzoberin liebt es, mit dem Rad unterwegs zu sein. Sie verbringt auch Urlaube gern im Sattel. Von der Rikscha war sie „total begeistert“. Menschen zu bewegen, die das selbst nicht mehr so gut können, diese Idee gefällt ihr. Sie hat dann auch gleich die Ausbildung zur Pilotin gemacht, und dabei gelernt, wie man die Rikscha bedient. Es sei zum Beispiel schwieriger mit dem Mobil einem Schlagloch auszuweichen als mit dem normalen Fahrrad. „Aber auch das geht.“ Eine ihrer ersten Touren mit ihren Mitschwestern führte sie auf einen Weg in den nahe gelegenen Wald. Ihre Fahrgäste seien dort schon lange nicht mehr gewesen. Auf dem Schotterweg hoppelte es, es war nicht alles so glatt und vorbereitet wie in Senioreneinrichtungen. Für Susanne Bader ein sprechendes Bild: Das gehört zum Leben. Mit Seele unterwegs zu sein, das bedeute auch, mal einen holprigen Weg vor sich zu haben.

 Auch auf die Insel Reichenau ist Susanne Baader schon mit ihren Mitschwestern gefahren. „Das war wunderschön.“ Alle Menschen, denen sie begegneten, seien bereitwillig zur Seite gegangen. Das mussten sie auch einige Male, denn sie war mit der Rikscha ganz langsam auf dem Fußweg unterwegs. Außerhalb der Saison wollte sie den älteren Damen, die sie kutschierte, den besten Ausblick auf den See bieten. Sie habe von den Passanten, die dort unterwegs waren, nur freundliche Blicke und Worte geerntet und ein paar Mal gehört: „Toll, dass es so etwas gibt.“ An der Sandseele rasteten die Fahrerin und die Mitfahrerinnen eine Weile. Zurück sei sie dann sogar über die Hochwart gefahren, den Hügel auf der Insel Reichenau. Mit der elektrisch betriebenen Rikscha sei dies problemlos möglich gewesen. „Ich wollte das mal testen. Es ging langsam, aber es ging“, berichtet Susanne Baader. 

Ist sie die einzige in dem Kloster, die überhaupt noch fit genug ist als Pilotin zu wirken? Die Provinzoberin lacht. Sie rechnet vor: Die 141 Schwestern im Kloster Hegne kommen auf ein Durchschnittsalter von 82,5 Jahren. „Meine Sekretärin ist 82 Jahre alt.“ Viele der Schwestern seien aber äußerst vital. Sieben seien wie sie unter 60 Jahre, etwa fünf zwischen 60 und 70 Jahre und der Rest darüber. Man könnte also fast sagen, das Kloster sei ein großes Altersheim, auf der anderen Seite werde hier richtig viel geleistet. Schwestern helfen in der Wäscherei, machen den Haushalt, Dienst an der Pforte oder in der Theodosius-Stube für Obdachlose. Diese ist nach dem Begründer des Klosters benannt: dem Schweizer Kapuzinerpater Theodosius Florentini. Sein Leitwort war: „Was Bedürfnis der Zeit, ist der Wille Gottes.“ 
Das aktuelle Bedürfnis sind vielleicht Ausfahrten mit der Rikscha. Eine Garage am Hegner Kloster eignet sich sowieso nicht für Autos, denn ein Baum steht davor. Für die Rikscha aber passt sie prima. Susanne Bader hofft, dass sich bald noch mehr Fahrer ausbilden lassen, zum Beispiel Angehörige von Bewohnern des Altenpflegeheims Maria Hilf des Klosters Hegne. 

Die Rikscha solle allen zur Verfügung stehen, die älteren Menschen in Hegne eine Freude bereiten wollen. Im Pflegeheim wohnen Schwestern, aber auch andere Menschen, die Betreuung benötigen. Für diese sei eine Ausfahrt mit der Rikscha ideal. Bis zu zwei Personen können als Gäste mitfahren. Inzwischen gibt es auch einen Schutz vor Regen und Wind. Im Winter hilft ein warmer Sack, dass die Fahrgäste keine kalten Beine und Füße bekommen. Der Fahrerin Susanne Bader wird durch die Bewegung warm. Denn trotz Unterstützung durch den Elektro-Motor muss sie sich ganz schön ins Zeug legen. Aber wenn die Rikscha in Hegne erst einmal rollt, dann flattern die Kopfschleier der Nonnen.  
 
Claudia Rindt

Der Verein

Radeln ohne Alter ist im Jahr 2013 in Kopenhagen entstanden. Die Idee ist, Menschen mit Gehbehinderungen mit der Rikscha auszufahren. Die Initiative gibt es inzwischen in 40 Ländern. Seit Mai 2024 gibt es in Konstanz einen Verein dazu. Organisationschef war und ist der beliebte Rikschafahrer Michael Buchmüller. Um das Projekt ins Rollen zu bringen, ging er finanziell in Vorleistung und arbeitete daran, den organisatorischen Rahmen zu schaffen. Die Idee zieht in der Konstanzer Region langsam Kreise. In der Konstanzer Nachbarstadt Kreuzlingen ist Radeln ohne Alter schon unterwegs, in anderen Nachbargemeinden wächst das Interesse. In Hegne gibt es jetzt einen Standort. Weitere Informationen im Internet: www.radelnohnealter-kn.de