Die Stiftskirche erstrahlt wieder in frischem Glanz. Winfried Heck hat sich in dem umfassend sanierten Gotteshaus in der Baden-Badener Innenstadt umgesehen.
Besucher der Baden-Badener Stiftskirche müssen umdenken. Über viele Jahre hinweg war der Haupteingang der geschichtsträchtigen Kirche im Zentrum der Stadt nicht nutzbar und der Seiteneingang musste genutzt werden. Autos standen auf dem Marktplatz mit dem Auspuff Richtung Kirche bis dicht vor der Kirchenmauer. Mit dem Ende der aufwendigen und langen Restaurierungsarbeiten haben sich die Gegebenheiten gedreht. Das Portal der Kirche erstrahlt in neuer Pracht und auch die Portalfiguren entfalten wieder ihre volle Wirkung. Es lohnt sich durchaus, zunächst auf dem Marktplatz stehen zu bleiben und das Gebäude wirken zu lassen, ehe man es betritt. Der Blick auf den Kirchturm kommt einem Blick auf die lange Geschichte dieses bedeutenden Bauwerks gleich. „Der Turm vereint alle Stilepochen von der Romanik bis zum Barock“, schreibt der Kunsthistoriker Marc Carel Schurr in seiner kunstgeschichtlichen Betrachtung, die in dem neuen, anlässlich der Wiedereröffnung erschienenen Buch über die Stiftskirche Liebfrauen in Baden-Baden abgedruckt ist. Und es gibt tatsächlich schon hier, außerhalb der Kirche, viel zu entdecken.
Himmlische Perspektive: Das Kruzifix unter dem eindrucksvollen Gewölbe.
Erstmals erwähnt wurde eine Kirche an dieser Stelle im Jahr 987. „Von dieser Kirche ist aber wahrscheinlich nichts mehr da“, sagt Dekan Michael Teipel, der in der Karwoche mehrere Führungen angeboten hatte. Der ältesten, noch sichtbaren Teile dürften demnach die unteren Geschosse des Turmsockels samt seinem romanischen Rundbogen sein. Historische Skizzen zeigen, wie die ursprüngliche Kirche im 13. Jahrhundert ausgesehen hat. Sie war deutlich kleiner als heute und der wuchtige Turm stand noch außerhalb des eigentlichen Kirchenbauwerks. Erst im 15. Jahrhundert, als der romanische Kirchenbau umgestaltet und die Seitenschiffe des Langhauses nach Westen verlängert wurden, wurde er integriert. Der Turm selbst erhielt damals eine steil in den Himmel ragende, gotische Spitze, die später durch drei barocke Haubendächer ersetzt wurde. Auf der westlichen Seite der Turmfassade fanden gotische Portalfiguren ihren Platz. Petrus und Paulus, die Namenspatrone der Stadtkirche, flankieren die Gottesmutter mit ihrem Sohn. Direkt darunter ist ein Relief vom Ende des 15. Jahrhunderts angebracht, das die heilige Veronika zeigt, die das Schweißtuch mit dem Abbild von Jesus in Händen hält. Es sei ein Symbol, dass sie Jesus im Herzen trägt. Tritt man durch die dunkle Turmpforte nach innen, öffnet sich das inzwischen deutlich hellere und „aufgeräumtere“ Kirchenschiff. Die bunten Glasfenster des Stiftschors verleihen dem Kirchenraum eine ganz besondere Atmosphäre. In den 1950er-Jahren, so Teipel, gehörten zur Kirchengemeinde Peter und Paul 15 000 Katholiken. Es war eine der größten Kirchengemeinden Badens. Bis zu acht Sonntagsgottesdienste wurden abgehalten und um Platz für die vielen Gläubigen zu haben, wurde das Kirchenschiff mit so vielen Sitzbänken gefüllt wie irgend möglich.
Brautpaare konnten früher kaum nebeneinander gehen ...
„Der Mittelgang war so eng, dass Brautpaare kaum nebeneinander aus der Kirche gehen konnten“, schmunzelt Teipel. Das alte Gestühl wurde jetzt, im Zuge der Renovierung, durch ein neues ersetzt. Statt Tropenholz kam Eichenholz aus der Region zum Einsatz. Die Zahl der Plätze wurde deutlich reduziert, der Mittelgang verbreitert und in den Seitenschiffen entstanden Freiräume, die für Konzerte, citypastorale Aktivitäten oder Ausstellungen genutzt werden können. In der ganzen Kirche wurden Wandflächen gereinigt, neu gefasst und wo nötig, wurde der Sockelputz erneuert. Der alte Betonboden wurde durch Sandstein ersetzt und die Warmwasser-Fußbodenheizung wieder in Betrieb genommen. Ursprünglich nutzte man das Thermalwasser, das die Römer an dieser Stelle schon entdeckt hatten, die Betondecke wurde als wasserdichte Isolationsschicht eingezogen. Doch das Thermalwasser fand seinen Weg und stieg in Säulen und Wänden um so höher. Die vielen Feuchtigkeitsschäden bescherten der Kirche eine fast schon schäbige Optik, von der nun aber natürlich nichts mehr zu sehen ist. Lohnend ist auch der Blick zur Decke, wo das Schiff scheinbar von Steinstreben gestützt wird. Tatsächlich seien die Streben aus Holz, sagt Teipel, von geschickten Malern mit einer Steinoptik versehen.
Da braucht es eine ruhige Hand: Restauratoren verliehen den Kunstgegenstände wieder Kontur.
Nur noch zwei Stufen führen hinauf zum Altar, der zudem deutlich weiter in die Kirchenmitte rückte. Die so geschaffene Nähe zu den Gläubigen mache die Gottesdienste angenehmer, sagt Teipel. Wegen der nun aber fehlenden Stufen kann das prächtig gestaltete Sakramentshäuschen, links neben dem Altar, nicht mehr für den Tabernakel genutzt werden. Das filigrane, 13 Meter hohe, mit unzähligen Figuren und Details geschmückte Sakramentshäuschen, das wie durch ein Wunder den großen Stadtbrand im Jahr 1689 überstand, gehört noch immer zu den bedeutendsten Kunstwerken des Inventars und wurde ebenfalls sorgfältig gereinigt und renoviert. Der neue Tabernakel hat in der Nepomukkapelle, rechts des Altars, seinen Platz gefunden. Verschwunden sind im Innenraum auch die alten Beichtstühle, stattdessen gibt es jetzt einen Beichtgesprächsraum. Mit erheblichem Aufwand wurde auch der Stiftschor aus dem 15. Jahrhundert renoviert. Hier wurden über Generationen hinweg Mitglieder der badischen Fürstenfamilie beigesetzt, direkt unter dem Chorraum. Teilweise sind sogar die Grabplatten noch vorhanden.
Erinnerung an Markgraf Ludwig Wilhelm, den Türkenlouis
Deutlich imposanter sind jedoch die zahlreichen Epitaphien an den Wänden, die Zeugnis der wechselhaften Geschichte des Landes und der Kirche selbst ablegen. Das imposanteste Epitaph ist eindeutig jenes für Markgraf Ludwig Wilhelm, der als Türkenlouis in die Geschichte einging. Barocke Pracht mit zahlreichen Details und ausdrucksvollen Figuren sowie Kriegsgerät aller Art. Entsprechend hoch war der Arbeitsaufwand für die Restauratoren. Streng und fast bescheiden wirkt im Gegensatz hierzu das Epitaph von Markgraf Philibert und seiner Gemahlin Mechthild von Bayern, die evangelisch waren. Seit 1967 ist auch das von Nicolas Gerhaert van Leyen aus einem einzigen Stein gehauene Kruzifix in der Stiftskirche aufgestellt. Ein überaus bemerkenswertes, über sechs Meter hohes Kunstwerk, das früher auf dem Hauptfriedhof der Stadt aufgestellt war. Weil ihm Witterungseinflüsse immer mehr zusetzten, wurde es damals in einer spektakulären Aktion in die Stiftskirche überführt, wo es jetzt, frisch restauriert und inmitten der bunten Glasfenster, einen zentralen Blickpunkt darstellt.
Enorme Raumwirkung: Blick auf die Orgelempore
Mit großzügigen Spenden und vielen Zuschüssen
Finanziert wurde die Renovierung von der Erzdiözese (2,6 Millionen Euro) und der Schulstiftung Baden-Württemberg (1,5 Millionen Euro). Die Kirchengemeinde brachte 790 000 Euro ein, weitere 750 000 Euro gab es als Bundeszuschuss, überdies 300 000 Euro von der Stiftung Denkmalschutz. Eine Crowdfunding-Aktion erbrachte über 700 000 Euro. Winfried Heck