"Wir müssen jetzt raus aus der behüteten Stube"

13.06.2023 |

Für sein jahrzehntelanges Engagement gegen Aufrüstung und Waffenexporte wurde der Badener Jürgen Grässlin vielfach geehrt. Morgen erscheint sein neues Buch "Einschüchtern zwecklos". Im Interview erklärt der 65-Jährige, was ihn antreibt, und gibt Tipps, wie sich jeder gegen politische und gesellschaftliche Missstände engagieren kann.

Herr Grässlin, der Ukraine-Krieg geht weiter, weltweit dreht sich die Rüstungsspirale, deutsche Waffenhersteller hoffen auf satte Gewinne - war Ihr Kampf umsonst?
 
Der Friedensaktivist Jürgen Grässlin wurde 1957 in Lörrach geboren. Heute lebt er in Freiburg.
Natürlich nicht. Neben vielem anderen haben wir es geschafft, mit der Gründung der Kampagne «Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel!» 2011 das größte Bündnis aller Zeiten gegen Rüstungsexporte zu schmieden. Unser zentraler Arbeitsschwerpunkt war und ist, Waffenlieferungen in Krisen- und Kriegsgebiete, wie Saudi-Arabien oder die Türkei, zu stoppen.
 
Die Ukraine ...
 
... betrachten wir als Ausnahmefall. Hier greift das Recht auf Selbstverteidigung nach Artikel 51 der UN-Charta. Allerdings zeigt sich nach einem fürchterlichen Jahr des Kriegs: Dieser Krieg wird mit militärischen Mitteln nicht zu gewinnen sein. Immer mehr Waffen führen immer mehr in die Eskalationsspirale mit unzähligen Toten.
 
Das klingt durchaus einleuchtend. Aber bleibt es nicht grundsätzlich dabei, dass eine Welt ohne Waffen zwar wünschenswert wäre, aber leider nicht möglich ist?
 
Ich unterscheide zwischen Vision und Weg. Bereits zu Beginn meines politischen Weges vor gut 40 Jahren stand die Vision einer Welt ohne Waffen und ohne Militär. Diese Vision lebt, auch wenn ich mir durchaus der Tatsache bewusst war und bin, dass sie zu meinen Lebzeiten wohl nicht mehr Wirklichkeit werden wird. Was zählt, sind die vielen Schritte in die richtige Richtung.
 
Was macht Ihnen Mut?
 
Die Zahl der Kriege weltweit hat seit den 1980er Jahren abgenommen. Früher waren es rund 30 Kriege, heute sind es 25, wobei unsere Wahrnehmung durch die Berichterstattung in den Medien massiv gestiegen ist. Natürlich gibt es Rückschritte, die uns manchmal um viele Jahre zurückwerfen. Dazu gehören die Terroranschläge des 11. September 2001, der anschließend von den USA angeführte "Krieg gegen den Terror" oder aktuell die völkerrechtswidrige Intervention der russischen Armee unter Befehl von Wladimir Putin in der Ukraine. Aber wenn man die gesamte Entwicklung in den Blick nimmt, dann steht die Menschheit in der Frage von Krieg und Frieden zumindest nicht schlechter da als vor Jahrzehnten noch. Das größte Problem, das ich sehr ernst nehme, ist die Overkill-Kapazität durch Atomwaffen.
 
Sie sind in den 70er und 80er Jahren politisch sozialisiert worden. In der damaligen Friedens- und Umweltbewegung spielten die Kirchen eine wichtige Rolle. Wie schaut das heute aus?
 
Jürgen Grässlin (links) bei der von ihm initiierten "Aktion Aufschrei".
Nur ein Beispiel: Die Aufschrei-Kampagne hat weit über 100 Mitgliedsorganisationen; davon kommen etwa 60 Prozent aus dem Umfeld der katholischen und evangelischen Kirche. Wir brauchen eine starke Stimme der Kirchen - nicht nur für die Friedenspolitik, sondern auch im Bereich der Flüchtlings- und Entwicklungspolitik.
 
Aber ist diese Stimme noch hörbar?
 
Für meinen Arbeitsbereich kann ich nur sagen: Ja - trotz aller internen Krisen und einer schwindenden Mitgliederzahl. Papst Franziskus hat sich mehrfach klar gegen die Rüstungsindustrie in aller Welt positioniert und er hat für friedliche Konfliktlösungen im Ukraine-Krieg geworben. Seine Aussagen sind in ihrer Klarheit beeindruckend. Sie machen Mut zum Widerstand.
 
Ein anderes Megathema ist der Klimawandel. Sie haben 1990 in Freiburg auf der B31 einen französischen Militärkonvoi gestoppt. Sind die Klimakleber würdige Nachfolger?
 
Ich würde diese Frage gern in zwei Aspekten beantworten.
 
Bitte.
 
Militär bewirkt mit dem Ressourcenverbrauch und den Kriegen die schlimmste Form der Umweltzerstörung. Zugleich wird es von den entscheidenden Verträgen - wie dem Pariser Klima-Abkommen von 2015 - ausgenommen. Das muss sich ändern. Mein Widerstand richtet sich nicht nur gegen Aufrüstung und Militarisierung, sondern auch gegen die voranschreitende Klimakatastrophe. Ziel war dabei immer, dass sich möglichst viele Menschen den Widerstandsaktionen anschließen können. Diese Maxime hat beispielsweise auch "Fridays for Future" beherzigt. Leider wurde die Bewegung durch die Corona-Pandemie zwischenzeitlich ausgebremst. Aber ich hoffe, sie kommt in junger Stärke zurück.
 
Damit nähern wir uns langsam Teil zwei, den Klimaklebern.
 
Ja, ich begrüße alle gewaltfreien Aktionen, die darauf aufmerksam machen, dass wir an einem Wendepunkt der Menschheit stehen. Renommierte Klimaforscher warnen eindringlich mit ihren Studien: Die Zwanzigerjahre dieses Jahrhunderts sind die alles entscheidenden. Wir müssen durch konsequentes Umsteuern die Kipppunkte der Erderwärmung verhindern, ansonsten nimmt die Klimakatastrophe unaufhaltsam ihren Lauf.
 
Braucht man als Aktivist ein besonders dickes Fell?
 
Klar muss man mit unsachlichen und polemischen Angriffen rechnen. Aber: Wenn wir standhaft bleiben, ist Einschüchtern zwecklos. Wichtig ist dabei, dass unsere Kritik auf Basis verifizierbarer Fakten beruht, auch um juristische Attacken erfolgreich abzuwehren.
 
Im Laufe der Jahre haben Sie sich mit Rüstungsfirmen wie Heckler&Koch angelegt, aber auch mit Industriegiganten wie Daimler und dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Jürgen Schrempp. Gab es Momente, wo Sie ans Aufgeben gedacht haben?
 
Diese Vorstellung war und ist mir fremd. Ich gehöre zu den Menschen, die als Demokrat an den Rechtsstaat glauben und auf dessen Prinzipien pochen. Aber mitunter gingen Gerichtsentscheidungen auf den mittleren Ebenen bis an die Schmerzgrenze. Die juristische Auseinandersetzung mit Daimler und Schrempp gehört eindeutig in diese Kategorie.
 
Können Sie das näher ausführen?
 
Zwischendrin hatte ich alleine in einem einzigen Verfahren Schrempp und Daimler gegen Grässlin Schulden in Höhe von rund 60.000 Euro, und die mussten beglichen werden. Als Normalsterblicher ist das kein Pappenstiel. Und wenn wir vor dem Bundesgerichtshof verloren hätten - was glücklicherweise nicht passiert ist -, wären wir bei weit über 100.000 Euro gelandet.
 
Das dürfte manch einen abschrecken, gegen gesellschaftliche und politische Missstände zu protestieren.
 
Genau das darf nicht passieren. Aber ich möchte die Menschen gern dazu ermutigen, auch die kleinen Schritte zu gehen.
 
Zum Beispiel?
 
Jürgen Grässlin, "Einschüchtern zwecklos. Unermüdlich gegen Krieg und Gewalt – was ein Einzelner bewegen kann", Heyne Verlag, 2023, 14 Euro. Ab 14. Juni erhältlich.
Einen Leserbrief schreiben, die Bürgersprechstunde von Abgeordneten aufsuchen, an Podiumsdiskussion teilnehmen. Wenn ich aktiv werden will, würde ich mir folgende Fragen stellen: Was ist mir wichtig? Was ist meine politische Vision? Was möchte ich persönlich dazu beitragen, damit die Welt besser, friedlicher und gerechter wird? Und schließlich: Wie weit bin ich bereit dafür zu gehen? Das Spektrum kann reichen von der finanziellen Unterstützung einer Organisation, über gewaltfreie Blockaden etwa vor dem Werkstor eines Rüstungskonzerns bis hin zum Kauf einer Aktie. Genau diese Methoden habe ich mit Erfolg angewandt und zeige sie in meinem Buch auf.
 
Wozu eine Aktie kaufen?
 
Eine einzige Aktie gibt Ihnen als kritischer Aktionär das gleiche Mitspracherecht in Konzernen wie einem Inhaber von 1.000 Aktien. Sie können damit die ganze Klaviatur des Widerstandes spielen, wenn sie etwa das Unternehmen dazu bringen wollen, eine unmoralische Geschäftspraxis zu ändern.
 
Ausreden gibt's keine?
 
Wir müssen jetzt raus aus der behüteten Stube, raus auf die Straße, in die Konzerne, in die politischen Versammlungen hinein. Denn jetzt entscheidet sich, ob uns im Bereich von Krieg und Frieden, von Klima und Ökologie die Wende zum Guten gelingt. Oder ob wir 2040 sagen müssen: Wir haben es nicht geschafft, wir sind gescheitert - genau das darf nicht passieren!
 
Sie selbst entspannen beim Malen von Prominenten. Wen würden Sie gern noch porträtieren?
 
Margot Käßmann, weil sie ein großes Vorbild für mich ist.
Und Konstantin Wecker, ein brillanter Musiker und ein standhafter, aufrichtiger Pazifist. Solche Menschen noch zu malen, wäre mir eine Herzensfreude.
 
Interview: Joachim Heinz Katholische Nachrichten-Agentur