Die Mädchenkantorei am Freiburger Münster wird 50 Jahre alt. Initiiert vom früheren Domkapellmeister Raimund Hug, präsentieren sich die Sängerinnen im Jubiläumsjahr unter der Leitung von Domkantorin Martina van Lengerich als eine sowohl zahlenmäßig als auch musikalisch starke und erfolgreiche Gruppe. Neben der Musik spielen die Gemeinschaft und die Zusammengehörigkeit eine große Rolle.
Die Größeren nach hinten, die Kleineren nach vorn: Spontanes Gruppenfoto am Rande einer Probe in der Domsingschule.
Auf wen geht eigentlich die Gründung der Mädchenkantorei am Freiburger Münster zurück? Die kirchenmusikalischen „Insider“ werden darauf eine schnelle Antwort parat haben: „Raimund Hug“, so lautet sie allenthalben. Der frühere Domkapellmeister und Leiter der Domsingknaben habe 1973, also vor 50 Jahren, die Initiative ergriffen und die ebenso mutige wie bahnbrechende Entscheidung getroffen, neben den Domsingknaben auch einen Mädchenchor ins Leben zu rufen.
Das ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig, wie kein Geringerer als Raimund Hug selbst gerade in diesen Wochen betont hat. In seinem Grußwort zum Jubiläum der Mädchenkantorei verweist er darauf, dass der erste Impuls zur Gründung eines Mädchenchors am Freiburger Münster eigentlich von seiner damals achtjährigen Nichte Uta kam, deren Bruder bei den Domsingknaben sang. „Onkel Raimund, warum dürfen nur Buben in deinem Chor singen, wir aber nicht?“, so fragte sie. „Das ist gemein. Bitte mach auch für uns Mädchen einen Chor auf!“
Demnächst steht eine Konzertreise an die amerikanische Westküste an
Eine unmittelbar einleuchtende Klage und Bitte, gegen die es aus Sicht des Domkapellmeisters keine stichhaltigen Argumente gab, zumal dieser Wunsch zuvor auch schon von Schwestern anderer Domsingknaben geäußert worden war. „Es kommt mal auf einen Versuch an“, gab Raimund Hug damals seiner Nichte zur Antwort, um dann aber gleich Nägel mit Köpfen zu machen. Zwei kompetente Musiklehrerinnen begannen, mit zwei Mädchengruppen zu proben. Domkapellmeister Hug übernahm die Klavierbegleitung. Im Advent 1974 war es dann so weit: Die Sängerinnen im Grundschulalter gestalteten erstmals ein Hochamt im Freiburger Münster mit. „Sicher, fromm und begeistert“ hätten die Mädchen damals gesungen, so erinnert sich Raimund Hug.
Zu den Proben in der Domsingschule am Münsterplatz gehören vor allem bei den kleineren Sängerinnen auch spielerische Elemente.
In den folgenden fast 30 Jahren gelang es dem Domkapellmeister nicht nur, die Mädchenkantorei als gleichwertiges und selbstverständliches Ensemble der Freiburger Dommusik zu etablieren. Überdies machte der Chor bei Konzertreisen deutschlandweit und international auf sich aufmerksam. Eine Entwicklung, die sich nach der Übernahme der Leitung durch Martina van Lengerich 2003 noch verstärkte. Die Sängerinnen waren sowohl in europäischen Kathedralen und Konzertsälen als auch in China, Kanada, Russland und den USA zu Gast und fanden stets ein begeistertes Publikum. Anlässlich seines 50-jährigen Bestehens wird der Chor demnächst erneut in die USA reisen und unter anderem in San Francisco und Los Angeles auftreten. Bei all dem wird der kirchenmusikalische Alltag, insbesondere die regelmäßige Mitgestaltung von Gottesdiensten im Freiburger Münster nicht vernachlässigt. Dass zu diesem Alltag auch ebenso regelmäßige wie intensive Proben gehören, versteht sich fast von selbst. Das gilt schon für die Kleinen ab dem zweiten Schuljahr, die nach einer Zeit im Vorchor in den Aufbauchor oder in den sogenannten A*-Chor und später in den Konzertchor wechseln und immer wieder mit der Vorbereitung kleiner oder größerer Auftritte beschäftigt sind. In diesen Wochen, beispielsweise beim Sommerfest der Domsingschule, bei der Freiburger „Nacht der Chöre“ und natürlich beim Pontifikalamt zum Jubiläum im Freiburger Münster. Ganz zu schweigen vom Programm der USA-Reise, das im Vorfeld ebenfalls in einem eigenen Konzert dargeboten wird.
Umso beeindruckender ist die lockere Art und Weise mit der Domkantorin Martina van Lengerich den kleineren Sängerinnen bei der Probe die entsprechenden Stücke vermittelt. „Wir machen jetzt das Programm, das wir am Sonntag singen“, kündigt sie an. „Und wir brauchen gar keine Noten, weil wir alles auswendig können.“
Das funktioniert tatsächlich. Leicht und fast mühelos kommen die Töne daher, auch in den hohen Lagen. Und das nicht nur bei gängigeren geistlichen Liedern wie „Singt dem Herrn alle Völker der Erde“ oder „Wäre Gesanges voll unser Mund“, sondern auch beim Kyrie, Gloria und Sanctus einer Rheinberger-Messe. Die sichere Intonation der Mädchen erscheint umso erstaunlicher, als es keine strengen Kriterien zur Aufnahme in die Chöre gibt. „Alle können kommen“, sagt Martina van Lengerich. „Und im Prinzip sind auch alle in der Lage, es zu lernen.“ Was auch damit zu tun hat, dass viele Kinder bereits das Angebot der musikalischen Früherziehung in der Domsingschule nutzen und damit später im Vorchor nicht bei Null anfangen.
Alina (links) und Sarah (rechts) sind beide schon seit dem Grundschulalter dabei.
So war es auch bei Alina, die als Erstklässlerin begann und sich heute als Mitglied des Konzertchores auf die bevorstehende USA-Reise freut. Dass sie über all die Jahre hinweg dabei geblieben ist, hat nicht nur mit dem Singen zu tun, „sondern auch mit der Gemeinschaft, dem Miteinander und der Zusammengehörigkeit, die wir erleben“, betont sie. „Es ist total schön.“ Dementsprechend war für Alina die offizielle Aufnahme in den Konzertchor im Rahmen eines Gottesdienstes, verbunden mit der Übergabe eines kleinen Ansteckkreuzes mit dem Logo der Mädchenkantorei, ein wichtiges Erlebnis. „Weil man dann richtig dazugehört und richtig dabei ist“, sagt sie.
Domkantorin Martina van Lengerich leitet die Mädchenkantorei seit 2003.
Unvergesslich sind für die Sängerinnen natürlich auch die Konzert-reisen. Sarah, die seit neun Jahren der Mädchenkantorei angehört, erinnert sich besonders gerne an die Reise nach Italien im Jahr 2018, als der Chor unter anderem auch im Petersdom auftrat. Aber auch sie verweist über die Konzerte hinaus auf die Gemeinschaft und die Freundschaften, die damit verbunden sind: „Das ist etwas ganz Besonderes.“
Eine erstaunliche Zahl: rund 100 Kinder und Jugendliche singen bei der Mädchenkantorei
Gleichzeitig lassen die beiden langjährigen Sängerinnen keinen Zweifel daran, dass diese Erfahrungen auch einen „Preis“ haben. Es braucht die grundsätzliche Bereitschaft, der Mädchenkantorei bei der eigenen Freizeitgestaltung eine Priorität einzuräumen. „Wir proben zweimal in der Woche“, betont Sarah. „Und vor großen Konzerten gibt es auch Samstagsproben.“ Durchaus möglich also, dass andere Hobbys zurückstehen müssen. Zumal die Schule nicht vernachlässigt werden sollte. Oft haben die Mädchen nachmittags lange Unterricht“, stellt Martina van Lengerich fest. „Sie kommen dann um 17 Uhr in die Domsingschule, die Probe dauert bis 19.15 Uhr. Anschließend gehen sie nach Hause, essen zu Abend und dann stehen noch die Hausaufgaben an.“ Durch die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre sei der Zeitkorridor enger geworden.
Allerdings verweist die Domkantorin auch auf die Erkenntnis, dass Kinder und Jugendliche „leichter und besser“ lernen, wenn sie neben der Schule noch einen Ausgleich haben. Ein anders gelagertes Hobby, wie eben das Singen in einem Chor. Zudem haben die Schülerinnen jederzeit die Möglichkeit, wenn es zeitlich passt, gleich nach Unterrichtsende in die Domsingschule zu kommen und dort bis zum Probenbeginn ihre Hausaufgaben zu erledigen. Viele nutzen das. Derzeit gehören den Chören der Mädchenkantorei am Freiburger Münster insgesamt rund 100 Sängerinnen im Alter zwischen 6 und 22 Jahren an. Eine erstaunliche Zahl, auch vor dem Hintergrund, dass gerade in Freiburg die Konkurrenz in Sachen Chormusik nicht schläft, angefangen von ambitionierten Schulchören. Dazu kommt noch eine ganze Palette weiterer Erfolge – nicht nur bei den zahlreichen Konzertauftritten, sondern auch bei bedeutenden Chorwettbewerben sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene.
Herausragend war sicher der 1. Platz beim Deutschen Chorwettbewerb in Dortmund im Jahr 2010 in der Kategorie der Kinderchöre bis 13 Jahre. Und gerade erst vor wenigen Wochen machte sich die Mädchenkantorei selbst noch ein besonderes Jubiläumsgeschenk: Sie errang beim gleichen Wettbewerb in Hannover einen zweiten Platz in der Kategorie „Kinderchor bis 16 Jahre“.
Die erfolgreichen Sängerinnen der Mädchenkantorei und ihre Chorleiterin beim zurückliegenden Deutschen Chorwettbewerb in Hannover.
Für Martina van Lengerich sind die Chöre für Kinder und Jugendliche an der Freiburger Domsingschule, ganz unabhängig vom musikalischen Aspekt, auch eine Form kirchlicher Jugendarbeit. Das gelte gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Kirchenkrise. „Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich hier aufgehoben“, stellt sie fest. Zudem würden im Gesang Emotionen freigesetzt, die auf ganz eigene Weise einen Halt im Glauben vermitteln. „Es ist für mich immer wieder toll, wenn ich sehe, dass auch schüchterne und zurückhaltende Mädchen durch das Singen und durch die Gemeinschaft im Chor Kraft und Energie bekommen“, sagt sie. „Ich freue mich auf jede Probe.“
Michael Winter
Zweiter Preis beim 11. Deutschen Chorwettbewerb/Gottesdienst zum Jubiläum
Mit dem 2. Preis beim 11. Deutschen Chorwettbewerb in Hannover hat die Mädchenkantorei am Freiburger Münster in ihrem Jubiläumsjahr einen weiteren herausragenden Erfolg erzielt. Sie erhielt die Auszeichnung in der Kategorie „Kinderchor bis 16 Jahre“. Zudem erhielt der Chor eine Nominierung zur Sonderwertung „Zeitgenössische Musik“ mit dem Werk „O sapientia“ von Tadeja Vulc sowie den Sonderpreis für das beste Volkslied des gesamten Wettbewerbs, den sie sich mit dem Vokalensemble Sequenz aus Halle teilt.
Beim Preisträgerkonzert im Kuppelsaal des Kongresszentrums durften die jungen Sängerinnen ebenfalls mitwirken und das „Cantate Domino“ von Michelle Roueché vor vielen Hundert Zuhörerinnen und Zuhörern singen.
Die beiden Sängerinnen Amaya und Mona nahmen die Urkunde aus den Händen des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und des Präsidenten des Deutschen Musikrates, Professor Martin Maria Krüger, entgegen (Foto rechts).
Das 50-jährige Bestehen der Mädchenkantorei wird an diesem Sonntag, 16. Juli, unter anderem mit einem von Weihbischof Peter Birkhofer geleiteten Pontifikalamt um 10 Uhr im Freiburger Münster gefeiert – mit folgenden Beiträgen der Mädchenkantorei: Franz Biebl: Ave Maria; Bob Chilcott: Peace Mass; Douglas Coombes: O clap your hands Psalm 47; Steve Dobrogosz: Have I not Love. Dazu kommt die Uraufführung der Komposition A Prayer of St. Francis von Agneta Sköld.