Neben der Wallfahrtskirche des Klosters Waghäusel entsteht derzeit ein neues Wohnhaus für mehrere Generationen. Bauherrin ist eine Stiftung, die mit dem Projekt der Vereinsamung in der Gesellschaft entgegenwirken will. Titel des ganz besonderen Projekts: „Haus der christlichen Nächstenliebe.“
Das Kloster und die Wallfahrtskirche Waghäusel, im nördlichen Landkreis Karlsruhe gelegen, ziehen seit Jahrhunderten Menschen zum Gebet und zum Innehalten an.
Waghäusel ist wie das Haus am Weg“, sagte ein Priester einst über die Marienwallfahrtskirche. Seit fast 600 Jahren kommen Menschen an diesen Ort in Nordbaden, um zu beten, sich innerlich zu stärken und dann weiterzugehen. Im 17. Jahrhundert entstand das an die Kirche angeschlossene Kloster. Seit 1999 betreuen die Brüder vom Gemeinsamen Leben – Augustiner-Chorherren – die Kirche und das Kloster. Seit rund zehn Jahren gibt es ein Gästehaus, in dem Einzelne und Gruppen Tage des Gebets verbringen und Exerzitien absolvieren können, um danach in ihren Alltag zurückzukehren. Über diese Gastfreundschaft hinaus entsteht nun neben der Wallfahrtskirche etwas Neues: ein Wohnhaus für mehrere Generationen.
„Haus der christlichen Nächstenliebe“ heißt das Projekt. Geplant sind eigentlich zwei Häuser, verbunden durch ein Glaselement. Die Architektur entspricht dem Konzept des Hauses: Familien, Ehepaare, Alleinerziehende und Alleinstehende sollen in autonomen Wohnungen leben und sich zugleich in die Gemeinschaft einbringen. Privatsphäre ist gewährleistet. Doch jeder ist gefragt, den gemeinsamen Alltag mitzugestalten und den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern nach seinen Möglichkeiten beizustehen. „Das Miteinander macht die Gegenwart Gottes spürbar“, sagt Pater Robert-Maria Weinkötz, der Hausobere des Klosters und verantwortliche Wallfahrtsrektor. Die Stiftung „Häuser der christlichen Nächstenliebe“, die als Bauherrin, Eigentümerin und künftige Vermieterin auftritt, stellt sich eine familiäre Wohngemeinschaft auf christlicher Basis vor, wie Pater Robert-Maria erklärt.
Raum für offene Veranstaltungen, die an den Bedürfnissen im Quartier ausgerichtet sind
Die Hausgemeinschaft solle der Vereinsamung in der Gesellschaft entgegenwirken, ergänzt Jürgen Boulanger, Diakon der katholischen Seelsorgeeinheit Waghäusel-Hambrücken, der wie Pater Robert-Maria dem Vorstand der Stiftung angehört. „Bei Krankenbesuchen stelle ich immer wieder fest, wie die Einsamkeit sich ausbreitet.“ So soll das „Haus der christlichen Nächstenliebe“ auch nach außen offen sein und in die Kommune hineinwirken. Für die Mietwohnungen strebt die Stiftung eine ausgewogene Altersdurchmischung an.
Pater Robert-Maria (links) und Diakon Jürgen Boulanger studieren im Speisesaal des Klosters die Pläne für das Mehrgenerationen-Wohnhaus.
Die architektonischen Entwürfe entstanden in vielen Jahren ehrenamtlicher Arbeit durch Leo Götzmann, der auch Mitglied ist im Förderverein des Klosters; eingereicht wurden sie schließlich durch den Architekten Ralf Breitner aus St. Leon-Rot. Vorgesehen sind zwölf Wohnungen in verschiedenen Größen. Dazu kommt eine sogenannte Notwohnung für Menschen in schwierigen Lebenslagen, wie Schwangere, Wohnungslose oder von häuslicher Gewalt Betroffene. 80 Prozent der Wohnungen sind barrierefrei, eine Wohnung ist rollstuhlgerecht geplant. Für gemeinsame Aktivitäten, wie Singen, Musizieren, Basteln, Handarbeiten und Beten, werden Gemeinschaftsräume bereitstehen, darunter ein Mehrzweckraum mit großer Küche, der sich auch zum Feiern eignet. Das Haus soll überdies Veranstaltungen bieten, die nach außen offen und an den Bedürfnissen im Quartier ausgerichtet sind. „Zu unseren Visionen gehören beispielsweise eine Krabbelgruppe oder ein Mittagstisch für ältere Menschen“, berichtet Pater Robert-Maria. Die Stiftung ist darüber im Gespräch mit Vertretern der kommunalen Verwaltung.
„Für die Zukunft braucht es viel mehr solcher Häuser“, sagt Pater Robert-Maria
Als klimafreundliches Wohngebäude wird das Haus mit gedämmter Fassade und dreifach verglasten Fenstern sowie als Heizlösung mit einer Kombination aus Wärmepumpe und Photovoltaik errichtet. Für das Projekt hat die Stiftung von der Großen Kreisstadt Waghäusel ein Grundstück in der Umgebung der 1995 stillgelegten Zuckerfabrik gekauft. Das Grundstück grenzt an den „Garten der Auferstehung“, der zwischen Wallfahrtskirche und Gästehaus liegt. Die Planung ist abgeschlossen, die Baugenehmigung ist erteilt. Die Stadt hat der Stiftung lediglich zur Auflage gemacht, dass die Bebauung des Grundstücks bis Ende 2024 beginnen muss. Wenn alles läuft wie geplant, wird das Haus bis zum Ende des kommenden Jahres fertiggestellt sein.
„Für die Zukunft braucht es viel mehr solcher Häuser“, sagt Pater Robert-Maria
Das Projektvolumen beträgt insgesamt rund 4,3 Millionen Euro. Zwei Wohnungen werden die Brüder vom Gemeinsamen Leben kaufen und vermieten. Für die Stiftung „Häuser der christlichen Nächstenliebe“, zu der die Brüder vom Gemeinsamen Leben, der Förderverein Wallfahrtskirche Waghäusel sowie eine private Stifterfamilie gehören, bleibt das Projekt dennoch eine große Herausforderung. Das finanzielle Fundament ist gelegt – dank einer Großspende von rund 600 000 Euro, rund 3000 weiterer Einzelspenden sowie rund 300 regelmäßiger Spenderinnen und Spender aus der Region und darüber hinaus. „Rund ein Drittel finanzieren wir über ein Darlehen“, berichtet Jürgen Boulanger, der als ehemaliger Bankdirektor die Entwicklung von Inflation und Zinsen genau beobachtet.
Daher bittet die Stiftung weiter um Spenden. „Ein großer Kreis von Menschen ist bereits begeistert von unserem Vorhaben und unterstützt uns mit Geld und Gebet“, berichtet Pater Robert-Maria. Inzwischen hat sich auch ein Team gefunden, das die Verwirklichung des Projekts praktisch vorantreibt. Die Stiftung steht zudem im Austausch mit Initiativen zu ähnlichen christlichen Mehrgenerationen-Wohnprojekten. „Für die Zukunft braucht es viel mehr solcher Häuser“, sagt Pater Robert-Maria. „Sie tragen dazu bei, dass Menschen Geborgenheit in einer Familie finden – in Gottes Familie.“
Sibylle Orgeldinger
Mehr Informationen
Wer sich genauer über das Projekt informieren möchte, findet viele Informationen auf der Homepage www.kommt-und-seht.com Außerdem ist die Stiftung „Häuser der christlichen Nächstenliebe“ erreichbar unter Telefon (0 72 54) 92 88-0, per E-Mail: info@kommt-und-seht.com oder postalisch: Bischof-von-Rammung-Straße 2, 68753 Waghäusel.