„Mit sechs Füßen und der Bibel dem Leben auf der Spur“, so nennt Schwester Regina Hunder ihren Religionsunterricht. Der findet ab und zu an einem ungewöhnlichen Ort statt ...
Eine Möhre zur Motivation. Schwester Regina Hunder mit einem der Schulpferde und den Schülerinnen und Schülern, die an diesem besonderen Religionsunterricht teilnehmen.
Wer Schwester Regina Hunder mit ihrem Franz schmusen sieht, der weiß, dass es sich hier um die große Liebe handelt. Sie streichelt zärtlich seine Stirn und krault ihm den Hals. Er reibt seinen Kopf an ihrer Schulter oder stupst sie mit seinen weichen Nüstern. Franz ist ein Pferd, genauer gesagt ein Schulpferd im Mannheimer Reiterverein. Und Regina Hunder die letzte noch verbliebene Schwester im Ursulinenkonvent an der Jesuitenkirche. Vor zwölf Jahren hat sie durch Zufall ihre alte Leidenschaft fürs Reiten wiederentdeckt. Seither ergänzt sie ihren Religionsunterricht durch Bibelwochenenden im Stall. Sie werden so stark nachgefragt, dass man man meist mehrere Gruppen bilden muss.
Der Mannheimer Reiterverein liegt idyllisch zwischen Luisenpark und Neckar. Nur wenn der SV Waldhof im benachbarten Fußballstadion ein Heimspiel bestreitet, wird es hier lauter. Sonst hört man nur die Vögel und das Schnauben der Pferde. Sechs Schüler – fünf Mädchen und ein Junge – hatten sich für dieses Wochenende angemeldet. Zwei sind krank geworden. Die restlichen Vier nutzen nun die Chance, in der Begegnung mit dem Pferd herauszufinden, wie man mit Veränderungen und Angst umgeht. Doch vor dem Reiten steht die Bibelarbeit. Heute geht es um die spektakuläre Szene im Markus-Evangelium, in der die Menschen einen Gelähmten mitsamt seiner Bahre vom Dach in ein Haus hinunter lassen, damit Jesus ihm die Hände auflegen kann.
Vor dem Reiten kommt die Bibelarbeit
Wie fühlt man sich, wenn man hilflos und gelähmt ist? Wenn man sich nicht wehren kann? Ausgeliefert? Abhängig? Das muss ausprobiert werden. Immer zu viert stemmen die Schüler und die Lehrerin den stocksteifen „Gelähmten“ in die Höhe. Was nicht einfach ist. Weder für den, der getragen wird. Noch für die, die ihn tragen müssen. „Mit sechs Füßen und der Bibel dem Leben auf der Spur“ nennt Regina Hunder ihren Religionsunterricht im Reiterverein. „In den Unterrichtseinheiten geht es darum, dass die Schüler Situationen kennenlernen, die ihnen fremd sind“, erklärt sie. Und dass sie lernen, wie man mit dieser Fremdheit umgeht.
„Ausgeliefert“, sagen die Sechstklässler, hätten sie sich gefühlt, als sie „gelähmt“ waren. Hilflos, ängstlich, aber irgendwie auch erhoben und geborgen. Eine sehr ähnliche Mixtur aus Gefühlen werden sie später schildern, wenn sie zum ersten Mal den Sattelknauf loslassen, antraben und galoppieren. Alles an der sicheren Longe, versteht sich. Ganz Mutige wagen es sogar, sich auf die Kuppe des Pferdes zu legen, oder mit Blick zum Schweif „verkehrt herum“ im Sattel zu sitzen.
„Ich finde es äußerst wichtig, den Kindern schon von klein an den Umgang mit unseren Mitgeschöpfen nahezubringen“, sagt Peter Hofmann. Der erfolgreiche Unternehmer und gläubige Katholik ist seit vielen Jahren der Präsident des Mannheimer Reitervereins. Das Wort „Tier“ ist hier tabu. Man spricht ausschließlich von „Mitgeschöpf“. Ein Pferd sei kein Sportgerät, das nach Gebrauch einfach weggelegt wird, betont Hofmann. „Sondern es ist ein Geschöpf Gottes, vor dem ich Achtung habe und für dessen Wohlergehen ich sorgen muss.“ Auch das gehört zum Religionsunterricht. Zumal in der Großstadt.
Ein Herz und eine Seele: Schwester Regina Hunder mit ihrem Lieblingspferd Franz.
Die Schüler des Ursulinen-Gymnasiums sind nicht die einzigen jungen Gäste, die regelmäßig in den Reiterverein kommen. „Wir haben viele Anfragen von Kindergärten und von Therapeuten, die mit Kindern arbeiten, die nicht sprechen wollen“, berichtet Hofmann. „Mutismus“ nennt man diese psychische Sperre. Der Umgang mit Ponys kann da helfen. „Pferde setzen beim Menschen immer Emotionen frei“, weiß Peter Hofmann, der früher selbst erfolgreicher Springreiter war. „Viele Kinder beginnen tatsächlich, sich zu artikulieren.“
Der Zauber der Pferde wirkt auch bei den normalerweise durchaus gesprächigen Schülern von Schwester Regina. Allerdings in umgekehrter Richtung: Eben noch haben sie sich bei der theoretischen Arbeit am Bibeltext sehr zuversichtlich darüber geäußert, dass man mit Gottvertrauen und Loslassen-Können auch schwierigste Situationen meistert. Doch angesichts des hohen Rosses, das jetzt in die Reithalle geführt wird, sind sie sich da nicht mehr ganz so sicher.
Das geht auch Andreas Botsch so. Er ist evangelischer Religionslehrer am Ursulinen-Gymnasium, das von der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg getragen wird. Religionsunterricht ist am „Ursulinen“ Pflicht. Das Alternativfach Ethik wird nicht angeboten. Ebenfalls verpflichtend ist die Teilnahme an den Schulgottesdiensten. Leicht rückläufig, aber immer noch „zufriedenstellend“ sei die Zahl der Anmeldungen für das fünfte Schuljahr, berichtet Andreas Botsch. Seinen Leistungskurs Religion besuchen in diesem Jahr elf Schüler. Es gab auch schon Jahre, da waren es mehr. Der Leistungskurs ist ökumenisch. „Einen Jahrgang übernehmen die katholischen Religionslehrer, den nächsten die evangelischen.“
„Wer nicht über den Schatten seiner Angst springt, vergibt sich immer eine Chance“
Andreas Botsch besteigt ebenfalls zum ersten Mal in seinem Leben ein Pferd. Franz ist diesmal nicht am Start. Er hat sich eine Hufentzündung eingefangen und muss in der Box bleiben. Was Schwester Regina natürlich das Herz bricht. Und später zu extra vielen Streicheleinheiten und Karotten führen wird. Nicht nur von „seiner“ Regina, sondern auch von den Schülern. Statt Franz haben freundliche Helfer diesmal Lord gesattelt. Er ist auch hübsch und auch ziemlich groß. Angst und Mut sind jetzt plötzlich nicht mehr nur theoretische Themen.
Alle drei Gangarten, sollen die Schüler erleben, und sie sollen den Sattelknauf dabei möglichst loslassen. Was angesichts des stattlichen Stockmaßes des Pferdes ziemlich viel verlangt ist. „Hoch, schnell und schüttelig“, lautet denn auch der Erfahrungsbericht von Lehrer Andreas Botsch nach seinem Ritt. Doch er strahlt, weil er die Herausforderung bestanden hat. Und sogar im Trab und im Galopp den Sattel loslassen konnte. Stolz und Erleichterung überwiegt auch bei den Schülern nach ihrem ersten Ritt. Einige würden sogar am liebsten gleich wieder aufsteigen. Weshalb noch ein paar Ponys gebracht werden. Die sind nicht ganz so hoch.
Die 68-jährige Schwester Regina Hunder, die in Mannheim geboren wurde und selbst das Ursulinen-Gymnasium besucht hat, zeigt sich am Ende des Tages sehr zufrieden. Sie hat alle ihre Lernziele erreicht. „Mir ging es darum, den Schülern klar zu machen, dass in unserem Leben immer wieder Veränderungen und neue Herausforderungen auftauchen, denen man sich stellen muss. Soviel Angst man auch haben mag.“ Resümiert die passionierte Lehrerin. Für den Gelähmten im Markus-Evangelium war es der gefährliche Weg übers Dach, für die Schüler der Galopp auf dem riesigen Pferd Lord. „Wer nicht über den Schatten seiner Angst springt, vergibt sich immer eine Chance.“ Diese Weisheit wurmt gerade auch Religionslehrer Andreas Botsch. Sich rückwärts in den Sattel zu setzen und nicht mehr zu sehen, was vor ihm liegt, hat er sich nämlich nicht getraut. Wie die meisten anderen auch nicht. Jetzt bedauert er das ein wenig. „Vielleicht hätte ich das doch auch noch probieren sollen.“