Zu denjenigen, die sich über Jahrzehnte hinweg für die Seligsprechung des Märtyrerpriesters eingesetzt haben, gehört der Journalist Hans Lipp. Im Interview mit Michael Winter erläutert er, was ihn an der Person Metzgers besonders beeindruckt und wie sie ihn geprägt hat.
Der Journalist Hans Lipp, Jahrgang 1936, war ab 1983 lange Jahre Leiter der KNA in Freiburg. 2007 erschien seine Biografie „Max Josef Metzger – Prophetischer Märtyrer“.
Herr Lipp, in Ihrer langen journalistischen Tätigkeit haben Sie immer wieder an den Märtyrerpriester Max Josef Metzger erinnert und auch Biografien über ihn geschrieben. Wie haben Sie auf die Nachricht von der Seligsprechung reagiert?
Hans Lipp: Die Nachricht wirkte auf mich wie ein Lichtstrahl aus einem wolkenverhangenen Himmel. Sie kam nicht nur für mich überraschend. Wenige Wochen vor dem 80. Todestag Metzgers am 17. April 2024 hatte ich mich im Erzbischöflichen Ordinariat nach dem Stand des Seligsprechungsverfahrens erkundigt. Die Stabstelle für Öffentlichkeitsarbeit teilte mir mit, dass darüber nichts bekannt sei und es aktuell auch keinen engeren Kontakt zu den Verantwortlichen im römischen Dikasterium gebe. Umso größer war meine Freude. Das Erzbistum Freiburg hat ja schon 2006 das Erhebungsverfahren für eine Seligsprechung Metzgers gestartet und 2014, also vor zehn Jahren, mit einem positiven Votum abgeschlossen. Seitdem lagen die Unterlagen bei der zuständigen Vatikan-Bahörde; auch meine kleine Metzger-Biografie wurde in italienischer Übersetzung beigefügt.
Hatten Sie eine schnellere Entscheidung erwartet?
Eigentlich ja. Aber aus heutiger Sicht hätte es vielleicht keinen besseren Termin für die Anerkennung Metzgers als Märtyrer geben können. Sie erfolgte nicht nur rund um seinen 80. Todestag, sondern auch zu einem Zeitpunkt, an dem Metzgers Engagement, seine prophetische Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen und seine Visionen eine ganz neue Aktualität und Brisanz gewinnen. Es scheint fast so, als ob sie nicht vor vielen Jahrzehnten, sondern bezogen auf die heutige Weltlage formuliert wären. Metzger sagte ja über sich selbst, es sei immer sein Verhängnis gewesen, dass er der Zeit etwas voraus war und daher nicht verstanden werden konnte. Ich frage mich: Wird er heute besser verstanden, oder ist er auch unserer Zeit noch oder wieder voraus?
Würde er heute leben, was würde er am heutigen Zustand Europas und der Welt bemängeln?
Ich denke, er hätte heute ganz ähnliche Ansatzpunkte. Zwischenzeitlich – nach dem Ende des „Kalten Krieges“ – schien ja ein dauerhaftes friedliches Miteinander greifbar nahe zu sein. Doch seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine und weiteren Kriegen im Nahen Osten und anderen Teilen der Welt, verbunden mit den verheerenden Folgen der Klimaveränderung, leben wir wieder in Verhältnissen, die der Märtyrerpriester auf vielfältige Weise kritisiert hat. Das gilt auch für den verbreiteten konsumorientierten Lebensstil und nicht zuletzt für die Gottvergessenheit und die Abkehr von den Forderungen der Bergpredigt. Darin sah Metzger die eigentliche Ursache für die Kriege und Krisen. Schon 1939 prangerte Metzger in einem Aufsatz die herrschende Geld-, Ehr- und Herrschsucht, Genusssucht als „dreifachen Spuk des dämonischen Zeitgeistes“ an und beklagte schon damals, dass auch die Kirche dieser Versuchung ausgesetzt sei und ihr in ihren Vertretern „zuweilen erlegen ist und auch erliegt“. Das sei „ein ungeheurer Schaden für die Mission der Kirche“, die gerade auch darin bestehe, den Zeitgeist zu überwinden. Wie hätte er wohl erst auf den Missbrauchsskandal und den dadurch verursachten Schaden für die Kirche reagiert?
Eines der bekanntesten Fotos zeigt Max Josef Metzger wohl in seinen besten Jahren in Soutane und lächelnd (oben). Neben Straßen die nach ihm benannt sind, erinnen auch Stelen, Stolpersteine und Tafeln an ihn, wie das Relief in der Berliner Wildenowstraße, wo Metzger einige Jahre wohnte.
Sie haben sich schon in einer Zeit für die Seligsprechung Metzgers eingesetzt, als dieser im Erzbistum Freiburg noch gar kein großes Thema war. Wann und wie sind Sie denn mit ihm erstmals in Berührung gekommen?
Meinen ersten Text über Max Josef Metzger schrieb ich als Redakteur des „Informationsdienstes“ der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) im April 1974, zu seinem 30. Todestag – auf Anregung meines Freundes Reinhold Lehmann, der damals Generalsekretär von pax christi war. Die Friedensthesen Metzgers galten in dieser Zeit des „Kalten Krieges“ und Wettrüstens als „weltfremde Spinnerei“, zumal die DDR Metzgers Friedens-Thesen zuerst publizierte und Metzger als Kronzeugen gegen die westliche „Kriegspolitik“ inszenierte. Daher meinte unser damaliger Chefredakteur, ich hätte diesem weltfremden Idealisten zu viel Platz eingeräumt. Später habe ich anhand von Recherchen im Archiv des von Metzger gegründeten Christkönigs-Instituts in Meitingen sowie in vielen mit Metzger verbundenen kirchlichen Verbänden immer wieder Beiträge verfasst, in denen ich auf aktuelle Bezüge des Lebens, Wirkens und Sterbens des Märtyrerpriesters verwies. Verstärkt tat ich das ab 1983, als ich die Leitung der KNA-Landesredaktion in Freiburg übernahm.
Was hat Sie an der Person und am Denken Metzgers am meisten beeindruckt?
Grundsätzlich erkennt man Persönlichkeiten am besten daran, wie sie Lebenskrisen bewältigen. Und diesbezüglich hat mich vor allem die Art und Weise tief beeindruckt, wie Max Josef Metzger mit der schrecklichen Erfahrung des Schauprozesses vor dem Volksgerichtshof, dem Todesurteil und der zu erwartenden Hinrichtung umging. Was er nach dem Schauprozess ab Oktober 1943 im Zuchthaus der Todeskandidaten in Brandenburg-Görden erlebte, können wir uns heute nicht mehr vorstellen: In der kahlen Zelle von acht Quadratmetern trägt er Sträflingskleidung und Handfesseln. Nachts wird er von einem hellen Scheinwerfer angestrahlt. Als Vegetarier verzichtet er bei dem kargen Essen noch auf die minimale Fleischration. Jeder Tag kann sein letzter sein. Viele Mitgefangene durchleiden unter solchen Bedingungen Höllenqualen und haben jeden Hoffnungsfunken verloren. Ganz anders Max Josef Metzger: Er betet und schreibt, auch lange, tiefschürfende theologische Abhandlungen, Aufsätze, Briefe vor allem an die von ihm gegründete „Christkönigsgesellschaft“, Meditationen, Gebete, Rechtfertigungstexte, mit denen er für sein Handeln um Verständnis wirbt – und er komponiert Lieder, schreibt Gedichte. Was ihn in dieser fürchterlichen Umgebung beschäftigt, ist nicht sein eigenes Überleben, sondern wie die Welt diesen Krieg beenden und zu einem dauerhaften Frieden finden kann. Wie er sich selber fühlte, möchte ich mit einem wörtlichen Zitat aus einem aus dem Zuchthaus geschmuggelten Brief verdeutlichen: „In der Sicherheit der Gnade des Herrn, seines Ewigen Lebens, ist mein Alltag nun so ruhig und fröhlich geborgen, dass ich kaum mehr einen zagen Gedanken habe, der mich stärker bewegen kann.“
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Quelle: KBL
Sind Sie Metzger infolge Ihrer fortdauernden Beschäftigung mit seiner Person und seinem Denken und Handeln auch innerlich nähergekommen?
Das hat sich zwangsläufig so ergeben. Ich denke da zuerst an das Jahr 1994, das für mich aufgrund einer sehr schweren Erkrankung zu einem Schicksalsjahr wurde. In dieser Zeit hat mich Max Josef Metzger sozusagen tagtäglich begleitet, indem ich seine Briefe aus seinen drei Gefängnisaufenthalten zwischen 1933 und 1944 gelesen habe. Dass ich heute noch lebe, verdanke ich wohl nicht zuletzt diesen Briefen und einer noch intensiveren Beschäftigung mit dem Leben von Bruder Paulus. Nicht im Sinne einer spontanen und dauerhaften Heilung. Bis zum Jahr 2000 folgten weitere Operationen. Aber Metzgers Umgang mit seinem Schicksal hat bei mir selbst eine gelassene Haltung zu meiner Krankheit bewirkt und so wohl eine heilungsfördernde Wirkung erzielt.
Worin sehen Sie die besondere Bedeutung von Metzgers Leben und Sterben gerade für die heutige wieder so unfriedliche Zeit?
Sein Engagement für den Frieden in der Welt und die Einheit der Kirche hat er konsequent in seinem eigenen Leben umgesetzt, also nicht Forderungen „an die da oben“ gerichtet, sondern selbst ernst gemacht. Als Feldgeistlicher im Ersten Weltkrieg lernte er die Schrecken des Krieges hautnah kennen und wandelte sich vom Deutschnationalen zum Pazifisten. Als Seelsorger in einer Trinkerheilstätte sah er die Not der Alkoholkranken, half nach besten Kräften und wurde selbst zum Abstinenzler – und aus Tierschutzgründen zum Vegetarier. Durch seine internationalen und ökumenischen Kontakte wurde er zum Weltbürger. Konsequent setzte er die Forderungen der Bergpredigt im eigenem Leben um und war überzeugt, dass nur diese Wegweisungen des „Friedensfürsten Christus, des Königs der Liebe“ zu einem dauerhaften Weltfrieden in einer intakten Umwelt führen. Warum spitzt sich in unserer so materialistisch geprägten Zeit die Lage auf allen Ebenen so dramatisch zu? Spielt die Gottferne eine Rolle? Max Josef Metzger hat vorgelebt, dass Beten und damit eine praktizierte Gottverbundenheit menschliches Denken und Handeln positiv verändert.