Vor 80 Jahren starben fast 3000 Menschen bei der Bombardierung Freiburgs. Eine Fotoausstellung des Münsterbauvereins in Zusammenarbeit mit dem Münsterforum, ein Buch und ein Film erinnern an die damalige Zeit und wie das Münster wie durch ein Wunder fast unversehrt blieb.
Ein ikonografisches Bild des Kriegsfotografen Fritz Aly: Jungen stehen auf einem Trümmerhügel, hinter ihnen erhebt sich das weitestgehend unversehrte Münster. Auf dem Hügel wachsen einige Kartoffelpflanzen.
Es ist der 27. November 1944. Die Uhr am Münsterturm in Freiburg schlägt 19.45 Uhr. Ein sonniger Tag war es, jetzt scheint der Mond. Es ist ein heller Abend. Walter Heizmann ist mit seinem Bruder auf dem Weg zur Musikprobe der „Spielschar“ des Jungvolks. Sein Bruder hat heute Geburtstag. 16 ist er geworden. Die Mutter hat extra ein Linzertorte gebacken. Der kleine Manfred, gerade fünf Jahre alt, und sein Bruder sind schon bettfertig. Die 18-jährige Hedi Zimmermann feiert gerade im Café Stoll Abschied von ihren Freundinnen. Und Werner Kästle ist auf dem Heimweg in die Haslacher Straße. Der 12-Jährige hatte Hitlerjugend.
Dann beginnt es mit einem leisen an- und abschwellenden Surren. Kurz darauf heulen die Sirenen. Fliegeralarm! Erst erschallt das Brummen der britischen Flugzeuge, dann krachen die ersten Explosionen der abgeworfenen Bomben, verwandeln die Stadt in ein brennendes Inferno. Als Walter Heizmann und sein Bruder sehen, wie die ersten Markierungsbomben über der Innenstadt hinabfallen, fangen sie an zu rennen. Sie halten erst wieder, als sie zuhause sind. Und als Arno Krüger mit den anderen Hausbewohnern die Treppen in den Keller hinuntereilt, hören sie schon das Klirren der Fensterscheiben, die vom Luftdruck der Bomben zerspringen. Der 13-jährige Clemens Drescher, der zur Münsterandacht gehen wollte, sitzt in diesen Minuten bewegungsunfähig bei der Marienfigur im Münster, während andere in die Sakristei rennen, andere hinaus auf den Münsterplatz, wo die meisten von ihnen den Bomben und dem Feuer schutzlos ausgeliefert sind.
Wunder, Trost und Orientierung
Die 10-jährige Renate Heckenhahn läuft derweil im Keller auf und ab und betet immer wieder das Vaterunser. „Ich glaube, es hat uns gerettet.“ Hedi Zimmermann hat im öffentlichen Luftschutzkeller beim Bertoldsbrunnen Zuflucht gefunden. Nachdem eine Luftmine das Nebenhaus trifft, weiß sie nur noch, wie Männer sie aus dem Schutt befreien und auf einem Segeltuch zum Schlossbergbunker tragen. Von 19.59 bis 20.21 Uhr dauerte der britische Angriff auf Freiburg am 27. November 1944. 14 525 Bomben fielen in den 22 Minuten auf die Stadt. Brachten Zerstörung, Verwüstung, Leid und Tod. 2797 Menschen verloren an diesem Abend ihr Leben durch den Bombenhagel und die verheerenden Brände. Ein großer Teil der Altstadt war nur noch ein Trümmerhaufen. Doch zwischen den Schutt und Aschebergen ragte, wie durch ein Wunder, beinahe unversehrt das Freiburger Münster heraus.
Was die Menschen in jener Nacht erlebten, welche Spuren die Bombardierung hinterließ und wie die Menschen die Zeit danach erlebten, wie sie anpackten, wieder aufbauten, das alles können Interessierte derzeit in der kleinen, überaus sehenswerten Ausstellung „Sonst war es still. 1944 – Erinnerungen an die Bombardierung“ im c-punkt Münsterforum in Freiburg sehen. Gezeigt werden in der Ausstellung knapp 30 großformatige Fotos. Bilder vom Freiburger Münster, wie es zuvor mit Sandsäcken gesichert oder wie das Hauptportal mit einer Backsteinwand vermauert worden war. Und es präsentiert zahlreiche Bilder, die das ganze Ausmaß der Zerstörung offenbaren. Das Foto von einem Notbegräbnis in den Trümmern auf der Nordostseite des Münsters oder der Blick von oben auf die zerstörten, ausgebrannten Häuser der Altstadt. Noch heute beim Betrachten der Bilder faszinierend: wie sich zwischen all der Zerstörung noch das Münster erhebt. Für viele Menschen war es ein Wunder, dass das Gotteshaus mit seinem Turm den Angriff fast unversehrt überstanden hatte und ein sichtbares Zeichen des Trostes, wie in den Erinnerungen vieler Zeitgenossen deutlich wird. Gleichzeitig war der Turm auch ein Orientierungspunkt in der zerstörten, aus Häusergerippen und Trümmerhaufen bestehenden Altstadt.
Ein Luftbild auf das Freiburger Münster inmitten der zerstörten Altstadt nach dem Bombenangriff 1944.
Viele der ausgestellten Fotos haben einen geradezu ikonischen Charakter. Beispielsweise das Bild mit den Kindern auf den Trümmern stehend, im Hintergrund das Münster. Wer genau hinschaut, sieht auch die Kartoffelpflanzen auf dem Hügel. Auch einen ganz besonderen Charakter hat das Bild, das ein paar Jugendliche lächelnd auf dem Münsterdach zeigt. Noch im Winter 1944 wurde das Münsterdach mit der Hilfe vieler junger Mädchen und Knaben wieder notdürftig gedeckt. Die Kuratorin der Ausstellung und sozusagen ihre Mutter ist Andrea Hess. Sie verantwortet im Freiburger Münsterbauverein unter anderem die Fotosammlung. Immer wieder stieß sie bei ihrer Arbeit auch auf die Fotos aus der Zeit der Bombardierung und dem Ende des Zweiten Weltkrieges. „Das war immer wieder bedrückend und gleichzeitig beeindruckend“, erklärt Andrea Hess. So trat sie eines Tages an die Leiterin der Münsterbauhütte Anne-Christine Brehm mit dem Vorschlag heran, zum 80. Jahrestag der Bombardierung eine Fotoausstellung über die damaligen Ereignisse zu machen. In der Zeitung wurde ein Aufruf gestartet, dass Bildmaterial und Zeitzeugen und Zeitzeuginnen gesucht werden. Die Resonanz war riesig.
„Wenn man so etwas erlebt, das vergisst man nicht“
In der Folge führte Andrea Hess zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, die damals als Kinder und Jugendliche die schrecklichen Ereignisse erlebten. So wie mit dem heute 92-jährigen Werner Kästle. Ein rüstiger Rentner, wenn auch der „Rücken nicht mehr so will, wie er sollte“. Als die Bomben fielen, war er gerade auf dem Nachhauseweg. Er suchte Zuflucht unter der Ochsenbrücke, am Tag darauf war er auch nochmals in der Innenstadt und sah die ganze Zerstörung. „Wenn man so etwas erlebt, das vergisst man nicht“, sagt er. Und er erzählt davon, wie drei Wochen später bei einem weiteren Angriff eine Bombe das Haus seiner Familie traf. Er und seine Geschwister mussten ihre Mutter aus den Trümmern bergen. Sie hatte überlebt.
Viele Zeitzeugenberichte von damals sind auch in einem gleichnamigen, schmalen Buch versammelt, das zu der Ausstellung im Rombach Verlag in der Kleinen Schriftenreihe des Münsterbauvereins erschienen ist. Die Berichte, darunter auch Gedichte, Tagebucheinträge oder aufgezeichnete Erinnerungen, sind ergreifend zu lesen. Ebenso eindringlich: Der 45-minütige Film von Regisseur Ingo Behring, der noch zusätzlich im Rahmen des Projekts entstanden ist. In ihm erzählen die heute 80- und 90-jährigen Männer und Frauen, wie sie den Angriff und die damaligen Ereignisse als Kinder erlebt haben. Wie sie sie geprägt und auch traumatisiert haben. Und sie mahnen, dass so etwas nicht wieder passieren darf. Finanziell unterstützt wurde das dreiteilige Projekt durch die Erzbischof Hermann Stiftung.
Das Münster wurde im Laufe des Krieges immer stärker gesichert. Zunächst mit Sandsäcken (1939), später wurde das Hauptportal mit Backsteinen zugemauert und die Figuren auf den Säulen entfernt.
Die Arbeit an dem Projekt hat Kuratorin Andrea Hess viel gelehrt. „Ich empfinde eine große Dankbarkeit, dass wir in einer so friedlichen Welt aufwachsen konnten“, sagt sie. Und sie empfindet große Demut vor den Leistungen der damaligen Generation, wie sie dieses Drama durchgestanden und danach wieder alles aufgebaut haben. Nochmals zurück in die Bombennacht und zu den Erinnerungen von Walter Heizmann, der mit seinem Bruder so schnell er konnte nach Hause rannte, als die ersten Bomben fielen: „Daheim angekommen fiel uns unsere Mutter überglücklich um den Hals, froh, dass ihre beiden Buben noch lebten. Dann gab sie uns noch von der Linzertorte zu essen.“
Info
Zu der Ausstellung im c-punkt Münsterforum (bis 21. Dezember) gibt es ein breites Rahmenprogramm mit Führungen, Zeitzeugengesprächen, Filmvorführungen, spirituellen Impulsen und Stadtspaziergängen. Informationen unter: www.muensterbauverein-freiburg.de oder www.c-punkt-freiburg.de