Das Jahr 2024 hat für mehrere Weichenstellungen in der Kirche gesorgt. Klaus Gaßner blickt nicht nur zurück auf diese, sondern auch auf die großen aber auch kleinen Momente der vergangenen zwölf Monate, die in der Weltkirche, in Deutschland und im Erzbistum passiert sind.
Das Jahr 2024 endet mit vielen Fragezeichen. In Deutschland ist die Ampelkoalition zerbrochen, nun muss das Land im Februar eine neue Regierung wählen. Kurz zuvor wird im wichtigen Partnerland USA eine neue Administration das Ruder übernehmen, mit Donald Trump steht dann dort ein Präsident an der Spitze mit einem bizarren Lebenswandel, einer kompromisslosen, ja skrupellosen Sprache und mit wenig Zuneigung zu rechtsstaatlichen Formen und demokratischen Gepflogenheiten. Mit seinem Motto „Make America great again“ kündigt er einen so pointiert proamerikanischen Kurs an, dass Konflikte mit anderen Regionen der Welt nicht ausbleiben können. Europa wird sich damit schwertun.
Freilich: Meist kommt es anders, als man denkt, dies war schon in der ersten Regierungszeit Trumps zu beobachten. Und dennoch darf sich die Bundesrepublik auf neue Herausforderungen vorbereiten. Im Klimaschutz, aber auch in der Verteidigungspolitik wird es zu erheblich schwierigeren Bedingungen kommen – und letzten Endes wird das viel Geld kosten. Diese Entwicklung fällt in eine Zeit, in der Deutschland ohnehin stark unter Druck steht. Zum Jahresende 2024 häufen sich die Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft, einstige Industriegrößen wie die BASF oder Autobauer wie VW vermelden Schwierigkeiten, legen Sparprogramme auf und kündigen den Abbau von Arbeitsplätzen an.
2025 geht die Zeit deralten Pfarreien zu Ende
Schon im Frühsommer hat sich bei Landtagswahlen im Osten des Landes gezeigt, wie uneben die politische Landschaft geworden ist. Wie polarisiert die Gesellschaft ist, dies ist regelmäßig Gegenstand von Talkshows und Politikerreden.
Und über all den Unstimmigkeiten ziehen weitere dunkle Wolken auf. Die Kriege im Osten Europas und im Pulverfass Nahost bergen in sich die Gefahr längerfristiger Verwerfungen. Sie künden auch von Verteilungskämpfen, die den Globus in Atem halten werden. Denn klar ist: Die Welt wird ihre begrenzten Ressourcen neu und gerechter aufteilen müssen, angesichts rasant wachsender Gesellschaften in Asien und Afrika. Die reichen Ländern des Westens müssen sich mit den berechtigten Wünschen aus vielen unterentwickelten Ländern ernsthaft auseinandersetzen. Schon jetzt kündigt der Migrationsdruck ein Vorspiel, was da noch kommen könnte. „Der derzeitige ethische Umgang mit Geflüchteten an unseren Grenzen muss uns zu denken geben“, sagte Erzbischof Stephan Burger dazu bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda. „Gerade wenn Flüchtende unter Gefährdung ihres eigenen Lebens zu uns kommen.“
Die Caritas-Reise in den Kongo hat Erzbischof Stephan Burger tief bewegt.
Stephan Burger macht sich regelmäßig ein Bild von diesen Entwicklungen, als „Misereor-Bischof“ ist er regelmäßig unterwegs, im zurückliegenden Jahr war er in Kolumbien, im Kongo und in Peru. „Solche Reisen machen etwas mit einem“, sagte er einmal nach der Rückkehr. Besonders erschüttert zeigte sich der Erzbischof nach seiner Reise in die kongolesische Kriegsregion Nordkivu. „Dort habe ich unvorstellbar großes menschliches Elend und Leid erlebt. Bei der Ausbeutung der seltenen Bodenschätze in der Region zählt ein Menschenleben nichts“, sagte Burger.
Manche Probleme in Deutschland werden da ganz klein. Als im September das Kunstwerk „Gaia“ von Luke Jerram in der evangelischen Stadtkirche Karlsruhe 90 000 Menschen anzog, war das vorherrschende Fazit: „Wie verschwindend klein ist doch Deutschland ...“ Manchmal bedarf es offenbar auch solcher künstlerischer Darstellungen, um sich trivial scheinender Zusammenhänge wieder bewusst zu werden.
Dienstjubiläum beim Erzbischof
Stephan Burger feierte im zurückliegenden Jahr ein kleines Dienstjubiläum, zehn Jahre ist er nun im Amt. Das Jahr 2025 wird nun das letzte sein, in dem das kirchliche Leben im Erzbistum Freiburg in seinen in Jahrhunderten gewachsenen Strukturen vonstatten gehen wird. Am 1. 1. 2026 wird der große Umbau wirksam, dann hören die alten Pfarreien auf zu exitieren und gehen auf in den neuen, größeren Einheiten. Entscheidende Weichen wurden in den zurückliegenden Monaten für die „Kirchenentwicklung 2030“ gestellt. Schon Anfang des Jahres wurden die neuen Leiter der Großpfarreien benannt, der eine oder andere hat seinen Dienst schon angetreten, das führt dazu, dass hierzulande Emotionen des Abschieds und des Neubeginns munter miteinander abwechseln. Mittlerweile füllt sich das Personaltableau immer mehr. Als wichtig gilt die Einstellung sogenannter Pfarreiökonomen, die künftig als Verwaltungsleiter den Pfarrern zur Hand gehen sollen. „Es wird viel zu viel über Strukturen geredet“, das ist einer der Sätze, die 2024 immer wieder in den Leserbrief-Spalten des Konradsblatts zu lesen waren.Aber es gibt sie ja auch, die andere Seite. Die 72-Stunden-Aktion der katholischen Jugend hat mal wieder deutlich gemacht, wie vital katholisches Leben im Südwesten sein kann. Mehr als 8500 Mädchen und Jungen legten sich im Südwesten ein Wochenende lang ins Zeug: In Haßmersheim reinigten Pfadfinder den Ort und führten die gesammelten Abfälle einer Wiederverwertung zu. In Stegen wurde das Außengelände eines Kindergartens verschönert, in Karlsruhe der Vorgarten einer Kirche. In Stetten stellten die Aktions-Teilnehmer ein Quartierfest auf die Beine, das Hospiz, Demenz-AG und Tagespflege miteinbezog. Und viele mehr. Ansteckender Gemeinsinn ...
„Minis sind mega“, hieß es wiederum im Sommer, als über 6000 Freiburger Ministrantinnen und Ministranten zur Rom-Wallfahrt aufbrachen. Einmal mehr wurde deutlich, wie wichtig der Messdiener-Dienst für die kirchliche Jugendarbeit ist. Rom bot für die jungen Menschen vielfältige Eindrücke, vor allem aber: Begegnungen. Die Reise vermittelte das wichtige Gefühl, nicht allein zu sein. Unbestrittener Höhepunkt der Rom-Wallfahrt, die von sehr hohen Temperaturen geprägt war: Ein Abendgebet mit Papst Franziskus auf dem Petersplatz.
Farbiger Abschlussgottesdienst der Freiburger Ministranten und Ministrantinnen in St. Paul vor den Mauern bei der Romwallfahrt.
2024 zog die Bodenseeinsel Reichenau hunderttausende Besucher an. Grund war die 1300-Jahrfeier der Klosterinsel, zu der eine Große Landesausstellung in Konstanz einzigartige Dokumente präsentierte, die im Mittelalter auf der Reichenau angefertig wurden und mittlerweile verstreut in der Welt von einer großen Zeit berichten. Klöster wie die Reichenau waren einzigartige Orte des Wissens, der Bildung, der Kultur, aber auch der Barmherzigkeit. „Klöster haben die Forschungstradition begründet, die heute Baden-Württemberg zu einer der weltweit forschungsstärksten Regionen der Welt gemacht hat“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei der Eröffnung des Festjahres im Münster Mittelzell – und die ersten dieser „Schaffer und Tüftler“ seien Mönche gewesen, so betonte er. Auch diese Erinnerung steht einer modernen Gesellschaft heute gut an, die im Begriff steht, ihr Gesicht zu verändern.
Wandel in der Klosterlandschaft
Wer derzeit auf die Realität der Klöster in Baden schaut, der erkennt auch dort den Wandel. Regelmäßig kommen Einladungen zu Informationsveranstaltungen über „Strukturveränderungen“ in den Klöstern auf den Redaktionstisch des Konradsblatts. In Hegne, Bühl oder Gengenbach werden Weichen für die Zukunft gestellt. Nicht mehr benötigte Flächen werden zur Verfügung gestellt, um dringend benötigen Wohnraum zu schaffen, noch wichtiger: Pflegeplätze werden eingerichtet, die in einer Gesellschaft mit einer auf die Spitze gedrehten Alterspyramide so dringend benötigt werden wie kaum etwas anderes. Hier zeigt sich, wie traditionsreiche kirchliche Einrichtungen in dieser Zeit gesellschaftlich relevante Aufgaben identifizieren und gliechzeitig mit den verbliebenen Mitteln das große Erbe zukunftsfest zu machen versuchen.
Nicht immer wird es zur Zufriedenheit aller gelingen, auch dafür hält 2024 traurige Beispiele parat: In Bruchsal wird bedingt durch den Wegzug der Pallottiner nach über 100 Jahren eine Schulkapelle geschlossen, die über Generationen hinweg für Schülerinnen und Schüler des katholischen Paulusheims prägende Bedeutung hatte. Dies emotionalisiert natürlich viele Menschen und führt ihnen vor Augen, dass im viel bemühten Wort „Wandel“ auch sehr viel „Abschied“ steckt.
Von der Vielfalt in der Welt hat sich Papst Franziskus auch 2024 wieder sein eigenes Bild gemacht. Vor Ostern noch machten Nachrichten aus Rom die Runde, der Papst sei gesundheitlich angeschlagen. Aber Wochen später nahm der 87-Jährige wieder sein dichtes Reiseprogramm auf. Im Sommer startete er gar zu seiner längsten Reise überhaupt, gleich 16 Reden standen für ihn an auf der andere Seite der Welt. Gerade in Asien zeigte sich einmal mehr, wie unterschiedlich die Belange der katholischen Kirche sind.
Vatikan setzt Zeichen für die Ökumene
Die große Weltsynode, die im Oktober in Rom zu Ende ging, hat dazu weitergehende Überlegungen angestellt. Und indem der Papst all diese Überlegungen freigab, sind so die Türen aufgemacht, um den Ortskirchen künftig mehr Verantwortung zu übertragen. Man darf realistisch davon ausgehen, dass es einige Zeit benötigen wird, bis die Bischofskonferenzen diese ihnen übertragenen Verantwortung übernehmen werden. Und es wird, auch das ist sicher, zwischen dezentraler Überzeugung und zentralem Anspruch auch die eine oder andere Auseinandersetzung geben. Die Kirche wird ihr der Tradition verpflichtetes Gesicht sicher nicht im Sauseschritt verändern.
Als einer unter vielen nahm oft auch Papst Franziskus an den Debatten der Weltsynode teil. Anschließend verkündete er, dass das Schlussdokument Teil des ordentlichen Lehramtes und als solches anzunehmen sei.
Wie tief die Gräben sind, zeigte Anfang 2024 auch die Debatte um das vom Vatikan veröffentlichte Dokument „Fiducia supplicans“, das erstmals offiziell kirchliche Segnungen für Menschen erlaubt, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben. Von mehreren Bischofskonferenzen, insbesondere in Afrika, wurde dieses Papier scharf kritisiert. Wie wird in Zukunft das katholische Nebeneinander aussehen?
Nicht minder interessant war ein offizielles Papier mit dem Titel „Der Bischof von Rom“, das unter anderem von Kurienkardinal Kurt Koch im Sommer verbreitet wurde. Es sieht vor, die Vorrangstellung des katholischen Kirchenoberhaupts zu verändern, um den Dialog mit anderen Kirchen zu erleichtern. In Deutschland wurden die Überlegungen begrüßt, hier weiß man um die Notwendigkeit der Ökumene. Was auch der kleinste Katholikentag gezeigt hat, den es je gegeben hat. In Erfurt wurden wie selbstverständlich die evangelischen Kirchen für die katholischen Veranstaltungen geöffnet. Einhelliger Tenor: Angesichts des Wandels müssen die Kirchen gemeinsam ihre Stimme erheben. Nie wurde das Diktum des Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde (1930-2019) öfter zitiert als 2024: „Die Demokratie lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht gewährleisten kann.“ Bislang lieferten die Kirchen diese Voraussetzungen quasi nebenbei, weil sie eine übergroße Mehrheit der Menschen von frühen Jahren an sozialisierten. Wer soll das künftig tun? Bleibt ein Blick auf einen historischen Moment im Freiburger Münster: die Seligsprechung von Max Josef Metzger. Der Märtyrer unter dem NS-Regime war ein entschlossener Kämpfer für die Einheit der Christen. Sie erscheint heute in anderer Weise wichtiger den je.