„Jeder Austritt ist einer zu viel“

01.04.2025 |

Generalvikar Christoph Neubrand im Gespräch über die jüngste Mitgliederstatistik, die Kirchenentwicklung 2030 und die Schlagzeilen um die Pfarrei Baden-Baden und die Freiburger Dommusik.

Christoph Neubrand ist seit September 2021 als Generalvikar Leiter des Erzbischöflichen Ordinariats. 
 
Die Kirchenentwicklung 2030 geht nun rasant auf die erste spürbare Wegmarke zu: Am 1. Januar 2026 werden die Pfarreien ihre Rechtsstellung an die neuen Großpfarreien abtreten. Sie sollen den organisatorischen Rahmen bilden für das Leben der Katholiken im Südwesten – die weniger werden, wie die neuen Statistiken verdeutlichen. Christoph Neubrand leitet als Generalvikar die zentrale Verwaltung des Erzbistums. Klaus Gaßner sprach mit ihm über die vielfältigen aktuellen Herausforderungen.

Gerade wurden die jährlichen Statistiken zur Mitgliederentwicklung der Kirchen bekannt, Herr Generalvikar, wie haben Sie die Freiburger Zahlen aufgenommen?

Neubrand: Auch wenn die Mitgliederzahl sinkt, ist die katholische Kirche im Südwesten weiter stark und wichtig. Als Christinnen und Christen engagieren wir uns in allen relevanten Bereichen des Lebens, stehen an ihrer Seite in guten wie in schlechten Zeiten. Wir stellen hervorragende Schulen und Kitas und sind mit unseren Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorgern mit die ersten, die sich bei Unfällen oder Amokfahrten wie zuletzt in Mannheim um Menschen kümmern. Dies alles wird durch das Engagement der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden geleistet – und ermöglicht durch alle, die Kirchensteuer zahlen. Dafür will ich an dieser Stelle aufrichtig Danke sagen. Katholikin oder Katholik zu sein hat einen großen Mehrwert, es macht einen Unterschied in dieser krisengeschüttelten Welt. Deshalb ist jeder Austritt einer zu viel, wenngleich ich in Gesprächen die Gründe teilweise nachvollziehen kann. Aber wir, auch ich ganz persönlich, kämpfen um jeden einzelnen und um jede einzelne, dass es nicht zum Austritt kommt. Sorge macht natürlich auch die Anzahl der Taufen. Diese ist deutlich niedriger als die Zahl der Erstkommunionkinder. 

Nun werden diese Mitglieder schon in neun Monaten in neuen Pfarreistrukturen zuhause sein. Wie laufen die Vorbereitungen, wie sehen Sie persönlich auf den Zeitplan, was steht noch dringend an?

Es gibt nicht den einen Zeitplan; es sind 36 Pfarreien, die teilweise in unterschiedlichen Tempi unterwegs sind. Es gibt aber natürlich diözesane Meilensteine. Die Kenntnisnahme der 36 Kirchengemeinden durch das Kultusministerium ist ein solcher Meilenstein, die Veröffentlichung des Pfarreigesetzes ein anderer, die Besetzung der Stellen im Bereich Pfarreiökonomin und Pfarreiökonom und der entsprechenden Stellvertretung, die Bildung der Wahlvorstände, Festlegung der Stimmbezirke und Kandidierendensuche für die Pfarreiratswahl am 19. Oktober. 2025 wird ein herausforderndes Jahr in der Fläche der Erzdiözese und im Ordinariat, und am 1. Januar 2026 wird nicht alles perfekt sein. Als die Erzdiözese Freiburg errichtet wurde, ging es sechs Jahre, bis der erste Erzbischof im Amt war. Wir werden sicher keine sechs Jahre brauchen, bis wir alles „am Laufen“ haben, aber es braucht auch ein gewisses Maß an Gelassenheit. 

Manche sehen besorgt in die nahe Zukunft: Was sagen Sie diesen Gläubigen?

Zuversicht kann man auch im Bereich der Kirchenentwicklung nicht anordnen. In meinem Personalausweis steht als Augenfarbe „blau“; ich bin dennoch davon überzeugt, dass zuversichtlich und hoffnungsfroh nicht „blauäugig“ bedeutet. Wir planen im Bereich der Kirchenentwicklung 2030 das, was planbar ist. Wir wissen, dass wir aber am Ende immer wieder Einzelsituationen haben werden, auf die wir reagieren müssen. Wichtig ist für mich: Die Situation, auf die Kirchenentwicklung 2030 reagiert, ist nicht durch die Kirchenentwicklung 2030 entstanden. Der Rückgang der ehrenamtlich und hauptberuflich Engagierten, der Rückgang der Finanzmittel, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation, die Veränderungen durch Corona …. Ich bin davon überzeugt, dass Kirchenentwicklung 2030 die adäquate Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit ist.

Es gibt ja auch Orte, an denen man sich freut auf neue Möglichkeiten, dort wird schon jetzt losgelegt: Wird es einen Umbau in zwei Geschwindigkeiten geben?

Ich hoffe nicht in 36 unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Im Bereich der Pfarreien gibt es den Begriff des „schrittweisen Überganges“. Wichtig ist die Schrittfolge einerseits und das aufeinander Achten andererseits.

Derzeit überlagert die Personalie von Pfarrer Koffler in Baden-Baden alle anderen Themen. Sie haben zuletzt viele Gespräche geführt, gerade auch vor Ort: Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten auf neuen Frieden in der Pfarrei ein? 

Wenn die Erwartungen schwarz-weiß sind, wird es nicht einfach. Aber ich bin zuversichtlich, dass es Grautöne gibt, auf die man sich einigen kann. Unsere Aussage ist: Pfarrer Koffler wird eine Zukunft als Priester des Erzbistums Freiburg haben. Und auch die Menschen in der Raumschaft Baden-Baden sollen spüren, dass das Ordinariat kein eherner Block ist, sondern zu Lösungen bereit ist, die es Pfarrer Koffler ermöglichen, seine Stärken in der seelsorgerlichen Arbeit einzubringen.  

Welche Rolle hat denn die Fastnachtspredigt bei der Entscheidung gespielt für die Gespräche und die nachfolgende vorübergehende Auszeit von Pfarrer Koffler?

Die Predigt warf für uns die Frage auf, wie es mit dem Dienst des Priesters an der Einheit bestellt ist, wenn Spannungen zum Gegenstand einer Predigt werden und er diese nur einseitig behandelt.  In welcher Emotionalität steckt der Mitbruder, angesichts offensichtlich vorliegender Spannungen? Wir hatten in den vergangenen anderthalb Jahren viele Kontakte mit Menschen aus Baden-Baden, die uns signalisiert haben, welch gute seelsorgerliche Arbeit Pfarrer Koffler leistet. Doch nun ging es um die Frage, wie er mit Spannungen umgeht. Und wenn diese Spannungen gar im Bereich der Verkündigung, in der Predigt, auf einzelne, auch anwesende Personen fokussiert werden, dann haben wir ein Problem. Das ist nicht Inhalt unserer Liturgie, die unterschiedliche Menschen im Glauben zusammenführen will.

In den Medien wurde zuletzt immer wieder über den Erfolg von Beschwerdebriefen spekuliert, mit denen unliebsame Pfarrer im Ordinariat an den Pranger gestellt werden. Wie oft gibt es solche Klageschriften und wie gehen Sie oder die Personalverantwortlichen damit um?

Ich würde sagen, es gibt jede Woche eine solche Anfrage. Und die werden heute sehr genau gelesen. Noch vor 20 Jahren sind die meisten davon in den Papierkorb gewandert. Schon durch das Hinweisgebersystem sind wir gesetzlich zur aufmerksamen Prüfung verpflichtet, hinzu kommen unsere Erfahrungen durch die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. Wir schauen sorgfältig, welche Botschaften dahinterstecken. Sollte es sich um ernste Hinweise handeln, gehen wir natürlich umgehend in Gespräche.

Die Farbe der Schuhe und das äußere Auftreten gehören dazu aber eher nicht ... 

... nein, wir wissen schon ganz gut, dass es unterschiedliche Farben von Schuhen gibt. So etwas ignorieren wir. Sollte ein Regelgespräch mit dem betroffenen Pfarrer ohnehin anstehen, würden wir ihm vielleicht einen Hinweis geben, dass es Gemeindemitglieder gibt, die durch irgendetwas irritiert sind. Aber für uns ist das sicher kein weiteres Thema, wenn die seelsorgerliche Arbeit stimmt.

Ein anderes belastendes Thema war zum Jahreswechsel die Dommusik in Freiburg. Mittlerweile proben die Ensembles wieder, allerdings hat sich auch eine neue Chorakademie aus ehemaligen Mitgliedern formiert, die quasi konkurriert. Wie sehen Sie die Situation um die Freiburger Kirchenmusik kurz vor Ostern?

Die Formationen sind wieder am Arbeiten, auch wurde bereits wieder im Gottesdienst musiziert, darüber freuen wir uns. Die Domsingknaben, die Domkapelle, die Choralschola, die Kantorenschola und die Mädchenkantorei proben, beim Domchor tut man sich noch etwas schwer. In den zurückliegenden Wochen gab es viele Gespräche mit den Chören und Gruppen, die vom Domfabrikfonds unter der Maßgabe des Zuhörens geführt wurden. Da war noch viel Enttäuschung und Wut zu spüren. Aber es wird zu den hohen Kar- und Ostertagen wieder festliche Musik im Münster geben.

Wut und Enttäuschung mussten sie sich nun wiederholt aussetzen. Welche Konsequenzen ziehen Sie aus den Begleiterscheinungen der zurückliegenden Monate? 

Wie müssen sehr ernsthaft darauf schauen, wie wir in den Gremien wahrgenommen werden. Wir vermitteln Pfarrgemeinderäten, welche entscheidende Aufgabe sie haben – andererseits ist aber auch klar, dass die Personalverantwortung beim Dienstvorgesetzten liegt. Wir werden uns ernsthaft die Frage stellen müssen: Wann informieren wir wen? Wir müssen uns dabei auf die veränderte Mediensituation besser einstellen. Es darf nicht passieren, dass wir von anderen in der Kommunikation überholt werden und dann wieder etwas einfangen müssen.

Das sind unruhige Wochen auch für Sie persönlich. Wo finden Sie noch Abstand und Ermutigung? 

Also die Natur gibt mir da immer wieder viel, was mich aufbaut: Von meinem Büro schaue ich direkt auf einen großen Kastanienbaum und freue mich, zu sehen, wie er sich während des Jahres komplett verändert. Und dann gibt es immer wieder Menschen, die mir schreiben, dass sie das oder jenes gehört oder gelesen hätten und mir viel Kraft für die anstehenden Gespräche wünschen! Oder andere, die dankbar sind, dass ich Ihre Mail beantwortet habe, so etwas freut einen natürlich auch. Wichtige Kraftquellen sind für mich: Gebet, Bibel und Liturgie und das Vertrauen meines Erzbischofs, dessen Generalvikar ich sein darf.