Bruder Peter Jasper lebt seit 17 Jahren im Kloster. Der 82-Jährige erzählt, wie er vom Ehemann und Vater zum Benediktinermönch in Stift Neuburg wurde. Ein Weg, der laut Kirchenrecht eigentlich gar nicht möglich wäre.
Bruder Peter Jasper war Personalverantwortlicher in der Wirtschaft und Zeitsoldat, im Kloster berät er heute Erwerbslose. Der 82-Jährige war verheiratet und hat zwei Kinder und vier Enkelkinder.
Bruder Peter, Sie beraten in Stift Neuburg seit sechs Jahren Erwerbslose und Menschen in Berufskrisen. Wer kommt denn da so zu Ihnen? Das geht quer durch alle Altersschichten, Berufe und Bildungsniveaus: vom Journalisten bis zum ungelernten Arbeiter. Auch die Problemlagen sind sehr vielfältig.
Und wie gehen Sie vor, wenn ein Klient zum ersten Mal vor Ihnen sitzt? Viele haben schon erfolglos zig Bewerbungen geschrieben. Die müssen oft erst einmal ihren Frust loswerden – und ich höre einfach zu. Danach geht es dann darum, das Selbstbewusstsein wieder zu stärken.
Wie machen Sie das? Ich verwickele die Menschen ins Gespräch, so entstehen oft neue Perspektiven. Einmal fragte ich einen arbeitslosen Schweißer nach seinen Hobbys: Er war begeisterter Kletterer – natürlich schwindelfrei. Nach unserem Gespräch hat er sich erfolgreich bei einer Hochbaufirma beworben, wo er auf Gerüsten in 30 Metern Höhe arbeitete.
Sie haben mehr als drei Jahrzehnte als Personalchef gearbeitet. Dabei mussten Sie oft viele Arbeitsplätze abbauen. Ist Ihr jetziges Angebot eine Art Wiedergutmachung? Ja, genau so sehe ich das. Ich bin mit 60 in Vorruhestand gegangen, weil ich einfach keine Leute mehr rausschmeißen wollte. Und schon damals habe ich ganz bewusst die Seite des Schreibtischs gewechselt und nach meinem Renteneintritt ehrenamtlich Erwerbslose beraten.
Heute kommen die Menschen hier zu Ihnen ins Kloster. Spielt der Glaube in Ihren Beratungsgesprächen eine Rolle? Ja, das ist ein großer Unterschied zu meiner Beratungsarbeit früher. Viele nutzen mein Angebot jetzt eher als Aufhänger – sie wollen eigentlich etwas anderes. Da geht es um alle Probleme und Fragen, die das Leben so hergibt – auch religiöse Fragen.
Diese Menschen schicken Sie dann aber nicht weg. Nein, natürlich nicht. Aber ich sage schon immer gleich, dass ich weder Psychologe noch Therapeut noch Theologe noch Jurist bin. Manchmal vermittle ich die Menschen weiter. Ich selbst kann ja nur schöpfen aus meinem eigenen Leben.
Was heißt „nur“? Sie waren Personalchef, ehrenamtlicher Arbeitsrichter, Soldat, 40 Jahre lang verheiratet und haben zwei Kinder. Für einen Mönch ein sehr ungewöhnlicher Lebenslauf. Das ist wahr. Ein Mitbruder, der als junger Mann eingetreten ist und schon 60 Jahre hier lebt, sagte mal zu mir: „Ich bin da im Gespräch mit einem Herrn, der hat ein Eheproblem. Da kennen Sie sich doch besser aus, können Sie nicht mal mit ihm reden?“
Wie kam das denn, dass Sie 2006 mit 65 Jahren nach Stift Neuburg kamen? Ich bin in Osnabrück in einem gut katholischen Elternhaus aufgewachsen. Nach der Erstkommunion wurde ich Ministrant – und schon mit elf, zwölf Jahren interessierte mich die geistliche Berufung sehr, besonders die Orden: Ich war hingezogen zu diesem Gefühl der Ganz-Hingabe an Gott. Ich wechselte auf eine Internatsschule von Dominikanern in Vechta. Aber als ein blauer Brief mit dem Hinweis „Versetzung gefährdet“ nach Hause kam, hat mein Vater mich von der Schule genommen. So waren mir viele Wege – auch geistliche – erst einmal verbaut.
Aber in einen Orden hätten Sie doch trotzdem gehen können. Ich wählte einen anderen Weg: Ich lernte Buchbinder in Düsseldorf, wollte darauf aufbauend am Abendgymnasium Abitur machen. Mein Hintergedanke war: Klappt das mit dem Abitur nicht, habe ich einen Beruf, der in Klöstern gebraucht wird ... An Ehe oder Familie habe ich nicht ein einziges Mal gedacht. Aber dann feierte kurz vor dem Ende meiner Lehre mein Bruder Erstkommunion. Und da passierte es!
Was ist an diesem Tag passiert? Ich habe mich verliebt. Wir kannten uns als Kinder, jetzt war sie 18, ich 24. Und nun, am Weißen Sonntag nach Ostern, ich weiß es noch genau, haben wir uns Hals über Kopf ineinander verliebt. Ich war völlig konfus, überrascht, meine Welt stand Kopf. Wir wurden ein Paar.
Und Ihre geistliche Berufung war weg? Mein Weltbild hatte sich komplett gedreht. Ich hatte das Gefühl, der Herrgott hat etwas anderes mit mir vor. Nichts von dem, was ich vorher für meinen Weg gehalten hatte, galt mehr. Nun wollte ich eine Familie gründen – und ernähren können.
Wie war Ihre Beziehung zu Glaube und Kirche, nachdem Sie eine Familie gegründet hatten? Ich war gläubig, hatte mit der Kirche aber nicht viel am Hut. Ich war eine gewisse Zeit lang das, was man einen lauen Christen nennt. Doch als meine Kinder Erstkommunion hatten, änderte sich das. Ich dachte: Ich kann die doch nicht dahinschicken und stehe selbst abseits. Von da an habe ich mich wieder in der Kirche engagiert.
Und nun sitzen Sie, Jahrzehnte später, hier im Habit der Benediktiner ... Unsere Ehe wurde über die Jahre immer schwieriger. Aber eine Trennung war für mich nie eine Option, ich fühlte mich an unser Eheversprechen gebunden, komme, was da wolle. Erst recht, als meine Frau krank wurde, war für mich klar: Ich kann und werde sie nicht verlassen.
Doch dann hat sie Sie verlassen? Ja. 2005 hat sie mich verlassen. Es war kurz vor Weihnachten. Und wenige Tage später hatte ich abends völlig überraschend mein Berufungserlebnis.
Was genau geschah an diesem Abend? Ich machte mein allabendliches Ritual, bei dem ich die Bibel oder Thomas von Kempens „Die Nachfolge Christi“ zur Hand nahm, zufällig irgendwo aufschlug und ein paar Sätze las. An diesem Abend nehme ich das Büchlein von Kempens, in dem er im 15. Jahrhundert beschrieb, wie man als Mensch Christus nachfolgen sollte. Ich schlage es auf – und lese: „Die Gnade lässt sich mit äußeren Dingen und irdischem Troste nicht vermischen. Du musst also alle Hindernisse der Gnade aus dem Wege schaffen, wenn du wünschst, dass sie frei in dein Herz fließen soll. Suche dir einen verschwiegenen Ort aus und lebe da einsam mit dir ...“ Sofort stand mir meine Jugendzeit, mein damaliger Weg glasklar vor Augen.
Dachten Sie direkt wieder an den Eintritt in einen Orden? Ja. Aber zugleich dachte ich auch: Hör’ auf zu spinnen, das kann doch gar nicht sein. Es ist nicht möglich.
Katholische Mönche müssen ehelos sein. Im Kirchenrecht existiert keine Scheidung ... Genau. Und doch hat mich das nicht losgelassen. Also habe ich zwei befreundete Pfarrer konsultiert. Und beide rieten mir, dieses Erlebnis ernst zu nehmen, ihm zumindest nachzugehen, es nicht zu unterdrücken. Also überlegte ich mir: Ich könnte wenigstens als Dauergast in einem Kloster sein, dort gewissermaßen am Rande mitleben und mitarbeiten. Also habe ich mich landauf, landab in die Gästehäuser von Klöstern eingemietet – und mich jeweils nach ein paar Tagen „geoutet“.
Wie waren die Reaktionen? Ich habe mehrere Absagen bekommen. Wegen meiner familiären Situation, aber auch wegen meines Alters, ich war ja schon Mitte 60. Aber dann kam ich nach Neuburg. Mit dem damaligen Abt, Franziskus, war ich schnell auf einer Wellenlänge. Und so durfte ich 2006 einziehen – als Dauergast.
Heute sind Sie Benediktinermönch auf Lebenszeit.
Ich sagte ja: Es ist eine lange Geschichte (lacht). Ich erzählte damals meiner Frau, was mich bewegte. Sie hatte als Pfarramtssekretärin gearbeitet, kannte sich aus – und erklärte: „Dann strenge ich ein kirchliches Ehe-Nichtigkeits-Verfahren an.“ Ich dachte nur: Wie soll das gehen nach 40 Ehejahren? Ich war überzeugt, dass daraus nichts wird. Doch ich habe mich geirrt.
Es hat funktioniert! Meine Frau begründete ihren Antrag damit, dass sie von Beginn an die Unauflöslichkeit der Ehe nicht anerkannt habe – und dies auch seinerzeit einer Tante gegenüber geäußert habe. Zudem habe sie der Tante offenbart, dass sie mich nicht aus Liebe heirate, sondern sozusagen als Ersatzmann für ihre vorherige Jugendliebe. Die Tante hat das dem Kirchengericht der ersten Instanz in Rottenburg bestätigt, das in seinem Urteil dem Antrag meiner Frau entsprochen hat. Die zweite Instanz im Erzbistum Freiburg bestätigte das Urteil. Damit war unsere Ehe kirchenrechtlich annulliert.
Und für Sie war der Weg frei, Mönch zu werden. Ja. Und dafür bin ich meiner Frau noch heute dankbar. Zugleich war das sehr schmerzhaft, weil ich ihre Zweifel und ihre damalige Einstellung erst im Zuge dieses Verfahrens erfahren habe. Mein Sohn nahm es mit Humor, er fragte mich: „Heißt das, ich bin unehelich geboren?“
Es hat dann noch bis 2012 gedauert, bis Sie die Profess auf Lebenszeit ablegen durften. Sie waren 71 Jahre alt. Denken Sie manchmal: Ich habe so lange ein falsches Leben geführt? Nein. Ich habe jeden Schritt auf dem Weg dorthin als Zeichen gesehen: Es soll so sein, der Herrgott will es wohl so. Alles, was ich er- und durchlebt habe, hat Sinn gehabt. Auch wenn ich in den jeweiligen Situationen die Welt nicht verstanden habe, auch wenn es oft schwer war, auch wenn ich mit Gott gehadert habe: Es hat alles Sinn gehabt. Ich sehe heute Zufälle völlig anders: Wenn mir etwas zufällt, dann ist da jemand, der mir das zugeworfen hat. Ich gehe mit Neugier daran, auch wenn ich es erst einmal nicht verstehe.
Und dieser jemand, das ist Gott? Ich denke, ja. Ich empfinde das so. (Die Glocken läuten, Bruder Peter schaut auf die Uhr.) Oh, wir müssen zum Ende kommen, ich muss zur Vesper in die Kirche.
Das Gespräch führte Sebastian Riemer für die „Rhein-Neckar-Zeitung“ in Heidelberg.