Vor 1300 Jahren wurde das Kloster auf der Reichenau gegründet. Nun richtet sich die Insel zum großen Jubiläum her. Die Fahnen wehen im Frühlingswind und in den neu gestalteten Klostergärten blühen schon die Blumen und summen die Bienen. Zum Festjahr schön gemacht, hat sich auch die Münsterschatzkammer, die in den vergangenen Monaten aufwendig saniert wurde. Bald öffnet sie nun wieder ihre Türen und Besucher und Besucherinnen können die kostbaren Schätze bestaunen. Genau wie vor 1000 Jahren ...
Die Restauratorin Katrin Hubert im Gespräch mit dem Mesner Lukas Hafner über die Besonderheiten des kostbaren Markusschreins.
Staunen ist der erste Schritt zur Anbetung“, schrieb der französische Dominikaner Jacques Loew. Der Gründer der Arbeitermission St. Peter und Paul lebte im 20. Jahrhundert, zwischen ihm und den Benediktiner-Mönchen, die im Mittelalter auf der Reichenau beteten und arbeiteten, liegen somit einige Jahrhunderte. Das bedeutet aber nicht, dass die Reichenauer Mönche nicht auch schon damals um die Kraft des Staunens wussten.
Das Staunen, es gehörte zum festen Programm, wenn hoher Besuch auf die Insel kam. Geschäftig ging es im Münster St. Maria und Markus in Mittelzell zu, wenn die Heiligtümer der Abtei herausgeholt wurden – die kostbaren Schreine mit den Reliquien, die glänzenden Kelche und Kreuze –, um dann mit diesen den Gästen entgegenzuziehen, wie es aus Schriftquellen überliefert ist. Man zeigte, was man hat. Stolz war man auf der Insel auf den kostbaren Besitz, der für die Reichenauer Mönche Heiligtum und Identifikationsobjekt war.
Etwa 100 Jahre nach seiner Gründung 724 hatte das Kloster von Bischof Ratold von Verona die sogenannten Genesiusreliquien sowie Gebeine des heiligen Valens erhalten. Später wurden diese als Markusreliquien identifiziert. Weitere Schätze kamen dazu. Um 900 gelangte der Krug zu Kana auf die Insel, gegen 925 die Heilig-Blut-Reliquie. Um diese bemerkenswerten Reliquien entwickelte sich im Laufe der Zeit ein vielfältiges Schatzensemble, das Raum zum Staunen und zur Anbetung bot.
Der Staub, der Schimmel und das Problem der Luftfeuchtigkeit
Der Stolz auf diese Schätze, er ist den Reichenauern bis heute geblieben. Jede und jeder, der schon einmal zu einem der drei Inselfeiertage auf der Bodenseeinsel war, wird das bestätigen können. Wenn die Insulaner beispielsweise am Markusfest vom Münster mit den Schreinen die Burgstraße hoch über die Pirminstraße und den Ergat ziehen, wird diese Pracht gezeigt. Gleichzeitig der Glaube bezeugt und eine jahrhundertealte Tradition gelebt.
Es ist Anfang April, in drei Wochen wird die Große Landesausstellung zur Geschichte der Klosterinsel Reichenau feierlich mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann eröffnet. Noch ist das Staunen in der Reichenauer Münsterschatzkammer etwas eingeschränkt, denn die muss sich noch herausputzen. Alles ist noch ein bisschen unordentlich. „Wir haben noch einiges zu tun, aber wir werden alles bis zu Eröffnung hinbekommen“, sagt Martin Frei zuversichtlich, während er sich in der Mitte der Schatzkammer zwischen einer Vitrine und dem Werkzeugkoffer des Technikers, der die Alarmanlagen der Vitrinen anschließt, hindurchzwängt. Unter Abt Friedrich von Wartenberg wurde die ehemalige Sakristei des Münsters, in der die Münsterschatzkammer heute untergebracht ist, ab 1443 errichtet. Mit steinernem Kreuzrippengewölbe und mit Fresken an der Wand. Es war die letzte Hochphase der Reichenau, personell, spirituell und auch baulich.
In den vergangenen Monaten wurde die Münsterschatzkammer nun aufwendig saniert, sollte sie doch für die Besucherinnen und Besucher – und natürlich auch für die Insulaner selbst – zum Jubiläum im besten Licht dastehen. Genauer formuliert: mit der besten Luftfeuchtigkeit. Denn mit dieser war es so eine Sache in der Schatzkammer. „Die relative Luftfeuchtigkeit, die hier geherrscht hat, war für die Exponate nicht geeignet“, fasst es Architekt Martin Frei zusammen. Er steht gerade neben dem Fortunata-Schrein, der Gebeine der heiligen Fortunata bewahrt. „Auch die Schwankungen zwischen den Jahreszeiten waren überaus problematisch.“ Das perfekte Umfeld für Schimmel. So hatte sich dieser mit Staub, Schmutz und Grünspan auf vielen der Exponate breitgemacht.
Die Restauratorin Katrin Hubert im Gespräch mit dem Mesner Lukas Hafner über die Besonderheiten des kostbaren Markusschreins.
Auch deshalb war die Sanierung der Reichenauer Schatzkammer schon „sehr, sehr lange ein Thema“, wie Frei erklärt. Nun zum Jubiläum wurde das Projekt in Angriff genommen. Im März 2022 bekam Martin Frei den Auftrag für die Sanierung. Eine Herausforderung und ein Privileg gleichermaßen. Herausforderung, weil viele an dem Projekt beteiligt sind: Da ist der Baden-Württembergische Landesbetrieb Vermögen und Bau, da ist die Denkmalpflege und natürlich sind da auch die Kirchengemeinde und das Erzbischöfliche Ordinariat unter der Federführung von Linus Becherer, dem Leiter der Hauptabteilung Immobilien und Baumanagement, und seinem Stellvertreter Sebastian Bock, einem ausgewiesenen Kenner der Münsterschatzkammer. Und ein Privileg war es, weil die Sanierung eines solch historischen Ortes mit diesen Kunstschätzen nicht vielen in ihrer beruflichen Laufbahn vergönnt ist. „Das war für mich ein Projekt, in dem viel Herzblut steckt“, sagt Frei.
„Ich mache es nicht besser als mal war. Ich akzeptiere auch Fehlstellungen“
Mit einem neu eingebauten Lüftungs- und Trocknungssystem, das permanent überwacht wird, soll nun zukünftig „in der Münsterschatzkammer eine relative Luftfeuchtigkeit von 60 Prozent, plus, minus fünf Prozent herrschen“, führt der Architekt aus. Zudem wurde die Münsterschatzkammer auch mit neuer Sicherheitstechnik ausgestattet. Zusätzliches Sicherheitsglas wurde bei den Fenstern eingesetzt und die neuen Vitrinen sind dreifach alarmgesichert. „Luftdicht, aber nicht gasdicht“, erklärt Martin Frei eine weitere Eigenschaft der Vitrinen. 300 000 Euro haben diese gekostet. Gasdicht wären es noch einmal einige hunderttausend Euro mehr gewesen. Knapp eine Million Euro hat die gesamte Sanierung der Münsterschatzkammer gekostet. Das meiste Geld stammt aus Mitteln der Kirchengemeinde bzw. des Erzbistums. Großzügig unterstützt wurde das Projekt auch von der Erzbischof-Hermann-Stiftung.
Trotz des ganzen Stresses, der im Endspurt herrscht, Martin Frei freut sich sichtlich über das Ergebnis. „Schreiben Sie, dass es klasse wird“, sagt er begeistert. Die Frau neben ihm nickt zustimmend. Von allen lebenden Erdenbewohnern ist sie wahrscheinlich diejenige, die den Reichenauer Schätzen so lange so nahe war, wie niemand anderes. Katrin Hubert ist Restauratorin. Seit Oktober sitzt die Konstanzerin in der Münsterschatzkammer und arbeitet. Und arbeitet. Und arbeitet. So wie jetzt. Mit Brille und zusätzlich davorgesetzter Lupe sitzt sie auf einem kleinen Hocker. In der Hand ein Holzstäbchen mit Watte an der Spitze. Vor ihr steht einer der kostbarsten Schätze der Reichenau, der Markusschrein. Der älteste und der größte Schrein aller Reichenau-Schreine.
Dass es diesen Schrein in dieser Form gibt, ist Königin Elisabeth von Österreich (1262-1313) zu verdanken. Sie stiftete 40 Mark Silber, damit auf der Reichenau für ihr Seeelenheil und das ihres Mannes gebetet wurde. der Restauratorin die Nackenhaare auf. „Ich poliere nicht“, stellt Hubert fest. Zwar strahlen auch die Schreine, die sie mit einer Kollegin schon restauriert hat, aber eben „im alten und nicht im neuen Glanz“. Einige der „alt-strahlenden“ Schreine haben ihren Platz schon in ihren Vitrinen gefunden. Andere sind dagegen noch verborgen.
Konradsblatt-Leserreise
Mit dem Konradsblatt und dem Schwarzwald-Reisebüro können Interessierte im Herbst die Insel Reichenau erleben und dabei auch die Große Landesausstellung „Welterbe des Mittelalters. 1300 Jahre Klosterinsel Reichenau“ des Badischen Landesmuseums in Konstanz bei einer exklusiven Führung besichtigen.
Und nicht nur das. Auf dem Programm der Reise vom 2. bis 6. Oktober 2024 steht natürlich auch der Besuch der Insel Reichenau. Mit einer Besichtigung der drei Kirchen St. Georg, St. Peter und Paul und des Münsters St. Maria und Markus. Dabei wird selbstverständlich auch die neu gestaltete Schatzkammer besichtigt. Ebenfalls auf dem Programm: ein Besuch der Wallfahrtskirche Birnau, die Bibelgalerie Meersburg, eine Stadtführung in Konstanz, eine Fahrt nach Salem oder auch ein Sonntagsgottesdienst im Kloster Beuron. Sie übernachten im Bildungshaus St. Josef – Schloss Hersberg in Immenstaad, inklusive Halbpension. Mehr Informationen zu der Reise gibt es beim: Schwarzwald-Reisebüro Freiburg, Telefon (07 61) 2 07 79 22, E-Mail: pilgerbuero@der.com
Katrin Hubert nimmt einen großen Schlüssel und steckt ihn in das Schloss einer der beiden mächtigen Schränke, die zum festen Mobiliar der Sakristei gehören und schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Hubert öffnet die Tür und jetzt ist erst einmal Zeit zum Staunen. Im Schrank sind vorübergehend einige der Schätze verwahrt, die schon restauriert wurden: das kostbare Evangelistar (das einzige Handbuch aus dem Reichenauer Skriptorium, das noch heute auf der Insel ist), die kleine und edle Elfenbeinpyxis, (siehe auch „Mein liebster Schatz“) und im oberen Regalfach stehen glänzend die sogenannten redenden Reliquiare. Redend, weil die Form des Reliquiars gleich zeigt, was sich darin verbirgt. So glänzt im Schrank das Kopfreliquiar des heiligen Bartholomäus zwischen mehreren Armreliquiaren.
Und unscheinbar im unteren Teil des Schrankes, ein ganz besonderes Exponat: der Reichenauer Smaragd. Lange Zeit hielt man diesen grünlich gefärbten Glasfluss für einen echten Smaragden und für den größten seiner Art. Viele Menschen pilgerten in der Frühen Neuzeit auf die Insel, um ihn zu sehen; sozusagen der Beginn des Tourismus auf die Reichenau. Damit versammelt der Reichenauer Münsterschatz Objekte aus über zwölf Jahrhunderten, vom 6. bis zum 18. Jahrhundert. Neben der Architektur und der Buchkunst, die uns über die prächtigen Handschriften überliefert ist, ist es besonders dieser Schatz, an dem sich die Geschichte des Klosters noch am deutlichsten ablesen lässt.
Eine der weiteren Besonderheiten der Schatzkammer: Viele ihrer Exponate sind nicht nur noch kostbare Dinge zum Bestaunen, sondern Objekte, die noch benutzt werden, noch eine liturgische Funktion haben. Bestens weiß das auch Lukas Hafner. 29 Jahre alt, Reichenauer durch und durch und seit drei Jahren Mesner im Münster. „Das ist Heimat für mich, mein zweites Wohnzimmer“, sagt Lukas Hafner über das Gotteshaus. Und fügt dann noch hinzu: „Das ist auch ein erhabenes Gefühl an so einem geschichtsträchtigen Ort zu arbeiten.“
Was ein ordentlicher Reichenauer ist, der ist auch stets bei den drei Inselfeiertagen aktiv. „Bei uns sind schon immer alle in der Familie an den Feiertagen irgendwie beschäftigt gewesen. Jeder hat seinen Platz“, sagt Hafner. Auch er selbst: ob als Erstkommunionkind, als Ministrant, als Oberministrant, als Helfer des Mesners oder jetzt als Mesner.
„Das ist Heimat für mich, mein zweites Wohnzimmer“
Wenn das Markusfest, das Heilig-Blut-Fest oder Maria Himmelfahrt ist, dann beginnt der Arbeitstag sehr früh für Lukas Hafner. Zum sogenannten Schreckenläuten der Glocken um 5 Uhr (das die Reichenauer aus den Betten holen soll, damit sie ihre Arbeiten in aller Früh verrichten, um später beim Gottesdienst und der Prozession dabei sein zu können) ist er schon in der Kirche. Danach richtet er die Schreine für die Prozession her. Früher ein umständlicher Prozess: „Einer musste eine der Vitrinenscheiben seitlich hinausschieben und festhalten, und ein anderer dann den Schrein hinausheben“, erklärt Hafner. Mit den neuen Vitrinen wird das deutlich einfacher. Ein paar Schlüssel in die entsprechenden Schlüssellöcher stecken, einen Knopf drücken und der obere gläserne Teil der Vitrine fährt nach oben. „Das ist jetzt echter Luxus für mich“, sagt Lukas Hafner schmunzelnd.
Ihre Rechercheergebnisse hat Tanja Kinkel mit anderen Schriftstellerinnen geteilt und gemeinsam entstand das Buch „Reichenau – Insel der Geheimnisse“ – eine Sammlung von Kurzgeschichten. In Zusammenarbeit mit dem Badischen Landesmuseum hat Tanja Kinkel auch Texte für einen Audioguide erstellt, mit dem Besucher an verschiedenen Stellen der Insel in die Vergangenheit eintauchen können. In kurzen Dialogen werden Szenen aus der Klostergeschichte lebendig. Tanja Kinkel erhielt diverse Literaturpreise und internationale Stipendien. Mehrere ihrer Romane wurden verfilmt, viele in mehr als ein dutzend Sprachen übersetzt.
Tanja Kinkel und andere Autorinnen erzählen in dem Buch auf Basis wahrer Begebenheiten von Äbten und Mönchen, Weinbauern und Fischern, Kaiserinnen und Nonnen, die ihre Spuren auf der Insel hinterlassen haben.
Tanja Kinkel u. a., „Reichenau. Insel der Geheimnisse. Historische Geschichten aus 1300 Jahren“, Bonifatius Verlag, 2024, 224 Seiten, 18 Euro.
Nicht nur die Schreine aus der Schatzkammer sind noch im Gebrauch. Sondern beispielsweise auch die goldene Monstranz, verziert unter anderem mit rosa Edelsteinen, die schon in ihrer Vitrine an der Wand steht. Sie bewahrt die konsekrierte Hostie auf, wenn die Gläubigen mit der Monstranz an Fronleichnam durch die Straßen ziehen.
Oft ist Lukas Hafner in den vergangenen Monaten nach seiner Arbeit beim Ortsbauamt der Gemeinde Reichenau noch in die alte Sakristei gegangen, um Restauratorin Katrin Hubert bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Besonders faszinierend und spannend: die Momente, als Katrin Hubert im Beisein von Pater Stephan Vorwerk, einem der Mönche der Cella St. Benedikt und Pfarradministrator der Kirchengemeinde Reichenau, die Schreine öffnete. „Die Frage stellt man sich als Gläubiger ja schon, ob da die Reliquien auch drin sind.“ Sie waren drin. „Das war eine Erleichterung, sonst wäre man jahrelang voller Überzeugung mit leeren Schreinen umhergelaufen“, sagt Hafner.
„Das war manchmal auch eine Schatzsuche“, sagt Hubert, und erzählt, wie sie gemeinsam beispielsweise nach den Verschlussmechanismen einer der Schreine gesucht haben, wie sie selbst dem Rätsel mysteriöser Löcher nachgegangen ist oder wie sie die Verzierungen am Fortunata-Schrein in einem Reichenauer Dachfirst wiedergefunden hat. Nach ihrer Arbeit möchte sie alle ihre gewonnenen Erkenntnisse noch dokumentieren. „Viele der Rätsel konnten wir lösen“, sagt Hubert nicht ohne Stolz.
Mit Stolz werden die Reichenauer auch am 25. April zum Markusfest die Schreine wieder über die Insel tragen. Ganz ohne Schimmel und im alten Glanz. Damit die Besucher auch etwas zum Staunen haben.