Immer mit hundert Prozent

02.07.2024 |

Beruflich höchst erfolgreich, stürzte Jan Burghardt mitten im Leben in eine tiefe Sinnkrise. Am Ende stand die Rückkehr in die katholische Kirche, die er in jungen Jahren verlassen hatte.

Das Glück des Glaubens und der Beheimatung in der katholischen Kirche: Jan Burghardt und seine Frau Silke vor wenigen Wochen im Petersdom in Rom.
Mann. Jung und dynamisch. Intelligent. Erfolgreich im Beruf. Wohlhabend. Frau und zwei Kinder. Nach außen hin alles perfekt. Aber innerlich ein Gefühl der Leere. Daraufhin eine längere Suchbewegung. Über die Esoterik, den Buddhismus und freikirchliche Erfahrungen führt ihn der Weg schließlich dorthin zurück, wo er ursprünglich herkommt: in die katholische Kirche. Es ist wie ein Nachhausekommen. Alles ist gut.
 
Klingt das nicht alles fast schon zu klischeemäßig? Mag sein. Aber bei Jan Burghardt ist es wirklich ganz genau so gewesen. Wobei es ihm völlig fern liegt, mit seiner Geschichte „hausieren“ zu gehen. Im Gegenteil. „Ich bin eher scheu“, gesteht er gleich am Anfang unseres Gesprächs. Und tatsächlich dauert es einige Minuten, bis Jan Burghardt locker wird.
 
Das ist verständlich. Wer offen und ehrlich über seinen eigenen Glaubensweg spricht, gibt automatisch Einblick in den innersten Bereich seiner Persönlichkeit. Außerdem ist der 58-Jährige in Kirchenkreisen kein Unbekannter. Wohnhaft in Dürrn, engagiert er sich seit Jahren in seiner Pfarrei und im Dekanat Pforzheim.
 
Und dann kennen viele auch den promovierten Ingenieur Jan Burghardt, der sich als Organisationsberater und Führungskräftetrainer schon lange einen Namen gemacht hat und bedeutende Unternehmen zu seinen Kunden zählt. Wie kommt es in diesen Kreisen an, wenn er so offen von den Wegen und Umwegen seiner spirituellen Suche erzählt und davon, wie er mit dieser Suche tatsächlich ans Ziel kam? Aber je länger wir reden, desto lockerer wird Jan Burghardt. Bis es schließlich geradezu aus ihm heraussprudelt. Fast so, als ob er auch nach Jahren sein Glück noch nicht fassen kann: das Glück des christlichen Glaubens und der Beheimatung in der katholischen Kirche. 
 
Anders als in Sachen Glauben und Kirche verlief Burghardts Weg im beruflichen Bereich gradlinig und scheinbar völlig reibungslos. Nach seinem Maschinenbaustudium in Karlsruhe und der darauf folgenden Promotion im Jahr 1995 war er „aufgegleist“, wie er sagt. In Richtung einer Führungsposition im oberen Management. „Nach weltlichen Maßstäben hatte ich schon mit 35 alles, was sich andere Leute immer wünschen: einen Superjob, Geld, eine wunderbare Familie und einen festen, gesettelten Freundeskreis“, stellt er fest. „Es gab sogar Leute, die etwas neidisch waren.“ 
 
„Ich habe alles gemacht, was die spirituelle Welt bietet“
 
Sie konnten natürlich nicht ahnen, dass sich Jan Burghardt trotz seiner von außen betrachtet so erfolgreichen und rasanten beruflichen Karriere zunehmend unwohl, ja zeitweise sogar unglücklich fühlte. Dass es eine gewaltige „Leerstelle“ in seinem Leben gab und dass er selbst immer mehr „auf der Strecke blieb“, wie er sagt. „Geld erfüllt nicht, ebenso wenig der dritte Surfkurs oder der fünfte Skiurlaub“, stellt er fest. „Oft kann man in einer solchen Situation gar nicht beschreiben, was einem fehlt.“ 
 
Katholisch getauft, war Burghardt schon in seinen frühen Zwanzigern aus der Kirche ausgetreten, ebenso wie seine Frau Silke längst die evangelische Kirche verlassen hatte. Demnach zog es ihn bei seiner Suche zunächst in die großen Buchhandlungen und dort in die „Selbstfindungsecke“. Mehrere Jahre habe er vieles im Bereich Esoterik gelesen und „alles gemacht, was die spirituelle Welt bietet“, wie er sagt. Das war um das Jahr 2000 herum. Schließlich ging es in Richtung Buddhismus und die damit verbundenen Haltungen, die gerade für Führungskräfte aus dem Managementbereich sehr attraktiv sind: Ruhe, Gelassenheit, Achtsamkeit. Dass diese Haltungen auch im Christentum verankert sind, war ihm damals noch nicht wirklich bewusst. „Ich fand den Buddhismus wirklich schön“, sagt er. Zusammen mit seiner Frau traf Jan Burghardt sogar den Dalai Lama. Als er schließlich einen Bekannten in Malaysia besuchte, scheute er sich nicht, ein buddhistisches Kloster aufzusuchen und mit den Mönchen Mantras zu beten. Das war nur konsequent. „Alle die mich kennen, wissen: wenn ich etwas mache, dann in der Regel hundertprozentig“, betont er.
 
Hundertprozentig – das hieß für Jan Burghardt damals aber auch, sich nicht nur mit den im Westen populären und leichter verdaulichen Inhalten des Buddhismus auseinanderzusetzen, sondern auch mit dem Kleingedruckten. Unter anderem mit der Lehre, dass Menschen immer und immer wieder wiedergeboren werden, was ihm in keiner Weise attraktiv erschien. Just in dieser Phase des Zweifels und erneuten Nachdenkens fiel ihm Ende 2004 herum eine CD mit dem gesamten Neuen Testament in die Hände. Weil er rund 60 000 Kilometer im Jahr mit dem Auto unterwegs war, hatte er sie innerhalb von vier Wochen komplett durchgehört. 
 
Pünktlich zur Silbernen Hochzeit fand die kirchliche Trauung statt
 
Und dann ging irgendwie alles ziemlich schnell: Während ihr Ehemann noch Mantras sang, entschloss sich Silke Burghardt zum Wiedereintritt in die evangelische Kirche. Die bis dato ungetauften beiden Söhne nahm sie gleich mit. Als Buddhist stand Jan plötzlich „wie nebendran“. Und dann lud ihn der evangelische Pfarrer auch noch zu einem Glaubenskurs ein. Burghardt sagte zu und machte auch jetzt keine halben Sachen. Er organisierte seine Dienstreisen so, dass er zum Kurstermin montagsabends grundsätzlich zu Hause war und befasste sich somit über viele Wochen hinweg mit der Bibel, dem Christentum und der Kirche. Noch heute ist er dankbar für diese Zeit. „Ich habe von den Protestanten das Bibellesen gelernt“, sagt er. 
 
Kein Wunder, dass der evangelische Pfarrer eigentlich damit rechnete, dass auch Jan Burghardt, genau wie seine Frau und seine Kinder, alsbald in die evangelische Kirche eintreten würde. Aber dann kam es noch einmal ganz anders. Der Besuch einer katholischen Eucharistiefeier – erstmals seit seinem zehnten Lebensjahr – warf den Organisationsberater und Führungskräftetrainer emotional völlig aus der Bahn. In mystisch-überwältigender Weise wurde ihm die reale Gegenwart Jesu im Brot und im Wein zur Gewissheit. „Ich habe eine Stunde lang nur geweint“, erzählt er. In diesem Fall waren es Tränen der Freude und des Glücks, aus denen Jan Burghardt einmal mehr eine hundertprozentige Konsequenz zog: „Ich wusste, ich muss katholisch werden.“ Fortan ging er jeden Sonntag in die Messe, kam schnell in Kontakt mit dem damals neuen Pfarrer, der ihn einlud, sich zusammen mit damals über 90 Jugendlichen aus der Kirchengemeinde firmen zu lassen.
 
Jan Burghardt hält inne. So viele Jahre später erscheint er immer noch in hohem Maße innerlich berührt von dieser Wende in seinem Leben. Und natürlich schwingt bei diesem Rückblick auf die Zeit seiner religiösen Suche zwischen 1999 und 2005 immer auch die Frage mit, welche Faktoren dafür entscheidend waren, dass diese Suche an ihr Ziel kam.
 
Darauf gibt er im Laufe des Gesprächs – vielleicht eher unbewusst – eine doppelte, auf den ersten Blick fast widersprüchliche Antwort. „Kein irdischer Mensch hat meinen Weg begleitet“, sagt er. Will heißen: Er empfindet seine letztendliche Zuwendung zur katholischen Kirche schlichtweg als Gnade, als Geschenk von Gott. Zumal seine Frau Silke den religiösen Zickzack-Kurs ihres Mannes zeitweise gar nicht mehr nachvollziehen konnte. Ebenso wenig seinen vorübergehend übertriebenen Drang, alle zu bekehren. Auf der anderen Seite verweist Burghardt neben der göttlichen Gnade aber auch auf „Schlüsselpersonen“, die für ihn eine entscheidende Bedeutung hatten. Den evangelischen Pfarrer mit seinem Glaubenskurs, den katholischen Pfarrer, der ihm mit einem hohen Maß an Vertrauen begegnete und ihn „einfach machen ließ“, und auch Menschen aus dem Umfeld der Freikirchen oder der Charismatischen Erneuerung, die er kennen gelernt hatte. 
 
Den letzten „Kick“ aber erhielt Jan Burghardt durch die Begegnung mit der geistlichen Gemeinschaft „Regnum Christi“ im Jahr 2009, für die er sich seither ebenso unablässig engagiert. Und das zusammen mit seiner Frau. Denn sie konnte sich im Umfeld dieser Gemeinschaft ungeachtet aller vorausgegangenen Verwirrungen und Konflikte ebenfalls dazu entschließen, katholisch zu werden. „Damit waren wir auch konfessionell vereint“, so Jan Burghardt. Allerdings nicht kirchlich verheiratet. Das wurde nachgeholt. Pünktlich zur Feier der Silbernen Hochzeit. Dazu passt es, dass Jan und Silke Burghardt seitdem in der Leitung von Ehevorbereitungs- und Ehebegleitungskursen ihrer Gemeinschaft tätig sind. Natürlich mit hundertprozentiger Leidenschaft. Aber auch mit einem gesunden Maß an Gelassenheit und Zurückhaltung. So, wie es auch in Jan Burghardts Lieblingsstelle in der Bibel zum Ausdruck kommt. Sie steht im ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth und lautet schlicht: „Alles was ihr tut, geschehe in Liebe“ (16, 4).
 
Michael Winter