Dem Stern auf der Spur

16.12.2024 |

Für Christen spielt er jedes Jahr aufs Neue eine ganz wichtige Rolle: der Stern von Bethlehem. Auch die Astronomie hat Theorien dazu, was sich damals am Himmel abgespielt haben könnte. Ein Besuch im Planetarium Mannheim.

„Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ (Matthäus 2,2)
 
„Stern über Bethlehem, zeig uns den Weg, führ uns zur Krippe hin …“ – unzählige Male erklingt in der Advents- und Weihnachtszeit das Lied über den allseits bekannten Himmelskörper. Die meisten erinnern sich wohl noch aus Kindertagen an den Stern von Bethlehem als einen zentralen Bestandteil der Weihnachtsgeschichte – auch Christian Theis. Heute ist er Astrophysiker und leitet seit 2010 das Planetarium in Mannheim. Für einen Vortrag über den Stern von Bethlehem hat er sich ausgiebig mit dem Himmelsphänomen auseinandergesetzt. Obwohl das Thema eigentlich kein klassisches Forschungsgebiet der Astronomie ist, fasziniert es ihn.

Als Kind dachte sich der heute 60-Jährige, dass der Stern doch eigentlich ständig in der Bibel vorkommen müsse, wenn er doch eine so wichtige Rolle einnimmt. Heute weiß er, dass das nicht so ist. Denn in der Bibel kommt der Stern überraschend selten vor – viermal und auch nur im Matthäusevangelium. Ein Grund dafür ist sicher, dass astronomische Ereignisse in der Bibel wenig Bedeutung haben, „daher ist es schon was Besonderes, wenn viermal von so einem Stern die Rede ist, erklärt der Astronom, „und dieser Stern macht ja auch ein bisschen was“.

An der Stelle, an der der Stern zum ersten Mal in der Bibel auftaucht, befragen die Weisen oder „Magier aus dem Osten“ König Herodes. Diese Sterndeuter, vermutlich aus Babylon, legten etwa 1000 Kilometer bis Judäa zurück – einen mehrmonatigen, beschwerlichen Weg also. Ob es drei Weise waren „bleibt an dieser Stelle ungewiss“, meint Theis, die Anzahl der Geschenke – Gold, Weihrauch und Myrrhe – hätten zu dieser Interpretation geführt.
 
Die Berechnung des Sternenhimmels von vor 2000 Jahren ...

Durch modernste Technik können im Mannheimer Planetarium die Sterne realistisch in die Kuppel projiziert werden.
Wenn Theis über den Stern spricht, geht es um historische Himmelsereignisse zur Zeit um Jesu Geburt, um Theo­rien und moderne Berechnungsmethoden. Durch diese ist es heute möglich, den Sternenhimmel von vor 2000 Jahren zu berechnen. Das „überrascht die Leute oft“, meint Theis, aber „das geht sehr gut“. Auch wenn der Astronom am Ende selbst nicht sicher sagen kann, welches Phänomen sich hinter dem wohl bekanntesten und wichtigsten Stern des Christentums verbirgt, gibt es für Theis genügend Hinweise, dass hinter dem Bibeltext mehr steckt, „aber auf eine andere Art, wie man das vielleicht lange gedacht hat“.

Für gläubige Christen ist die Wissenschaft hinter dem Himmels­phänomen eher zweitrangig. Für sie ist der Stern ein Zeichen Gottes, dass die Menschen ihm vertrauen können und dass es für jeden einen Weg gibt, Gott im Leben zu finden. Das fordert Vertrauen – denn erst dann macht man sich auf den Weg. So wie die Sterndeuter: Ihr Weg war lang und mühsam, dennoch hielten sie durch, bis sie ihr Ziel erreichten.

Herodes, der von der Vorstellung, dass es einen neuen König geben sollte, alarmiert war, will ganz genau wissen, was die Weisen gesehen hatten. Für Theis liefert die Bibel dazu einige Fakten: Weil die Magier über 1000 Kilometer zurücklegten, „müssen sie dafür mehrere Monate gebraucht haben“. Weil der Stern – oder das Himmels­phänomen – laut Bibel immer vor den Weisen hergezogen ist, ist dem Astronomen klar, dass es über längere Zeit am Himmel zu sehen war. Gleichzeitig muss es wiederum so unscheinbar gewesen sein, dass der Großteil der Menschen die Vorgänge am Himmel überhaupt nicht wahrgenommen haben – oder zumindest nicht als besonders empfanden. „Sonst wären ja nicht nur die Sterndeuter dem Stern gefolgt“, erklärt Theis. Und so lassen sich ein paar der Theorien um den Stern ausschließen. Eine Supernova etwa, also eine Explosion mehrerer Sterne. „Das wäre extrem hell gewesen und hätte mit Sicherheit für mehr Aufsehen gesorgt“, meint er. Auch Kometen und Sternschnuppen scheiden aus – die sind nur für kurze Zeit sichtbar.
 
Die Dreifachkonjunktion von Jupiter und Saturn

Christian Theis ist habilitierter Astrophysiker und leitet das Planetarium in Mannheim.
Eine etwas plausiblere Theorie ist für Theis die Dreifachkonjunktion von Jupiter und Saturn im Jahr 7 vor Christus. Erstmals von Johannes Kepler im 17. Jahrhundert, berechnet. Bei einer solchen Dreifachbegegnung stehen zwei Planeten dreimal innerhalb weniger Monate scheinbar nah beieinander und erzeugen ein besonders helles Himmelsobjekt. Für Sterndeuter könnte das ein bedeutsames Zeichen gewesen sein, das sie aufbrechen ließ.

Aber dann ist da noch ein Rätsel: Warum werden die Weisen nach der Begegnung mit Jesus an keiner Stelle der Bibel – oder des Evangeliums – mehr erwähnt: „Wenn ich meinen Gott finde, würde ich ihn ja vielleicht später noch mal besuchen?“, hinterfragt der Astrophysiker. Die Frage ist berechtigt, aber auch, wenn die Weisen eine Schlüsselrolle spielen, konzentrieren sich die Evangelien auf die Geschichte Jesu – und nicht auf Nebenfiguren. Bei der letzten Erwähnung der Weisen im Matthäusevangelium wird berichtet, dass sie „auf einem anderen Weg“ heimkehrten – vielleicht, um Herodes zu umgehen. Oder weil die Begegnung mit Gott sie verändert hat. 

Theis betont immer wieder, dass es ein Fehler wäre, würde „man die Stellen genauso interpretieren, wie sie geschrieben stehen“. Man müsse sie im Kontext der damaligen Zeit lesen: auch die Bewegungen des Sterns. So kamen Experten zu dem Schluss, dass die Beschreibung der Sternbewegung eine Fachsprache aus damaliger Zeit sein müsse. Dass der Stern im Osten aufgeht, „beschreibt dann einen sehr genauen Zustand des Himmelskörpers“. Nämlich „wann das Objekt das erste Mal relativ zur Sonne zu sehen ist“, erklärt Theis. Für ihn liefern die Bibelstellen damit eine genaue Beschreibung, aus dem ein „exaktes astronomisches Ereignis wird“. Und dass der Stern vor den Weisen hergezogen und stehen geblieben ist, beschreibt dann eine „scheinbare Bewegung“ vor dem Sternenhintergrund.
 
Nur die, die suchten, erkannten das Zeichen

Obwohl nur wenige Menschen den Stern von Bethlehem damals wahrgenommen haben, hat er heute eine wichtige Bedeutung. Er wird zum Schlüsselereignis, das die Ankunft des Messias markiert. Zur Zeit Jesu jedoch war die Welt noch nicht bereit, die Bedeutung der Geburt Christi in vollem Umfang zu erfassen. Nur die, die suchten – wie die Weisen – erkannten das Zeichen.
 
Bereits 1927 wurde in Mannheim eines der weltweit ersten Planetarien errichtet. Vor 40 Jahren öffnete schließlich das 
„Planetarium Mannheim“ am heutigen Standort seine Pforten.
Und auch wenn der Glaube keine exakte wissenschaftliche Erklärung braucht, kann es spannend sein, die Zusammenhänge ein klein wenig aufzudröseln, genau hinzusehen, Dinge erklärbar zu machen – Unerklärliches aber auch mal unerklärlich sein zu lassen. Mit dem Wissen und der Lesart von heute machen Textstellen, die vor knapp 2000 Jahren niedergeschrieben und davor mündlich überliefert wurden, nicht immer Sinn. Betrachtet man sie jedoch mit den Augen der damaligen Astronomie und auch Astrologie, können auch Bibelstellen wissenschaftliche Antworten geben. Auch Theis fragt sich: „Wie haben es die Leute früher gelesen? Was wäre damals wichtig gewesen?“ Für den Astronomen ist die Geschichte über den Stern von Bethlehem ein Puzzlespiel, bei dem er verschiedene Teile zusammenzubringen will. Wenn er über das Phänomen spricht, freut er sich, „wenn jemand eine Idee davon bekommen hat, was der Stern gewesen sein könnte oder eben auch nicht“. 
 
So lange es den Sternenhimmel und das Universum gibt, wird es die Menschen immer wieder in seinen Bann ziehen, faszinieren und auch erfreuen. Vor allem besondere und seltene Ereignisse wie Supermonde, Sonnenfinsternisse, Kometen oder Sternschnuppen „da sind die Menschen ergriffen – das geht auch mit als Wissenschaftler so“, gibt Christian Theis zu. 
 
Der Blick in den Himmel, egal aus welcher Perspektive, bleibt ein unerschöpfliches Mysterium. Die Sterne faszinieren die Menschen seit jeher und stehen für unendliche Weiten und die unfassbare Größe des Universums. Das zeigt den Menschen, wie klein sie doch eigentlich sind – und wie groß hingegen die Schöpfung: rätselhaft und wunderschön zugleich. Eine doppelte Faszination, die immer wieder dazu anregt, nach Antworten zu suchen.

Yvonne Jarosch
 
  • Terminhinweis: „Der Stern von Bethlehem aus astronomischer Sicht“. Vortrag von Dr. Christian Theis, Planetarium Mannheim, Donnerstag, 19. Dezember, 19.30 Uhr. Einheitspreis: 6 Euro. Ort: Planetarium, Kuppelsaal. Karten gibt es hier