Ein Lichtblick im Abschied

08.07.2025 |

Noch sind Profanierungen seltene Ausnahmen im Erzbistum Freiburg. Dennoch gibt es sie. Auch in Gaiberg in der der Seelsorgeeinheit Neckar-Elsenz steht nun eine an. Hier hat man einen Prozess schon angestoßen, der in den neuen Pfarreien noch ansteht.

Kurz vor ihrem 70. Geburtstag wird die Kirche St. Michael in Gaiberg am 20. Juli profaniert.
 
Angenehm kühl ist es in der kleinen Kirche St. Michael in Gaiberg. Draußen knallt die Sonne über dem Kraichgau. In der Kirche präsentiert sich sommerlich angestrahlt das eindrucksvolle Reliefplattenkunstwerk an der Chorwand. Für einen Dienstagvormittag sind überraschend viele Menschen in dem Gotteshaus: Pfarrer Tobias Streit, seine evangelische Kollegin, Pfarrerin Saskia Lerdon, die Bürgermeisterin des Ortes, Petra Müller-Vogel, die Gemeindereferentin Tatjana Abele, und die beiden Stiftungsräte aus der Seelsorgeeinheit Thomas Sickinger und Helmut Mathies. Zusammen sitzen sie in der Mitte der Kirche auf den Kirchenbänken und erzählen von einer schwierigen Entscheidung, einem Abschied und einem Neubeginn.

Geweiht wurde die Kirche St. Michael in Gaiberg am 29. September 1956. Nun, kurz vor ihrem 70. Geburtstag, steht für die Filialkirche ein weiterer wichtiger Termin an. Ein trauriger. Am 20. Juli wird die Kirche, in der Menschen getauft wurden, Kinder Erstkommunion, Verliebte Hochzeit gefeiert haben, in der Menschen gebeichtet, gebetet, gedankt, gehofft, sich zum Gottesdienst versammelt haben, Eucharistie gefeiert haben, Gott gepriesen haben, in der sie Glaubensheimat gefunden haben, profaniert werden.
„Das ist eine der schwierigsten Entscheidungen, die man treffen kann“, sagt Pfarrer Tobias Streit, Leiter der Seelsorgeeinheit Neckar-Elsenz. Er hat sich in seiner Seelsorgeeinheit schon an ein Thema gewagt, dass an vielen anderen Orten in die Zukunft der neuen Pfarreien verschoben wurde: an die herausfordernde Frage, von welchen Gebäuden man sich zukünftig trennen kann. Eine Aufgabe, die den Plänen der Erzdiözese entspricht, die erklärt hatte, den kostenintensiven Gebäudebestand deutlich reduzieren zu wollen. Und auch zu müssen. 

In der Seelsorgeeinheit Neckar-Elsenz geht man diesen Schritt nun schon. Das war auch möglich, weil Tobias Streit zukünftiger Leiter der neuen Pfarrei Sinsheim St. Jakobus sein wird, die auch Neckar-Elsenz miteinschließen wird. „Das Heft des Handelns war bei uns vor Ort, deswegen bin ich dem Pfarrer sehr dankbar, dass er diesen Prozess schon begonnen hat“, sagt Stiftungsrat Thomas Sickinger – was nicht bedeute, dass es dann keine Wut oder Enttäuschung bei solchen Entscheidungen mehr geben würde. Aber man sei einfach näher dran. Gemeindereferentin Tatjana Abele stimmt ihm zu: „Ich denke auch, dass bei aller Dramatik dieser Entscheidungen es doch ein Beispiel ist, wie es gut gelingen kann.“  

Die Profanierung der Kirche St. Michael markiert dabei das Ende eines langen Prozesses, begleitet von Versammlungen, einer Klausurtagung und vielen Gesprächen. Zu Beginn dieses Weges stand als erster Schritt das umfangreiche Gutachten der Sachverständigen, die den gesamten Gebäudebestand der Seelsorgeeinheit geprüft hatten. Bei der Kirche in Gaiberg zeigte der einen hohen Investitionsbedarf. Auch sichtbar auf den Kirchenbänken. „Achtung Verbrennungsgefahr“ steht in dicker roter Schrift auf kleinen Hinweisschildern. Helmut Mathies zeigt die Heizungsrohre, die zwischen den Bänken über dem Fußboden verlaufen und die so heiß werden, dass schon mancher Gläubige seine Tasche oder seine Schuhsohle angeschmorrt hat.  

Ausgerüstet mit diesem Gutachten wurde in jede Ortschaft und auf jedes Gebäude geschaut. So wurde auch die Gaiberger Kirche dafür in Betracht gezogen, sich von ihr zu trennen. Unter anderem auch, weil neben dem hohen Investitionsstau die Zahl der Gläubigen drastisch zurückgegangen ist. „Gaiberg ist eine Zuzugsgemeinde, die meisten Menschen wohnen und schlafen zwar hier, haben aber ihren Lebensmittelpunkt in Heidelberg“, erklärt Tatjana Abele. „Wir haben auch wieder versucht, Leben in die Kirche zu bringen“, sagt Pfarrer Tobias Streit. So fanden beispielsweise die Aussendungsfeier für die Teilnehmenden des Weltjugendtages in Lissabon oder auch ein Gottesdienst mit allen Erstkommunionkindern zu Gründonnerstag in Gaiberg statt. Das Resultat war häufig ähnlich. Zwar waren viele Gläubige da, die meisten aber aus den anderen Kirchengemeinden. 

Weil eine mögliche Profanierung so ein gravierender Schritt ist, war für Pfarrer Tobias Streit und den Stiftungsrat klar, solch eine Entscheidung auf eine breite Basis zu stellen. Mehrere Gemeindeversammlungen fanden statt, bei denen unter anderem über die mögliche Profanierung und den Verkauf der Kirche gesprochen wurde. 

Die Kirche St. Michael ist nun eines von mehreren Gebäuden, das im Zuge des Prozesses in der Seelsorgeeinheit verkauft werden soll. Und dabei nicht die einzige Kirche. Die andere ist die Kirche in Mückenloch. Pfarrer Streit betont: „In jedem Ort werden wir etwas verkaufen.“ Überrascht waren schließlich alle, dass es mit der Profanierung in Gaiberg so schnell ging. Denn nur wenige Wochen, nachdem sie nach Freiburg geschrieben hatten, dass sie sich von St. Michael trennen würden, kam die Antwort mit dem Termin für die Profanierung am 20. Juli. Bei anderen Fällen hatten sie das anders erlebt.

Bei aller Trauer gibt es in Gaiberg auch etwas Trost. Einen ökumenischen und einen besonderen. Denn die katholischen Gläubigen finden eine neue Heimat in der evangelischen Kirche nur wenige hundert Meter die Straße hinunter, zusammen mit dem Tabernakel und dem Allerheiligsten. 

„Das ist sicherlich ein bisher beispielloses ökumenisches Vorzeigeprojekt“, schwärmt Pfarrer Tobias Streit. „Mit einer Symbolkraft nach Außen, weil es ja auch zeigt: Wir gehören zusammen.“ Schon seit vielen Jahren wird die Ökumene ganz selbstverständlich in Gaiberg gelebt. An den großen Festtagen wurde ökumenisch gefeiert. „Wir leben Einheit in der Verschiedenheit“, sagt seine evangelische Kollegin Saskia Lerdon. 

Tatjana Abele kann sich noch gut an das Treffen zwischen Gemeindeteam, den Kirchenältesten und den hauptamtlichen Seelsorgern erinnern, als es darum ging, wie man für die Zukunft der katholischen Kirche in Gaiberg eine gute Lösung finden könnte. „Das Erste, was einer der Kirchenältesten gesagt hat, war: ‚Ja, wo stellen wir jetzt den Tabernakel hin.‘ Das fand ich bewegend.“  Für Saskia Lerdon ist der Umzug des Tabernakels in die evangelische Kirche recht naheliegend: „Wenn man die katholischen Schwestern und Brüder einlädt, dann müssen sie auch das mitbringen dürfen, was ihnen am wichtigsten ist.“

Nun haben die beiden Gemeinden eine Nutzungsvereinbarung erarbeitet. Die besagt unter anderem, dass die katholische Seite bei Bedarf Gottesdienste in der evangelischen Kirche feiern darf. Und der Diakon kann, beispielsweise für eine Krankenkommunion, Hostien aus dem Tabernakel holen. 

Beim festlichen Gottesdienst zur Profanierung der Kirche am 20. Juli (siehe Infokasten) wird es dann eine besondere Prozession geben: eine Sakramentsprozession, bei der das Allerheiligste feierlich in die evangelische Kirche gebracht wird. Für den Tabernakel wird es auch einen passenden Platz geben, wie die evangelische Pfarrerin betont: „Da die Kirche vorreformatorisch ist, gibt es im Chor noch eine Sakramentsnische. Er kommt also da hin, wo er hingehört.“

Ein sehr schwerer Tag wird der 20. Juli für Gabi und Peter Kick werden. Das Ehepaar ist im Gaiberger Gemeindeteam. Als sie im Januar hörten, dass die Kirche schon im Juli profaniert werden soll, war das ein Schock. „Es ist sehr traurig und schmerzt“, sagt Gabi Kick. „Es ist halt unsere Kirche.“ Für das Ehepaar und das Gemeindeteam waren die letzten Jahre eine drastische Zeit und Erfahrung. Oft fühlten sie sich auch alleine gelassen, beispielsweise wenn sie Briefe nach Freiburg schrieben und keine Antwort erhielten. Trost und Dankbarkeit empfinden sie nun, dass sie eine neue Heimat in der evangelischen Kirche erhalten. 

Was mit der Kirche St. Michael nach der Profanierung geschehen wird, ist noch nicht sicher. Seriöse Interessenten könnten sich aber gerne melden, betont Pfarrer Tobias Streit.
 
Daniel Gerber