„ ... als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst ...“
12.08.2025 |
Das Fest Mariä Himmelfahrt versprüht viele Emotionen. Zwei Autoren haben ihre persönlichen Empfindungen niedergeschrieben.
Duftnoten mit grandiosem Farbspiel – Kräuterwiese im Sommer.
Stanislaus Klemm
Jemand hat einmal die kirchlichen Glaubensaussagen mit Hinweisschildern im Straßenverkehr verglichen. Diese Verkehrszeichen hätten keine Bedeutung, wenn man sie lediglich in einem Gebäude sorgsam sammle und aufbewahre. Man stellt sie hingegen genau an der Stelle der Straße auf, wo sie für die Verkehrsteilnehmer Schutz, Sicherheit und Hilfe bedeuten. So ähnlich seien auch die kirchlichen Glaubensaussagen für die Menschen immer in eine bestimmte Lebenssituation hineingesprochen, um Hilfe, Orientierung, Hoffnung und Sinn zu vermitteln. Nur als reine Lehrsätze in einem geschlossenen Glaubensgebäude seien sie für den Alltag bedeutungslos.
Wenn man an diesen Vergleich denkt, so erscheint mir das von Papst Pius XII. am 15. August 1950 proklamierte Dogma von der „leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel“ keine „neue“ Glaubens-aussage im eigentlichen Sinn zu sein, sondern wie eine Erinnerung an die „alte“ Osterbotschaft, die auf eine neue Weise in die damalige Zeit hinein verkündet werden sollte. Allen Gläubigen sollte in der Person Marias, der „Mutter aller Gläubigen“, ein neues Zeichen der Hoffnung gegeben werden. Warum aber gerade zu dieser Zeit? Der letzte der beiden schrecklichen Weltkriege lag gerade einmal fünf Jahre zurück, ein neuer „kalter Krieg“ begann. Alle Welt hatte auf unbeschreiblich grausame Weise erfahren müssen, wie leicht „Leib und Leben“ unter den Soldatenstiefeln zertrampelt werden können. Angst, Unsicherheit und Lebensekel machten sich breit. Zeitströmungen wie etwa der „Nihilismus“, jenes Gefühl der Verlassenheit und Ausgeliefertseins, in einer gewissen Ausformung auch der „Existentialismus“ regten die Phantasie in eine Richtung an, die das Leben eher in die Nähe der „Hölle“ als in die des „Himmels“ rückten.
Mitten in diese Dunkelheit hinein kam die Botschaft des jüngsten Kirchenfestes: Das Leben ist keine Höllenfahrt, das Leben ist Hoffnung! Das bedeutet: Es ist auf Versöhnung hin, auf Ganzheit, auf Heil hin gerichtet. Maria, die Mutter des „Menschensohnes“, ist stellvertretend für uns alle bereits „im Heil“, das heißt mit „Leib und Seele“, mit der ganzen Fülle ihres Menschseins. Ihr Schicksal ist die Vorwegnahme und die Einlösung eines Versprechens, das uns allen gilt.
Die zerstörte Einheit von „Leib“ und „Seele“, von „Materie und Geist“, „Himmel und Erde“, „Kultur und Natur“ möge wieder ein Ganzes werden. Wir sollten wieder daran denken und uns immer wieder bewusst machen, dass wir Menschen nicht in die alte Zerrissenheit von Geist und Materie hineinfallen sollten. Das tragische Auseinandertriften in unseren Köpfen von „Materie“ und „Geist“ muss in irgendeiner Weise wieder gestoppt werden. Beides muss sich doch berühren und einer Einheit entgegen streben, die sich als die Kraft hinter allem erweist, was ist, was war und was sein wird.
Das „Materielle“ hat leider mittlerweile einen sehr negativen Klang bekommen. Vom Wortstamm her hat „Materie“ etwas mit dem „Mütterlichen“ zu tun, jenem „Urgrund“, das uns eine ganz bestimmte Art des Seins zu schenken in der Lage ist: nämlich Mensch zu sein, dass wir uns – wie es der Philosoph Johannes Ell einmal formulierte – immer und überall als eine Einheit begreifen, als einen ständigen Dialog zwischen einem „stoffgebundenen Geist“ und einem „geistbegabten Stoff“.
Für mich persönlich hat Joseph Eichendorff in einer ganz außergewöhnlichen Weise diesen alten Wunsch der Menschen nach dieser Ganzheit von Leib und Seele sehr sinnenhaft symbolisch ausgedrückt. In seinem Gedicht „Mondnacht“ spürt er dem verborgenen Traum der Menschen nach: „...es war, als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst, dass sie im Blütenschimmer von ihm nur träumen müsst ... Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog über stille Lande, als flöge sie nach Haus.“ Wir erinnern uns dabei an eine alte biblische Weisung: „Ich will den Himmel erhören, und der Himmel wird die Erde erhören.“ (Hos 2, 23) Unsere zerstückelte und gebeutelte Erde darf nicht noch mehr in Stücke zerfallen. Nie war das Verlangen nach „Einheit“ stärker als in der heutigen Zeit. Und doch sind wir weiter davon entfernt denn je. Vielleicht ist Maria, die Mutter Jesu, gerade deswegen weltweit für unzählige Menschen eine vertraute Ansprechpartnerin, wenn Leib und Seele auseinander zu reißen beginnen, wenn die Ver„zwei“flung naht.
Das Fest Mariä Himmelfahrt geht bereits zurück bis ins 5. Jahrhundert. Ein Fest für „Leib und Seele“, ein Fest mit allen Sinnen. Mit dem Fest verbunden ist der Brauch der Kräuterweihe. Blumen und Kräuter, die in dieser Zeit gesammelt werden, bindet man zu einem Strauß zusammen, dem „Kräuterwisch“ und bringt ihn mit in den Gottesdienst. Der anschließende Segen über diese Kräuter, über ihre Schönheit, ihren Duft und ihre Heilkraft möge für den Menschen Heilung und Schutz mit sich bringen.
Annäherungen von Fabian Brandt
Duftproben: Manchmal, wenn man an Parfümerien oder Drogeriemärkten vorbeiläuft, bekommt man sie in die Hand gedrückt. Kleine Papier-kärtchen, die mit einem bestimmten Parfüm besprüht sind. Wem die Note gefällt, für den wird es vielleicht der neue Duft werden. Für alle anderen gibt es eine schier endlose Auswahl an Parfümen und Duftessenzen: Für jeden Geschmack ist etwas dabei, und bekanntermaßen sind die Geschmäcker ja höchst verschieden. Da ist es gut, wenn man einmal probeschnuppern kann und nicht die Katze im Sack kaufen muss. Schließlich möchte man einen angenehmen Geruch verströmen.
Duftproben werden am Festtag der Aufnahme Mariens in den Himmel beim Gottesdienst zwar nicht verteilt – dennoch riechen auch die Kirchen an diesem Tag ganz besonders. Das kommt von den bunten Sträußen aus Blumen und Kräutern, die dann mitgebracht werden, um sie segnen zu lassen. Die Kräuterweihe gehört in vielen Orten fest zu Mariä Himmelfahrt dazu.
Für viele Menschen ist es ein schöner Brauch, in den Tagen um den 15. August in die Natur zu gehen, um dort die verschiedenen Bestandteile für den Kräuterbuschen zu sammeln. Auch Heilkräuter und Blumen gehören in diesen Strauß, den man dann im Haus aufhängt. Er soll Unheil und alles Böse fernhalten, damit der Segen Gottes in das Zuhause der Menschen einziehen und dort das ganze Jahr über gegenwärtig bleiben kann.
Die Kräutersträuße schenken Kirchenbesucherinnen und Pflanzensammlern an Mariä Himmelfahrt eine Duftprobe des Himmels. Denn die alte Legende überliefert Folgendes: Als die Apostel, die mittlerweile in der ganzen Welt verstreut waren, nach dem Tod Mariens wieder in Jerusalem zusammenkamen, wollten sie die Gottesmutter noch einmal sehen. Also öffneten sie den Sarkophag, in dem Maria bestattet worden war. Aber anstelle des Leichnams fanden sie nur Kräuter und Blumen, die ihren wohlriechenden Duft verbreiteten.
Heilbringende Kräuter und bunte Blumen an einem Ort, an dem ein toter Mensch vermutet wird: Für die Apostel war das ein Zeichen des Himmels, ein Hinweis darauf, dass Maria in den Himmel eingegangen ist und dort auf ewig lebt. Der Tod hat keine Macht mehr – er ist vom Leben vertrieben und besiegt worden.
Deshalb bringen Menschen bis heute die Kräuterbüschel mit in den Gottesdienst. Sie sind weit mehr als ein schönes Brauchtum. Sie sind eine himmlische Duftprobe, die zeigt, dass die Ewigkeit nach Leben riecht, nach Freude und allem, was dem menschlichen Leben guttun will. An Mariä Himmelfahrt feiern Christinnen und Christen das Leben. Das Leben, dem kein Tod etwas anhaben kann, dem Leben, das auf ewig Bestand hat, weil Christus den Tod besiegt hat. Und so können wir glauben: Der Himmel riecht nach Leben.
Immer wieder heißt es im Blick auf die Eucharistie, sie sei ein „Vorgeschmack“ auf die künftige Herrlichkeit. Was dieser etwas sperrige Begriff bedeutet, das wird am 15. August auf sehr sinnliche Art und Weise erlebbar. Zu einer Zeit, in der der Sommer dabei ist an Kraft zu verlieren und der Herbst schon subtile Vorboten sendet. Die Kräuterbüschel sind ebenfalls ein Vorgeschmack dieser Herrlichkeit – eine Vorahnung für jenes Leben, das uns einmal erwarten wird. So bunt und vielfältig, wie die Kräutersträuße sind, so wird auch das Leben im Himmel sein, auf das wir hinleben und das wir erhoffen. Der Duft eines Menschen ist wie eine unsichtbare Visitenkarte, so sagt man manchmal. Und so tun Christinnen und Christen gut daran, wenn sie einen wohltuenden „Duft“ des Glaubens verbreiten.
Denn das zeichnet das christliche Leben aus: nicht auf den Tod hin zu leben, das Grab nicht als Endstation für immer zu betrachten. Vielmehr dürfen wir uns auf das Leben ausrichten und glauben, dass Christus uns an seinem Ostern teilhaben lässt. So, wie er Maria, seine Mutter, mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen hat. Diesen Duft des Lebens an allen Tagen zu verbreiten – das ist die Aufgabe, zu der gläubige Menschen berufen sind.
Stichwort: Mariä Himmelfahrt
Das Fest Mariä Himmelfahrt erinnert an die „leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel“. Das Fest ist seit dem 5. Jahrhundert belegt und damit eines der ältesten kirchlichen Feste. In der Bibel wird die Aufnahme Mariens in den Himmel nicht beschrieben. Papst Pius XII. verkündete sie dennoch 1950 als bisher letztes katholisches Dogma. In Deutschland ist Mariä Himmelfahrt nur im Saarland ein gesetzlicher Feiertag sowie im Großteil Bayerns.
Kräuterweihe
Zu den Traditionen gehören die Kräutersträuße, die in die Kirche gebracht werden, und je nach Region aus unterschiedlich vielen einzelnen Kräutern bestehen: Von 7 (Zahl der Wochen-/ Schöpfungstage), über 9 (dreimal drei für die Dreifaltigkeit), 12 (Zahl der Apostel), 14 (Zahl der Nothelfer), 24 (zweimal zwölf: zwölf Stämme Israels aus dem alten und zwölf Apostel Christi aus dem neuen Testament) bis gar 99. Besondere Gottesdienste am Hochfest
10 Uhr: Pontifikalamt zu Mariä Himmelfahrt im Freiburger Münster mit Erzbischof Stephan Burger (Livestream unter www.ebfr.de).
14.30 Uhr: Marienvesper zu „50 Jahre Krönung des Gnadenbildes“ in der Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Kirchhofen mit Erzbischof Stephan Burger.
19.30 Uhr: Eucharistiefeier mit Lichterprozession (Wallfahrt zur Schwarzen Madonna) mit Weihbischof Christian Würtz in der Wallfahrtskirche St. Johannes Baptist Hirschberg-Leutershausen.
20 Uhr: Festgottesdienst mit Lichterprozession in Christkönig Krumbach (Seelsorgeeinheit Elztal-Limbach-Fahrenbach) mit Generalvikar Christoph Neubrand.