"Fürchtet euch nicht!"

02.01.2026 |

Der Jahreswechsel bringt die einschneidendste Zäsur in der 200-jährigen Geschichte des Erzbistums Freiburg. Sie wird das Leben vor Ort spürbar verändern. Erzbischof Stephan Burger sprach mit dem Konradsblatt über die neue Zeit an jenem Ort, an dem er selbst lange seelsorgerlich wirkte: in der Pfarrkriche St. Pankratius in Burkheim.

Erzbischof Stephan Burger in einer Kirchenbank der St.-Pankratius-Kirche von Burkheim.
 
Wir sind hier in der alten Pfarrkirche von Burkheim, wenige Schritte von hier haben Sie lange Zeit im Pfarrhaus gelebt, in der Gemeinde waren Sie seelsorgerlich tätig. Mit welchen Gefühlen kommen Sie zurück nach Burkheim?

Stephan Burger: Burkheim war und ist mir ein Stück Heimat geworden. Hier habe ich mich wohl und angenommen gefühlt. Die Offenheit und das unkomplizierte Miteinander der Gemeindemitglieder, so wie ich es erfahren habe, hat mir viel Freude bereitet. Dazu haben sicherlich auch die Kulturlandschaft und das positive Verhältnis zum Wein, zum Weinanbau beigetragen. Ich habe schon vor Jahren erlebt, dass diese Pfarrei sehr eigenständig und gut unterwegs ist, dass vieles selbst initiiert wird. Gerade habe ich mit Mitgliedern des aktuellen Gemeindeteams gesprochen und freue mich, dass das Engagement noch immer groß ist. Und das wird auch, so hoffe ich, so bleiben, unabhängig davon, ob ein Pfarrer vor Ort sein sollte oder nicht. Von dem her gesehen, wird der Jahreswechsel – trotz aller Befürchtungen, die manche in sich tragen – meines Erachtens gar nicht so viele Veränderungen für die Gläubigen hier bedeuten. Sie wissen und sie merken: Kirchliches Leben steht und fällt auch mit dem, was vor Ort selbst getan und in die Hand genommen wird. 
 
Die Pfarrei St. Pankratius steht für eine große Tradition, für eine lange Geschichte. Sicher war dies keine stabile Geschichte, es war eine Vergangenheit mit Höhen und Tiefen, aber dennoch:  die Pfarrkirche war eine verlässliche Größe. Vor diesem Hintergrund bildet der 1. Januar nun doch eine Zäsur von historischer Bedeutung …
 
…. es ist historisch gesehen die größte Zäsur seit 200 Jahren innerhalb unserer Erzdiözese, sie wird einschneidend sein, ganz klar, so gesehen, eine besondere Herausforderung. Wir hatten 1048 Pfarreien, haben diese im Jahre 2015 in 224 Seelsorgeeinheiten zusammengefasst und künftig werden es noch 36 Pfarreien sein: Das ist natürlich ein totaler, riesiger Eingriff in die Rechtsstrukturen. Dass ich das so würde umsetzen müssen, hätte ich für mich nie gedacht. Als ich vor elf Jahren ins Amt kam, bin ich durch die ganze Erzdiözese gereist, habe alle Dekanate besucht, Gespräche geführt mit Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen. Da wurde mir immer klarer: Als in der Pastoral Tätige ersticken wir zusehends in immer mehr Verwaltungsaufgaben, ohne die dafür nötigen Qualifikationen zu haben. Auch die ehrenamtlich Engagierten kommen hier an ihre Grenzen. Es kann so nicht weitergehen. Zu viele sind oder fühlen sich überlastet. Das bedeut aber auch, ich muss daraus Konsequenzen ziehen, um wieder mehr Freiräume für das geistliche und pastorale Leben zu ermöglichen. Und als einer der ersten Schritte folgt daraus, die rechtliche Struktur, die Verwaltungsstruktur, neu aufzustellen. Das kommt jetzt zur Umsetzung …
 
… die vielen Sorgen bereitet … 

… für manche war es am Anfang noch weit weg. Sie dachten, das betrifft mich vielleicht nicht mehr. Und auf einmal ist es jetzt doch da. Mit der Umstellung betrete übrigens auch ich selbst Neuland. Auch wenn jetzt vieles ungewohnt sein mag oder manche Befürchtungen und Ängste da sind, so kann das aber nicht bedeuten, nichts zu tun. Im Gegenteil, es gilt, im besten Sinne die Zukunft zu wagen. 

Was macht das mit Ihnen persönlich? Mit Ihrem Namen wird dieser historische, Sie haben gerade gesagt, „einschneidende“ Schritt künftig verbunden sein.
 
Mir ging es bestimmt nicht darum, Geschichte schreiben zu wollen. Für mich ist es einfach eine Notwendigkeit aufgrund der faktischen Lage, in der wir uns als Kirche befinden. Nicht die Geschichtsschreibung steht hier im Vordergrund, sondern die Frage, wie wir das Evangelium auch für die kommenden Jahre und Jahrzehnte weiter an die Leute heranbringen. Welche Strukturen sind uns dazu dienlich und welche sind uns hinderlich? 

Sie werden beobachtet auch von Ihren bischöflichen Amtskollegen. So konsequent wie in Freiburg wird in kaum einem anderen Bistum der Wandel gestaltet. Fühlen Sie sich da als Vorbild? 
 
Jede Diözese hat ihre eigene Fragestellung, ihre eigene Geschichte. Auch im Blick auf die gewachsenen Pfarreistrukturen. Es steht mir nicht zu, hier irgendetwas beurteilen zu wollen, erst recht nicht im Vergleich zu anderen. Klar ist, alle bischöflichen Mitbrüder sehen sich dieser Herausforderung gegenüber und versuchen, sie auf ihre Art und Weise zu bewältigen. Manche waren schon früher dran, manche fangen jetzt erst an. Aber die Notwendigkeit besteht letztlich querbeet durch alle Diözesen hindurch. 

Herr Erzbischof, stellen Sie sich vor, Sie wären hier in Burkheim noch Seelsorger, wie würden Sie am kommenden Sonntag predigen?
 
„Fürchtet euch nicht!“ Das ist die ganz eindeutige Grundbotschaft. Ich trage die Kirche nicht weg, die Kirche bleibt am Ort. Die Leute wohnen weiter hier und es steht und fällt mit den Personen, die sich engagieren und einbringen. Dort, wo das bisher der Fall war, muss man sich um die Zukunft keine allzu großen Gedanken machen. Es wird und kann mit dem weitergehen, was bislang prägend und gut war. Viele Gläubige haben sich bislang, ich sage es mal so salopp, auch nicht um verwaltungstechnische Fragen gekümmert. Ihnen war wichtig: Ist der Seelsorger zu erreichen? Auf welche hauptamtlichen oder ehrenamtlichen Kräfte kann ich zugehen? Und wenn ein Gemeindeteam gut zusammenarbeitet, wenn Gläubige und in der Gemeinde Engagierte sich auf jene verlassen können, die in der Verantwortung stehen, dann wird sich das auch künftig gut weiterentwickeln. 
 
Den Blick hat er fest nach vorne gerichtet.
 
Stichwort Verwaltung: Es wird eine ganz entscheidende Rolle spielen, dass die Menschen, die sich einbringen, getragen fühlen von einer klugen Verwaltung. Eine Verwaltung, die versucht, die Belange vor Ort mitzudenken und Offenheit signalisiert. 

Das ist für mich die Grundvoraussetzung. Wir brauchen Personen, die sich mit unseren Verwaltungsaufgaben und den besonderen Herausforderungen kirchlicher Verwaltung auskennen. Die Herausforderungen für die Vermögensverwaltung sind so angestiegen, dass vieles nicht mehr nur im Nebenamt erledigt werden kann. Dazu gehört die Haltung, sich in den Dienst des Evangeliums gestellt zu sehen und mitzuhelfen, dafür die Voraussetzungen zu schaffen, dass die pastorale Arbeit gelingen kann. Insofern dient sämtliches Verwaltungshandeln der pastoralen Arbeit. Das ist das Grundanliegen dieses ganzen Strukturprozesses. Es geht darum, pastorales Leben zu ermöglichen. Hier braucht es eine gute Zusammenarbeit all jener, die mit den Verwaltungs- und Leitungsaufgaben betraut sind. Die in der Verwaltung Tätigen werden sicherlich auf das eine oder andere an Grenzen hinweisen müssen, gerade was die finanziellen Ressourcen angeht. Darin tragen jene auch eine besondere Verantwortung. Es kann auch nicht sein, dass wir künftig über unsere finanziellen Verhältnisse oder zu Lasten nachfolgender Generationen leben. Die Letztverantwortung für das pastorale Tun und die seelsorgliche Arbeit sowie für die dazu erforderliche Vermögensverwaltung einer Pfarrei liegt letztendlich beim Pfarrer und bei jenen, die sich in der pastoralen Arbeit und in der Vermögensverwaltung in die Mitverantwortung nehmen lassen.
 
Erzbischof Burger im Gespräch mit Konradsblatt-Chefredakteur Klaus Gaßner.
 
Was glauben Sie, wird letztlich ausschlaggebend sein, ob sie zum Erfolg wird, diese Kirchenentwicklung 2030? 
 
Die Bereitschaft, sich auf das Neue einzulassen und sich wirklich am Grundauftrag von Kirche zu orientieren: Es geht um die Verkündigung der Frohen Botschaft. Es geht darum, das sakramentale sowie das caritative Leben der Kirche am Ort präsent zu halten und erfahrbar werden zu lassen. Eine Herausforderung, die die Geschichte hindurch und in den jeweiligen Zeitumständen schon immer bestanden hat. Auch hier gilt: nichts Neues unter der Sonne! 
 
Und wo, fürchten Sie, lauert das größte Risiko? 
 
Das größte Risiko lauert wohl darin, dass Menschen resignieren und sich zurückziehen, weil sie meinen, mit dem allem nicht mehr zurechtzukommen. Wenn sich jetzt eine Lethargie ergeben würde, ein Rückzug ins Private, dann wäre das eine echte Gefahr, die auch entgegen dem Auftrag des Evangeliums stünde.
 
„Fürchtet euch nicht!“, so haben Sie die Botschaft umrissen, wie bringen Sie die jetzt ins Land? Was kann der Hirte für seine Schafe in diesen Tagen tun? 
 
Sie ermutigen, am Ball zu bleiben, sich mit der Botschaft zu beschäftigen, mit den Inhalten unseres Glaubens. Es kann nicht darum gehen, dass wir uns nur an Strukturen abarbeiten, im Evangelium ist davon nicht die Rede. Es geht darum, den Glauben zu leben und ihn miteinander zu bezeugen. 
 
Es ist kein Geheimnis, dass sich auch einige Pfarrer schwer damit tun, sich mit den neuen Strukturen auseinanderzusetzen. Die Pfarrer sind aber der wichtigste Teil, das mittlere Management sozusagen, das „den Laden“ beisammenhalten muss. Wie werden Sie in den nächsten Monaten diese wichtige Klientel noch mehr mitnehmen? 
 
Es gab und es gibt weiterhin Veranstaltungen und Fortbildungen, bei denen sich die priesterlichen Mitbrüder damit auseinandersetzen können, was es bedeutet, in diese neue Aufgabe hineinzuwachsen. Was haben wir denn bei der Weihe versprochen? Zunächst wird die Bereitschaft genannt, das Priesteramt als zuverlässige Mitarbeiter des Bischofs auszuüben, die Gemeinde unter der Führung des Heiligen Geistes umsichtig zu leiten. Hier handelt es sich um einen sehr weit gefassten Leitungsbegriff, der mit dem priesterlichen Dienst verbunden ist. Sodann geht es speziell um den Verkündigungsdienst, um die Frage nach der Bereitschaft, die Sakramente der Eucharistie und der Versöhnung in gläubiger Ehrfurcht zu feiern. Als Nächstes wird auf das gemeinsame Gebet mit dem Bischof verwiesen, auf die Sorge um die Armen und Kranken, um die Heimatlosen und Notleidenden und zum Schluss wird die Selbstheiligung thematisiert, das heißt, sich selbst immer enger an Christus den Herrn zu binden. An all das gilt es, sich neu zu erinnern. Die Leitfrage muss sein: Was ist mein Grundauftrag als Priester? 
 
Das ist paradox: Sie sprachen jetzt von den „neuen“ Aufgaben, aber sie sprachen auch davon, dass diese „neuen“ Aufgaben eigentlich den Grundauftrag des Priesters darstellen …
 
So ist es. Das aus welchen Gründen auch immer gewachsene Verwaltungshandeln hat im Laufe der Zeit das Verständnis der Amtsführung einer Pfarrei verändert. Nicht umsonst wurde ja bemängelt, zu viel Zeit in den Verwaltungsabläufen und in der Verwaltungstätigkeit aufbringen zu müssen, was zu Lasten der pastoralen Arbeit ging. Sich hier auf eine neue Orientierung zu Gunsten der Seelsorge einlassen zu müssen, das ist ganz sicher für manche eine Herausforderung, ja, für einige auch eine Zumutung, die ich jedoch den Mitbrüdern, die sich hier schwertun, nicht ersparen kann. Denn was wäre die Alternative? Ein paar Jahre noch zuzuwarten, bis das bisherige System richtig zusammenbricht? Das kann für mich als Erzbischof nicht die Maßgabe sein. Jetzt können wir die vor uns stehenden Herausforderungen noch aktiv gestalten. Jetzt können wir uns noch selbst überlegen, wie neue Strukturen aussehen sollen und wie wir uns für unser künftiges pastorales Handeln aufstellen. Wenn wir jetzt nicht handeln, laufen wir früher oder später ins Chaos. 
 
Wir werden künftig das Phänomen haben, dass sonntags Wortgottesfeiern an die Stelle der heiligen Messe treten. Führt das zu einer Erosion im katholischen Primat der heiligen Messe? Wie begegnen Sie dieser Entwicklung?
 
Die Eucharistie hat eine besondere Vorrangstellung, sie ist Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens. Daran lässt das Zweite Vatikanische Konzil keinen Zweifel. Das gilt es, auch in der Verkündung aufzugreifen und ins Bewusstsein zu rufen. Zugleich darf es nicht darum gehen, Wortgottesfeier und Eucharistie gegeneinander auszuspielen, sondern die Wertigkeit dieser verschiedenen Formen noch mal zum Ausdruck zu bringen. Diese Fragestellung hatte ja auch schon die Würzburger Synode vor über 50 Jahren beschäftigt, die klargemacht hat, wenn nicht genügend Priester vorhanden sind, um Eucharistie zu feiern, und eine Mitfeier der heiligen Eucharistie unzumutbar erscheint, dann stellt sich die Frage nach alternativen Angeboten.
 
Was heißt das konkret für die Sonntagsverpflichtung? 
 
Schauen Sie sich die Zahlen an: 1990 lag hier in Burkheim der sonntägliche Kirchenbesuch noch bei 21 Prozent, das waren also an die 177 Personen. Mittlerweile sind wir – und das schon vor der Corona-Pandemie – bei 5 Prozent angekommen, das heißt zirka 40 Personen. Nach der Pflicht fragen viele schon lange nicht mehr. Die einen sind davon überzeugt, dass der Kirchgang selbstverständlich dazugehört, dass es für sie wichtig ist, am sakramentalen Leben der Kirche teilzuhaben, daraus die Kraft für das eigene spirituelle Leben und für die Gemeinschaft zu schöpfen, die Beziehung zu Christus so zu stärken und zu intensivieren. Und andere haben sich daran gewöhnt, dass es für ihr Leben auch ohne geht. Das zeigt sich unter anderem ja auch im Nachgang zu Erstkommunionfeiern oder bei Firmungen: Der Schwung der Vorbereitung, die ja oft mit viel Engagement und Begeisterung einhergeht, verebbt sehr schnell. Das sind die Realitäten, mit denen wir leider leben müssen. Wir müssen und wir können Angebote machen, wir können eine Atmosphäre schaffen, in denen geistliches Leben wachsen kann, können erklären, warum es wichtig und sinnvoll ist, die Gottesdienste mitzufeiern und das gemeindliche Leben zu stärken, erzwingen können wir jedoch nichts! Ich erinnere gerne an das Gleichnis in der Bibel: Ein Sämann ging aufs Feld – von der Ernte war noch nicht die Rede. 
 
Austausch in der Sakristei mit alten Bekannten: Jutta Deckert (links) und Renate Jäger vom Burkheimer Gemeindeteam berichten ihrem früheren Ortsgeistlichen und heutigen Erzbischof über das kirchliche Leben in der Pfarrei.
 
Sie sprachen die Mühen der Erstkommunionvorbereitung an: In der Tat, die Schar der Kirchenbesucher ist ergraut.
 
Es stellt sich schon die Frage: Wer zieht noch den Karren? Wo sind die vielen jungen Leute, die wir bräuchten, um alles aufrechtzuerhalten, was in der Vergangenheit war? Das ist aber keine Frage der Kirchen allein, das trifft unsere Gesamtgesellschaft, das gilt für das Vereinsleben genauso wie für die Kommunalpolitik. Wir können nicht voraussetzen, dass junge Leute einfach alles so übernehmen und weitermachen, wie es Generationen vor uns getan haben, zumal ja auch der demografische Faktor auf dem Kopf steht. Es braucht nicht nur innerhalb der Kirche den Diskurs, es braucht ihn in der Gesamtgesellschaft.
 
Sie sind in der Bischofskonferenz unter anderem zuständig für das bischöfliche Werk Misereor und für caritative Fragen. 2025 waren Sie viel unterwegs. Wohin geht es nächstes Jahr? 
 
Wenn es jetzt klappt, geht es gleich mal im Januar ins Heilige Land, wo ich unter anderem das Caritas Baby Hospital besuchen werde. Zusammen mit dem Bischof von Basel sind wir ja die Protektoren dieses Hauses. Dann führt eine Misereor-Reise nach Kamerun. Mit der Caritas-Kommission reise ich nach Armenien. Und schließlich feiern wir kommendes Jahr 40 Jahre Partnerschaft mit Peru. Dorthin werde ich im Juli aufbrechen. 
 
Was können, was müssen wir in Deutschland von anderen Regionen lernen? 
 
Gottvertrauen. Unverschämtes Gottvertrauen. Was hätten Leute in anderen Ländern zu jammern und zu klagen? Ich bin immer wieder fasziniert, wie die Leute im Vertrauen auf Gott jeden Tag neu anpacken, jenseits sämtlicher sozialer Absicherungen. Das nötigt mir allen Respekt ab. Immer wieder kommt mir eine heilige Messe in Madagaskar in den Sinn, am Sonntag, frühmorgens, 6.30 Uhr, 2000 Menschen waren da, vorwiegend junge Leute. Und mit welcher Dynamik die gesungen haben! Oder ich denke auch an die große heilige Messe mitten in Lima am 1. November 2024. An die 700 000 Gläubige waren versammelt. Erfahrungen einer lebendigen Kirche voller Begeisterung, Kirche am Puls der Zeit! 
 
Und was berichten Sie bei Ihren Reisen gerne aus Ihrer Heimat? 
 
Gerne verweise ich auf unsere große Tradition, in der das Christentum Staat und Gesellschaft mitgeprägt und eine wichtige Rolle in Bildung und sozialer Verantwortung übernommen hat. Und klar, wir bringen auch eine finanzielle Ressource mit, was natürlich hochgeschätzt wird, um Zukunftsperspektiven in anderen Ländern zu ermöglichen. Die soziale, caritative Verantwortung, die aus dem Evangelium erwächst, endet nicht an Bistums- oder Landesgrenzen. Hier stehen wir in Verantwortung über den eigenen Tellerrand hinaus.
 
Was macht Ihnen Mut und Zuversicht für die Kirche in Deutschland?
 
Christus selbst. Uns muss es gelingen, Räume zu schaffen, in denen er erfahrbar ist. Das kann ein Konzert sein wie hier in Burkheim, wo Menschen in dieser Kirche einen geistlichen Impuls erfahren. Das können unsere Gottesdienste sein, geistliche Momente, die eine Atmosphäre schaffen, in der man dem Herrn begegnen kann. Das ist nicht zuletzt auch das aufeinander Zugehen und das sich Kümmern um andere, wie es in unseren caritativen Diensten und im zwischenmenschlichen Miteinander aufscheint. Diese Momente der vielfältigen Christus-Begegnungen geben mir Zuversicht.
 
Und was bereitet Ihnen Sorge?
 
Dass das Ansehen der Kirche in der Öffentlichkeit so stark gelitten hat. Dass wir nicht mehr als eine Größe angesehen werden, die Gesellschaft positiv mitgestalten will und kann, sondern als eine von Skandalen gebeutelte Institution. Oft genug begegnen Personen der Kirche allenfalls noch indifferent, mit spürbarer Gleichgültigkeit.
 
Mit der St.-Pankratius-Kirche ist der Erzbischof noch vertraut: In einem Schrank am Altar sind Heiligenfiguren verwahrt , darunter auch eine Darstellung des heiligen Pankratius (in der Mitte).
 
Eine der Hauptursachen dafür liegt sicher in der Missbrauchsaffäre. Wie ist die Aufarbeitung 2025 vorangekommen?
 
Da sind wir gut vorangekommen, die Kirche ist konsequent unterwegs. Bei allem, was an Kritik an uns herangetragen wird und was wir immer noch besser machen könnten oder sollten: Keine andere Institution stellt sich so konsequent der Aufarbeitung, weder im Bildungsbereich, in der Kultur, im Sport noch im Vereinswesen. Hier herrscht meiner Meinung nach noch eine Menge Nachholbedarf. Die deutschen Diözesen haben insgesamt mittlerweile an die 77 Millionen Euro an Anerkennungsleistungen gezahlt, über zwei Drittel der gemeldeten Fälle sind bearbeitet. Dazu kommen Therapiekosten und auch andere Aufwendungen. Unsere Sicherungssysteme, Prävention und Intervention, funktionieren. Wenn sich irgendwo etwas auftut, kann sofort auch in der Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen gehandelt werden.
 
Herr Erzbischof, Ihr Wappen ziert eine Burg, nicht nur eine Anspielung an Ihren Namen sondern auch an das Städtchen Burkheim. Was schützt diese Burg?
 
Die Burg auf dem Wappen hat drei große, offene Tore und die Fenster in den Türmen stehen weit auf. Die Burg lädt ein, will ermutigen, einzutreten. Sie gleicht dem Bild des himmlischen Jerusalem. Und diese Burg bietet den ganzen Glaubensschatz. Ein Schatz, der nicht verschlossen liegt, sondern frei zugänglich ist: Ein Angebot, das jede Person sich erschließen kann, wenn sie es denn will. Ein bleibendes Angebot und eine Ermutigung, Christus im eigenen Herzen zu tragen.
 
 
 
Das Interview führte Konradsblatt-Chefredakteur Klaus Gaßner.