Marian Grau wird zum „Student des Jahres 2026“ gekürt. Die Auszeichnung gilt seinem Einsatz für Jugendliche mit schwer kranken oder verstorbenen Geschwistern. Ein Besuch am Bodensee.
Student des Jahres 2026: Marian Grau, Informatik-Student an der Universität Konstanz.
Wir treffen uns im Café der Universitätsbibliothek Konstanz. Marian Grau bestellt eine frisch gepresste heiße Zitrone, denn mit Kaffee hat er nichts am Hut. Er trägt unauffällige Winterkleidung in schwarz und grau. Jungenhaftes Gesicht, breites Lächeln mit blendenden Zähnen, links ein kleiner Ohrring. Rein optisch verschwindet der 23-jährige Student der Informatik im Gewusel seiner Generation. Die Studierenden unterhalten sich und erzählen das Neueste von ihren jüngsten Prüfungen. Marian Grau fällt hier nicht weiter auf, aber er sticht heraus – aus innerer Größe: Vor einigen Tagen wurde er zum „Studenten des Jahres 2026“ gekürt.
Zwei hochrangige Dachorganisationen haben den Schwaben nominiert. Das Deutsche Studierendenwerk (DSW) und der Deutsche Hochschulverband (DHV) zeichneten ihn mit diesem Titel aus, der jährlich und bundesweit nur ein Mal verliehen wird. Spannend daran: Der Platz auf dem Podium gilt nicht etwa außergewöhnlichen akademischen Leistungen. Marian Grau wurde für seinen sozialen Einsatz auf einem ungewöhnlichen Feld gewürdigt: Er kümmert sich um Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren, deren Geschwister schwer erkrankt, schwer behindert oder verstorben sind.
In zahlreichen Ehrenämtern wie beim Verein Philip Julius e. V. engagiert er sich für Jungen und Mädchen, deren Leben auf derart herbe Art geprägt wurde. Genauer gesagt: das völlig umgeworfen wurde.
Der junge Mann aus Affalterbach im Kreis Ludwigsburg weiß nur zu gut, wovon er spricht. Bei seinem zwei Jahre älteren Bruder Marlon wurde kurz nach der Geburt ein schwerer Gendefekt diagnostiziert. Marlon war Zeit seines Lebens ans Bett gefesselt. „Der Pflegedienst kam jeden Tag um halb sechs Uhr morgens“, berichtet der überlebende Bruder. Dann lief der Tag streng nach Plan ab, alles war auf die Bedürfnisse und Einschränkungen des Bruders ausgerichtet. Marian hat diese Zeit nie als Einschränkung empfunden, denn er kannte es nicht anders. Marlons Pflege war die Achse der Familie, die meiste Aufmerksamkeit galt ihm. Auslandsreisen kamen nicht in Frage. „Die Familienferien verbrachten wir im Kinderhospiz“, berichtet der Student ohne Wehmut. Für ihn war auch das ein Erlebnis, denn das Hospiz sorgte dafür, dass die gesunden Geschwister etwas erleben konnten. Marian durfte erstmals reiten.
Auch diese Zeit hatte zwei Seiten. Als Kind lernte Marian bereits Selbstständigkeit. „Ich habe es nie verstanden, dass die Eltern meiner Mitschüler ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen.“ Für ihn war klar, dass er die schulischen Belange selbst regeln musste. „Ich stand in der Not der Situation, Dinge in eigener Regie zu erledigen.“ Damit entlastete er die Eltern, deren Alltag im Zeichen des behinderten Sohnes stand.
Später fing Marian an zu schreiben. Er beschloss, Wort für Wort seiner gemeinsamen Jahre mit dem älteren Bruder festzuhalten. Daraus wurde ein Buch mit dem Titel „Bruderherz: Ich hätte dir so gern die ganze Welt gezeigt“. Ein Verlag kam auf ihn zu und nahm ihn unter Vertrag. Marian war damals noch Gymnasiast. Wie selbstverständlich fing er an, das Buch zu bewerben. Er unternahm lange Lesereisen, zu denen ihn ein Elternteil oder die stolze Tante gerne begleiteten. Das öffentliche Interesse war groß. Schnell meldeten sich Zeitungen bei ihm, mit denen er – damals ein Teenager – unbefangen sprach. Seitdem schaut er genau hin, wer mit ihm und worüber spricht. Das Setting bestimmt er. Entsprechend stolz ist die Universität am Bodensee auf diesen Studenten. Die Rektorin Katharina Holzinger lobt: „Neben dem Studium ein solch beeindruckendes und wichtiges Engagement zu zeigen und sich für Familien mit schwerstbehinderten Kindern starkzumachen, verdient die höchste Anerkennung.“
„Seit neun Jahren wird über mich geschrieben“, berichtet Marian Grau ungerührt. Mit Buch und Vorträgen hatte er ein ebenso seltenes wie wichtiges Themenfeld aufgetan: das Leben der Menschen, die einen kranken Bruder oder eine kranke Schwester haben. Geschwisterkinder ist deshalb das häufigste Wort, das Marian in den Mund nimmt. Seine Arbeit mit diesen jungen Hinterbliebenen soll weiterlaufen. Und er schwärmt von jährlichen Treffen mit ihnen und sagt: „Wir sind uns besonders nahe.“
Inzwischen tourt der Bachelor neben seinen Studien durch die Welt, wo er nur Zeit hat. Vor allem abgelegene Länder haben es ihm angetan, Staaten also, die in den Reiseführern nicht oben stehen. Er schwärmt von seiner Zeit in Kasachstan, wo er sich um den Schutz von Antilopen kümmerte. Nebenbei lernte er Russisch. Aktuell plant er eine Wandertour in Tadschikistan. In diesem Land zu reisen und zu gehen, das scheint ihm das Normalste der Welt zu sein. Es hat auch damit zu tun, dass Marian furchtlos ist. Ihn schreckt kaum etwas.