Die katholische Kirche in Deutschland verliert immer mehr Mitglieder und ist inzwischen vom ADAC überholt worden. Die Ursachen scheinen klar zu sein, doch die Probleme bleiben.
Mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland sind im vergangenen Jahr aus der katholischen Kirche ausgetreten.
Das Ergebnis dürfte zwar niemanden überraschen, aber dramatisch ist es trotzdem: Mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland sind im vergangenen Jahr aus der katholischen Kirche ausgetreten. Die jetzt von der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn vorgelegte Statistik verzeichnet 522.821 Kirchenaustritte. Damit wird der bisherige Rekordwert von 359.338 Austritten aus dem Vorjahr noch deutlich überschritten.
Erstmals hat die katholische Kirche nun weniger Mitglieder als Deutschlands größter Verein, der ADAC. Der Automobil-Club meldete auf seiner Jahreshauptversammlung im Mai über 21,42 Millionen Mitglieder zum Jahreswechsel – mit steigender Tendenz.
Die Mitgliederzahl der katholischen Kirche sank auf rund 20,9 Millionen – das ist weniger als ein Viertel der Bevölkerung. Den Austritten und über 240.000 Todesfällen stehen etwa 155.000 Taufen gegenüber sowie 1.445 Eintritte etwa aus anderen christlichen Konfessionen und 3.749 Wiederaufnahmen. Daraus ergibt sich ein Mitgliederschwund von über 600.000.
Die meisten Austritte gab es im Erzbistum Köln
Am höchsten lag die Austrittsquote im Erzbistum Hamburg mit 3,74 Prozent vor Berlin (3,38 Prozent) und München-Freising (3,14 Prozent). Die meisten Austritte (51.345) gab es im Erzbistum Köln, das mit 1.738.000 Katholiken nur noch mit knappem Vorsprung vor Münster (37.907 Austritte) die mitgliederstärkste Diözese des Landes bleibt. Dabei verwundert fast, dass es nicht noch mehr waren. Wie kein zweites Bistum steht Köln für die Entfremdung von Laien und klerikaler Leitung.
Die Vertrauenskrise um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hält weiter an und erreichte jüngst einen neuen Höhepunkt, als die Staatsanwaltschaft mehrere Objekte des Erzbistums und seines E-Mail-Dienstleisters durchsuchte. Hintergrund der Razzia sind Ermittlungen gegen den Woelki wegen des Vorwurfs des Meineids und möglicher falscher eidesstattlicher Versicherungen.
Im Kern ist es immer wieder das Thema Missbrauch, das die Kirche erschüttert. Hatte Woelki nähere Kenntnisse über Vorwürfe gegen zwei Priester und gab sie nicht weiter bzw. beförderte einen der beiden trotzdem? Das rechtliche Ringen mit der „Bild“-Zeitung um eidesstattliche Versicherungen dürfte nicht wenige Menschen verschrecken und die Distanz zur Institution Kirche vergrößern.
Vertrauensverlust als Hauptursache
Aber auch über das rheinische Erzbistum hinaus reißen die Negativschlagzeilen nicht ab. Die jüngsten belastenden Missbrauchsgutachten etwa in Freiburg und Mainz, der Traunsteiner Missbrauchsprozess: Die Kirche verspielt weiter Vertrauen, wie auch Bischöfe angesichts der Zahlen einräumen.
Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, betont ebenfalls den Vertrauensverlust. Sie fordert eine Weiterführung des ins Stocken geratenen Reformprozesses Synodaler Weg. Vier Bischöfe, unter ihnen Kardinal Woelki, hatten in der vergangenen Woche die vorgesehenen Finanzmittel für den geplanten Synodalen Ausschuss blockiert. Die Finanzierung über den Verband der Diözesen Deutschlands hätten die 27 Ortbischöfe einstimmig beschließen müssen. „Es ist beschämend, dass wir nun innerkirchlich darum kämpfen müssen, dass es überhaupt weitergeht“, so Stetter-Karp.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Stetter-Karps Co-Vorsitzender beim Synodalen Weg, Georg Bätzing, sieht das ähnlich: „Wir haben uns auf dem Synodalen Weg wichtigen Fragen und Entwicklungen gestellt. Mehrheitlich haben wir Antworten gefunden und wollen Veränderung fördern.“
Im Synodalen Weg hatten Bischöfe und Laien in Deutschland seit Dezember 2019 als Konsequenz aus den Missbrauchsskandalen über Reformen gesprochen. Es ging um mehr Kontrolle bischöflicher Macht, Frauenrechte und einen angemessenen Umgang mit der Vielfalt geschlechtlicher Identitäten.
Ob dieser Reformprozess den Abwärtstrend stoppen kann, scheint aber unwahrscheinlich, zumal auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) unter einem Mitgliederschwund leidet. Nach EKD-Angaben vom März sank die Zahl der Gläubigen in den 20 Landeskirchen zum Jahreswechsel auf 19,15 Millionen. Das waren rund 575.000 weniger als im Vorjahr, davon etwa 380.000 aktive Kirchenaustritte.