„Lasst uns alle das Licht des Friedens entzünden“

28.12.2023 |

Ein Beitrag von Rabbi Moshe Flomenmann

Chanukka-Leuchter vor der Synagoge in Karlsruhe.
 
Sehr geehrte Leserinnen und Leser des Konradsblattes,  
 
am 25. Kislev, dieses Jahr am Abend des 7. Dezembers, begann das jüdische Lichterfest Chanukka. Chanukka steht für den Sieg von Licht über die Dunkelheit, für Freiheit, für die Befreiung und die Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels vor etwa 2200 Jahren. Normalerweise fällt Weihnachten auf denselben Zeitraum wie Chanukka, mit Ausnahmen, so wie etwa in diesem Jahr. 

Rabbi Moshe Flomenmann, Landesrabbiner von Baden.
Ist Chanukka ein jüdisches Weihnachten? Oder ist Weihnachten ein christliches Chanukka? Es gibt sogar den Ausdruck „Weihnukka”. Ist da etwas dran? Haben diese beiden Feste tatsächlich etwas gemeinsam? Die Antwort lautet: Nein, aber …

Natürlich gibt es keine historischen Aspekte, die Weihnachten und Chanukka verbinden. Weihnachten hat seinen Ursprung in der Geburt Jesu und Chanukka in der Wiedereinweihung des Tempels. Wie bei jedem jüdischen Feiertag, egal ob biblisch oder rabbinisch, gibt es eine Vorgeschichte, die das jüdische Volk direkt betrifft. Diese Vorgeschichte ist nicht immer angenehm. Trotzdem sind daraus am Ende Feiertage entstanden und somit wurde aus etwas Schlechtem etwas Gutes erschaffen. Dieses Prinzip sehen wir im Psalm 113. 5-8: „Wer ist gleich dem Herrn, unserm G’tte, der so hoch thronet, der so tief herniederschaut: im Himmel und auf Erden? / Der emporrichtet aus dem Staube den Armen; aus dem Kote erhöht er den Dürftigen, Ihm einen Sitz zu geben bei den Edlen, bei den Edlen seines Volkes?”
 
„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“, sagte David Ben-Gurion

Ich möchte Ihnen ein paar Beispiele nennen, die zeigen, wie G’tt Kontrast schafft und durch große Veränderungen das Unmögliche möglich macht. Als Josef im Gefängnis saß und keinen Ausweg sah, wurde er „plötzlich” Vize-Pharao. Er wurde von ganz unten nach ganz oben gebracht. Als Sara noch jung war, konnte sie keine Kinder bekommen. Sie betete sehr stark darum, doch nichts geschah. Als sie aber 90 Jahre alt wurde, bekam sie „plötzlich” ein Kind. Wäre der Kontrast klein gewesen, hätte Sara beispielsweise mit 40 Jahren ein Kind bekommen, hätte man es für einen Zufall halten können. Da der Kontrast aber so groß ist, ist klar, dass es sich nur um G’ttes Tun handeln kann. 

Auch bei Chanukka haben wir Ähnliches erlebt. Als das jüdische Volk am Abgrund stand und es kaum noch Hoffnung gab, hat G’tt unser Volk durch ein Wunder gerettet. Ben-Gurion pflegte zu sagen: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.” Diese Idee spiegelt sich in der israelischen Nationalhymne „HaTikva” (die Hoffnung) wider. Denn Hoffnung ist das, was das jüdische Volk über die Jahrtausende am Leben gehalten hat. 
 
Im Fest Chanukka feiern wir den Sieg des Lichts über die Dunkelheit

Gibt es also wirklich keine Gemeinsamkeiten zwischen Chanukka und Weihnachten? Die Antwort lautet: Doch. Es gibt Werte, so wie Fürsorge, Nächstenliebe und Menschlichkeit, die alle Religionen miteinander teilen, auch wenn inhaltlich und geschichtlich keine Verbindungen zwischen den Feiertagen bestehen. So fallen die folgenden jüdischen und christlichen Feiertage meist auf dieselbe Zeit im Jahr: Chanukka und Weihnachten, Pfingsten und Schavuot, oder Pessach und Ostern. 
Dieses Jahr markiert einige runde Jahreszahlen. 85 Jahre Reichspogromnacht. 50 Jahre Jom-Kippur-Krieg. Jedes Mal, so wie auch dieses Jahr an dem Gedenktag der Reichspogromnacht, hören wir bei Mahnwachen immer wieder: „Nie wieder.” Doch die aktuellen Ereignisse zeigen, wie schnell aus einem „Nie wieder” ein „Schon wieder” werden kann. Was also meinen wir mit „Nie wieder?”. Das jüdische Leben hat sich in ein „Vorher“ und „Nachher” geteilt. Vor und nach der Reichspogromnacht. Vor und nach dem Jom-Kippur-Krieg. Vor und nach dem Terroranschlag auf die Synagoge in Halle. Vor und nach dem 7. Oktober. An dem diesjährigen 7. Oktober wurden Juden in Israel auf brutalste Weise an dem jüdischen Laubhüttenschlussfest Schmini Azeret und am Schabbat überfallen. Was ist da passiert? Holocaust-Überlebende, Säuglinge, Kleinkinder und Frauen, ältere und jüngere Männer wurden auf brutalste Art und Weise kaltblütig ermordet und nach Gaza verschleppt. Ähnlich wie vor etwa 85 Jahren. 

Kurz danach haben wir sehr viel Solidarität erfahren. Als aber die Bodenoffensive begann, damit die israelische Armee die etwa 240 Geiseln zurückbringen kann, nach dem laut verschiedenen Quellen zwischen 1200 bis 1400 Menschen ermordet, vergewaltigt und bei lebendigem Leib verbrannt worden sind, wurden plötzlich andere Stimmen laut. „Natürlich darf Israel sich verteidigen, aber …” Aber was? – Das ist hier die große Frage.  Aber nur teilweise? Dieses „Ja, aber …”, das von denselben Menschen stammt, wie das „Nie wieder”, lässt infrage stellen, ob das „Nie wieder” wirklich so gemeint ist und dem Gesagten Taten folgen, oder ob es sich dabei nur um ein Lippenbekenntnis handelt. Wie dem auch sei, es muss jeder für sich selbst kritisch hinterfragen, wie dieses „Ja, aber …” bewertet werden soll. Hätte etwa nur ein Teil der Geiseln befreit werden sollen? 

Liebe Leserinnen, lieber Leser, wie ich bereits zu Beginn erwähnt habe, feiern wir im Fest Chanukka und damit den Sieg des Lichts über die Dunkelheit. So hoffen wir, dass auch dieses Mal das Licht siegen und damit die Dunkelheit vertreiben wird. Wie der Gründer des Chassidismus, Baal Shem Tov, sagte: Wenn man versucht, Dunkelheit mit einem Hammer zu vertreiben, wird man keinen Erfolg haben. Das einzige Mittel, Dunkelheit zu bekämpfen, ist eine Lichtquelle. So hoffen wir, dass wir, alle Christen, Juden und Muslime, zusammen das Licht des Friedens entzünden und somit die Dunkelheit unserer Zeit vertreiben werden. 

Es ist nicht nur Terrorismus, Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit, gegen die wir heutzutage kämpfen, sondern auch der Kampf eines jeden Einzelnen mit „sich selbst“. Jeder Mensch kämpft mit seinen eigenen schlechten Eigenschaften. Auch diese dunkle Seite (hebräisch: Jezer Hara), die jeder von uns in sich trägt, muss bekämpft werden, sodass das Gute und Helle siegen kann.
 
Mit freundlichen und hoffnungs­vollen Grüßen. 
Am Israel Chai* – ohne „Aber”! 
Never again is now!
 
Rabbi Moshe Flomenmann, 
Landesrabbiner von Baden 
_________________________
* dt: „Das Volk Israel lebt!“