01.07.2024 |
Erzbischof Stephan Burger seit zehn Jahren im Amt
Ist das ein Traumjob? Der Erzbischof lacht, überlegt kurz und sagt dann gut abwägend: „Es ist ganz gut, dass man sich die Aufgabe nicht auswählen kann. Und man sollte sie sich auch nicht auswählen wollen …“ Ein erfahrener Mitarbeiter im diplomatischen Dienst könnte kaum eleganter umschreiben, welche Besonderheiten ein hohes kirchliches Amt in diesen Tagen hat. „Man hat mir das Bischofsamt zugetraut“, sagt Stephan Burger, „und ich versuche, das Beste daraus zu machen …“ Und das tut Stephan Burger nun seit genau zehn Jahren.
Seit zehn Jahren steht Stephan Burger als Erzbischof an der Spitze des Erzbistums Freiburg. „Man hat mir das Amt zugetraut und ich versuche, das Beste daraus zu machen“, sagt er.
Sein Tag beginnt um 6 Uhr in der Frühe. Dann nimmt sich Stephan Burger reichlich Zeit für das Stundengebet und die heilige Messe in der Privatkapelle, bevor er sich an ein eher spartanisches Frühstück macht. „Mehr als zehn Minuten habe ich dafür nicht“, sagt der Erzbischof, er gehört nicht zu den Menschen, die die erste Mahlzeit des Tages mit Zeitungslektüre genießen und frisch gepresstem Orangensaft.
Sein anschließender Weg zur Arbeit ist von überschaubarer Länge: Nur wenige Schritte sind es vom schmucken Haus Landeck in der Herrenstraße, das er bewohnt, bis zum Hintereingang des Ordinariats. Ein kurzer Weg durch den Garten – hier grüßt mitunter eine Ladenbesitzerin, die die Tür zu ihrem benachbarten Geschäft aufschließt, dort winkt ein Ordinariatsangestellter – während der Erzbischof in sein Büro in der ersten Etage des historischen Verwaltungsgebäudes an der Schoferstraße geht.
In seinem geräumigen Eckzimmer steht Schreibtischarbeit an. Was nicht anderes heißt als: Verordnungen signieren, Vermerke abzeichnen, Grußschreiben mit der Unterschrift versehen, Aktenvorgänge durchsehen. „Ohne ein gutes Team geht es nicht“, betont der Erzbischof, der zwar alles zu lesen versucht, was er zu unterschreiben hat – aber in Details dann auf eine gute Vorarbeit angewiesen ist. Nicht selten findet er Korrespondenz vor, die nicht so erfreulich ist. Konservative, denen alles zu schnell geht, Reformer, denen es nicht schnell genug geht. Und jene, die lieber gleich mal Rom einschalten, so dass dann der Nuntius anläutet und Aufklärung in Freiburg wünscht. „Ich habe es mir angewöhnt, unangenehme Dinge schnell zu verfassen, aber nicht gleich wegzuschicken. Zweimal darüber schlafen, das alte Rezept hilft sehr.“ Aber natürlich weiß auch der Erzbischof, dass er nicht mit allen Antwortschreiben pure Freude auslöst: Katholisch sein heiße halt auch, „dass nicht alles geht: Man muss auch lernen, sich gegenseitig auszuhalten“.
„Katholisch sein heißt auch, dass nicht alles geht. Man muss lernen, sich gegenseitig auszuhalten.“
Schreibtischarbeit kann mächtig vereinnahmen. Abends geht das Licht im Bischofsbüro oft erst aus, wenn es draußen schon dunkelt. Mittags um zwölf schafft es der Erzbischof dagegen meist pünktlich, die Computermaus aus der Hand zu legen und eine Mittagspause zu machen. Das sind dann die zwei Stunden, in denen der Erzbischof von seiner Erziehung im Internat profitiert: Da werden Eier in die Pfanne geschlagen, Nudeln heiß gemacht oder ein Eintopf zusammengerührt – „ich koche mir zu Hause immer selbst“, sagt der Erzbischof, der es dann eher einfach liebt, „Schwarzwälder halt“, sagt er lachend. Und gleich nach dem Genuss wird er zum Saubermann: Geschirr muss immer gleich gespült werden, „ich mag nicht, wenn was rumsteht“. So pflegt er es, seit er noch als Offizial am Kaiserstuhl gewohnt hat. Zum „Selbst-istder-Erzbischof“-Programm gehört auch die Haushaltsführung. „Das nehme ich gleich als Sport“, Staubsaugen, Boden feucht aufwischen, „da hat man doch ziemlich zu tun“, sagt Stephan Burger; auf Joggingrunden, mit denen einige seiner Amtskollegen in den Tag starten, kann er gut verzichten.
Es ist selten, dass ein erzbischöflicher Tag von morgens bis abends durchgehend am Schreibtisch stattfindet. Ohnehin stehen regelmäßig Besprechungen an, montags berichtet der Generalvikar, nachmittags kommen die engsten Büromitarbeiter zum Meeting, Büroleiterin Anita Leimgruber und der Erzbischöfliche Sekretär, Domkapitular Bernd Gehrke. Der Dienstag ist eh der Tag der Sitzungen: Kurienkonferenz, Konsultorenkollegium, eine Besprechung mit den Mitarbeitern der Pressestelle … Mittwochs reisen oft Gesprächspartner von außen an, Dekane etwa, aus deren Berichten sich der Erzbischof ein Bild zu machen versucht von der Vielfalt im Bistum. Bei solchen Gesprächen sei es ihm wichtig, dass der „Besuch im Mittelpunkt steht, ihn will ich ernst nehmen, daher schreibe ich auch nicht mit“. Das einzige Arbeitsgerät, das der Bischof immer zur Hand hat, ist ein kleiner schwarzer Terminkalender – zwar ist der Tagesplan auch digital im Büro hinterlegt, aber das Notizbuch in der Sakkotasche ist ihm dann doch näher.
Wenn er daraus vorliest wird erkennbar, wie wenig ein Erzbischof Herr seiner Zeit ist. Und dass es das nicht gibt, einen „typischen Tagesablauf“. Hier warten Abendtermine, dort Einladungen, Sitzungen, Besprechungen – und jede Menge Reisen, nach Berlin etwa, nach Aachen, Fulda oder Bonn zu den Treffen des Ständigen Rats oder den Vollversammlungen der Bischofskonferenz, die ihren Freiburger Kollegen in eine Reihe von Kommissionen gewählt haben. Zuletzt zum Stellvertreter des Missbrauchsbeauftragten. Niemand sucht sich ein solches Amt freiwillig aus. Aber Freiburgs Aufarbeitung der Missbrauchsfälle gilt unter den deutschen Diözesen als vorbildlich, systematisch angelegt, unabhängig gestaltet, konsequent – so war es kein Wunder, dass die Wahl auf den Badener fiel. „Ich will genau hinhören und hinschauen“, so hatte Stephan Burger einmal in der Missbrauchsaffäre gesagt; das, was er zu hören und zu sehen bekam, war entsetzlicher als er sich das vorher vorgestellt hat. Facetten unsäglichen Leids. „Missbrauch hat eine zerstörerische Dimension“, so musste er schnell erfahren, und es „pervertiert das Evangelium“ – Burger musste harte Entscheidungen treffen und muss das noch immer, denn „die Aufarbeitung ist ein lebenslanger Weg, so wie der Missbrauch für Betroffene auch lebenslange Folgen hat“.
Übers Jahr gesehen ist der Erzbischof gut drei Monate außerhalb des Erzbistums auf Reisen – wie hier bei einer Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda (ganz links, daneben der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf).
Zwei-, dreimal im Jahr heißt es Koffer packen zu längeren Reisen nach „ganz weit weg“. Denn Stephan Burger ist Mitglied der Kommission
Weltkirche der Bischofskonferenz, er leitet die Caritas-Kommission und ist zuständig für das Hilfswerk Misereor. Kehrt er zurück aus dem Kongo, aus Kolumbien oder Nepal, dann spürt man, dass den Erzbischof die ungleiche Verteilung der Güter auf der Welt heftig beschäftigt. „Uns darf es nicht egal sein, wie es den Menschen in Krisengebieten geht,“ sagt er und kämpft darum, dass Mittel weiter in die Weltkirche fließen: „Hier dürfen wir nicht sparen“, zeigt er sich überzeugt. Es sei schön zu sehen, wie die Arbeit der Hilfsorganisationen Wirkung entfalte und oft in die nicht christlich geprägte Gesellschaft vor Ort hineinwirke. Oft beschäftige ihn auch, wie tief dankbar Menschen sind, die in ärmlichsten Verhältnissen leben und wie großzügig sie ihm, dem Besucher aus einem reichen Land, begegnen. Auch das ist eine Erfahrung, die er dann mitnimmt in die Sitzungen zu Hause – einem wohl bestallten Bistum in einer der wirtschaftsstärksten Regionen der Welt.
Sonntagsmorgens um sechs in der Frühe wartet nicht selten das Auto auf den Erzbischof: Firmreisen, Pontifikalämter zu großen Patrozinien – oft sind stundenlange Anfahrten nötig, die spüren lassen, wie groß das Erzbistum ist; ein Landstrich, dessen Strukturen sich völlig verändern werden. Stephan Burger wird in die fast 200-jährige Geschichte des Südwestbistums eingehen als derjenige, der die Landkarte neu gezeichnet hat. Nur noch 36 Pfarreien wird es geben, wenn er – läuft alles wie geplant – in 13 Jahren in den Ruhestand treten kann. Belastet ihn das? Fürchtet er sich zuweilen vor der gewaltigen Herausforderung? „Schon“, gesteht er, aber er weiß auch: „Viele haben noch gar nicht realisiert, was da landauf, landab passiert.“ Wie sich Kirche bisher verändert hat und rasant weiter schnell verändert. „Wir müssen reagieren.“ Und dabei doch eines erkennen: „Bei aller Veränderung geht es darum, sich die Freude am Evangelium nicht nehmen zu lassen.“
Bei langen Autofahrten liest der Erzbischof Akten, „bis mir die Augen zufallen“.
Angekommen an der Pfarrkirche im Besuchsort, zeigt der „Priester Burger“ eine besondere Gabe: Kurz vor dem Gottesdienst ist er hochkonzentriert, kann sich regelrecht abschotten, wenn in der Sakristei um ihn herum noch viel Aufregung herrscht, „man feiert schließlich mit dem Herrn und mit der Gemeinde“. Nach der Messe zeigt er dann ein anderes Gesicht: Das fröhliche Lachen ist gut vernehmbar, wenn der Erzbischof mit Menschen zusammentrifft. „Nie sauertöpfisch durch das Land zu gehen“ – einen seiner Merksätze lebt Stephan Burger vor wie nur wenige kirchliche Amtsträger. Sein Humor ist ansteckend, seine Schlagfertigkeit verblüfft ebenso wie die Gabe, sich aus einem großen Schatz von Zitaten zu bedienen. „Wie sagte doch Franz von Sales: Mit einem Tropfen Honig kann man mehr Fliegen fangen als mit einem Fass voll Essig“ – es lohne sich also, wenn jeder im Kleinen etwas tut.
Weltkirche, Caritas, Misereor – das sind Kernthemen der Arbeit Stephan Burgers in der Bischofskonferenz. Dazu gehören weltweite Begegnungen wie hier auf der Insel Madagaskar mit dem dortigen Bischof Gabriel (links), rechts Misereor-Geschäftsführer Pirmin Spiegel.
„Aus solchen Begegnungen lebt man“, sagt der Erzbischof. Dass er hier und da auch Anfeindungen erfährt, dass er auch mal Aggressivität begegnet, wie sie derzeit viele Menschen in öffentlichen Ämtern erleben, das gesteht der 62-Jährige erst auf Nachfrage. Was ist eigentlich seine größte Stärke? „Hm, vielleicht, dass ich nicht so viel Aufhebens von mir machen muss?“ Unterwegs ist der Erzbischof meist per Auto, er lese dabei oft Akten, „bis mir die Augen zufallen“. Sein Chauffeur weiß um die Befindlichkeiten des Chefs und bringt ihn am Abend zurück nach Freiburg, oft ohne viel gesprochen zu haben. Die „Phase des Alleinseins“, die dann in seiner Wohnung auf ihn wartet, „ist mir wichtig“, sagt der Erzbischof, nur in der Ruhe könne er das verarbeiten, was da so auf ihn einprasselt den Tag über. Alleine – und im Zwiegespräch mit dem Herrn. Der Rosenkranz sei ihm da stets ein wichtiger Begleiter.
Wann ist er mal richtig „privat“? Für Stephan Burger sind die familiären Verbindungen nach Löffingen ein wichtiger Anker, alle paar Wochen reist er in das Städtchen im Schwarzwald. Schwester Pia Durst und Bruder Udo Burger leben dort mit ihren Familien, mit dem jüngeren Bruder Heinz ist der Erzbischof ohnehin öfter telefonisch im Austausch, die Berufe und Berufungen verbinden – er ist Erzabt in Beuron. Die Familie trifft sich zu Festen, verreist auch mal miteinander. Der Erzbischof schätzt guten Wein, wenn er sich auch nicht als Weinkenner bezeichnen lassen möchte – was wohl eher zu seinem Understatement gehört. Denn zur Familiengeschichte mütterlicherseits gehörte auch eine Weinhandlung in Löffingen und als Seelsorger lebte der spätere Erzbischof einige Zeit am rebenreichen Kaiserstuhl. Da lernt man, gut zu unterscheiden. Zum „ganz privaten“ Erzbischof gehört auch, dass er im Fernsehen schon mal „Kunst und Krempel“ im Bayrischen Rundfunk anstellt, eine Sendung, bei der Experten alte Gegenstände vom Gemälde über Schmuckstücke bis zum Musikinstrument bewerten.
Etliche seiner engeren Mitarbeiter wissen aber auch: Der Erzbischof ist so gut wie immer im Dienst. An den Wochenenden holt er das nach, was während der Arbeitswoche nicht geht: Er schreibt Predigten, beschäftigt sich mit der Theologie und beantwortet Mails, auch schon mal zu ungewöhnlicher Zeit.