Gott ist Mensch geworden. Bethlehem ist der Ort, an dem sich das Licht Bahn gebrochen hat. In seiner Weihnachtsbotschaft an die Konradsblatt-Leserinnen und Leser erzählt Erzbischof Stephan Burger von einer Auslandsreise, bei der er tiefste menschliche Finsternis gesehen hat, und wie er gleichzeitig erlebt hat, wie Menschen mit ihrem Tun Licht in diese Dunkelheit bringen.
Liebe Leserinnen und Leser,
er steckt mir immer noch in den Knochen, der Besuch im vergangenen Mai in Ost-Kongo, genauer in Goma, direkt am Kiwu-See gelegen. Die Besuche in den überfüllten Flüchtlingslagern; die zahllosen Menschen, die kaum das Nötigste zum Überleben haben; die Wasserversorgung, die über Caritas international mitverantwortet wird; die Perspektivlosigkeit der Menschen in den Lagern, die leeren Blicke; die „Behausungen“, in denen uns in unserem Land das Halten von Vieh untersagt würde; die menschliche Würde, die am Boden zertreten wird. Das alles nur deswegen, weil marodierende Milizen es der Landbevölkerung unmöglich machen, ihre Felder zu bestellen und in ihren Dörfern zu bleiben. Dass die Milizen das Land mit seinen Ressourcen ausbeuten, es zerstören und sogar die Kinder als Soldaten rekrutieren, sei nebenbei bemerkt. Ein korrupter Regierungsapparat im Kongo hat hier keine Möglichkeiten, dem Einhalt zu gebieten. Menschliches Leid gegeneinander abzuwägen, ist nicht opportun. Dass das ganze Elend jedoch „getoppt“ werden könnte, hätte ich nicht gedacht, war ich doch schon mit meinem Besuch in den Lagern am unteren Rand aller gesellschaftlichen und humanitären Vorstellungen angekommen.
Besuch im Gefängnis in Goma
Und doch, es geht noch extremer, was an Not und Leid einem Menschen widerfahren kann. Es war am letzten Tag, am Tag der Rückreise. Zwei Ordensfrauen, eine aus Deutschland stammend, die zweite eine Einheimische, ermöglichten, das Gefängnis in Goma zu besuchen, dass sie mit Medikamenten sowie ihrer persönlichen Hilfe und Zuwendung für Gefangene unterstützen. Es handelt sich um einen Gebäudekomplex, der für etwa 300 Personen ausgelegt ist, aber derzeit 3000 bis 4000 Männer beherbergt. Die Gefangenen liegen beziehungsweise sitzen Körper an Körper in den Räumlichkeiten auf blankem Boden. Hygienische Verhältnisse – keine. Privatsphäre – keine. Die Kleidung der Insassen zerlumpt, verschmutzt, verwahrloste Leiber. In der Krankenstation befinden sich zwei Betten, auf jedem liegen sich zwei Personen gegenüber, andere sitzen auf der Bettkante. Wundversorgung, Pflege, alles Fehlanzeige. Die eine Ordensfrau, die eine Berufsausbildung als Krankenschwester hat, zieht den Gefangenen in deren Not sogar die Zähne. Unter einer Plastikplane sitzen an die 20 Männer, an Tuberkulose erkrankt, ohne Behandlung. Ärzte kommen so gut wie gar nicht an diesen Ort. Die Gefangenen, ob Schwerstkriminelle oder wegen Bagatellen auf der Straße aufgegriffen, sind mehr oder weniger sich selbst überlassen und versuchen, ihr Überleben unter diesen katastrophalen Zuständen zu organisieren.
Die Erlebnisse, die Erzbischof Stephan Burger in Goma gemacht hat, und das Leid und das Elend, das er dort gesehen hat, haben ihn tief bewegt und mitgenommen.
"Die Gefangenen bildeten eine Gasse"
Wäre ich in diesem Gefängnis eingesperrt, ich würde innerhalb weniger Tage einer Infektion zum Opfer fallen oder wäre gegebenenfalls suizidgefährdet, von den zwischenmenschlichen Tragödien der Gefangenen untereinander und deren Leiden aneinander gar nicht gesprochen. Es ist jetzt nicht Gaza, nicht Israel, nicht die Probleme und das unsägliche Leid des Nahen Ostens, auch nicht das der Ukraine, das mich natürlich ebenso umtreibt und das ansonsten unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es ist darüber hinaus dieser kleine Ausschnitt aus Afrika, stellvertretend für viele andere Teile der Welt, in denen Menschen zugrunde gerichtet werden.
Beim Durchgang durch das Gefängnis redete kaum jemand. Die Gefangenen, soweit sie nicht auf dem Boden lagen oder saßen, bildeten eine Gasse, sodass wir, ohne berührt oder angefasst zu werden, durchgehen konnten. Die eine Ordensfrau voraus, die andere hinterher. Hier erschließt sich nun für mich der Vers aus dem Buch der Weisheit auf neue Weise, bekommt für mich eine eigene Bedeutung: „Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war ...“ (Weisheit 18, 14).
Wie diese Situation wirklich erfassen? Wie dieser menschlichen Not, diesem Elend einen Namen geben? Wie diesem Leid begegnen? Wie darüber reden, geschweige denn hier Abhilfe schaffen zu können? Was innere Nacht, was Dunkelheit – oder besser: Finsternis bedeuten kann, wie Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein sich anfühlen, wie ein Verlorengehen menschlicher Würde und Existenz vonstattengeht, hier konnte ich es erahnen. Das Gefängnis in Goma, ein Ort der Gottvergessenheit, eine Erfahrung von Hölle, von Erniedrigung und Verzweiflung, kurzum ein schwarzes Loch, der Höhepunkt der Nacht in all den dafür infrage kommenden Dimensionen.
Sie bringen Licht in diese menschliche Dunkelheit
Doch der Vers aus dem Buch der Weisheit hat eine Fortsetzung: „... da stieg dein allmächtiges Wort, o Herr, vom Himmel herab, vom königlichen Thron“ (Weisheit 18, 15). Gerade diese Ordensfrauen, die mir einen Einblick in das menschlich unsagbare und unbegreifliche Leid ermöglichten, bewirken mit ihren Besuchen, mit ihrer Zuwendung, mit ihrer Anteilnahme am Schicksal dieser Menschen, was mit diesem Herabsteigen des göttlichen Wortes vom Himmel gemeint sein muss. Sie bringen mit ihrer Anwesenheit Licht in diese menschliche Dunkelheit, sie bringen Linderung in höchst dramatischen Lebenssituationen. Sie sorgen dafür, dass auf der Krankenstation eine Sonderration Maisbrei für die ausgezehrten und entkräfteten Patienten zur Verfügung gestellt werden kann. Sie bringen Anteilnahme und Menschlichkeit dorthin, wo alle Menschlichkeit abhandengekommen ist.
Und es gibt sogar an diesem Ort des Grauens die Möglichkeit – unter diesen Umständen kaum vorstellbar –, dass die Gefangenen am Sonntag die heilige Eucharistie mitfeiern können. Schwer zu begreifen, das Gefängnis von Goma dann doch als Ort wahrzunehmen, an dem das göttliche, das allmächtige Wort herabsteigt und gegenwärtig ist, nicht nur einmal die Woche sakramental, sondern in der menschlichen Zuwendung, in den zwischenmenschlichen Gesten und Zeichen, in den Augenblicken gelebter und erfahrener Liebe.
Erzbischof Stephan Burger
Das Gefängnis von Goma ist ebenso Bethlehem wie Bethlehem im Heiligen Land. Menschwerdung Gottes unter erschwerten Bedingungen, nicht im Stall, nicht mit Krippe und auf Stroh, das sucht man vergebens. Ein solcher Luxus ist den Gefangenen nicht gegönnt. Menschwerdung Gottes allein in den Zeichen gelebter Zuneigung, die in diesen Schwestern und in deren Haltung zum Schicksal der Gefangenen aufscheint. Bethlehem, Ort der Ausgrenzung, Ort der Verstoßenen, der Ungeliebten, Ort derer, die ihrer Würde beraubt sind, die zurückgewiesen wurden. Und doch gerade der Ort, an dem sich das Licht in diese Welt hinein Bahn bricht, in welcher Form auch immer, und sei es eben durch Menschen, die andere in ihrer Not nicht im Stich lassen. Ich wünschte mir so sehr, dass Bethlehem überall sein möge, nicht wegen des Elends, nein, sondern weil in Bethlehem das Heil auf dieser Welt seinen Anfang genommen hat. In Jesus Christus wurde die gelebte Liebe erfahrbar, jene menschgewordene, göttliche Liebe, die uns Menschen einlädt, selbst zu lieben, immer mehr! In diesem Sinne Ihnen eine gesegnete und von göttlicher Liebe erfüllte Weihnacht!