Ein Mönch zwischen Psalm und Limerick

27.01.2025 |

Pater Albert Schmidt hat bei den Benediktinern eine steile Karriere hingelegt. Er pflegt ein ungewöhnliches Hobby.

Er liebt Limericks – und macht sie am liebsten selbst: Pater Albert Schmidt.
 
Hinter Klostermauern wird nicht nur gebetet und gearbeitet. Manches seltene Talent entfaltet sich unter der schützenden Hand einer Ordensregel. Eines dieser Talente ist Albert Schmidt, der zu den Benediktinern in Beuron (Kreis Sigmaringen) gehört. In seinem Heimatkloster an der Donau wurden ihm schon viele wichtige Aufgaben übertragen. Sein Orden hat ihn wegen seiner Fähigkeiten in die Welt geschickt und in die höchsten Ämter gehoben. Zuletzt wirkte er als Abtpräses der Beuroner Kongregation – einem Dachverband europäischer Klöster. Doch sein größtes Hobby sind Limericks. Einen ganzen Stapel dieser komischen Dichtungen hat der Pater bereits aufs Papier gebracht.   

Das Schreiben von Limericks ergab sich fast von selbst. Pater Albert beobachtet genau, hört zu, ordnet ein, legt ab. Die besten Gedanken kommen ihm beim Zuhören. „Sie können mich nachts um zwei Uhr wecken und drei Stichworte sagen und ich mache einen Limerick draus“, sagt er. Er muss also nicht über jedem Halbsatz brüten und die Silben zählen. Es läuft einfach – und viel besser als bei seiner Doktorarbeit, für die er acht Jahre brauchte. Das waren seine acht römischen Jahre.

Später legte er nochmals ein römisches Jahrzehnt drauf. Doch diesmal nicht als Doktorand, der unter einer unlösbar erscheinenden Aufgabe zu tragen hatte. Dieses Mal schickte ihn sein Orden nach Sant‘Anselmo, die internationale Hochschule des Benediktinerordens mit Sitz in Rom, die er als Rektor leitete. Die Zeit in Italien hat der geborene Badener in bester Erinnerung, und doch kam er gerne ins stille Donautal zurück. Bei seiner Verabschiedung sagte er zu seinen römischen Brüdern: „Acht Jahre durfte ich aus dem goldenen Becherlein der Prominenz trinken. Jetzt freue ich mich auf die schwäbische Keramik.“

Auch wer es weit nach oben gebracht hat, sollte irgendwann den Weg zurückfinden, denkt Pater Albert. Er spricht leise, doch sitzt jeder Halbsatz bei ihm. Nach dem Einsammeln von hohen akademischen Ehren sitzt er als Bruder unter Brüdern im Chorgestühl. Er steht wieder jeden Morgen um fünf Uhr in der Reihe der Mönche, wenn der Konvent den neuen Tag begrüßt. Und schnell dichtet der Benediktiner einen neuen Limerick – mal absurd, mal liebevoll reimend. Oder auch nachdenklich. Zum Mauerfall reimte er: „Wir spüren mit seligem Schauer / Die Weltgeschichte ist schlauer. / Sie bietet die Stirn / dem mächtigsten Hirn / keine menschliche Mauer hat Dauer!“

Als ein Bruder im Kloster einen lässigen Slogan für die Klostermetzgerei brauchte, dichtete Pater Albert auf die Schnelle folgendes: „Willst du frische Kräfte tanken, iss‘ Klosterwurst nach Art der Franken.“ Das Versmaß holpert zwar, doch lockte der saftige Reim über Jahrzehnte die Kunden an.
 
Uli Fricker
 

Limerick-Kostproben von Pater Albert Schmidt

 
Kalenderblatt: Januar
Ein neues Jahr ist zur Stelle.
Wir überschreiten die Schwelle
ins offene Land,
das niemand bekannt.
ER führe durch Schatten ins Helle!

April
Im Grab sie den Toten nicht fanden,
der gelöst von Fesseln und Banden
sich frei erhebt
und auf ewig lebt.
Halleluja! Der Herr ist erstanden!

Oktober
Die Bäume die Blätter verlieren;
doch zuvor will der Herbst sie verzieren,
damit nicht betreten
nur vom Ende wir reden.
Wir müssen nicht kapitulieren!

Zum Geburtstag
Das Kalenderblatt leise sich wendet:
Einen Jahresring hast du vollendet.
Gelassen geh weiter,
bleib mutig und heiter –
was immer der Himmel dir sendet!
 
Zur Hochzeit
Es schmieden so leicht sich die Pläne;
doch das Leben zeigt plötzlich die Zähne.
Wenn schlicht Ihr teilt,
was Euch ereilt,
schmeckt halb so salzig die Träne.

Hörer des Wortes
Wir wären ziemlich verloren,
hätten Kopf und Herz keine Ohren;
denn fort und fort
ergeht das Wort:
Der Mensch ist zum Hören geboren.

Einladung zum Lesen
Oft zwingt uns das Leben zur Eile,
und wir stiefeln Meile um Meile
durch geschäftiges Land.
Nimm ein Buch in die Hand –
es sagt dir freundlich: Verweile!
Alle Daten stehn zu Gebot,
doch die Überfülle schafft Not.
Wenn ich nur noch rupf’
am Googlehupf,
schmeckt ein Buch so köstlich wie Brot!