Ein neues Kapitel

22.07.2025 |

Am 19. Oktober finden im Erzbistum Freiburg die Pfarreiratswahlen statt. „Auf geht’s!“, so lautet das Motto. Es passt auch für die Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten, die bereits in rund vier Wochen abgeschlossen sein muss. 

„Auf geht‘s!“ Das Motto der Pfarreiratswahlen erscheint gängig, passt aber durchaus zur aktuellen Umbruchsituation.
 
Eigentlich ist noch viel Zeit. Am 19. Oktober finden in den 36 neuen Pfarreien des Erzbistums Freiburg die Pfarreiratswahlen statt. Das ist fast noch ein Vierteljahr. Bis zum 24. August müssen die Kandidatinnen und Kandidaten benannt werden. Auch bis dahin sind es immerhin noch vier Wochen. Aber Vorsicht: In Baden-Württemberg stehen die Sommerferien vor der Tür und in dieser Zeit ist es bekanntlich deutlich schwieriger, Menschen zu erreichen und sie auf eine mögliche Kandidatur anzusprechen. Viele fahren weg, und wenn sie gegen Ende der Ferien wieder zuhause sind, könnte es zu spät sein. Insofern gilt das Motto, mit dem die Pfarreiratswahlen im Erzbistum Freiburg insgesamt überschrieben sind, auch für die Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten: „Auf geht’s!“

Wobei sich wohl viele Katholiken noch nicht wirklich darüber bewusst sind, dass mit den Pfarreiratswahlen ein völlig neues Kapitel im Erzbistum Freiburg aufgeschlagen wird. Und wer ganz unbedarft die Aufgaben der künftigen Pfarreiräte, wie sie im neuen Pfarreigesetz und auf der eigens angelegten Internetseite für die Pfarreiratswahlen formuliert sind, in den Blick nimmt, bekommt vielleicht sogar den Eindruck, dass diese durchaus auch auf die überkommenen Pfarrgemeinderäte gepasst hätten: Sie erarbeiten Ziele und Strategien für die pastorale Arbeit, sie legen Schwerpunkte fest, beraten den Einsatz des Personals, repräsentieren die Pfarrei in der Öffentlichkeit und vermitteln eigene Entscheidungen in die Pfarrei hinein, sie legen die Richtlinien für den Haushalt fest und beschließen ihn, sie berufen oder bestätigen die Gemeindeteams. Die Amtszeit beträgt fünf Jahre. Auch im Blick auf das aktive und passive Wahlrecht bleibt alles beim Alten. Wählen und gewählt werden dürfen alle Katholiken ab 16. 

Und trotzdem sind die Pfarreiräte etwas grundlegend Neues. Der entscheidende Unterschied zu den bisherigen Pfarrgemeinderäten liegt in ihrer Bezugsgröße. Die 36 künftigen Pfarreien sind im Blick auf  ihre Fläche wie auch bezüglich der Zahl der Katholiken nicht mehr mit den überkommenen Kirchengemeinden vergleichbar. Dementsprechend verändert sich auch die Bedeutung von Begriffen wie „Pfarrei“, „Kirchengemeinde“, „Kirche vor Ort“ oder davon, dass Entscheidungen „vor Ort“ getroffen werden. Der „Ort“, von dem die Rede ist, kann einen Durchmesser von 40 oder 50 Kilometern haben. Und die Kirchengemeinde kann aus 40 000 Katholiken bestehen. 

Zweifellos aber gibt es überall im Erzbistum Freiburg Menschen, die gerade in diesen neuen Strukturen einen besonderen Reiz sehen, sich zu engagieren. Menschen, die grundsätzlich Freude daran haben, in einem Gremium mitzuarbeiten und konstruktiv zu diskutieren, Menschen, die Lust haben, nicht nur ihre Ortsgemeinde oder ihre bisherige Seelsorgeeinheit, sondern ein weites, übergreifendes Umfeld in den Blick zu nehmen. Menschen, die den Wunsch haben, Kirche auch neu, über die lokalen Kirchtürme und die gewohnten Bahnen hinaus zu denken. Menschen, die sich von einer zu erwartenden Arbeitsbelastung von monatlich zehn bis zwölf Stunden nicht abschrecken lassen, zumal das auch nicht viel mehr ist, als ein engagiertes Mitglied der bisherigen Pfarrgemeinderäte oft in selbstverständlicher Weise aufgebracht hat. Und auch die größere Verantwortung mit der die Mitarbeit im Pfarreirat verbunden ist, kann für den einen oder die andere eine positive Herausforderung sein. Zudem kann der Pfarreirat für seine Mitglieder auch persönlich zu einer guten Erfahrung der Gemeinschaft mit engagierten Leuten aus allen Teilen der neuen großen Pfarrei werden, die bei aller Vielfalt doch an einem Strang ziehen, um das kirchliche Leben innovativ zu gestalten. 

Gerade Letzteres bedeutete beispielsweise für Agnes Fartaczek den entscheidenden Anstoß, sich als Kandidatin für den neuen Pfarreirat zur Verfügung zu stellen. Die 59-jährige engagierte Katholikin aus der Gemeinde St. Leonhard in Lauf, nicht weit von Achern, blickt auf einen „klassischen Werdegang“ als Ehrenamtliche in ihrer Gemeinde zurück: Kommunionmutter, Firmkatechetin, Lektorin, Kommunionhelferin und Mitglied des Gemeindeteams. Zusammen mit einer Mistreiterin im Ehrenamt gestaltet sie in St. Leonhard seit nicht weniger als 25 Jahren einen wöchentlichen Schülergottesdienst, den es ohne den Einsatz der beiden Frauen wohl nicht mehr geben würde. 

2015, nach Gründung der Seelsorgeeinheit Lauf-Sasbachtal, entschied sich Agnes Fartaczek, auch für den ortsübergreifenden Pfarrgemeinderat zu kandidieren. Prompt wurde sie zur Vorsitzenden gewählt. „Man sieht die Arbeit und nimmt sie an“, stellt sie rückblickend fest. Mit dieser Haltung war es für Agnes Fartascek auch selbstverständlich, sich bei der Vorbereitung der neuen großen Kirchengemeinde Acher-Renchtal zu engagieren. Und es waren tatsächlich die Erfahrungen im sogenannten Vorfeldentscheidungsgremium und bei regelmäßigen Treffen der Pfarrgemeinderatsvorsitzenden der sieben beteiligten Seelsorgeeinheiten, die sie motivierten, jetzt auch für den Pfarreirat zu kandidieren. „Anfangs waren wir uns noch fremd“, sagt sie und verweist auf die großen Entfernungen in der weitverzweigten, ländlich geprägten künftigen Pfarrei, die sich über vier Täler erstreckt. Mit der Zeit habe sich aber ein „gutes und freudiges Miteinander“ entwickelt. „Das gemeinsame Ringen und die Erfahrung, zum Wohle aller zusammenzuarbeiten, haben mir Mut gemacht.“ 

Etwas ernüchtert ist Agens Fartaczek angesichts der Erkenntnis, dass sich andere, die bis zuletzt aktiv an der Vorbereitung der neuen Strukturen beteiligt waren, bisher noch nicht zu einer Kandidatur für den Pfarreirat durchringen konnten. Als Grund wird der Arbeitsaufwand genannt, aber auch die Befürchtung, möglicherweise der Spannung zwischen den zu erwartenden Spar- und Sachzwängen und den Bedürfnissen der eigenen Basis ausgesetzt zu sein. Agnes Fartaczek selbst lässt keine Zweifel, dass sie diese Basis der örtlichen Gemeinden auch in den neuen Strukturen als wichtigen Ausgangspunkt des kirchlichen Lebens betrachtet. Zumal ihr eigenes Engagement je gerade dort seine Wurzeln hat. Sie erhofft sich in den neuen Strukturen sogar eine Stärkung gerade der kleineren kirchlichen Orte in der Pfarrei. Gleichzeitig hatte sie auch immer Lust „im Großen zu denken“. Für sie schließt das eine das andere nicht aus. Es geht zusammen, es bedingt sich sogar gegenseitig.  

Die Größe der künftigen Pfarreiräte wird unterschiedlich sein. Sie hängt vor allem von der Anzahl und der Größe der Seelsorgeeinheiten ab, die künftig gemeinsam eine neue Pfarrei bilden. In der Regel bilden diese bisherigen Seelsorgeeinheiten auch einen Stimmbezirk. Die Wahlberechtigten wählen nur unter den Kandidatinnen und Kandidaten, die in ihrem eigenen Stimmbezirk auf der Liste stehen. Laut dem neuen Pfarreigesetz müssen dem Gremium mindesten zwölf Mitglieder angehören. Die Höchstzahl ist 40. Neben den unmittelbar gewählten Kandidaten können bis zu drei in besonderer Weise geeignete Personen hinzugewählt werden. Auch die verbandliche Caritas auf dem Gebiet der Pfarrei entsendet ein Mitglied. 

Organisatorisch bedeuten die Pfarreiratswahlen für alle Beteiligten eine Herausforderung. Martin Müller, Geschäftsführer des Diözesanrats und diözesaner Ansprechpartner für die Pfarreiratswahlen, ist dennoch hoch zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der Vorbereitungen und insbesondere mit dem großen Engagement derjenigen, die sich vor Ort für einen reibungslosen Urnengang engagieren. „Da möchte ich Loblieder singen“, sagt er (siehe auch das Interview auf Seite 7). Wobei der Begriff Urnengang nicht unbedingt wörtlich zu nehmen ist. Denn wer will, kann auch mitmachen, ohne sich von seinem Schreibtischstuhl zu erheben, geschweige denn das Haus zu verlassen. Wie schon bei den zurückliegenden Pfarrgemeinderatswahlen wird auch dieses Mal eine Abstimmung per Mausklick möglich sein. 

Die Zahl der Kandidatinnen und Kandidaten, die es zur Besetzung der künftigen Pfarreiräte braucht, ist um einiges geringer als bei den früheren Pfarrgemeinderatswahlen. Trotzdem dürfte die Gewinnung von Frauen und Männern, die bereit sind, sich in diesem Bereich zu engagieren, kein Selbstläufer werden. Motivierend könnte der Verweis auf eine Erfahrung sein, die viele machen, die sich auf ein solches Engagement einlassen: In der Regel ist es nicht einfach so, dass sie sich in ein vorgegebenes „System“ hineinbegeben, um dies bestmöglich auszufüllen. Vielmehr gilt auch umgekehrt: Mit ihren ganz persönlichen Perspektiven, Fähigkeiten, Kompetenzen und Erkenntnissen prägen sie wiederum eben dieses „System“. Kurzum: Die Pfarreiräte „ticken“ letztendlich auch so, wie ihre Mitglieder „ticken“. Ungeachtet natürlich der Tatsache, dass die Arbeit des Gremiums auf der Grundlage der Diözesanen Leitlinien sowie der Diözesanstrategie der Erzdiözese Freiburg erfolgt und die Leitung und Letztverantwortung beim Leitenden Pfarrer liegt. Laut Martin Müller ist es von entscheidender Bedeutung, neben allgemeinen Aufrufen und Appellen zur Kandidatur den direkten Kontakt zu potentiellen Interessenten zu suchen: „Menschen, die ich gewinnen will, müssen mir so wichtig sein, dass ich persönlich auf sie zugehe.“ 
 
Michael Winter 

Hinweis

Alle Informationen und Materialien zur Pfarreiratswahl, einschließlich Pfarreigesetz, Wahlordnung, Plakatmotiven, Flyer und kompakt formulierten Aufgabenprofilen des neuen Gremiums gibt es auf einer eigens eingerichteten Internetseite. Sie kann aufgerufen werden unter: pfarreiratswahl.ebfr.de