„Wir brauchen eine theologisch begründete Perspektive der Hoffnung“

16.09.2025 |

Weniger Studenten, weniger Professoren: Dekan Karlheinz Ruhstorfer über seine Aufgabe, die Theologische Fakultät Freiburg an veränderte Herausforderungen anzupassen.

Karlheinz Ruhstorfer studierte von 1984 bis 1987 Philosophie, Germanistik und Geschichte an den Universitäten München und Freiburg. Nach Promotion und Habilitation war er von 2006 bis 2013 Professor für Systematische Theologie an der Universität Koblenz-Landau. Von 2013 bis 2017 war er Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie an der Technischen Universität Dresden. 2015 wurde Ruhstorfer zum Vorsitzenden der Deutschen Sektion der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie gewählt. 2017 nahm er einen Ruf an die Theologische Fakultät der Universität Freiburg an, wo er seither einen Lehrstuhl für Dogmatik innehat. Seit 2023 ist er Dekan der Fakultät.
 
Über den personellen Umbruch in der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg hatte das Konradsblatt in Heft 31 ausführlich berichtet: Weniger Studenten, lange Berufungsverfahren – das hatte zuletzt für Diskussionen gesorgt. Karlheinz Ruhstorfer, Professor für Dogmatik, steht seit rund zwei Jahren der Fakultät als Dekan vor. Mit ihm sprach Klaus Gaßner vor Beginn des Wintersemesters 2025/26 über die aktuelle Situation der traditionsreichen Fakultät und die Erwartungen für die mittlere Zukunft.

Das Wintersemester rückt näher, Herr Professor, mit wie vielen neuen Studenten rechnen Sie?

Karl-Heinz Ruhstorfer: Das ist jedes Jahr wieder spannend, und für die Zukunft der Theologie sind die Zahlen der Neuanfänger natürlich wichtig. Wir können mit Blick auf die letzten Jahre im kommenden Wintersemester mit knapp 20 neuen Lehramtsstudierenden rechnen und etwa genauso vielen Anfängerinnen und Anfängern im Vollstudium Theologie. Die meisten davon werden im Magisterstudiengang beginnen und sind Laiinnen und Laien. Die Zahl der angehenden Priesteramtskandidaten dürfte bei fünf liegen. Diese circa 40 Anfängerinnen und Anfänger stellen den Großteil unserer neuen Studierenden dar. Dazu kommen noch junge Menschen, die sich im Master of Arts Caritaswissenschaft und Ethik einschreiben, sowie einzelne Studierende des Master of Arts Religionswissenschaft. Wir haben auch noch weitere Studiengänge, sodass sich formal bis zu 90 Anfängerinnen pro Wintersemester ergeben.

In Ihrer Fakultät steht ein mächtiger Umbruch an, Sie haben derzeit neue Professoren-Stellen zu besetzen. Wie sieht die Situation zahlenmäßig genau aus?

Ja, die Fakultät befindet sich gerade in einer personellen Umbruchsituation. Wir haben seit einem Jahr eine neue Kollegin in der Mittleren und Neueren Kirchengeschichte sowie einen neuen Kollegen in der Moraltheologie. Vor einem Jahr ging der Kollege aus dem Kirchenrecht in den Ruhestand und in diesem Frühjahr folgten die Vertreter des Neuen Testaments (NT) sowie der Dogmatik und Liturgiewissenschaft. Als W3-Professuren neu besetzt werden davon NT und Kirchenrecht. Tatsächlich unbesetzt sind derzeit drei Professuren: Kirchenrecht, NT und Religionspädagogik. Zugleich beginnen wir gerade mit den Vorbereitungen der Neubesetzung der Professuren Altes Testament (AT) und Christliche Gesellschaftslehre, die beide ab 2027 frei werden. Zu erwähnen sind hier noch drei Akademische Ratsstellen, die wir in der Pipeline haben. Das betrifft die Fächer Liturgiewissenschaft sowie Dogmatik und schließlich eine Stelle für Hebräisch und Judaistik. In summa haben wir also mit der Neubesetzung von sieben Stellen – davon vier Professuren – zu tun. Das ist tatsächlich jede Menge Arbeit. Vor allem, wenn man bedenkt, dass jede vakante Stelle adäquat vertreten werden muss. Hier leisten die Kolleginnen und Kollegen allein in der Organisation dieser Umbrüche Beachtliches. Aber auch von den Studierenden wird hier einiges verlangt, wenngleich die meisten Studierenden mit den Vertretungsprofessuren sehr zufrieden waren und viele neue Impulse erhalten haben.

Und welche Veränderungen sind beim Zuschnitt der Lehrstühle vorgesehen?

Der demografische Wandel und ein verändertes Studierverhalten – Geistes- und Sozialwissenschaften haben deutlich weniger Zulauf – sowie die Schrumpfungsprozesse der großen Kirchen führen dazu, dass die Studierendenzahlen seit Jahren stark zurückgehen. Das hat zur Folge, dass die Theologische Fakultät wie auch andere Fakultäten, Seminare und Institute der Universität gehalten sind, ihre Auslastungszahlen durch Einsparung von Stellen zu verbessern. Bevor wir Professuren neu besetzen konnten, waren wir gehalten, einen umfassenden Studiengangs- und Professurenplan vorzulegen, aus dem hervorgeht, welche Stellen wir wirklich brauchen. Das hat tatsächlich zu Verzögerungen in der Besetzung geführt. Dieser kritische Blick auf den eigenen Stellenbedarf war aber durchaus wichtig. In der Theologischen Fakultät haben wir beschlossen, die zweite Professur Dogmatik einzusparen. Die bisher mit dieser Professur verbundene Liturgiewissenschaft wird weiterhin, wie es schon viele Jahre üblich war, durch eine Akademische Ratsstelle vertreten. Die für Rom sehr wichtige professorale Vertretung der Liturgie wird die Pastoraltheologie übernehmen. Bis dato ergeben sich keine weiteren Veränderungen in den Zuschnitten der Professuren. Aber wir bleiben wachsam und sensibel, um auf Veränderungen in Gesellschaft und Wissenschaft so kreativ wie möglich einzugehen und auch für Studierende der Zukunft attraktiv zu bleiben.

Zuletzt hat auch Rom sich eingeschaltet und auf die Beibehaltung eines Lehrstuhls für Kirchenrecht gepocht. Ist das ein üblicher Vorgang?

Das ist in der Tat ein ungewöhnlicher Vorgang, der in gewissem Maß auch ärgerlich war. Und es zeigt, dass uns bei kreativen Veränderungen Grenzen gesetzt sind. Der Hintergrund des Schreibens aus Rom ist Folgender: Nach einem längeren Abstimmungsprozess hatte die Fakultät zunächst beschlossen, die Professur Kirchenrecht einzusparen und stattdessen die Liturgiewissenschaft wieder als eigenständige Professur aufleben zu lassen, da dies die Mehrheit des Fakultätsrats für attraktiver hielt. Diese vom Fakultätsrat gefällte Entscheidung wurde auch von der Universitätsleitung und dem Erzbistum Freiburg im Mai 2024 gebilligt. Dass dann im Februar 2025 ein Einspruch aus Rom kam, war sehr verblüffend und stellte uns in der Tat vor gewisse Herausforderungen. Wie ich bereits erwähnt habe, wurde das Problem aber sehr schnell und durchweg einmütig gelöst, indem wir Liturgiewissenschaft mit Pastoraltheologie verbinden und Kirchenrecht als eigenständige Professur ausschreiben. Noch im Juli 2025 wurden die entsprechenden Beschlüsse fast einstimmig gefasst.
 
In Ihrem Amt dürften Sie etliche Herausforderungen spüren: Sparanstrengungen der Hochschule, die Erwartungshaltung der Kirche, eine nötige Attraktivitätssteigerung für junge Menschen – wie empfinden Sie die Aufgabe?

Das ist tatsächlich keine ganz einfache Aufgabe. Viele persönliche Erwartungen, institutionelle Interessenslagen, aber auch äußere Sachzwänge sind zu berücksichtigen und unter einen Hut zu bringen. Sehr schade finde ich, dass das Interesse von jungen Menschen an Geisteswissenschaften im Allgemeinen und Theologie im Besonderen so deutlich nachlässt. Hier kann man auch mit der nötigen Steigerung der Attraktivität des Studiums kaum gegensteuern. Natürlich machen wir das, aber wir werden es nicht schaffen, den großen Trend zu stoppen. Gerade der massive Imageverlust der Kirchen ist so ein Trend, gegen den wir nicht ankommen. Hier erfährt man deutlich die Grenzen des Machbaren. Das ist irgendwie auch schmerzhaft zu sehen. Trotz allem bin ich fest davon überzeugt, dass wir die Herausforderungen meistern werden und den jungen Menschen, die zu uns kommen, eine stets erneuerte wissenschaftliche Ausbildung angedeihen lassen können. Die existenziell, spirituell und kulturell höchst relevanten Themen, die in einer Vielfalt von Fächern bearbeitet werden, sind für das religiöse Leben unserer Zeit von kaum zu überschätzender Bedeutung. Die Universität, die Gesellschaft, der Staat und auch die Kirche brauchen weiterhin hochkompetente Theologinnen und Theologen, und so sind die Berufsaussichten unserer Leute ja erstaunlich gut, so gut wie in sehr wenigen anderen Fächern. Und unsere Studierenden, Promovierenden und Habilitierenden auf ihrem Weg begleiten zu dürfen, empfinde ich als ein großes Privileg – gerade auch in Zeiten des Umbruchs.

Bei einer solchen Veränderung ziehen kaum alle Professorenkollegen an einem Strang … ?

Es ist so, dass es in einer Fakultät verschiedene Perspektiven, unterschiedliche Erfahrungshorizonte und diverse Einschätzungen gibt. Zu Recht vertreten die einzelnen Professoren zunächst auch die Interessen ihrer jeweiligen Fächer. Und es ist ja ganz natürlich, dass eine Kollegin, die in mehr als 20 Jahren in Ruhestand gehen wird, andere Einschätzungen der Gesamtlage hat als ein Kollege, der in weniger als zwei Jahren geht. Und ich will nicht verschweigen, dass es auch in der Theologie menschlich und manchmal allzu menschlich zugeht. Alles Andere wäre sehr unwahrscheinlich. Unsere Diskussionen sind intensiv, und wir hoffen auf Lösungen, die alle mittragen können. Im Zweifelsfall entscheidet dann halt der Fakultätsrat, in dem freilich die Kolleginnen und Kollegen immer mit einer professoralen Mehrheit vertreten sind. Es kommt aber darauf an, nicht nur die Gruppe der Professoren in die Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse einzubeziehen, sondern auch die Promovierenden, die wissenschaftlichen und nicht wissenschaftlichen Mitarbeitenden und nicht zuletzt die Studierenden.

„An den staatlichen Universitäten gelten theologische Fakultäten immer mehr als exotische Relikte vergangener Zeiten, die im Kontext ‚echter‘ Wissenschaften nichts verloren haben“ – so analysieren Sie in Ihrem neuesten Buch. Wie sieht denn in diesem Kontext Ihre Vorstellung von der Zukunft der Theologischen Fakultät, zumindest in mittlerer Sicht, aus?

Hier muss ich unterscheiden. In meiner Tätigkeit als Dekan erlebe ich durchweg eine große Wertschätzung der Theologie und ihren Fächern gegenüber. Die Universitätsleitung, die Mitglieder der Dekanerunde, aber auch die Kolleginnen und Kollegen anderer Fakultäten und Fächer respektieren die Theologie in ihrer großen Mehrheit. Und es gibt keine ernsthaften Bestrebungen, die Theologie an unserer Universität abzuschaffen. Andererseits verlieren die theologischen Fächer immer mehr an gesellschaftlicher Relevanz. Und ja, es gibt auch eine wachsende Zahl von Stimmen, die gegen eine Einbettung der Theologie in den Kanon universitärer Forschung sprechen. Die technischen, lebenswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Fächer werden immer wichtiger und gewichtiger, und es wird für „Humanities“ und besonders für die Theologien schwieriger, in einer gewandelten Forschungslandschaft Bestand und Bedeutung zu haben. Doch zeigt sich immer mehr, dass gerade unsere Zeit in ihren besonderen Krisen starke Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften braucht, zu denen ich auch die Theologien rechne. 

Und was bedeutet das für die Theologie?

Freilich werden sich gerade die „Gotteswissenschaften“ in diesem stark säkularen Umfeld einmal mehr neu erfinden müssen. Und zweifellos wird es mittelfristig zu großen Veränderungen kommen. Mit Blick auf die Strukturen möchte ich nicht ausschließen, dass es irgendwann geboten sein kann, die immer kleiner werdenden Theologischen Fakultäten in größere humanwissenschaftliche Einheiten zu integrieren. Dadurch könnte aber nicht nur der interdisziplinäre Austausch profitieren, vielmehr könnten hier die Theologien auch eine neue Plattform für ihre Themen finden und sich eine neue Studierendenschaft erschließen. Ob und inwiefern eine derartige Entwicklung mit einer Entkoppelung von den Kirchen einhergehen muss, ist eine offene Frage und sie steht derzeit nicht zur Debatte. Doch gerade die manifeste Krise der etablierten Kirchen der westlichen Gesellschaften macht die wissenschaftliche Reflexion auf die Religion nicht unwichtiger, sondern wichtiger. Unsere vielfach bedrohte Welt, die gefährdeten Demokratien und die gestressten und oftmals ratlosen Individuen brauchen eine theologisch begründete Perspektive der Hoffnung. Eine religiös motivierte Kritik unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit ist ebenso unverzichtbar wie eine durch gesellschaftliche Impulse und vor allem theologische Kritik weiterentwickelte Religion. 
 

Stichwort: Theologische Fakultät


Die Theologische Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg besteht seit der Gründung der Hochschule im Jahr 1457. Um 1500 lehrten und forschten hier der Reformer und spätere Straßburger Münsterprediger Geiler von Kaysersberg, der Elsässer Franziskaner und Dichter Thomas Murner, aber auch der Gegner der Reformation Johannes Eck. Ab 1529 war auch Erasmus von Rotterdam an der Hochschule. Während der Reformationszeit blieb die Universität katholisch, da sie eine vorderösterreichische Universität war. 
Mit der Gründung der Erzdiözese Freiburg im Jahr 1827 wurde die theologische Fakultät der akademische Ausbildungsort für die Priester der Diözese. Durch die Exegeten Alfons Deissler und Anton Vögtle wurde die Theologische Fakultät Freiburg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland zu einem der führenden Zentren für die Erneuerung der Bibelwissenschaft und die Etablierung der historisch-kritischen Methode in der katholischen Theologie.