Engagement statt Alarmismus

11.03.2026 |

Zum vierten Mal luden Erzdiözese und Landeskirche zum „Badischen Dialog“. Als prominentester Gast sprach zum Thema „Verlust der demokratischen Kultur – Christinnen und Christen in der Verantwortung“ Bundespräsident a. D. Joachim Gauck. Er plädierte trotz bestehender Gefahren für mehr Zuversicht und wandte sich gegen einen bedingungslosen Pazifismus. 

Voll besetzt war die Aula des Freiburger Priesterseminars Collegium Borromaeum, viele Interessierte konnten der Veranstaltung nur online beiwohnen.
 
So ganz war Bundespräsident a. D. Joachim Gauck nicht einverstanden mit der Überschrift „Verlust der demokratischen Kultur – Christinnen und Christen in der Verantwortung“, die das Programm des Tages überschrieb. „Worte schaffen Wirklichkeit und von Verlust sollten wir nur sprechen, wenn das, was wir schätzen, verloren gegangen ist“, betonte der 86-Jährige zu Beginn seines Impulsvortrags. Dieser war bei den Teilnehmenden, die vor Ort im Collegium Borromaeum oder am Bildschirm dem „Badischen Dialog“ folgten, wohl von allen Rednern mit der größten Spannung erwartet worden. Gesteigert wurde sie noch einmal in dem Moment, als Gauck sein Manuskript mit dem Verweis, das Vieles darin bereits von seinen Vorrednern gesagt sei, getrost auf die Seite legte. 

In dem nun folgenden Vortrag nahm der Gauck, der von 2012 bis 2017 das Amt des Staatsoberhaupts bekleidet hatte, dann die Rolle ein, für die er noch immer unermüdlich im Land unterwegs ist: „Ich bin in Deutschland zuständig für Zuversicht.“ Erst am Vorabend hatte er in Neuenburg am Rhein den Markgräfler Gutedelpreis entgegen genommen. Auch hier, so Gauck, habe er wieder einmal erleben können, dass „unser Land durchzogen ist von einem Netzwerk des Guten und der Guten“. Und weiter: „Was wir in unserer Gesellschaft vorfinden, ist nicht das, was wir medial von ihr wahrnehmen“, machte der einstige Bundespräsident deutlich und plädierte dafür, nicht nur von den heraufziehenden Bedrohungen zu sprechen, sondern davon, wie sich das Gute in der Gesellschaft lebendig halten lasse – nicht ohne existierende Probleme auszublenden: „Wir wissen, dass das, was wir verteidigen, etwas Imperfektes ist.“

Dass es gilt, unsere Demokratie zu verteidigen, daran ließ Gauck keinen Zweifel aufkommen und verwies dabei auch auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die von Russland geschaffene neue Normalität der aggressiven Landnahme hätte er nicht für möglich gehalten, so Gauck. „Es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit – als Mitmenschen und politisch denkende Wesen – die Ukraine mit allem zu unterstützen, was sie brauchen.“ Deutlich warnte der evangelisch-lutherische Theologe mit Blick auch auf die Position mancher Christinnen und Christen: „Bedingungsloser Pazifismus kann unter Umständen menschenfeindlich sein.“

Neben der Verteidigungsbereitschaft nach außen mahnte Gauck zur Abwehr der Gefahr von Rechts. Dazu gelte es auch, die in der demokratischen Mitte umlaufenden Ängste angemessen wahrzunehmen und politisch zu gestalten. Er appellierte an die Unionsparteien, sich weiter deutlich von der AfD abzugrenzen: „Ihr Menschenbild entspricht nicht unserem christlichen Menschenbild.“ Nicht jeder aber, der „abgedriftet“ sei, sei ein absoluter Feind der Demokratie, betonte Gauck. Er plädierte dafür, im Gespräch mit denen zu bleiben, die angesichts des rasanten Wandels und der damit verbundenen Unsicherheiten und Ängsten ihr Vertrauen in die liberale, offene Demokratie verloren hätten: „Die größte Gefahr für die Freiheit kommt aus der Freiheit heraus, das sehen wir mit Blick in die Vereinigten Staaten.“

Joachim Gauck, einstiger SED-Gegner und tief geprägt von der Friedlichen Revolution von 1989, rief dazu auf, stolz zu sein auf das, was nach dem Zweiten Weltkrieg und mit der Wiedervereinigung erreicht worden sei und mit einem lebendigen Gefühl der Freude und Dankbarkeit darauf zu blicken: „Wenn wir das nicht können, dann haben wir keine Zukunft.“ Er betonte: „Gott will, dass der Mensch zu seinen Möglichkeiten kommt. Wir aktivieren uns aber nicht ausreichend, wenn wir unsere Ängste kultivieren.“ Es brauche Engagement statt Alarmismus: „Wir sind fähig, das Gute ins Leben zu rufen“. Diese Freiheit zur Verantwortung und Freiheit zum Gestalten sei außerdem mit nachhaltigem Glück verbunden.

Über die „Krise der liberalen, rechtsstaatlich verfassten Demokratie“ sprach auch die Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt, Inken Gallner. Sie lobte die von klaren Werten geleitete Arbeit der Kirchen als „kostbares Gut in diesen kriegs- uns krisengeschüttelten Zeiten“. Dabei verwies sie nicht nur auf den Ukrainekrieg und die Wiederwahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, sondern auch auf nicht mehr funktionierende Wirtschaftsmodelle sowie auf Rückschritte bei Frauen- und Minderheitsrechten. „Jeder und jede von uns kann etwas tun und sich einsetzen. Lassen sie uns zeigen, das gereifte und stolze Demokratien es besser können als Autokratien. Kommen wir von der Analyse ins Handeln“, forderte die 61-jährige Juristin.

Bereits vor den Impulsvorträgen, an die sich noch verschiedene Austauschforen und eine Podiumsdiskussion anschlossen, hatten die badische Landesbischöfin Heike Springhart und Erzbischon Stephan Burger ihre Gedanken zur bedrohten demokratischen Kultur in Grußworten geteilt: „Die wachsende Verrohung in den digitalen Medien – in denen jeder seine Argumente, mehr noch seine Abwertungen aussprechen kann, ohne sich zeigen zu müssen – diese wachsende Verrohung schwappt längst in den Bereich der politischen Diskussion hinein und droht diese zu vergiften“, formulierte Erzbischof Burger und verwies auch auf Angehörige von Polizei, Feuerwehr, Krankendienst, der Deutschen Bahn oder auf Seelsorger, die sich zunehmend Angriffen erwehren müssten. 

Der drohenden Vergiftung begegne das christliche Menschenbild mit dem Bekenntnis zu Dialog, Kompromiss und Miteinander: „Die moderne Demokratie lebt davon, dass mit den Menschen in ihr eine Vielzahl von Begabungen zusammenkommt, die am Ende alle bereichert und voranbringt. Indem Gott jeden Einzelnen beschenkt, macht er die Gemeinschaft reich“, so Burger. Das setze jedoch die Bereitschaft voraus, die eigene Perspektive nicht für das Maß aller Dinge zu halten, sondern in einem Perspektivwechsel den eigenen Blick zu weiten oder den eigenen Standort so zu verändern, dass andere Aspekte ins Spiel kommen als die gewohnten.

Auch die Bischöfin der badischen Landeskirche, Heike Springhart, betonte, die Demokratie lebe von Menschen, die zuhören, widersprechen und aushalten, dass andere anders denken. Sie rief dazu auf, Verantwortung zu übernehmen „in den Parlamenten, in Schulen, Gerichten und Kirchengemeinden, aber auch am Stammtisch und in der Familie.“ Zwar wüssten Christen, dass kein politisches System das Reich Gottes sei und sie die Welt nicht erlösen müssten: „Aber wir haben den Ruf zur Mitgestaltung.“ 
 
Kirsten Zimmerer