In einer Welt der Krisen
18.02.2024 |
„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich noch heute einen Apfelbaum pflanzen.“ Dieses bekannte, Martin Luther zugeschriebene Zitat, ist voll von der Hoffnung eines Gottes, der durch dick und dünn mitgeht. Wenn morgen also der Herr kommt, dann dürfen wir uns noch heute mit all unseren Möglichkeiten engagieren. Und deshalb dürfen wir uns nicht paralysieren lassen, dürfen der Wirklichkeit ins Auge sehen und in kleinen Schritten das Gute tun. Keiner von uns weiß, wie viel Zeit ihm dazu bleibt. Wenn wir aber ja sagen können zu unserer Endlichkeit, dann können wir tun, wozu wir jetzt die Zeit haben.
„Gebt acht, dass man euch nicht irreführt!“ (Lukas 21, 8). Denn die Botschaft vom Ende kann man auch missbrauchen. Selbst ernannte Unheilspropheten mit scheinbar überzeugenden Fakten gibt es viele. Doch Jesus mahnt uns, ihnen nicht nachzulaufen und sich von ihnen nicht erschrecken zu lassen. Damit fordert uns Jesus auf, hinter die Szenarien des Schreckens zu schauen und gegenüber allem misstrauisch zu sein, was Angst verbreitet. Was noch alles geschieht, das haben wir nicht in der Hand. „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden“ (Lukas 21, 18).
Für mich ist das keine Vertröstung, sondern wirklicher Trost in bedrängten Zeiten. Peter Neher
Es ist gar nicht so leicht, die Hoffnung nicht aufzugeben. Und einfach "ein Apfelbäumchen zu pflanzen". Peter Neher hat darüber nachgedacht.
„Ich bin eigentlich kein pessimistischer Mensch“, schreibt der angehende Journalist Moritz Findeisen. Und fährt dann fort: „Normalerweise gelingt es mir ziemlich gut, mit negativen Ereignissen und Eindrücken umzugehen. Seit einiger Zeit stelle ich aber fest, dass sich die Nachrichten wie ein negativer Sog auf meine Stimmung auswirken.“
In diesen Worten finde ich mich ziemlich gut wieder. Angefangen hat das bei mir mit den Nachrichten im Sommer 2022 mit einem Bericht über die auftauenden Permafrostböden in Sibirien. Nicht nur, dass dadurch unglaubliche Schäden in der Natur und an Häusern verursacht werden. Vielmehr noch werden ungeheure Mengen von Treibhausgasen mit Kohlendioxid und Methan freigesetzt, welche die Erderwärmung weiter beschleunigen. Und parallel dazu kamen die Nachrichten über brennende Wälder, vor allem in der südlichen Hemisphäre; aber auch punktuell bei uns, wie in Brandenburg. Das alles hat dazu geführt, dass ich zeitweise keine Fernsehnachrichten mehr geschaut habe – ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten.
In diesen Worten finde ich mich ziemlich gut wieder. Angefangen hat das bei mir mit den Nachrichten im Sommer 2022 mit einem Bericht über die auftauenden Permafrostböden in Sibirien. Nicht nur, dass dadurch unglaubliche Schäden in der Natur und an Häusern verursacht werden. Vielmehr noch werden ungeheure Mengen von Treibhausgasen mit Kohlendioxid und Methan freigesetzt, welche die Erderwärmung weiter beschleunigen. Und parallel dazu kamen die Nachrichten über brennende Wälder, vor allem in der südlichen Hemisphäre; aber auch punktuell bei uns, wie in Brandenburg. Das alles hat dazu geführt, dass ich zeitweise keine Fernsehnachrichten mehr geschaut habe – ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten.
Corona, Krieg in der Ukraine und im Nahen Osten...
Aber das ist ja nicht alles. Vielen steckt noch immer die Corona-Pandemie in den Knochen. Hat sie doch in einer für viele von uns dramatischen Weise vor Augen geführt, wie abhängig und letztlich schutzlos wir sind. Mit Folgen, die noch lange nachwirken werden – vielleicht weniger, was die wirtschaftliche Seite angeht, als vielmehr das, was unsere Seelen zutiefst verunsichert hat.
Und dann ist der seit fast zwei Jahren tobende Krieg Russlands gegen die Ukraine. Jeder Tag mehrt die Toten und das Leid der Überlebenden. Ein Ende scheint nicht in Sicht. Mit einem Mal ist der Krieg in Europa zurückgekehrt, indem ein Land ein anderes überfällt, um Macht und Einfluss auszubauen – und möglicherweise alte Wunden mit Gewalt und Terror zu befrieden. Was nie und nimmer einen gerechten Frieden schaffen wird.
Was im Übrigen in ganz ähnlicher Weise für Israel und Palästina gilt. In dramatischer Weise wurden wir Zeugen eines Massakers an jüdischen Menschen, an Alten, Frauen und Kindern. Diese maßlose Gewalt lässt einen einfach fassungslos zurück. Da kann kein Leid gegen anderes Leid aufgewogen werden. Aber natürlich denke ich auch an das Leiden der vielen Menschen im Gaza-Streifen, den ich vor wenigen Jahren besuchen konnte. Mit Frauen und Männern, Kindern und Jugendlichen und einer ungeheuren Sehnsucht nach Leben, nach Freiheit und Frieden und gleichzeitig im Würgegriff der Hamas.
In all diesen dramatischen weltpolitischen Ereignissen aber schreitet die globale Erderwärmung ungehindert voran: extreme Sommerhitze, Waldbrände und Überschwemmungen. Die globalen Klimasysteme scheinen sich mittlerweile unumkehrbaren Kipppunkten zu nähern – und haben sie vielleicht zum Teil schon erreicht.
Und dann sind da natürlich noch all die ganz persönlichen Erfahrungen von Leid und Niederlagen. Nicht immer unbedingt dramatisch, aber doch so, dass sie einen niederdrücken.
Und dann ist der seit fast zwei Jahren tobende Krieg Russlands gegen die Ukraine. Jeder Tag mehrt die Toten und das Leid der Überlebenden. Ein Ende scheint nicht in Sicht. Mit einem Mal ist der Krieg in Europa zurückgekehrt, indem ein Land ein anderes überfällt, um Macht und Einfluss auszubauen – und möglicherweise alte Wunden mit Gewalt und Terror zu befrieden. Was nie und nimmer einen gerechten Frieden schaffen wird.
Was im Übrigen in ganz ähnlicher Weise für Israel und Palästina gilt. In dramatischer Weise wurden wir Zeugen eines Massakers an jüdischen Menschen, an Alten, Frauen und Kindern. Diese maßlose Gewalt lässt einen einfach fassungslos zurück. Da kann kein Leid gegen anderes Leid aufgewogen werden. Aber natürlich denke ich auch an das Leiden der vielen Menschen im Gaza-Streifen, den ich vor wenigen Jahren besuchen konnte. Mit Frauen und Männern, Kindern und Jugendlichen und einer ungeheuren Sehnsucht nach Leben, nach Freiheit und Frieden und gleichzeitig im Würgegriff der Hamas.
In all diesen dramatischen weltpolitischen Ereignissen aber schreitet die globale Erderwärmung ungehindert voran: extreme Sommerhitze, Waldbrände und Überschwemmungen. Die globalen Klimasysteme scheinen sich mittlerweile unumkehrbaren Kipppunkten zu nähern – und haben sie vielleicht zum Teil schon erreicht.
Und dann sind da natürlich noch all die ganz persönlichen Erfahrungen von Leid und Niederlagen. Nicht immer unbedingt dramatisch, aber doch so, dass sie einen niederdrücken.
"Die Menschen werden vor Angst vergehen"
„Ich steh’ vor dir mit leeren Händen, Herr“, heißt es in einem bekannten Kirchenlied, und weiter: „Sprich du das Wort, das tröstet und befreit.“ Mit leeren Händen vor Gott stehen und auf ein Wort warten, das tröstet und befreit, das trifft es, glaube ich, angesichts der genannten Ereignisse ganz gut. Offenbar eine Erfahrung, die auch der Wüstenheilige Charles de Foucauld (1858-1916) ziemlich gut kannte. So schreibt er am 1. Juli 1908 an Monsignore Guérin: „Schwierigkeiten [aber] sind kein vorübergehender Zustand, dessen Ende man abwarten muss wie bei einem Sturm, um nachher, wenn das Wetter wieder ruhig ist, an die Arbeit zu gehen; nein, sie sind der Normalzustand; wir müssen damit rechnen, dass wir uns für das Gute, das wir tun wollen, unser ganzes Leben lang in bedrängten Zeiten (‚in angustia temporum‘) befinden werden.“
Das ist im Grunde nichts anderes, als Jesus seinen Jüngern sagt. „Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen, denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden“ (Lukas 21, 26). Jesus aber bleibt dabei nicht stehen und formuliert sozusagen selbst die Wen-de. „Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter …“ (Lukas 21, 28). Nicht, dann duckt euch weg, sondern bleibt aufrecht stehen, handlungsfähig und souverän. Der Mensch, den der aufrechte Gang kennzeichnet, kommt wieder ins Lot.
Ein Gedanke, den auch Timothy Radcliffe, der ehemalige Generalmagister der Dominikaner (1992-2001) in seiner spirituellen Reflexion bei der Bischofssynode in Rom im vergangenen Oktober zur Situation der Kirche ausgeführt hat. Dort sagte er, dass für die Kirche „die Krise die Spezialität des Hauses“ ist. Was ja nicht ver-wunderlich ist, da ihre ganze Existenz doch auf den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus gebaut ist, der erst durch die existenzielle Krise zum Leben gekommen ist.
„Was bleibt [also] dann im Umgang mit all den Krisen? Vertröstung kann nicht die Lösung sein. Kein Wegschauen, kein Hände in den Schoß legen und auf Gott oder andere hoffen.“ Um noch einmal Moritz Findeisen zu zitieren. Mir persönlich ist es wichtig geworden, all das Leidvolle und Bedrängende zuerst einmal überhaupt wahrzunehmen und es zu benennen; ihm sozusagen einen Namen zu geben. Denn nur wenn etwas einen Namen hat, kann ich damit umgehen, es aus der Finsternis des Unbewussten und des Unbehagens ans Licht holen. Im Märchen vom Rumpelstilzchen drückt sich diese Weisheit eindrucksvoll aus. In dem Moment nämlich, als bekannt ist, dass er Rumpelstilzchen heißt, ist es aus mit seiner Macht des Bösen.
Das ist im Grunde nichts anderes, als Jesus seinen Jüngern sagt. „Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen, denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden“ (Lukas 21, 26). Jesus aber bleibt dabei nicht stehen und formuliert sozusagen selbst die Wen-de. „Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter …“ (Lukas 21, 28). Nicht, dann duckt euch weg, sondern bleibt aufrecht stehen, handlungsfähig und souverän. Der Mensch, den der aufrechte Gang kennzeichnet, kommt wieder ins Lot.
Ein Gedanke, den auch Timothy Radcliffe, der ehemalige Generalmagister der Dominikaner (1992-2001) in seiner spirituellen Reflexion bei der Bischofssynode in Rom im vergangenen Oktober zur Situation der Kirche ausgeführt hat. Dort sagte er, dass für die Kirche „die Krise die Spezialität des Hauses“ ist. Was ja nicht ver-wunderlich ist, da ihre ganze Existenz doch auf den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus gebaut ist, der erst durch die existenzielle Krise zum Leben gekommen ist.
„Was bleibt [also] dann im Umgang mit all den Krisen? Vertröstung kann nicht die Lösung sein. Kein Wegschauen, kein Hände in den Schoß legen und auf Gott oder andere hoffen.“ Um noch einmal Moritz Findeisen zu zitieren. Mir persönlich ist es wichtig geworden, all das Leidvolle und Bedrängende zuerst einmal überhaupt wahrzunehmen und es zu benennen; ihm sozusagen einen Namen zu geben. Denn nur wenn etwas einen Namen hat, kann ich damit umgehen, es aus der Finsternis des Unbewussten und des Unbehagens ans Licht holen. Im Märchen vom Rumpelstilzchen drückt sich diese Weisheit eindrucksvoll aus. In dem Moment nämlich, als bekannt ist, dass er Rumpelstilzchen heißt, ist es aus mit seiner Macht des Bösen.
Von einem Gott, der durch dick und dünn geht
„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich noch heute einen Apfelbaum pflanzen.“ Dieses bekannte, Martin Luther zugeschriebene Zitat, ist voll von der Hoffnung eines Gottes, der durch dick und dünn mitgeht. Wenn morgen also der Herr kommt, dann dürfen wir uns noch heute mit all unseren Möglichkeiten engagieren. Und deshalb dürfen wir uns nicht paralysieren lassen, dürfen der Wirklichkeit ins Auge sehen und in kleinen Schritten das Gute tun. Keiner von uns weiß, wie viel Zeit ihm dazu bleibt. Wenn wir aber ja sagen können zu unserer Endlichkeit, dann können wir tun, wozu wir jetzt die Zeit haben.
„Gebt acht, dass man euch nicht irreführt!“ (Lukas 21, 8). Denn die Botschaft vom Ende kann man auch missbrauchen. Selbst ernannte Unheilspropheten mit scheinbar überzeugenden Fakten gibt es viele. Doch Jesus mahnt uns, ihnen nicht nachzulaufen und sich von ihnen nicht erschrecken zu lassen. Damit fordert uns Jesus auf, hinter die Szenarien des Schreckens zu schauen und gegenüber allem misstrauisch zu sein, was Angst verbreitet. Was noch alles geschieht, das haben wir nicht in der Hand. „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden“ (Lukas 21, 18).
Für mich ist das keine Vertröstung, sondern wirklicher Trost in bedrängten Zeiten. Peter Neher