Den Bann brechen

22.02.2024 |

Von Peter Neher
 
Der aufrechte Gang zeichnet den Menschen aus. Wer aufrecht geht, hat einen freien Blick, sieht dem Gegenüber ins Gesicht. Wer dagegen gekrümmt und gebeugt geht, sieht gerade mal den Boden vor sich, die Füße der anderen.
Nur beim Evangelisten Lukas finden wir diese Erzählung von der verkrümmten Frau (Lukas 13, 10-17). Es ist schon bemerkenswert, dass die Geschichte an keinem Sonntag der drei Lesejahre vorgesehen ist, obwohl sie zum lukanischen Sondergut zählt. Eine Geschichte, die ebenso am Rand steht, wie die Frau, von der sie erzählt …
 
Denn was ist es nicht alles, das einen Menschen verkrümmt und daran hindert, aufrecht zu gehen? Der Mensch, den der aufrechte Gang kennzeichnet, ist geknickt, er ist gedemütigt. Und was gibt es da nicht alles in unserem Leben: in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz – und in der Kirche. „Und siehe, da war eine Frau, die schon achtzehn Jahre einen Geist des Siechtums hatte“, heißt es wörtlich im griechischen Original. Eine Frau, außerhalb der Synagoge, denn innerhalb ist nur für Männer Platz. „Ein Geist des Siechtums”, wer krank ist, hat oft das Gefühl, von etwas anderem beherrscht zu werden. Und doch ist Krankheit kein Betriebsunfall des Lebens. Sie kann einen ganz einfach treffen, weil wir Menschen sind. Achtzehn Jahre sind es in dem Fall. Eine unheimliche Kraft, die dem Menschen das Rückgrat verbiegt, ihn beugt und kleinmacht.
 
„Geist des Siechtums“: Krankheit ist kein Betriebsunfall des Lebens
 
Doch es gibt noch anderes, was Menschen verkrümmt – womöglich gar nicht sichtbar. Das Rückgrat ist auch ein Bild für das Selbstbewusstsein, die Geradlinigkeit, die Standhaftigkeit. Wem das Rückgrat verkrümmt und verbogen ist, fühlt sich gedemütigt und ausgeliefert. Er kann sich nicht mehr aufrichten und nicht wehren. 
 
Die Frau mit ihrem verkrümmten Rücken hat auch ihr Selbstbewusstsein verloren. Womöglich hat man es ihr genommen – durch Missachtung, die Frauen gegenüber selbstverständlich war. Es gibt genügend Ursachen, damals wie heute, die Menschen das Rückgrat verbiegen; Situationen, wo über den Kopf der Einzelnen hinweg entschieden und ihre Stimme nicht gehört wird. Wenn diese Erfahrungen so verinnerlicht werden, dass sie das Lebensgefühl bestimmen, machen sie den Menschen klein und krank. 
 
Dieses ganze Elend trägt die Frau jeden Sabbat vor ihren Gott in die Synagoge. Eigentlich hat sie dort nichts verloren. Denn Sabbat begehen in der Synagoge die Männer, die Starken und die Gesunden. Doch so weit ist es noch nicht – oder nicht mehr – dass sie sich mit ihrem Leiden versteckt. Sie wagt sich dorthin, wo sie Kraft findet. Und an diesem einen Sabbat geschieht etwas Ungeheuerliches. „Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst. Und er legte ihr die Hände auf“ (Vers 12f).
Offenbar ist da heute einer, der nicht wegschaut, der nicht peinlich berührt mit Schweigen über ihr Leiden hinweggeht. Jesus ruft sie zu sich, zu dem, auf den gerade alle schauen. Mehr noch: er legt ihr die Hände auf, er berührt sie und bricht damit alle Konventionen. 
Angesehen, angesprochen und angerührt werden – diese Zuwendung durch Jesus bricht den Bann. Die Frau richtet sich auf und preist Gott. Sie, deren Perspektive achtzehn Jahre lang der Boden vor ihren Füßen war, blickt Jesus ins Gesicht und hebt die Arme zum Himmel. Die Heilung ihres Rückens ist gleichzeitig eine Heilung ihrer Seele. Sie richtet sich auf zum Lobpreis Gottes – und das muss ihr nicht gesagt werden.
 
Ohne die Menschenfreundlichkeit Gottes wird Religion starr

So könnte die Geschichte von der aufgerichteten Frau eigentlich zu Ende sein, wenn sie eben nicht doch weiterginge. „Der Synagogenvorsteher aber war empört darüber, dass Jesus am Sabbat heilte, und sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat!“ (Vers 14). Diese Frau ist gebeugt und geknechtet an dem Tag, an dem Gott seine Schöpfung vollendet hat und allen Menschen und Nutztieren eine Atempause gönnt; der Tag, an dem Israel – oder genauer gesagt: die Männer Israels – den Tag der Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten feiern, nämlich Sabbat. Wichtig ist dem Synagogenvorsteher nicht, dass diese Frau wieder aufrecht gehen kann! Nein, ein Gesetz wurde gebrochen. Das ist ein Widerspruch. Es passt nicht zusammen, wenn einerseits Befreiung gefeiert wird und andererseits ein Mensch niedergedrückt ist. Wenn Erlösung keine fromme Floskel sein soll, dann muss sie für diese Frau erfahrbar sein. Darum geht es!
 
Wo immer Religion ihren Bezug zur Menschenfreundlichkeit Gottes verliert, wird sie dogmatisch und starr, kränkend und heuchlerisch! „Auch Lehrsätze der Kirche, die wahr und die richtig sind, können zu Götzen werden, wenn sie nicht mehr als Wegweiser ... Gottes verstanden werden”, so Kardinal Walter Kasper. Und dann wird „Gerechtigkeit“ zur „Selbstgerechtigkeit“. Wo die Erfüllung von Regeln und Geboten an die oberste Stelle gesetzt wird, geht es nicht mehr darum, dass die Menschen frei werden und ihr Leben gelingt. So ein religiöses Klima verkrümmt Menschen innerlich, nimmt ihnen die Luft zum Atmen und die Entscheidungsfreiheit. Der krumme Rücken der Frau erscheint wie ein sichtbares Zeichen dafür.
 
Die Träger der Verheißung

Diese Absichten entlarvt Jesus und wird so vom Heiland zum Anwalt. „Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Diese Frau aber, die eine Tochter Abrahams ist und die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt, sollte am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen?“ (Vers 15f).
Und mehr noch: Jesus nennt die Frau „eine Tochter Abrahams“. Im ganzen Neuen Testament taucht dieser Begriff nur ein einziges Mal auf, an dieser Stelle. Immer ist sonst von den „Söhnen Abrahams“ die Rede. Sie sind die Träger der Verheißung. Wenn er die Frau nun „Tochter Abrahams“ nennt, gibt er ihr eine gleichrangige Würde. Auch ihr gilt die Verheißung, auch sie ist zur Freiheit und zum aufrechten Gang berufen. Ja, Gerechtigkeit hat etwas zu tun mit „aufgerichtet“ werden, „befreit“ und auf Gott hin „ausgerichtet“ zu sein.
Damit gibt Jesus dem Sabbat seinen ursprünglichen Sinn zurück: der Tag der Befreiung wird jetzt für diese Frau konkret, indem sie am Tag des Heils Heilung erfährt und wieder aufrecht gehen kann. 
 
Im abschließenden Vers heißt es: „Durch diese Worte wurden alle seine Gegner beschämt; das ganze Volk aber freute sich über die großen Taten, die er vollbrachte.“ Vielleicht hat sich der Synagogenvorsteher doch noch über seine Hartherzigkeit geschämt. Vielleicht musste er nur zähneknirschend klein beigeben. Das wissen wir nicht. Wie die geheilte Frau Gott lobt und preist, gehen aber jetzt auch die Zuschauer beschwingt nach Hause. 
Dieser Schlusssatz lädt ein, den „aufrechten Gang“ zu üben und andere dazu zu ermutigen. Zeichnet doch der aufrechte Gang den Menschen aus – Gott hat ihn in uns hineingelegt und befreit uns dazu. Und so sind auch wir immer wieder gerufen, andere aufzurichten, die gefangen und gebeugt sind, den aufrechten Gang zu ermöglichen und zu wagen. Nicht nur am Sabbat.
 
Der Autor Prälat Peter NeherPrälat, bis 2021 Präsident des Deutschen Caritasverbandes, ist Seelsorger für Seelsorgende im Erzbistum Freiburg.