
Wer Stille sucht, findet sie beim Beschreiten des Labyrinthes am Kloster Steinfeld.
In einer alten Geschichte kann man den Wert dessen, was wir „Stille“ nennen, wieder schätzen lernen. Dort heißt es: „Zu einem einsamen Mönch kamen eines Tages Besucher. Sie fragten ihn: ‚Was für einen Sinn siehst Du in Deinem Leben der Stille?‘ Der Mönch war gerade damit beschäftigt, Wasser aus einer Zisterne zu schöpfen. Er sprach zu den Besuchern: ‚Schaut in die Zisterne! Was seht ihr?‘ Die Leute blickten in die tiefe Zisterne. ‚Wir sehen nichts.‘ Nach einer kurzen Weile forderte der Einsiedler die Leute noch einmal auf: ‚Schaut in die Zisterne! Was seht ihr?‘ Die Leute blickten wieder hinunter. ‚Ja, jetzt sehen wir uns selber!‘ Da sagte der Mönch: ‚Schaut, als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille: Man sieht und man hört sich selber!‘“
Mir fällt dazu ein Wort des bekannten Musikjournalisten und Produzenten Joachim Ernst Berendt ein: „Die Reise zu uns selbst ist auch im Zeitalter der Raumfahrt das größte menschliche Abenteuer geblieben. Wir brauchen ein Fahrzeug dafür. Wir tragen es bei uns und ahnen nicht, wie weit es uns tragen kann. Es ist unser Ohr.“ Ja, es ist dieses fantastische Organ, unser Ohr, unser Hörvermögen, das uns nicht nur die unzähligen Klänge in unserer Welt wahrnehmen lässt, es schenkt uns auch die Möglichkeit, uns selber zuzuhören, das Hören nach innen zu lenken und dabei die Stille hören zu lernen, die uns zur Mitte unseres Lebens führt, tief in Räume hinein, die uns wie das Erlebnis der Musik zu Gott führen können. Eigentlich ein gefährliches Unterfangen für jenen „modernen“ Zeitgeist, der wohl so etwas wie „Stille“ nicht mehr kennt, allenfalls nur noch vom „Hören-Sagen“.
Es steht wahrlich nicht gut für das, was wir Stille nennen
Stille, die eigentliche Voraussetzung für das Hören unserer „inneren Stimme“ scheint für diesen Zeitgeist eher „geschäftsschädigend“ zu sein. Ein Überangebot an akustischen und optischen Müllbergen, Reizüberflutung, Frühstücksfernsehen, Mitternachtsserien und in jeder noch so kleinen Pause Werbung zum Wiederkäuen. Da wundert es einen nicht mehr, wenn so mancher Moderator, den gespitzten Zeigefinger auf das Fernsehpublikum gerichtet, die eindringliche Bitte äußert: „Bleiben Sie dran! Ich zähl‘ auf Sie!“ Von morgens bis abends wird uns hier vorgesagt, vorgezeigt, vorgesungen, vorgedacht, vorgegaukelt, vorgespielt und vorgemacht. Nur ja keine Stille, nur ja nicht selber denken, nicht fragen, nicht suchen, nicht innehalten, nur nicht dahinterschauen. Wir könnten in dieser Stille ja dahinterkommen, wie hohl manches ist. Wer schützt hier eigentlich unsere Seele vor „Risiken und Nebenwirkungen“? Gibt es dafür auch eine „Packungsbeilage, einen Arzt oder einen Apotheker“? Wenn man bedenkt, was für ein Lärm heute in unsere Seele eindringt, was wir uns nicht alles „um die Ohren hauen“, was wir uns nicht alles so „reinziehen“, dann steht es wahrlich nicht gut für das, was wir Stille nennen.
Jeder von uns kennt die Situation: Da redet jemand mit uns, schon seit einer Stunde, „ohne Punkt und Komma“, „an einem Stück“, „ohne Luft zu holen“, und höflich wie wir sind, hören wir zu, hören und hören und ... ja hören wir denn überhaupt noch? Sind unsere Ohren nicht schon lange zu? Es geht nichts mehr. Unsere Ohren leiden, jeder weitere Satz tut weh. Wie wohltuend ist es dann, wenn der andere plötzlich seinen Redefluss abbremst und schweigt. Eine Wohltat für unsere Ohren, eine willkommene Ruhepause, sich langsam wieder zu entspannen. Erfrischend solch eine Stille. Hinterher lässt es sich wieder viel besser zuhören und aufmerksam sein.
Stille ist eine Möglichkeit, inne zu halten, das Gehörte in Ruhe verarbeiten zu können, unserem Gehör Entspannung und Erfrischung zu verschaffen. Es gibt viele Situationen während eines Gesprächs, wo ein Schweigen, eine Stille, wohltuende und kreative Ruhe und Besinnung in einen Redefluss hineinbringt, der sonst wie eine Stromschnelle alles mit sich reißen könnte. Stille kann dazu führen, sich auch selbst einmal wieder richtig zuzuhören, sich entscheidende Fragen zu stellen, das Gehörte wirklich auch zu verarbeiten und nach Lösungen suchen zu können. Auf eine dumme, dreiste und unverschämte Frage lieber zu schweigen als zu debattieren, kann eine schwierige Situation wesentlich schneller, effizienter und nachhaltiger lösen. Stilles Schweigen kann also nachdenklich, manches besser bewusst und „hellhöriger“ machen.
In Kontakt treten mit der Welt des Unterbewussten, mit der Welt des Göttlichen
In dieser Ruhe ist endlich Gelegenheit, dass sich all das, was unsere Seele erschüttert hat, gewissermaßen setzen, klären und reinigen kann. Der heilige Basilius der Große meint: „Stille ist für die Seele der Anfang der Reinigung.“ Es ist die Stille wie im „Auge eines Tornados“. Hier können wir uns immer zurückziehen, wenn wir uns vor etwas fürchten, was wie eine Bedrohung vor uns liegt. Es ist für uns die „Ruhe vor dem Sturm“. Man kann es geradezu als tragisch bezeichnen, wenn die Lyrikerin Damaris Wieser feststellt: „Die meist überhörteste Bitte lautet: Lass mich in Ruhe!“ Es scheint halt um einiges leichter zu sein, Lärm zu verbreiten als Stille.
Die Stille ist wie ein Raum, in dem wir in Kontakt treten können mit der Welt des Unterbewussten, mit der Welt des Unsagbaren, Übernatürlichen, Grenzenlosen, mit der Welt des Göttlichen. Unsere Gehörschnecke im Innenohr in ihrer Gestalt einer Spirale ist wie eine kosmische Form, ein Zeichen für das Endlose, eine Wellenbahn ins Grenzenlose, ein Schwingen, ein Auflösen, ein Überschreiten. Im Gehörgang ist gewissermaßen das Tor zur Ewigkeit. In der alttestamentlichen Gottesbegegnung des Propheten Elias wird Gott auch nur in der Stille erlebt: „Der Herr antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus ...“ (1 Könige 19, 11-13).
In der Stille können wir den Atem Gottes spüren. Wir können unsere Ohren nach innen richten, um die Stimme unseres Herzens zu hören, die Stimme unserer Wünsche, unserer Träume und unserer Sehnsucht. „Stille zieht Gedanken an, Lärm verjagt sie“, so der Aphoristiker Ernst Ferstl. Dabei fühlt unser inneres Ohr keine Schallwellen, sondern Gedanken, Stimmungen, Einsichten. Unser inneres Ohr nimmt Kontakt auf mit der Quelle unserer Kreativität, mit dem Ziel unseres Lebens und empfängt Ideen, Weisungen und die innere Stimme unseres Gewissens. Was der heilige Franz von Sales einmal über die „Meditation“ gesagt hat, lässt sich natürlich auch auf die „Stille“ übertragen: „Eine halbe Stunde Stille ist absolut notwendig, außer, wenn man sehr beschäftigt ist, dann braucht man eine ganze Stunde.“
Stanislaus Klemm,
Der Autor Stanislaus Klemm ist Diplom-Psychologe und Diplom-Theologe. Er lebt in Wadgassen.