Gott steht aufseiten der Gerechten: Der Mensch des Friedens hat Zukunft
„Zukunft hat der Mensch des Friedens“, so lautet das Leitwort des 103. Deutschen Katholikentags, der vom 29. Mai bis zum 2. Juni 2024 in Erfurt stattfindet. Es ist ein Zitat aus dem Psalm 37. Im Buch der Psalmen sind 150 Gebete überliefert, der Psalm 37 ist eines der längsten davon. Der Beter erörtert im Gebet die Frage, wer am Ende die besseren Karten hat: Der Gerechte, der Mensch, der sich für Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden engagiert, oder der Frevler, der nimmt, was er bekommen kann. Gegen Ende des Psalms steht dann der Satz: „Zukunft hat der Mensch des Friedens“ (Psalm 37, 37).
Dieser Satz provoziert die Frage: Ist das wirklich so? Hat wirklich der Mensch des Friedens Zukunft und nicht derjenige, der radikal nur seine eigenen Interessen verfolgt, der göttliche und menschliche Gesetze missachtet und der sogar bereit ist, seine Interessen mit Gewalt durchzusetzen? Und zieht nicht am Ende doch der Mensch des Friedens den Kürzeren? Wenn Sie Menschen des Friedens nennen sollten, Menschen, deren Lebenswerk der Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung ist, würden Ihnen vielleicht auch die Namen Mahatma Gandhi oder Martin Luther King einfallen. Beide wurden bekanntlich erschossen. Wie kann man also das Leitwort des Katholikentags erklären oder auch rechtfertigen?
Hört, wen Jesus selig preist: jene, die gerade nicht glücklich sind
Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass dieser Satz im Kontext eines Gebetes steht. Es ist ein Ringen vor Gott und mit Gott. Der Psalm hat also einen religiösen Horizont. Der Beter lässt sich nicht in seiner Überzeugung erschüttern, dass Gott auf der Seite der Friedfertigen steht. Auch wenn der Frevler kurzfristig Erfolg hat, gilt ihm die Drohung: „Eine Weile noch, dann gibt es keinen Frevler mehr. Schaust Du nach seiner Stätte – ist er nicht mehr da“ (Psalm 37, 10). Gott selbst wird den Frevlern ein böses Ende bereiten. Am Ende des Psalms heißt es: „Die Zukunft der Frevler ist aus-getilgt“ (Psalm 37, 38). Dagegen steht Gott auf der Seite der Gerechten und Friedfertigen, sodass der Mensch des Friedens Zukunft hat.
Siegt der Frevler oder der Gerechte? - Wer den letzten Stich macht, hängt nicht nur vom Blatt ab ...
Als Christen verbinden wir damit die Verheißung des messianischen Friedensreiches, das Jesus Christus am Ende der Welt und ihrer Geschichte errichten wird und das er uns durch seinen Tod und seine Auferstehung erschlossen hat. Diese Hoffnung auf ein ewiges Friedensreich wird durch die Bergpredigt genährt, in der Jesus gesagt hat: „Selig, die Frieden stiften“ (Matthäus 5, 9). Die Menschen, die Jesus in der Bergpredigt seliggepriesen hat, sind nach irdischen Maßstäben gerade nicht glücklich: Es sind die Armen und Trauernden, die Menschen, die Hunger und Durst haben und die, die verfolgt werden. Auch die Friedensstifter haben häufig kein leichtes Schicksal. Sie können leicht zwischen die Fronten geraten und dabei Schaden nehmen, wie man ja am Schicksal von Mahatma Gandhi und Martin Luther King und anderen sehen kann. Die Auszeichnung durch einen Friedenspreis ist dann oft nur ein kleiner irdischer Trost. Die Zukunft, die dem Menschen des Friedens versprochen wird, ist für uns Christen die den Friedensstiftern in der Bergpredigt verheißene Seligkeit im messianischen Friedensreich Jesu Christi. Nun findet der Erfurter Katholikentag in einer Umgebung statt, in der sich nur etwa 30 Prozent der Bevölkerung zum christlichen Glauben bekennen. Der Mehrheit der Bevölkerung ist Religion seit Generationen fremd. Wie aber ist der Satz „Zukunft hat der Mensch des Friedens“ für Menschen ohne Hoffnung aus der Religion verständlich? Entweder ist dieser Satz schlichtweg falsch, oder man muss über das Wort „Zukunft“ nachdenken. Zukunft ist ja ein sehr weiter Begriff. Mit „Zukunft“ ist im Psalm 37 sicher nicht der nächste Tag gedacht, obwohl doch viele in der Politik sehr darauf bedacht sind, was am nächsten Tag in der Zeitung steht. Solch kurzfristige Zukunftsperspektiven können im Psalm 37 nicht gemeint sein. Wenn der Satz „Zukunft hat der Mensch des Friedens“ auch ohne religiösen Hintergrund verständlich sein soll, dann muss diese Perspektive auch über das Ende des eigenen Lebens hinausreichen. Da haben nämlich Mahatma Gandhi und Martin Luther King und viele andere Friedensstifter langfristig eine Zukunft der Versöhnung, des Friedens und der Gerechtigkeit eröffnet, auch wenn sie selbst die Früchte nicht ernten konnten.
Frieden schaffen heißt: über die eigene Lebenszeit hinausblicken
Den ökologischen Frieden mit der Natur werden wir ohnehin nur erreichen können, wenn wir über unsere eigene Lebenszeit hinausdenken. Der Begriff der Nachhaltigkeit kommt aus der Forstwirtschaft. Die Forstwirte stehen zurzeit in den abgestorbenen Wäldern und fragen und überlegen gemeinsam, welche Zukunft der Wald und damit auch unsere Umwelt haben kann. Von ihnen können wir lernen, sogar über den Tellerrand des eigenen Lebens hinauszublicken. Die Forstwirte verheißen nicht blühende Landschaften, sondern sagen: Das dauert. Voraussetzung ist allerdings, dass die Klimakrise nicht einfach geleugnet wird. Papst Franziskus hat in seinem neuesten Schreiben „Laudate Deum“ vom 4. Oktober 2023, das eine Fortsetzung und Aktualisierung seiner Umweltenzyklika „Laudato si“ ist, sehr deutlich geschrieben: „Das Einhergehen der globalen Klimaphänomene mit dem beschleunigten Anstieg der Treibhausgasemissionen, insbesondere seit Mitte des 20. Jahrhunderts, lässt sich nicht verbergen. Eine überwältigende Mehrheit der Klimawissenschaftler vertritt diese Korrelation und nur ein winziger Prozentsatz von ihnen versucht, diese Evidenz zu bestreiten (…) Ich sehe mich gezwungen, diese Klarstellungen, die offenkundig er-scheinen mögen, aufgrund bestimmter abschätziger und wenig vernünftiger Meinungen vorzunehmen, die ich selbst innerhalb der katholischen Kirche vorfinde. Aber wir können nicht mehr daran zweifeln, dass der Grund für die ungewöhnliche Geschwindigkeit der gefährlichen Veränderungen eine unbestreitbare Tatsache ist: die gewaltigen Entwicklungen, die mit dem ungezügelten Eingriff des Menschen in die Natur in den letzten zwei Jahrhunderten zusammenhängen. Natürliche Einflüsse, die typischerweise eine Erwärmung verursachen, wie Vulkanausbrüche und andere, reichen nicht aus, um das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Veränderungen in den letzten Jahrzehnten zu erklären“ (Nr. 13f.).