Die biblische Rede vom Opfer ist immer an Notwendigkeiten gebunden. Dahinter stehen der Gedanke und die Einsicht, dass das Übel eines Ausgleichs bedarf.
Gewichtige Gründe bewegen Menschen dazu, einen persönlichen Beitrag zu leisten, um das Böse zu sühnen.
„Gott braucht keine blutigen Opfer.“ Diese theologische Feststellung wurde so oft aufgegriffen, so häufig zitiert, dass sie zu einem Gemeinplatz geworden ist. Das „blutig“ pointiert die Aussagekraft, doch könnte es ebenso heißen: „Gott braucht keine Opfer“, inhaltlich würde das wenig ändern.
Die biblische Rede vom Opfer ist immer an Notwendigkeiten gebunden. Jesus erklärt seinen Jüngern auf die Messiasfrage hin, dass er nach Jerusalem gehen und vieles erleiden und getötet werden müsse. Nach Matthäus enthüllt er so das Geheimnis seiner Messianität. Er muss leiden, dies entspricht nach der synoptischen Auslegung einem Heilsplan, der sich hier offenbart. Auf den von Petrus geäußerten Einwand gegen diese Unausweichlichkeit des Opfers hin, wird dieser scharf zurechtgewiesen (Matthäus 16, 21ff). Die mit dem Opfer verbundene Notwendigkeit ist Ausdruck eines ethischen Empfindens, das sich auch vielfach im außer- und nachbiblischen Kontext findet. Heinrich von Kleist etwa schreibt im Januar 1794 nach ersten militärischen Einsätzen in der preußischen Armee an seine Halbschwester Ulrike: „Gebe uns der Himmel nur Frieden, um die Zeit, die wir hier so unmoralisch tödten, mit menschenfreundlicheren Thaten bezahlen zu können.“ Der zutiefst ethische Gedanke, den er hier formuliert, ist die Einsicht, dass das Übel eines Ausgleichs bedarf.
Ein ethischer Impuls wie der Sühne-Gedanke ist nie vergeblich
Der Ausgleich steht in keinem direkten Zusammenhang zum zuvor Vorgefallenen, es wird durch ihn nicht „wiedergutgemacht“, und doch ist die Notwendigkeit drängend und offensichtlich. Kleist spricht nicht davon, selbst getötet zu haben, aber er ist Teil des Wir, das für das entstandene Leid „zahlen“, also Ausgleich schaffen muss. Dies führt in das innere Wesen der Sühne, denn kein ethischer Impuls ist vergeblich. Die Notwendigkeit, die Kleist verspürt, geschieht nicht um eines Lohnes willen, niemand zwingt ihn dazu. Die Notwendigkeit spricht aus sich selbst heraus, und nach Sühne zu verlangen, heißt, das Gute um seiner selbst willen zu wollen. Es ist, wie die große jüdische Philosophin Simon Weil schreibt, die Gnade, die der Schwerkraft des Übels entgegengesetzt ist. Wo das Bedürfnis nach Sühne vorherrscht, ist die Gnade am Werk.
Ein anderes, berühmtes Beispiel kann dies illustrieren. Die große Ordensfrau Edith Stein übergab aus innerer Not am 26. März 1939, dem Passionssonntag, kurz vor Mitternacht, folgenden Brief an Mutter Ottilia Thannisch, die Priorin des Echter Karmels: „Liebe Mutter, bitte erlauben Euer Ehrwürden mir, mich dem Herzen Jesu als Sühnopfer für den wahren Frieden anzubieten: dass die Herrschaft des Antichrist (…) zusammenbricht und eine neue Ordnung aufgerichtet werden kann. Ich möchte es heute noch, weil es die 12. Stunde ist. Ich weiß, dass ich ein Nichts bin, aber Jesus will es, und Er wird gewiss noch viele andere dazu rufen.“ Dieses Anbieten ihrer selbst begreift Edith Stein als Dienst an Gott, so wie ihr Gebet selbst (im Sinne von Lukas 2, 37). Aufgrund der Bedrängnis, der sie ihrer jüdischen Herkunft wegen ausgesetzt war, und um den Kölner Karmel zu schützen, war sie in die Niederlande ausgewandert, wo sie nur wenig später den Deutschen in die Hände fallen sollte. Der Krieg deutete sich im Frühjahr 1939 bereits allenthalben an. Edith Stein empfindet im Gebet die innere Notwendigkeit, dem sich verdichtenden und drängenden Übel etwas entgegenzusetzen. Wie sollte sie als Einzelne dies in ihrer Ohnmacht tun? Sich selbst ganz in die Waagschale werfen, Ausgleich schaffen. Zeugnis geben von dieser starken Erfahrung des Von-Christus-gerufen-Seins, aber Zeugnis in der Bereitschaft zur völligen Selbsthingabe an Gott.
Nun scheint, von außen betrachtet, eine völlige Vergeblichkeit darin zu liegen. Ob sie bereit war, sich zu opfern, oder nicht, hat am Verlauf der Geschichte nicht das Geringste geändert. Der Krieg kam, weil er gewollt und betrieben wurde, und mit ihm das unermessliche Leid, zumal für die Juden. Edith Stein wurde im August 1942 in Auschwitz ermordet, ein Opfer unter Hundertausenden, unter Millionen. Und doch ist die in ihrem Brief geäußerte Bereitschaft als Antwort zu verstehen, als eine ethische Tat. In ihr wird der Gegenimpuls deutlich, der Ausdruck eines Gerufenseins und damit der Gnade ist. Diese Gegenimpuls ist wesentlich, denn sonst wäre das Übel umfassend. Tatsächlich ist es niemals unbegrenzt.
Keine eigene Schuld – und trotzdem keine Wahl
Ähnliches findet sich bei Simone Weil. Sie litt unter einer fragilen körperlichen Konstitution und rasenden Kopfschmerzen. Statt sie zu behandeln, zwang sie sich, diese Schmerzen auszuhalten, weil so viel Schuld in der Welt sei und so viel Sühne notwendig. Auch sie trug keinerlei Verantwortung an dieser Schuld, aber der Impuls zur Sühne war ihr übermächtig. Woher kommt der ethische Impuls, der Ausgleich schaffen möchte? Er ist wesentlich gnadenhaft. Auch hier stellt sich die Notwendigkeit eines Ausgleichs ein, die ihr die Bereitschaft zum Ertragen des Leidens gibt. Das Bedürfnis danach, durch Sühne auszugleichen, geschieht um des Guten willen, das aus dem Lot geraten und ins Hintertreffen geraten ist.
Dieses „Keine-Wahl-Haben“, diese Sühnetat ohne persönliche Schuld ist ein Ausdruck von Gnade. Es begleitet den Impuls von Kleist, der an ein Bezahlen mit „menschenfreundlichen Thaten“ dachte, als er als Soldat das Töten erlebte; es beschreibt ebenfalls die Erklärung ihrer Bereitschaft zur Sühne bei Edith Stein und die Leidenspraxis von Simone Weil. Wenn das Gute um seiner selbst willen getan wird, ist es für Gott getan. Gott „braucht“ also diese Opfer, weil er Menschen dazu ruft, weil er in der ethischen Tat, die sich aus der Opferimpuls Bahn bricht, gegenwärtig und erfahrbar ist. So ist die Dringlichkeit zu verstehen, mit der Jesus nach Jerusalem gehen möchte, um sich auszuliefern. Sie schafft einen Ausgleich, der uns aufrichtet und Hoffnung gibt, denn in ihm bleibt die Schwerkraft des Übels niemals unwidersprochen. Sie hat, christlich gesprochen, niemals das letzte Wort.
Jorg Therstappen, Schulseelsorger an den Klosterschulen Unserer Lieben Frau in Offenburg.