Schau genau hin! Wie uns der Blick in die Natur helfen kann
Ja, es gibt so etwas wie eine neue Lebenschance, auch davon kann uns die Natur erzählen ...
Es ist unfassbar, was Menschen in ihrem Leben manchmal alles erleiden, durchstehen und bewältigen müssen. Beobachtungen aus der Natur werden uns Mut machen, dass eine schwere Krise nicht gleich das Ende bedeuten muss. Eine Wanderung an einer still gelegten Bahnstrecke entlang führt mich an sonderbar skurril anmutenden Bäumen entlang, die unmittelbar nebeneinander stehen, so, als ob sie dem Vorbeigehenden in ganz unspektakulärer Weise eine stille, aber überzeugende Lektion über das Leben vermitteln wollten, eine interessante Episode mit einem klassischen „vorher“/„nachher“.
Es ist die Geschichte von zwei kleinen Eichenbäumen, die man unbedacht in bedrohlicher Nähe eines eisernen Geländers angepflanzt und fortan ihrem Schicksal überlassen hat. Alle Bäumchen wachsen mit der Zeit heran, und es kommt, wie es kommen muss, zum Kampf zwischen Baum und Eisen. Die Lust, der Wille, der Mut zum Leben wird sich hier behaupten müssen. Während die Eisenstange dem ersten Baum bereits bedrohlich nahe gekommen ist und ihn in eine Krise stürzt, hat der zweite Baum bereits den Kampf gewonnen, auf eine kreative und überraschende Art: im friedlichen Zusammenleben.
Wie Ankommen nach langer, beschwerlicher Reise
Der Wanderer kann seinen Blick kaum abwenden, so fasziniert ist er von diesen Leidensbäumen. Der zweite Baum ist jetzt so friedlich, so ... unwirklich, so als ob er dem Wanderer sagen wollte: „Ja, schau genau hin, ich sah vor Jahren so ähnlich aus wie mein Bruder nebenan. Ich wollte schon aufgeben, aber da fand ich doch eines Tages irgendwie die Lösung, eine Lösung, die mich selber völlig überrascht hat. Ich kann deine Verwunderung verstehen, wenn du mich jetzt so siehst, ja schau genau hin, es ist kein Traum, ich lebe in Frieden, ich darf Baum sein und die Stange darf Stange bleiben. Ich habe nicht angegriffen, ich habe mich nur verteidigt, habe gekämpft und gesiegt.“
Der Wanderer schaut unverwandt auf dieses unfassbare Bild und muss unwillkürlich an all die Menschen denken, die das Glück haben, nach einem langen Leidensweg ihre Hoffnung wieder zu finden, die nach einer langen Reise endlich angekommen sind. Er denkt an die vielen Menschen, die in schlimmen Lebenskrisen ihre verloren geglaubte Hoffnung weiter suchen, die ihren steinigen Weg unbeirrt weiter gehen, auch dann noch, wenn sie schon lange kein Ziel mehr sehen, die einfach weitergehen in einem tiefen Vertrauen, dass es da irgendwo und irgendwann doch noch etwas geben muss, was nicht zerstört werden kann, die Hoffnung, die Zuversicht. Ja, es gibt so etwas wie Hoffnung, Rettung, Ankunft, eine neue Lebenssicht und eine neue Lebenschance, es gibt etwas, das wieder Sinn macht, das Heilung bewirkt, das eine Lösung bringt, die vielleicht keiner mehr so erwartet. Ja, ich bin zutiefst davon überzeugt, dass „bei Gott kein Ding unmöglich ist“ (Lukas 1, 37). Der Philosoph Ernst Bloch nannte einmal die Hoffnung „das Verliebtsein ins Gelingen“.
Können Leid und Anfechtung einen Menschen reifer, „kostbarer“ machen?
In vielen Situationen unseres Lebens kann die Natur uns ihre Weisheit offenbaren, kann uns ihre Erfahrungen vermitteln, die zu einer Lebenshilfe werden können. Sie kann uns erzählen von unglaublichen Verwandlungen, wie etwa enormer Druck in Verbindung mit unglaublicher Hitze aus einem schwarzen Stein, der Kohle, am Ende einen weißen, hellen Kristall entstehen lassen kann, den Diamanten. Aus Schwarz wird Weiß, aus dem Dunklen entsteht das Helle, aus etwas Brüchigem das Härteste auf unserer Welt, unvorstellbar: Druck und Hitze können Kostbares entstehen lassen. Erfahre ich in meinem Leben nicht Ähnliches? Kann Leiden einen Menschen am Ende vielleicht auch „kostbarer“ oder reifer machen? Es gibt Menschen, die mir wie wahre Diamanten vorkommen: reich an Lebenserfahrung, klar und fest in ihrem Glauben und ihrem Blick, beständig in ihrem Wesen und kostbar in ihrer Freundschaft. Sie haben nicht selten Schweres in ihrem Leben getragen oder ertragen müssen.
Oder Tropfsteinhöhlen: Auch hier muss am Anfang erst einmal ausgewaschen werden, muss Platz geschaffen werden für Neues. Denn es stimmt ja: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ In diese Leere hinein kann nun der Tropfstein wachsen, ganz langsam, ganz leise, und doch vernehmbar, allmählich entstehen neue Landschaften aus Stein. Denn auch das stimmt: „Steter Tropfen lässt Steine wachsen.“ Aus der Leere wird eine Fülle. Das „Leer-Sein“ und das „Erfüllt-Werden“ bilden ein kreatives Ganzes. Das ist wie ein Stein gewordenes Gleichnis für unser Leben. Denn auch hier kann oft nur etwas Neues entstehen, wenn Altes endlich bei Seite geräumt wurde. Auch hier können nur Ende und Neuanfang, die Lebenskrise und Lebenschance, Trauer und Glück den Tropf stein unseres Lebens wachsen lassen. Wie oft kann für uns eine Welt untergehen und schon sehen wir am Horizont die Geburt einer neuen Hoffnung. Leidensfähigkeit, Frustrationstoleranz und „Engelsgeduld“, Mut und Kraft helfen durchzuhalten, ans Ziel zu gelangen: Schmerzen zu überwinden, Schwächen zu besiegen, Verluste zu verkraften, eine Krise glücklich zu beenden oder ein Schicksal anzunehmen.
In jedem Lebenskampf auf Gott vertrauen
Eine alte Geschichte der Bibel könnte uns Weisung sein: Nach der Flucht aus Ägypten und dem Versuch neu zu siedeln, werden die Israeliten in einen ersten Kampf mit den Amalekitern verwickelt, räuberische Nomaden im Süden Palästinas. In diesem Kampf passierte etwas Sonderbares, aber Entscheidendes. Der Führer Moses, der die Schlacht von einem Berg aus beobachtet, hält dabei stets seine Arme hoch zu Gott emporgestreckt und betet für sein Volk. Waren seine Arme oben, lagen im Gefecht die Israeliten vorn, drohten die Arme aber aus Müdigkeit zu sinken, gewannen wieder die Feinde Oberhand. Die Freunde halfen Mose, indem sie ihn gemeinsam so stützten, dass er die Arme wieder hoch, nach Gott ausstrecken konnte. So ging Israel als Sieger aus dieser Auseinandersetzung hervor (Exodus 17, 8-16).
Für die Bibel ist diese Begebenheit indes keine strategische „Blaupause“, wie man am besten kämpfen soll, schon gar kein kluger Ratschlag der Art, in einer schwierigen Krise besser „keine Hand zu rühren“. Hier geht es um die grundlegende Botschaft, in jedem Lebenskampf auf Gott zu vertrauen: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten …“ (Psalm 50, 15). Oder wie es im Neuen Testament heißt: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan“ (Matthäus 7, 7). Die zweite zentrale Botschaft: Wenn dein Bruder oder deine Schwester ihren Glauben, ihre Hoffnung und ihre Zuversicht zu verlieren droht, müssen alle eine feste und zuverlässige Stütze sein. Für den Menschen neben uns, der keine Kraft mehr hat, zu glauben und zu hoffen, zweifelt oder zu verzweifeln droht, müssen wir da sein, dürfen wir Mitmenschen sein, die mit ihm oder ihr glauben, hoffen und gehen. Wir müssen da sein, wenn der Mut zu sinken beginnt, müssen halten, stützen und ermutigen.
Der Autor Stanislaus Klemm ist Diplom-Psychologe und Diplom-Theologe. Er lebt in Wadgassen.