Das Höchste, das Tiefste

21.06.2024 |

Was für den Leib der Atem, ist für die Seele das Gebet. Gedanken über den Ort, an dem wir alles zum Ausdruck bringen dürfen.

Angenommen, du befändest dich in einer schlimmen persönlichen Krise, könntest vor lauter Sorgen kaum noch schlafen und selbst auf deiner Arbeitsstelle nur mit Mühe deine Tränen zurückhalten. Und dann käme ein Kollege, eine Kollegin auf dich zu, würde dich beiseitenehmen und fragen: „Sag’ mal, was ist eigentlich mit dir los? Ich hab’ den Eindruck, dich bedrückt doch etwas. Wenn du jemanden suchst, mit dem du offen darüber reden kannst, du weißt, ich bin immer für dich da!“ Das wäre doch ein Glücksfall für dich, oder? Bei diesem Beispiel denke ich daran, dass wir diese Glücksmomente eigentlich ständig, ganz unverdient, zu jeder Zeit, in allen möglichen Situationen, auf jede nur denkbare Weise ausleben dürften, wenn wir nur wollten.
In dem, was wir „beten“ nennen, drückt sich eigentlich alles aus, was Wesen und Glaubenspraxis einer jeden religiösen Gemeinschaft widerspiegelt. Das Höchste und Tiefste im Wesen jeder Religion offenbart sich in diesem so einfachen Akt. So nennt John Henry Newman (1801-1890) das Gebet „das Atemholen der Seele“. Es ist jene ganz persönliche, aber auch gemeinschaftliche, jene ganz spontane, aber auch rituelle Kommunikation und Hinwendung zu einem transzendenten Wesen, das wir Gott nennen. 
 
"Im Gebet darf der Mensch
alles sagen und wagen"
 
Gebet setzt die Vorstellung eines persönlichen Gottes voraus. Es ist eine universelle Möglichkeit, die wir sowohl mit Worten als auch ohne Worte, kurz oder lang, im Stillen, aber auch in aller Öffentlichkeit, im inneren Erleben, aber auch im praktischen Leben, mit wessen Hilfe auch immer zur Geltung bringen dürfen. „Nur im Gebet darf der Mensch eigentlich alles sagen und wagen“, wie es Jean Paul (1763–1825) einmal formulierte.
Was für unseren Leib das Atmen, das ist für die Seele das Gebet. Wie das Atmen ist es spürbares Leben, die Gewissheit, da zu sein, in dem aufgehoben, geborgen und beschützt zu sein, was uns Leben gibt und auch erhält. Im Beten kann unsere Seele wieder einmal tief durchatmen, um mit jedem Atemzug die Freiheit zu spüren, all das loslassen zu dürfen, was uns bekümmert, ängstigt und sorgt, um dann wieder mit Zuversicht und Hoffnung, die neue Stunde, den neuen Tag einzuatmen. Wer in seinem Leben immer wieder ganz bewusst das Gebet sucht, gleicht einem Menschen, der auf seiner langen Reise immer wieder einen stillen Ort aufsucht, eine Herberge, in der er rasten kann. Es tut so gut, den schweren Rucksack immer mal wieder ablegen zu dürfen! Die Schultern dürfen sich so erholen. Bevor man dann wieder mit seinem Gepäck aufbrechen muss, hatte man Gelegenheit, Überflüssiges, Unbrauchbares und Unnützes aus dem Rucksack zu entfernen.
Wie es in unserer Natur liegt, dass unsere Kräfte im Leben nie unbegrenzt und stetig wirken können, wir immer wieder Ruhephasen brauchen, um uns zu erholen, um wieder neue Kräfte aufzunehmen, aufzutanken, so suchen wir im Gebet auch eine Kraftquelle für unseren Glauben, für unsere Hoffnung und unsere Fähigkeit zur Nächstenliebe. Christlicher Alltag braucht, um der „Menschenbefreiung“ zu dienen, immer wieder das Gebet, die „Gottesverankerung“ als Kraftquelle. Im Gebet spüren wir, dass wir alle Kinder eines Schöpfers sind, dass wir die Schöpfung mit allen Lebewesen teilen müssen und dass wir alle unseren je eigenen Platz haben in der Verantwortung für das Ganze. Unser Gebet darf daher nie parteiisch geraten oder egoistisch ausarten. Schon der griechische Philosoph Epikur (um 341-270 vor Christus) wies darauf hin: „Wenn Gott alle Gebete der Menschen erfüllen würde, wären schon lange alle Menschen zugrunde gegangen, da sie andauernd viel Schlimmes gegeneinander erbitten.“
Gott sprich: "Meinen Bogen setze ich in die Wolken, er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde" (Genesis 9,13)
 
Wir können und wir dürfen immer wieder um all das bitten, was wir und unsere Mitmenschen auf der ganzen Welt, wo auch immer, zum Leben brauchen: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“, heißt es im Vaterunser, dem Gebet aller Gebete. Manche unserer Bitten kommen uns oft wie ein Wunder vor. „Gebet bewegt den Arm Gottes“, so ein Sprichwort. Mögen dabei die Naturgesetze auch als unabwendbar gelten, Gebete eröffnen uns ganz andere Welten. „Wäre das Wort ,Danke‘ das einzige Gebet, das du je sprichst, so würde es genügen“, meint der Mystiker Meister Eckhart (um 1260-1328). 
Wer wirklich liebt, vergisst niemals, dankbar zu sein. Wir können heute noch die große Enttäuschung Jesu nachempfinden, der einmal zehn Menschen vom Aussatz heilte. Aber nur einer kam zurück, um ihm zu danken. Ein dankbarer Mensch erkennt im Geschenk ein Beziehungsangebot des Schenkenden und antwortet darauf. „Möge jeder Handgriff, den du tust, eine Silbe von einem Gebet sein, das du Gott schenkst“, so beschreibt es ein altirischer Segensspruch. Für einen Beschenkten ist das Lob und der Lobpreis das Schönste, das er dem Schenkenden zurückgeben möchte. Es ist ein Lob für alles, was der Schöpfer je geschaffen hat, ein Lob für alles, was Gott für uns je getan hat, was er heute tut und immer tun wird. Dieses Lob braucht unsere Sprache, unsere Lieder, unsere Musik und unseren Tanz – alles, was wir in seinem Namen tun und schaffen zu seinem Lob. 
„Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir!“, ruft der Beter von Psalm 130. In diesem intensiven Gebet klingen all die Hilferufe der Menschen, die sich verlassen fühlen, der Schrei von Verzweifelten, Ohnmächtigen, Leidenden und Verzagten. Sie dürfen sicher sein, erhört zu werden. „Herr, höre meine Stimme! Wende dein Ohr mir zu, achte auf mein lautes Flehen!“ Selbst ein erschrockener Blick, ein kurzer Ruf, ein Stoßseufzer, ein unterdrücktes Weinen ist in den Ohren Gottes ein unüberhörbares Signal. „Gott, wo warst du, als sich alles gegen mich verschworen hat?“ Das ist nicht nur die laute Klage von Hiob. Jeder kann in seinem unverschuldeten Leid Gott „ins Gebet“ nehmen, ihn anklagen, anschreien, darf fluchen, und zweifeln. Die Frage nach Gottes Gerechtigkeit und Güte angesichts des weltweiten Leides wird nie verstummen. Jesus sah und kannte dieses Leid und ging seinen gerechten Weg für uns bis in den Tod. Seitdem dürfen wir hoffen, dass „Gott alle Tränen von unseren Augen abwischen wird. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid ...“ (Offenbarung 21, 4).
Wer einen Menschen liebt, hat das intensive Bedürfnis, es ihm oder ihr auch zu sagen, immer und immer wieder, auch und gerade in den Situationen, in denen wir ins Wanken geraten. Nach Friedrich Horn (1875-1957) ist dann das Gebet: „der Anker der Liebe“. Bei Carl Christian Palmer (1759-1838) klingt das so: „Ohne Gebet gibt es keine Religion; alles, was sich so nennen mag, wird ins Leere zerfließen, wenn es sich nicht im Gebet sammelt und gestaltet.“
Nach der Sintflut setzt Gott seinen Bogen an den Himmel: als Zeichen seiner Verbundenheit mit allem, was lebt. So gebe dir Gott „für jeden Sturm einen Regenbogen, für jede Träne ein Lachen, für jede Sorge eine Hilfe, und eine Antwort auf jedes Gebet“ (altirisch).               Stanislaus Klemm