Die Hoffnung im Hintergrund

19.07.2024 |

Gedanken zum Welttag der Großeltern und älterer Menschen am 28. Juli

Der Jesusknabe inmitten seiner Eltern und Großeltern: Josef, Maria, Anna und Joachim. Altar des Bildhauers Josef Dettlinger in der St. Blasiuskirche in Glottertal. 
 
Wer auf einer Schwarzwaldreise durch das Dorf Glottertal fährt, sollte sich unbedingt in der St. Blasiuskirche den geschnitzten Seitenaltar des Bildhauers Josef Dettlinger anschauen, der den Jesusknaben darstellt, wie er sich vergnügt von seinen Eltern Josef und Maria nach rechts zu seinen Großeltern Anna und Joachim bewegt. Ein berührender Anblick, nicht nur für Großeltern.

Sicher kennen viele dieses stille Glück, wenn uns das Enkelkind das erste Mal in die Arme gelegt wird. Wir bleiben still sitzen, wollen uns kaum bewegen. Es ist ein eigenartiges Gefühl, so, als seien wir nun endlich angekommen. Es werden Seiten an uns bewusst, die wir so noch nicht erfahren haben. So spüren wir etwa, dass wir vorsichtiger werden. Man weiß natürlich, was Verantwortung heißt, aber bei Enkelkindern ist man noch deutlicher und noch bewusster verantwortungsvoll. Der deutliche Unterschied zur eigenen Elternschaft ist wohl der: Enkelkinder kann man wieder abgeben und die Verantwortung für den Rest des Tages wieder loswerden, kann also wieder durchatmen und entspannen. Eine ungeheure Chance kommt so auf uns zu, eine Chance, die wir bei unseren eigenen Kindern oft nicht nutzen konnten; zu viele Sorgen, zu wenig Zeit, ein schlechtes Gewissen. Mit Enkelkindern ist das anders. Alles scheint irgendwie leichter. Sie sind wie Konfetti, machen unser Leben bunt und lustig. Die schwedische Königin Silvia nennt die Enkelkinder „das Dessert des Lebens“. Wir haben Zeit und Raum, unseren Enkelkindern die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie brauchen. Wir können bedingungslos für sie da sein. Was ihre Eltern teilweise nicht immer schaffen, aus beruflichen und persönlichen Gründen, gelingt ihren Großeltern. Deren Engagement ist oft erstaunlich. Manche Großeltern reisen durch die halbe Republik, um ihr Enkelkind von der Schule oder sonst wo abzuholen.
 
Anna und Joachim, Jesu Oma und Opa mütterlicherseits

Am 26. Juli, zwei Tage vor dem diesjährigen Welttag der Großeltern, feiern wir den gemeinsamen Festtag der beiden heiligen Anna und Joachim, den Großeltern Jesu. In diesem Zusammenhang wäre es von großem Interesse, wenn wir mehr wüssten: welches Verhältnis Jesus zu seinen Großeltern hatte und wie diese ihn gesehen oder erlebt haben mögen. Leider schweigen hier die Texte der Bibel – wohl, weil Entscheidenderes im Mittelpunkt christlicher Verkündigung stand. Was wir wissen, stammt aus vielen unterschiedlichen Schriften, die nicht offiziell zur Bibel gezählt werden. Bei den Großeltern Jesu väterlicherseits tappen wir eher im Dunklen. Zwei Geschlechterregister nennen unterschiedliche Namen. Beim Evangelisten Matthäus wird der Großvater Jesu, der Vater Josefs, „Jakob“ genannt (Matthäus 1, 16), bei Lukas „Eli“ (Lukas 3, 23). 

Von der Großmutter väterlicherseits, der Frau Jakobs (oder Elis) wissen wir leider nichts. Die Großeltern mütterlicherseits sind uns bekannt als Anna und Joachim. Das apokryphe Jacobus­evangelium (2. Jahrhundert) zeichnet sie als fromme Menschen, die ihren Reichtum den Armen im Tempel spendeten. Joachim wurde eines Tages vom Hohen Priester samt seiner Opfergabe zurückgewiesen, weil Anna kein Kind bekam und Kinderlosigkeit in dieser Zeit als göttliche Missgunst gedeutet wurde. Gekränkt und traurig zog er sich in die Wüste zurück … Ein Engel soll daraufhin sowohl ihm als auch Anna erschienen sein und die Geburt eines Kindes angekündigt haben. Joachim kehrt nach Jerusalem zurück, umarmt Anna vor dem Eingang des Jerusalemer Tempels, der „Goldenen Pforte“. Endlich wird das verheißene und geliebte Kind, Maria, geboren. 

Die heiligen Joachim und Anna erfahren bis heute in der Kirche große Verehrung. Für Martin Luther war die Anna sogar die Lieblingsheilige. In der Kunstgeschichte wird sie häufig dargestellt in einem sogenannten „Anna-Selbdritt“: Anna, Maria und das Jesuskind. Ob Anna und Joachim ihr Enkelkind Jesus in ihrem Leben noch wirklich sahen, ob Jesus seine Großeltern noch kennen und schätzen lernen durfte, wissen wir leider nicht. Sicher ist aber die Bedeutung in unserem Leben, selbst Großmutter und Großvater sein zu dürfen. Großeltern wissen dank ihrer eigenen, oft größeren Lebenserfahrung, dass die Welt von Problemen und Konflikten nicht gleich untergehen wird. Diese nötige Zuversicht bringen sie mit und ein.
 
Sie fragen nicht nach dem Sinn des Lebens, sie sehen ihn

In einem bekannten Bitt-Psalm wendet sich der Beter oder die Beterin an Gott mit einer Bitte, die wohl nicht nur die Alten gut verstehen werden. Dort heißt es: „Verwirf mich nicht, wenn ich alt bin, verlass mich nicht, wenn meine Kräfte schwinden!“ (Psalm 71, 9). In unserer Lebenszeit, in der wir oft schmerzlich Prozesse wie den „Abbau“ unserer Kräfte spüren, sind wir in besonderer Weise auf Menschen angewiesen, die sich nach Kräften mühen, uns wieder „aufzubauen“. So hat Papst Franziskus, der vor vier Jahren den Ersten Welttag der Großeltern verkündete, diesen Psalmvers zum Motto des diesjährigen Gedenkens gemacht. Es spricht die Erfahrung von Einsamkeit an, von der insbesondere ältere Menschen oft betroffen sind. Angesichts dieser Realität seien Familien und Kirchen aufgerufen, an vorderster Front eine „Kultur der Begegnung zu fördern, Räume für den Austausch und das Zuhören zu schaffen und echte Zuneigung zu bieten“. 

Am gemeinsamen Festtag der heiligen Anna und Joachim wandte sich der damalige Papst Benedikt XVI. in seiner offiziellen sonntäglichen Ansprache, dem „Angelusgebet“, vor den Gläubigen auf dem Petersplatz ausgesprochen an alle Großeltern. Er sagte: „Besonders lade ich euch ein, für die Großeltern zu beten, die in den Familien oft die Hüter und Zeugen der fundamentalen Werte des Lebens sind. Die erzieherische Rolle der Großeltern ist sehr wichtig, und sie wird es immer mehr, wenn aus verschiedenen Gründen die Eltern nicht mehr in der Lage sind, ihren Kindern in der Zeit des Wachstums an der Seite zu stehen. Ich vertraue alle Großeltern der Welt dem Schutz der heiligen Anna und Joachim an.“ In seiner ersten Predigt als Papst bekannte Franziskus voller Stolz, was seine Großmutter ihm und seinen Geschwistern beigebracht hatte, und dass er nie vergessen werde: „Kinder, das letzte Hemd hat keine Taschen!“ Ihr schriftliches Testament bewahre er in seinem Brevier auf und lese es oft.

Vielleicht stimmt es, dass Großeltern so gut wie nie nach dem Sinn des Lebens fragen, denn sie können ihn ja „sehen“, wenn sie abends ihren Enkeln beim Schlafen zuschauen. Wir alle sollten uns einmal fragen, warum in unserem Leben so gewichtig erscheint, was unsere Großeltern zu uns gesagt haben ... Sie sind unsere Hoffnung im Hintergrund. Vielleicht, weil sie ein Herz aus Gold haben. Viele Großeltern würden das wahrscheinlich verneinen – aber doch einem alten Mann sicher zuzwinkern, der meint: „Ich bin absolut unbestechlich, außer mein Enkelkind umarmt mich.“
 
Stanislaus Klemm
ist Diplom-Psychologe und Diplom-Theologe. Er lebt in Wadgassen.