Die christlichen Konfessionen zeigen Profil in der Begegnung mit der Kultur
Von Ulrich Ruh
„Der Bruch zwischen Evangelium und Kultur ist ohne Zweifel das Drama unserer Zeitepoche.“ – So formulierte der bekanntlich sehr kulturbeflissene Papst Paul VI. in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii nuntiandi“ vom 8. Dezember 1975, das im Nachklang zur Bischofssynode 1974 über die Evangelisierung erschien. Dieses Schreiben ist zwar insgesamt eines der bemerkenswertesten lehramtlichen Dokumente aus der frühen Nachkonzilszeit; es ist aber leider weithin in Vergessenheit geraten. Das ändert nichts daran, dass der zitierte Satz im Anfangsteil an Aktualität nichts eingebüßt hat: Das Verhältnis zwischen Glaube und Kultur ist jedenfalls in westeuropäischen Gesellschaften wie in der Bundesrepublik auch heute noch ausgesprochen prekär.
Kultur gibt es hierzulande in verschiedenen Spielarten. Da ist zum einen die „Hochkultur“ mit ihren Staats- und Stadttheatern, ihren Konzerten mit vor allem klassischem oder auch zeitgenössischem Repertoire, ihren Museen und Gemäldegalerien von Hamburg über Dresden bis München. Da ist andererseits die populäre Kultur, vom großen Rock- und Popfestival bis zur Discomusik oder zur Blaskapelle, vom Roman für den Massengeschmack bis zu „Daily Soaps“ im Fernsehen. Es gibt die emotionale Jugendkultur und die nicht selten elitär anmutende für das bildungsbürgerliche Publikum. Der christliche Glaube mit seinen Inhalten, Vollzügen und Institutionen ist quer durch die Kultursparten höchstens ein Randphänomen, als Ergebnis einer wechselvollen jahrhundertelangen Geschichte, in der sich Kunstgattungen vom christlichen Erbe als verbindlicher Bezugsgröße emanzipierten und die Breitenkultur sich den diversen gesellschaftlichen Veränderungen und Stilen jeweils anpasste, ohne groß auf kirchlich-christliche Orientierungen Rücksicht zu nehmen.
"Die Kulturen auf mutige Weise evangelisieren"
Kein Wunder, dass zwischen den beiden Seiten, den Protagonisten und Konsumenten des Kulturbetriebs einerseits und den stark an Glauben und Kirche Interessierten und in dieser Richtung Engagierten andererseits, oft Sprachlosigkeit herrscht oder Vorurteile die Szene dominieren, sei es aus Unkenntnis oder aus Abneigung. Da mutet die Forderung Pauls VI. in „Evangelii nuntiandi“ utopisch oder naiv an, man müsse alle Anstrengungen unternehmen, „um die Kultur, genauer die Kulturen, auf mutige Weise zu evangelisieren“.
Architektonisch zitiert: Die beiden Stadtkirchen in Karlsruhe in Form des griechischen (links, evangelisch) und römischen Tempelbaus (katholisch).
Der in München lehrende evangelische Theologe Jörg Lauster hat vor Jahren unter dem Titel „Die Verzauberung der Welt“ ein dickes Buch zur „Kulturgeschichte des Christentums“ vorgelegt. Es zeigt durch die Jahrhunderte hindurch, dass es ein Christentum ohne Kontakt zu der jeweiligen Kultur in ihren verschiedenen Erscheinungsformen nie gegeben hat. Es gab den Glauben nie sozusagen „rein“, sondern immer in Bauwerken, Kunstgegenständen und Texten unterschiedlicher Art. Auch heute ist der christliche Glaube überall auf der Welt in die Kultur verstrickt, sei es durch das reiche kulturelle Erbe seit der Spätantike., das er mit sich führt, sei es durch den Kontakt mit kulturell auf die eine oder andere Art geprägten Zeitgenossen.
Das heißt zum einen, dass es einen legitimen Zugang zum Christentum gibt und auch geben muss, der schwerpunktmäßig über dessen kulturelle Hervorbringungen läuft. Es gibt in unserer Gesellschaft nicht wenige Menschen, die von romanischen, gotischen oder barocken Kirchengebäuden fasziniert sind, sich von Johann Sebastian Bachs Kantaten und Oratorien in den Bann schlagen lassen oder von Gemälden aus verschiedenen Jahrhunderten mit christlichen oder allgemein religiösen Sujets angesprochen werden, ohne sich als Christen im engeren Sinn zu verstehen. Das Christentum ist in der europäischen beziehungsweise deutschen (Hoch-)Kultur unübersehbar präsent; daraus können sich durchaus Anstöße für eine Begegnung auch mit dem „heißen Kern“ des Christlichen ergeben– sachliche Kompetenz und Sensibilität bei den eventuellen christlichen oder theologischen Gesprächspartnern allerdings vorausgesetzt!
Es braucht eine kirchlich-christliche Aufmerksamkeit
Aber das Christentum war und ist keine Kultur- beziehungsweise Bildungsreligion in dem Sinn, dass entsprechende Vorkenntnisse für einen Zugang zu seinem Inhalt, seinen Frömmigkeitsformen und Institutionen unumgänglich wären. Der im 19. Jahrhundert vor allem in Deutschland entstandene „Kulturprotestantismus“ war eine legitime, aber sicher nicht die einzige Form christlicher Präsenz in der Gesellschaft. Für eine „Evangelisierung der Kultur“ in Umsetzung des Anstoßes von Paul VI. braucht es deshalb auch kirchlich-christliche Aufmerksamkeit für die Vielfalt der heutigen Popularkultur, natürlich ohne Anbiederung und falschen Missionierungseifer, sondern in einer Art kritischer Sympathie. Nicht wenige der „Neuen Geistlichen Lieder“ aus den letzten Jahrzehnten zeigen in Texten und Melodien allerdings eher, wie man es nicht machen sollte.
Beim notwendigen Bemühen um eine kulturelle Sensibilisierung des gegenwärtigen Christentums kann die hierzulande gegebene, früher konfliktive, inzwischen entspannte konfessionelle Pluralität eine nicht zu unterschätzende Hilfe sein. Katholizismus wie Protestantismus haben in ihrer Geschichte unterschiedliche Profile der Begegnung mit zeitgenössischer Kultur entwickelt, auch in den jeweils eigenen Reihen. Von diesen Erfahrungen auf beiden Seiten mitsamt den damit verbundenen Irrwegen ließe sich im offenen Austausch der Kirchen und Christen manches lernen– es wäre eine kulturelle Ökumene im besten Sinn.