Würden Sie nach einer Beschreibung Gottes gefragt: Was wäre Ihre Antwort?
Dieser Ausschnitt stammt aus einer Ikone aus dem Auferstehungsweg von Josua Boesch.
Wenn ich im Internet „Schönheit“ als Stichwort eingebe, werden mir Suchbegriffe vorgeschlagen: Schönheitschirurg Pforzheim, Schönheitschirurg Bad Liebenzell, Schönheitschirurg in der Nähe. Schönheit ist ein lukratives Geschäftsmodell. Auf TikToc und Instagram kann man im Blick auf die aktuellen Schönheitsideale schnell fündig werden. Selbst wenn wir das vielleicht belächeln, Vorstellungen über Schönes und Nicht-so-Schönes sind uns tief eingeprägt.
Ich möchte Sie auf eine andere Fährte locken. Einen eigenen Blick auf Schönheit entdecke ich bei Josua Boesch (1922-2012). Man kann ihn sicher als Mystiker beschreiben, und als gelernter Silber- und Goldschmied und reformierter Theologe stellte er viele Ikonen her, die in sich Schönheit und Stille ausstrahlen. Schon oft habe ich lange und ausdauernd diese Ikonen in Büchern betrachtet und seine Texte gelesen; sie scheinen mir Geheimnisse des Lebens immer wieder neu aufzuschließen.
Josua Boesch schreibt in seinem Tagebuch: „Würde mich jemand fragen, was mich am tiefsten beruhigt, ich antwortete ihm: Schönheit und Stille. Beide gehören für mich zusammen, denn Schönheit verbreitet Stille. Gott muss so unsagbar schön sein, dass man in seiner Nähe verstummt und höchstens ein staunendes ,oh‘ und ,ah‘ stammeln kann“ (zitiert nach: Simon Peng-Keller, „Auferstehungsleicht. Der ikonografische Weg von Josua Boesch“, 2022).
Gott scheint Vielfalt und Verschiedenheit zu lieben
Wenn jemand Sie fragen würde: „Wer oder was ist Gott für Dich? Wie würdest Du ihn beschreiben?“ – Was wäre Ihre Antwort? Die Worte und die Ikonen von Josua Boesch erzeugen in mir immer wieder einen neuen Klang. Dieser Klang folgt nicht unseren Kriterien. Gottes Schönheit ist seine Gegenwart in allen Dingen. Und er scheint die Vielfalt und die Verschiedenheit zu lieben. Unsere eigenen Kategorien, in die wir Menschen und Dinge unterteilen und unterscheiden, erweisen sich, wenig überraschend, als sehr vordergründig: fleißig und faul, hübsch und hässlich, dumm und klug, jung und alt. Trotzdem wohnt ihnen eine tiefe Sehnsucht inne nach dem „Schönen“, das in uns zu klingen vermag.
„Gott muss unsagbar schön sein.“ In meinem Theologiestudium ging es viel um die Frage, wie Gott ist und wie wir ihn beschreiben können. Auf vielen Wegen versuchten wir, uns dem Geheimnis Gottes zu nähern, der Wahrheit Gottes möglichst nahe zu kommen. Die ganze Dogmatik ist darauf ausgerichtet, möglichst genau zu beschreiben, wer Gott für uns ist, das Glaubensbekenntnis ebenso. Es geht um Wahrheit, auch in Abgrenzung zu Irrlehren aller Art. Wie oft steht die Frage im Raum: „Glaube ich richtig?!“
Wir können mit unterschiedlichen Perspektiven auf unsere Welt schauen. Die Frage nach der Wahrheit ist uns ins Stammbuch geschrieben. Wie ist es wirklich gewesen? Das ist nicht nur bei einem Autounfall wichtig, sondern auch bei der Beschäftigung mit der Heiligen Schrift. Argumente werden hin- und hergetragen, oft mit dem Ziel, Eindeutigkeit zu erlangen. Gleichzeitig ist die Frage nach dem Guten wichtig. Wie handle ich richtig? Das sind Fragen der Ethik und der Moral.
Bei Sokrates finden wir diese Trias: Das Wahre, das Schöne und das Gute. Im Grunde sind es drei Perspektiven auf die Welt zu schauen. Sokrates selbst war vor allem die Frage nach dem Guten wichtig. Ich erlebe unseren Glauben oft so, dass vor allem, manchmal auch ausschließlich, die Fragen nach der Wahrheit und nach der Moral im Vordergrund stehen. Beide Fragen sind wichtig, können jedoch eng geführt werden.
Verklärung des Herrn – ein Augenblick der Schönheit
Am 6. August haben wir die Verklärung des Herrn gefeiert. Jesus wird vor den Augen seiner Jünger verwandelt. Sein Gesicht leuchtet wie die Sonne und seine Kleider strahlen weiß wie das Licht (Matthäus 17). Es ist ein Augenblick, in dem, so die Exegese, Jesu „wahre“ Identität durchscheint. Die Jünger erkennen, wer er wirklich ist. Jesus wird durchsichtig auf seinen Grund hin. Gottes Wirklichkeit strahlt in ihm auf und wird für einen Augenblick sichtbar.
Ich glaube, das war so ein Augenblick der Schönheit. Und ich merke, dass mich dieses „Gott muss unsagbar schön sein“ herausführt aus den Fragen nach richtig und falsch, wahr oder unwahr. Ich höre die Einladung, in meinem Leben und in der Welt das Schöne zu entdecken. Es ist die Einladung, die Welt und die Menschen mit einem liebenden Blick anzuschauen.
„Gott muss unsagbar schön sein“ – und wir Menschen, als sein Ebenbild, sind es auch. Damit habe ich die Theodizeefrage, also die Frage, warum es das Leid in der Welt gibt, nicht beantwortet. Ich wollte das auch nicht. Und doch glaube ich, ist es eine gute und sehr handfeste Spur, nach dem Schönen zu suchen, wenn ich jemanden anblicke.
Die Verklärung Jesu geschieht auf einem Berg, abseits von allem Trubel. Vielleicht ist das ein wichtiger Hinweis. Vielleicht ist es wichtig, einen Augenblick herauszutreten, den Alltag hinter sich zu lassen, und Denk- und Sehgewohnheiten beiseite zu legen. Vielleicht ist es wichtig, sich zu entleeren, still zu werden und Gott darum zu bitten, dass er uns „ganz neu“ entgegenkommt. Vielleicht ist es auch gut, unsere allernächsten Mitmenschen mit neuen Augen zu sehen. Wir kennen einander oft so gut, dass wir schon gar nichts Neues mehr erwarten und in so mancher Schublade feststecken. Schauen wir einander an, als wäre es zum ersten Mal! Schauen wir einander an, so als wäre der andere eine unbeschriebene Leinwand! Lassen wir es zu, dass die Schönheit des anderen in unseren Augen aufleuchtet?
Ja, und dann kommen die Zeiten, in denen wir hinabsteigen in die Niederungen unseres Alltags. Das geschieht in der Regel von selbst. Darum müssen wir uns nicht bemühen. Aber vielleicht brennt dann dieses Feuer in uns und das Wissen darum, dass tief in allem die Schönheit Gottes verborgen liegt.