Über|Brücken

22.11.2024 |

Den Fluss überschreiten, getragen von Kraft

Überragend mächtig: Die 36 Meter hohe und 224 Meter lange Ravennabrücke im Höllental.
 
Ein Freund rief mich von unterwegs an. Er erzählte mir, dass er nach zwei Wochen Geschäftsreise froh sei, wieder nach Hause zu kommen. Sein Aufenthalt in Dresden habe ihn nachdenklich gestimmt. Folgendes war passiert: An einem Abend war er über eine Brücke gegangen. Mitten auf der Brücke hat er sich überlegt, ob er zurück zum Hotel oder noch auf die andere Seite gehen soll. Er ging zurück zum Hotel. Am nächsten Morgen erfuhr er, dass die Brücke in der Nacht zusammengebrochen war.

Über Brücken zu gehen ist trotz aller Sicherheitsmaßnahmen, die wir in unserer modernen Welt gewohnt sind, nach wie vor ein Risiko. Wie brüchig so manche Brücke im übertragenen Sinne ist, mit der wir uns eingerichtet haben, zeigt sich immer wieder mitten im Leben. Eine Brücke ermöglicht zwar, auf die andere Seite zu kommen, aber sich auf die Brücke zu begeben, kann zum Wagnis werden. Das Wagnis kostet besonders dann Mut, wenn ein Fluss darunter zum gefährlichen Strom angeschwollen ist.

Einmal im Jahr feiert der „AK Leben“ in Freiburg einen Gottesdienst für suizidverstorbene Menschen und ihre Angehörigen. Wir im Vorbereitungsteam überlegen, was die Hinterbliebenen in den Gruppengesprächen beschäftigt hat. Manche fragen sich, wie es Ihnen gelingen kann, diese schwierige Zeit aus- und durchzuhalten: den Suizid und das Danach.
 
Erfahrung weitergeben, einen Weg eröffnen, die Zeit weiten

Schnell stand diesmal das Wort „über|brücken“ im Raum. Wesentlich für die Hinterbliebenen sind oft die Gründe, die zum Suizid führten. Aber die Suche und das Nachforschen sind mühselig. Da ist eine Leerstelle, ein großes „Warum?“. Eine Lücke, wie ein Fluss, über den ich eine Brücke schlagen muss, eine Brücke in die Zukunft.

Wie kann es mir gelingen, diesen Fluss zu überbrücken, meinen Weg über diese Brücke zu gehen? Schwierige Lebensphasen zu überwinden, in denen ich zerbrechlich bin, Zutrauen, Vertrauen und Hoffnung wieder zu finden? Eine Zeit „zu überbrücken“, von der ich nicht weiß, wie lange sie dauert und was sie für mich und mein Leben bedeutet? Trotz allem den oder die Verstorbene nicht zu vergessen?

Der Mensch lebt in der Gegenwart. Sie kann unterschiedlich geprägt sein. Erfahrungen kommen aus der Vergangenheit, der Weg über die Brücke in die Zukunft ist für jeden Menschen unbekannt und ungewiss. In früherer Zeit haben sich Menschen ihre Erfahrungen in Erzählungen weitergegeben. Und damit die Zeit geweitet. Die Erfahrung aus der Vergangenheit bot eine Grundlage, um sich einen Weg in die Zukunft vorstellen zu können. Die Erzählung war wie eine Brücke. Mit ihr konnten die Herausforderungen in der Gegenwart überbrückt werden – die Herausforderungen meines Lebens, vor denen ich stehe und die wie ein reißender Strom anschwellen können.

Von einer solchen „Brücke in die Zukunft“ erzählt die Begegnung des Pharao mit Josef (Genesis 42, 1-36). Der Pharao ist beunruhigt. Ihn, dem alle Macht, gottgleich, gegeben ist, bringt ein Traum durcheinander. Er dringt von außen in das abgeschlossene Gedankengebäude seines Lebens. Der Pharao wird von seinem Traum berührt. Erst über Umwege und viele Versuche erkennt er Josef als einen, der ihm eine Brücke baut. Josef berührt ihn, rührt in an. Josef kann aus seiner eigenen Erfahrung heraus sprechen. Er hat selbst einen tragischen Weg vom glücklichen Sohn in die Verlassenheit der Fremde erfahren. Er sagt: Unterschiedliche Zeiten gehören zum Leben. Nimm alle Momente wahr. Schau aber nicht nur auf die eine Erfahrung des Mangels, der Lücken, sondern erinnere dich auch an die Momente, die mit Leben gefüllt waren. Mit ihnen kannst du die Zeit überbrücken.
 
Kraft für das Wagnis, über die Brücke der Zukunft zu gehen

Die Zahl Sieben spielt in diesem Text eine besondere Rolle. Sie wirkt durch ihre Wiederholung wie ein Refrain. Die Zahl Sieben hat im jüdischen und später im christlichen Denken eine besondere Deutung: als Zahl der göttlichen Vollkommenheit und als Spiegel von Vergeben und dem Ringen um Vergeben.
Das Symbolhafte der Siebenzahl kann Zeiten überbrücken – und in überraschend neuem Kontext wieder auftauchen: Im Jahr 1975 schreibt der Leipziger Schriftsteller Helmut Richter eine Geschichte über die unglückliche Liebesbeziehung einer Deutschen zu einem Polen. Die Geschichte wird verfilmt – und innerhalb der DDR eine wichtige Beschreibung für die brüchige Situation der deutsch-polnischen Beziehung. Am Ende des Films geht der Hauptfigur Gitta eine Zeile nicht aus dem Sinn, sie kommt ihr wie eine Melodie vor. Diese Idee einer Melodie (er)hält sie am und im Leben. In der letzten Szene, als ihr Blick ins Leere zu fallen scheint, erklingt endlich auch die Melodie, die ihre Liebe zu dem Polen Jerzy und die Hoffnung auf ein Wiedersehen in Erinnerung ruft: Über sieben Brücken musst du gehen.

Durch die Komposition von Ed Swillms und die Vertonung der Gruppe „Karat“ wird der Song schnell bekannt. In der Aufnahme von Peter Maffay werden sogar unüberwindlich scheinende Grenzen überbrückt. Der Songtext greift viele Facetten und Gedanken auf, Bilder mit denen Helmut Richter seine eigene Geschichte verarbeitet: mit dem Schaukelpferd, das er auf der Flucht im Krieg zurücklassen muss. Das Lied rührt bis heute Menschen an. Es ist fast zu einer Art „Volkslied“ geworden. 

Manchmal vermag eine Melodie Lücken und Leerstellen zu füllen, oder ein paar Zeilen. Ein Lied kann wie ein Begleiter, wie eine Brücke sein. Jeder und jede von uns wird Textzeilen kennen, die sie, die ihn anrühren. Das ist gut so. Sie sind dazu da, schwere Zeiten zu überbrücken. Auch solche, in denen wir vor der Frage stehen, ob wir über die Brücke in eine Zukunft gehen wollen. Wir können Brücken finden und wagemutig überschreiten, Brücken, die Kraft geben, für das Wagnis, über die Brücke in die Zukunft zu gehen.

Christliche Hoffnung spricht davon, dass wir keine Angst haben müssen weiterzugehen. Du kannst vor der Brücke stehen bleiben, vielleicht siebenmal, vielleicht noch öfter. Aber du kannst darauf vertrauen, dass du – wenn du losgehst – die Schritte über die Brücke nicht alleine gehen musst.
 
Michael Hartmann
ist Pastoralreferent in der Kirchengemeinde Freiburg Südwest.