Advent ist eine Zeit der Verheißung, aber noch nicht die Zeit der Erfüllung. Gedanken aus einer Meditation des Jesuitenpaters Alfred Delp, die er in der Haft mit gefesselten Händen niederschrieb.
"Advent ist einmal eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst. Die Voraussetzung des erfüllten Advent ist der Verzicht auf die anmaßenden Gebärden und verführerischen Träume, mit denen und in denen sich der Mensch immer wieder etwas vormacht. Er zwingt so die Wirklichkeit, ihn mit Gewalt zu sich zu bringen, mit Gewalt und viel Not und Leid. Das erschütterte Erwachen gehört durchaus in den Gedanken und das Erlebnis des Advents. Aber zugleich gehört viel mehr dazu. Das erst macht ja die heimliche Seligkeit dieser Zeiten aus und zündet das innere Licht in den Herzen an, dass der Advent gesegnet ist mit den Verheißungen des Herrn. Die Erschütterung, das Aufwachen: damit fängt das Leben ja erst an, des Advents fähig zu werden.
Gerade in der Herbheit des Aufwachens, in der Hilflosigkeit des Zusichselbstkommens, in der Erbärmlichkeit des Grenzerlebnisses erreichen den Menschen die goldenen Fäden, die in diesen Zeiten zwischen Himmel und Erde gehen und der Welt eine Ahnung von der Fülle geben, zu der sie gerufen und fähig ist.“
Vor dem Volksgerichtshof: Jesuitenpater Alfred Delp, geboren am 15. September 1907 in Mannheim, hingerichtet am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee.
„Advent ist Zeit der Verheißung, noch nicht der Erfüllung. Noch stehen wir mitten im Ganzen und in der logischen Unerbittlichkeit und Unabweisbarkeit des Schicksals. Noch sieht es für die gehaltenen Augen so aus, als ob die endgültigen Würfel doch da unten in diesen Tälern, auf diesen Kriegsfeldern, in diesen Lagern und Kerkern und Kellern geworfen würden. Der Wache spürt die anderen Kräfte am Werk und er kann ihre Stunde erwarten. Noch erfüllt der Lärm der Verwüstung und Vernichtung, das Geschrei der Selbstsicherheit und Anmaßung, das Weinen der Verzweiflung und Ohnmacht den Raum. Aber ringsherum am Horizont stehen schweigend die ewigen Dinge mit ihrer uralten Sehnsucht. Über ihnen liegt bereits das erste milde Licht der kommenden strahlenden Fülle.“
Von Alfred Delp
Hintergrund – von Andreas Feige
Mit gefesselten Händen verfasste Alfred Delp in der Advents- und Weihnachtszeit 1944/1945 in seiner Gefängniszelle mehrere geistliche Texte, die auch 80 Jahre später nichts von ihrer existenziellen Bedeutung verloren haben. Auch wenn einige sprachliche Formulierungen ungewohnt wirken, ist seine Wahrnehmung des menschlichen Lebens in einer aus den Fugen geratenen Welt von überzeitlicher Qualität. Beim Lesen entsteht oft der Eindruck, die Texte seien mit Blick auf die Gegenwart verfasst worden, wodurch Delps Meditationen auch heute Ressourcen zur Bewältigung von persönlichen und globalen Krisen bieten.
Nachdem Alfred Delp im Sommer 1944 in München von der Gestapo verhaftet und nach Berlin überstellt worden war, wurde er über Wochen misshandelt und gefoltert. Brutale Verhöre sollten ihn zermürben und zu belastenden Aussagen zwingen, doch Delp verriet der Gestapo nichts, was sie nicht ohnehin schon wusste. Vermutlich Ende September wurde er in die Haftanstalt Tegel überführt, wo die körperlichen Qualen zwar nachließen, Einsamkeit und ständige Todesbedrohung jedoch seinen Alltag prägten. Aus dieser Zeit sind zahlreiche Briefe, acht geistliche Meditationen und sechs gesellschafts-, staats- und kirchenkritische Reflexionen erhalten, die heimlich aus dem Gefängnis geschmuggelt wurden.
In seiner Meditation zum Advent wird schnell deutlich, dass Alfred Delps Verständnis von einer erfüllten Adventszeit sich deutlich von einer genussvollen und gemütlichen Vorweihnachtszeit unterscheidet. Mit großem Ernst lenkt er den Blick auf die inneren Prozesse des Menschen, die im Advent Raum finden sollen, und beschreibt eine Erfahrung, die auch heute oft zutrifft: Straßen und Häuser werden in der dunklen Jahreszeit zwar beleuchtet, das Innere des Menschen bleibt jedoch im Dunkeln. Die Folge einer solchen Adventszeit, die sich auf eine Veränderung der Umgebung beschränkt, ist nicht selten, dass am Weihnachtsfest die innere Verfassung des Menschen nicht mit der äußeren Erwartung an Harmonie übereinstimmt – und das erhoffte Fest der Freude und des Friedens ausbleibt.
Damit wirklich Weihnachten werden kann, rät Alfred Delp, sich im Advent mit sich selbst zu konfrontieren. Ob es das Leiden an einer Krankheit, eine unerfüllte Sehnsucht, Wut, Angst, Trauer, eine Kränkung oder fehlende Anerkennung ist – der Mensch soll sich seiner Lebenssituation und vor allem der damit verbundenen unangenehmen Gefühle bewusst werden. Delp wusste allerdings, dass es dem Menschen äußerst schwerfallen kann, den Schritt ins eigene Innere zu tun, und dass das Vermeiden über längere Zeit zu Abstumpfung und Gefühllosigkeit führt. Deshalb ist sein Aufruf zum Wachwerden auch ein Aufruf zur Erschütterung: Der Mensch soll wieder lernen, sich selbst wahrzunehmen.
Alfred Delps Rat zur Selbstkonfrontation könnte auch so verstanden werden, als wolle er dem Menschen zusätzliche Lasten aufladen oder die vorweihnachtlichen Genüsse verbieten. Darum geht es ihm jedoch nicht. Vielmehr leitet ihn seine spirituelle Grundüberzeugung, dass sich im bewussten Durchleben der schönen und schmerzlichen Erfahrungen des eigenen Lebens ein Zugang zu innerer Freiheit und Frieden eröffnet. Das mitunter lange und wiederholte Warten auf diese Befreiung kann zwar eine starke Spannung erzeugen, weshalb er den Advent als Zeit der Verheißung und noch nicht als Zeit der Erfüllung bezeichnet, ist aber dennoch mit einer echten Hoffnungsperspektive verbunden. Auf diese Weise ist für Delp die Selbstbegegnung auch der Schlüssel zur Gottesbegegnung. Wer sich als verletzlich, hilflos und endlich erlebt, kann erahnen, dass es jenseits der eigenen Bewältigungsstrategien eine Kraft gibt, die den Menschen unterstützt und zu einem erfüllten Leben führt. Diesen spirituellen Weg hat Alfred Delp nicht nur für andere beschrieben, er ist ihn im letzten Advent seines Lebens selbst gegangen. Die schonungslose Härte des Gefängnisses ließ es für ihn nicht mehr zu, die Lage der Welt und des eigenen Lebens zu verdrängen. Im Horizont des Glaubens erfuhr er, dass die oft brutale Realität jedoch nicht das Ende, sondern Zugang zu göttlicher Menschlichkeit ist.
Der Autor Andreas Feige ist Doktorand am Lehrstuhl für Pastoraltheologie der Universität Freiburg.