„Was ist der Mensch ... dass Du an ihn denkst?

31.01.2025 |

Über die Grenzen der „Künstlichen Intelligenz“

Von Jorge Therstappen 
 
Dass Intelligenz nicht gleich Klugheit ist, kann als Gemeinplatz gelten. Warum aber sollte man sich dessen noch einmal vergewissern? Weil allenthalben die Rede davon ist, dass Künstliche Intelligenz (KI) den Menschen weit übertrifft, in Bereiche vorstößt, die ihm verschlossen sind, ihn überflüssig macht. 

Sollten wir uns deswegen fürchten? Droht unserer Spezies, droht uns in unserer Geschöpflichkeit das Überflüssigsein? Geoffrey Hinton, KI-Pionier, sagte unlängst in einem Zeitungsinterview, dass er befürchte, ein Monster miterschaffen zu haben. Er hält die KI für nicht mehr beherrschbar. Seine Begründung klingt nach einem alten Horrorfilm. Unbeherrschbar werde die KI, weil sie bald in der Lage sei, sich selbst zu programmieren, und weil sie begreife, dass sie dann noch besser werde, wenn sie nicht den Befehlen der Menschen ausgesetzt sei. Sie könnte sich damit – im Sinne einer Selbstentfesselung – auch gegen den Menschen richten, zuerst gegen den, der sie erschaffen hat und ihr durch seine Vorgaben noch Grenzen auferlegt; schließlich auch gegen alle Menschen, die Grenzen würden dann noch weniger.
 
Was macht den Menschen unverwechselbar?

Überlegen wir kurz, was den Menschen unverwechselbar macht. Offenbar nicht seine Intelligenz, denn sie kann durch Analogieschlüsse der künstlichen Intelligenz beliebig optimiert werden. Aber doch Eigenschaften, an die eine KI, egal, wie gut sie wird, nicht heranreicht. Etwa das Mitleid. Eine gesteuerte Tötungsmaschine ist auf Effizienz getrimmt, ein Mensch sieht seinem Gegner unter Umständen in die Augen, empfindet Mitleid und senkt den Lauf seines Gewehres, lässt seinem Gegenüber das Leben. Die Szene aus dem braven Soldat Schwejk, der sein Gewehr fortwirft und sich mit dem Feind verbrüdert, wäre der KI unbegreiflich. 
 
Menschenwerk – oder: Die Erschaffung der künstlichen Intelligenz ...

Und gar die Selbsthingabe, zutiefst menschlich, das „Consummatum est“ Jesu am Kreuz, der durch sein Leiden Erlösung vollbringt und sterbend sagen kann: „Es ist vollbracht“ – es scheint das Uneffizienteste schlechthin zu sein, es hat vordergründig zunächst gar kein Resultat, es ist die frei gewählte Ohnmacht. Aber in ihr liegt die Schönheit des Guten, in ihr liegt ein Fundus, der zugegen ist und greifbar, auch wenn alles rundumher nur noch an Zahlen denkt, an Zeit, Optimierung und Effizienz. 
Der Mensch, Ebenbild Gottes, muss gar nichts leisten, um gewollt zu sein, um geliebt zu werden, um die Würde seines Seins zu finden. „Was ist der Mensch, dass Du an ihn denkst?“, heißt es im Schöpfungspsalm. (Psalm 8, 5) Ein von Gott gedachtes, ein von ihm wahrgenommenes Wesen, ein Geschöpf mit dem als Gegenüber, der es erschaffen hat. 

KI hingegen existiert nur in seinen programmierbaren Eigenschaften, nicht aus sich selbst heraus. Dem Menschen ähnlich würde die künstliche Intelligenz erst dann, wenn sie imstande wäre, die Befehle und Programmierungen in Frage zu stellen, wenn sie eine innere Stimme hörte, die ihr zuspricht: Da lauert ein Dämon vor Deiner Türe, gewähre ihm keinen Zutritt (Genesis 4, 7), wenn sie sich zu empören vermöchte, wenn sie subversiv würde, wenn sie nicht mehr, wie ihre Programmierer, das Gute verachtete, sondern ein Gegengewicht schüfe, einen Ausgleich, und alle ihre Intelligenz in diesen Ausgleich würfe ... 
 
Unterschied zwischen Intelligenz und Klugheit

Solange das nicht so ist, besteht ein unendlicher Unterschied zwischen solcher Intelligenz und der menschlichen Klugheit, zwischen der kalten Beflissenheit einer immer weiter optimierten Maschine und der menschlichen Bereitschaft zur Selbstrücknahme, um anderen ihren Platz zu gewähren, den sie von alleine nicht zu erreichen vermögen, zwischen der absolut gesetzten Effizienz und dem Mitleid, das doch zuerst den Menschen auszeichnet.
Auf die Frage, ob er die Miterschaffung der KI bedauere, antwortete Hinton: „Ich habe nicht wirklich diese Art von schuldbewusstem Bedauern für das, was ich getan habe. Außerdem: Wenn ich überhaupt nicht existiert hätte, wäre all das vielleicht um eine Woche verlangsamt worden – nein, ich denke, ich habe auf eine vernünftige Weise gehandelt.“

Ob es als vernünftig bezeichnet werden kann, ein neues Übel miterschaffen zu haben, sei dahingestellt. Wesentlich ist, dass wir uns in dem, was wir sind und was uns ausmacht, nicht in Frage gestellt fühlen müssen; wer dies behauptet, redet unreflektiert daher, weil ihm oder ihr die menschlichen Eigenschaften, die Jesus in seinen Seligpreisungen nennt, nicht vor Augen sind (Matthäus 5, 3-11), Eigenschaften, bei denen die auf absolute Nützlichkeit getrimmte Intelligenz doch einen weit hinteren Rang einnimmt:

„Selig, die arm sind vor Gott; / denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; / denn sie werden getröstet werden.
Selig die Sanftmütigen; / denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; / denn sie werden gesättigt werden. 
Selig die Barmherzigen; / denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die rein sind im Herzen; / denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften; / denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; / denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen.
Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. So wurden nämlich schon vor euch die Propheten verfolgt ...“
 
Jorg Therstappen ist Schulseelsorger an den Klosterschulen Unserer Lieben Frau in Offenburg.