Goethes berühmter Faust beginnt mit einem heftigen Klagelied.
Von Thomas Dietrich
Da ist einer, der sich sein Leben lang um Einsicht und Wissen bemüht hat und am Ende hilflos vor den Fragen des Lebens steht. Alles Suchen und Wissen haben ihn in eine Sackgasse geführt. Verzweifelt sucht er Auswege und scheitert. Am Ende scheint einzig die Giftflasche einen Ausweg zu eröffnen. Er will das Streben einstellen und die Suche beenden.
„Da steh’ ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.“
Was Goethe schildert, trifft durchaus auf viele Menschen zu. Sich einzig auf die eigenen Kräfte zu stützen, scheitert immer wieder. Auswege mag es zuhauf geben, doch sie eröffnen kein Leben, sondern führen immer tiefer in das Dunkel der Hilflosigkeit hinein. Eine Beschreibung des Menschen? Oft sind wir Menschen hilflos und blind; und wir können uns nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, auch wenn Münchhausen das mit Ausdauer erzählt hat.
In zentralen Fragen unseres Lebens brauchen wir Hilfe, die von außen kommt. Das scheint auch Goethe zu wissen. Denn als Faust die Giftflasche in Händen hält, hört er von Ferne das Läuten der Osterglocken. Diese Klänge halten ihm vom sicheren Suizid ab. Ein Impuls, der genau nicht aus seinem Geist stammt, sondern von außen kommt, verändert die gesamte Situation.
„Welch tiefes Summen, welch heller Ton Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde? Verkündigt ihr dumpfen Glocken schon Des Osterfestes erste Feierstunde?“
Faust dringt bei Goethe nicht zum Glauben vor. Seine Zweifel sind zu umfassend und zu stark. Trotzdem wohnt in diesem Mann die Erinnerung an die andere Zeit seiner Jugend. Er scheint diese Erinnerung an Kindheit und Jugend, womöglich an die Leichtigkeit eines früheren Glaubens, abzuwerten, obwohl sie ihm das Leben retten.
„Erinnrung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle, Vom letzten, ernsten Schritt zurück. O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder! Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder.“
Die Natur ist von der Macht des Todes im Winter befreit und bricht zu neuem Leben auf ...
Faust beginnt seinen berühmten Osterspaziergang. Er erbaut sich an der erwachenden Natur und an der Osterfreude der Zeitgenossen. Tatsächlich fällt das Osterfest in unseren Breiten mit dem Wiedererwachen der Natur zusammen. Der Winter muss weichen, während überall das Leben sprießt. Pflanzen zeigen ihre ersten Knospen, die ersten Blumen recken ihre Köpfe, und die Bäume beginnen zu blühen. Im Erwachen der Natur findet Faust Kraft und erhebt sich aus der Dunkelheit seiner Studierstube in eine andere Stimmung hinein.
„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglück, Der alte Winter, in seiner Schwäche, Zog sich in rauhe Berge zurück.“
Der Aufbruch der Natur verbindet sich mit Fausts Erleben der Mitmenschen. Eine gewisse Hochnäsigkeit gegenüber den „weichen Menschen“ bleibt, wie der Text die Glaubenden tituliert, aber es bleibt auch eine Sehnsucht in Faust. Er sieht die Menschen, wie sie aus der Dunkelheit der Stadt in die freie Natur streben und dort ein Bild für ihren Glauben finden. Die Natur ist von der Macht des Todes im Winter befreit und bricht zu neuem Leben auf … Ähnlich brechen die Menschen aus der Stadt auf, entdecken das keimende Leben der Natur und finden in diesem Aufbruch ein Bild für den Aufbruch Christi aus dem Grab.
„Kehre Dich um, von diesen Höhen Nach der Stadt zurückzusehen. Aus dem hohlen finsteren Tor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, Denn sie sind selber auferstanden.“
Dass die Glaubenden dem hilflos Zweifelnden zum Symbol für erwachendes Leben werden, gehört zu den Eigenheiten dieses Textes, die freilich in den weiteren Ereignissen keine Rolle mehr spielen. Trotzdem hat Goethe hier sehr beeindruckend die Not eines hilflosen Menschen beschrieben, dem es nicht zum Sprung des Glaubens reicht. Immer wieder ist Faust zurückgeworfen auf die eigenen Möglichkeiten und Hilflosigkeiten, die er sich nie wirklich eingesteht.
Zugleich hat Goethe hier ein beeindruckendes Zeugnis des Osterglaubens geschaffen. Er scheint etwas vom Wesen dieses Festes begriffen zu haben, auch wenn er selbst wohl wie sein Faust nie zum Osterglauben gefunden hat.
Ostern nimmt die Nöte und Dunkelheiten des Menschen ernst, weil sie Teil des menschlichen Lebens sind. Aber Menschen können die Dunkelheiten ihres Lebens nicht selbst erleuchten. Doch sie dürfen sich in den Dunkelheiten begleitet glauben. Der Auferstandene trägt noch immer die Wundmale des Gekreuzigten. Er hat die Dunkelheiten seines Todes in die neue Welt der Auferstehung mitgenommen. Das ist eine zentrale Osterbotschaft: Es gibt keine Flucht vor den Dunkelheiten des Lebens, aber es gibt die Zusage, dass wir Menschen in diesen Dunkelheiten bewahrt und gehalten sind. Der Auferstandene grüßt mit seinen Wundmalen von jenseits des Grabes hinein in unsere Lebenswirklichkeit und macht Mut, dass wir durch unsere Dunkelheiten hindurch ins Licht gerufen sind. Das ist kein Licht, das alles vertreibt. So wie der Winter immer wiederkommt, werden immer wieder neue und andere Dunkelheiten auf uns Menschen fallen. Aber genau in diese Situation hinein ist uns als Glaubenden Beistand zugesagt. Dazu freilich muss man sich auf die Kräfte eines anderen verlassen; man muss sich verlassen auf einen anderen hin, der Hilfe zusagt und Beistand und Leben. In Goethes Faust endet der Spaziergang wieder in der Studierstube und im Teufelspakt mit Mephistopheles. In jener anderen Geschichte eines Spaziergangs nach Emmaus endet die Geschichte damit, dass die Jünger aus dem Grab der Hoffnungslosigkeit erweckt werden und anderen von ihren brennenden Osterherzen erzählen. „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete?“ …
Was bei Faust eine leere Hoffnung bleibt, wird bei den Emmausjüngern wahr. Freilich bleibt die Beschreibung der Glaubenden, wie Goethe sie schildert, wahr: „Denn sie sind selber auferstanden.“ Es gibt immer neue Dunkelheiten und Herausforderungen – wie Goethe es im Faust beschreibt. Aber es gibt auch den einen, der ins Grab sinkt und mit den Wundmalen, den Zeichen seines Untergangs aufersteht. Deswegen ist er das Zeichen der Hoffnung … selbst für die, die wie Faust keine Hoffnung mehr haben.