Am Weinstock bleiben

23.01.2026 |

Jesus ist die Quelle, von dem aus alles Leben fließt. Ein Beitrag von Andreas Knapp.

Von Andreas Knapp
 
In der Bildrede vom Weinstock bietet uns das Johannesevangelium eine kleine Wachstumskunde für Freundschaft und Beziehungen. „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein kraft des Wortes, das ich zu euch gesagt habe. Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet“ (Johannes 15, 1-8).

Für Jesus und seine Zeitgenossen ist das Bild vom Wein und Weinstock tief in der Kultur verwurzelt. Wir heute sind mindestens vertraut mit Weinkultur und Weintrinken, so dass das Bild vom Weinstock auch uns noch etwas sagen kann. 
In der Beschreibung einer Person las ich einmal: Er hat die Gabe der Freundschaft. Das fand ich eine wunderbare Charakterisierung. Aber wie kommt man zu dieser Gabe? Kann man das lernen? Wie kann sich die Gabe der Liebe entwickeln?
 
Das Prinzip unserer Welt ist geschenkte Liebe

Wir Menschen lernen Sprache dadurch, dass wir angesprochen werden. Und Liebe lernen wir dadurch, dass wir Liebe erfahren. Zuerst werden wir geliebt – und nur so können wir selber lieben lernen. Zuerst wird uns Freundschaft geschenkt und nur so kann sich die Gabe der Freundschaft auch in uns entfalten. Glücklicherweise erfahren die allermeisten Menschen, dass ihnen in ihrer Mutter diese Welt und das Leben freundlich begegnet. Was biografisch für jede und jeden gilt, das stimmt auch prinzipiell: Das Prinzip unserer Welt ist geschenkte Liebe. Wir nennen das den Glauben an Gott den Schöpfer. Im Anfang steht ein gutes Wort, eine Zuwendung, die der ganzen Welt und jedem Menschen gilt. 

Im Anfang war das Wort. Und in diesem Wort ist das Leben. Für das Johannesevangelium ist dieses Wort der Zustimmung in Jesus von Nazaret erfahrbar geworden. Darum ist Jesus auch der Weinstock: Er ist die Quelle, von dem aus alles Leben fließt. Wir sind beschenkt mit Leben und Liebe. Und wer Liebe erfährt, wird seinerseits fähig zu einer liebenden Antwort. 
 
Liebe ist Gabe und Aufgabe

Liebe ist eine Gabe. Und sie ist eine Aufgabe. Liebe ist eine Kunst, wie Erich Fromm sagt. Zu jeder Kunst gehört Aufmerksamkeit, Üben, Geduld. Das Evangelium spricht von Reinigung. Der Weinstock muss kultiviert werden. Sonst kommt es zu Wildwuchs. 
 
„Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht“, so Jesus im Johannesevangelium.
 
In jedem Menschen steckt eine gehörige Portion Egoismus. Das ist zunächst ja auch etwas Gutes. Denn wir brauchen auch den Überlebenstrieb. Aber wenn dieser Trieb wild wuchert, dann ist das wie beim Weinstock mit den Trieben, die wild und unkontrolliert ins Kraut schießen. Ein Weinstock, der nicht beschnitten wird, entwickelt sich zu einem wilden Buschwerk, das die anderen Gewächse in seiner Nähe erstickt – und der keine oder nur kümmerliche Früchte trägt. So gilt es, auch unsere Neigungen und Bedürfnisse zu ordnen. Wer nur noch um sich selber kreist, wer immer nur an sich denkt, ist von sich selber so voll, dass kein Raum bleibt für andere. Beziehung und Freundschaft kann nur wachsen, wenn wir uns auch zurücknehmen können. Nicht nur von uns selber reden, sondern einem anderen zuhören. Nicht nur an mich denken, sondern in meinem Innern Raum geben für eine andere Person. 

Von Saint-Exupéry stammt ein Gebet, in dem es heißt: „Gott, du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin. Gib mir den Mut der kleinen Schritte.“ Ganz in diesem Sinn nennt uns der Abschnitt im Johannesvangelium eine weitere wichtige Grundhaltung, damit Freundschaft wachsen kann, nämlich: „Bleiben“. Das meint: Nicht davonlaufen, wenn es schwer wird, sondern dabeibleiben, treu bleiben. „Bleiben“ ist auch ein Wort für Nähe und Zuwendung.  Denken wir etwa an ein Kind, dessen Vater und Mutter abends vor dem Einschlafen am Bettrand sitzen und das Kind bittet: „Ach, bleib doch noch ein bisschen. Oder ein Kranker, den man besucht hat, sagt: „Bleiben Sie doch noch ein wenig.“ Im Bleiben vertieft sich die Beziehung. Und vielleicht gerade dann, wenn das Bleiben nicht leicht fällt. Freundschaft hat damit zu tun, dass man bei einem Menschen bleibt, wenn er mich braucht, auch wenn mich das Mühe kostet. Im Alltag die kleinen Zeichen von Nähe leben, von Treue, von Aufmerksamkeit. Tagtäglich meinen Dienst, meine Pflichten ernst nehmen und sie mit Leben füllen. Das kann ganz schön anstrengend sein.

Für Jesus geht es bei diesem Bleiben aber nicht um eine moralische Pflichtübung, sondern das Bleiben ist Antwort auf ein Geschenk. Jesus lebt daraus, dass der Vater ihn liebt, und dass diese Liebe Bestand hat. Jesus darf in Gottes Liebe bleiben. Und dieses Geschenk dürfen auch wir empfangen: Gott bleibt bei uns. Wir sind in ihm gehalten und geborgen. Wer so in der Liebe Gottes wohnt, kann auch anderen Menschen ein Stück Heimat geben, ihnen eine Bleibe schenken.
 
Eigentlich sehnen wir uns danach: Dass jemand da ist, auf den ich mich verlassen kann. Wo ich keine Angst haben muss, ob ich auch morgen noch angenommen und geliebt bin. Wir brauchen Beziehungen, in denen wir ganz selbstverständlich da sein dürfen, ohne Rechtfertigung, ohne Leistung. Eben: Freunde, Freundinnen.
 
Freundschaft ist wie eine Frucht

Im Bild vom Weinstock gesprochen, kann man sagen: Freundschaft ist wie eine Frucht. Dieses Bild scheint mir sehr wichtig zu sein – nämlich im Unterschied zur Leistung. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistungen zählen. Eine Frucht ist etwas anderes. Ich leiste meinen Beitrag. Trotzdem ist die Frucht etwas, das von selber gewachsen ist. Ich kann einen Weinstock düngen und pflegen. Aber die Früchte lasse nicht ich wachsen. 

So ist es auch mit unseren Beziehungen: Wir können gute Bedingungen schaffen. Ich nehme mir Zeit, ich bemühe mich. Aber ob wirklich Freundschaft und Liebe wachsen, habe ich nicht in der Hand. Liebe ist immer ein Geschenk. Und wenn eine Freundschaft gewachsen ist, so ist das nicht meine Leistung und auch nicht die des anderen, sondern etwas, das wie von selbst, fast wunderbar gewachsen ist. 
Besonders an der christlichen Religion ist, dass Gott uns zu einer Freundschaft einlädt. Jesus nennt uns seine Freundinnen und Freunde.
 
Der Autor Andreas Knapp ist Schriftsteller und Mitglied der Ordensgemeinschaft der „Kleinen Brüder vom Evangelium“ und lebt in Leipzig.