Sie gehören zu den ältesten Kulturen der Menschheit: die Beterfiguren aus dem Zweistromland (heute Irak).
Solche Beterstatuen wurden in den frühen Heiligtümern Mesopotamiens entdeckt, im Tempel aufgestellt galten sie als stete Verehrer des Kultbildes.
Mit großen, runden Augen standen diese Statuen stellvertretend für die menschlichen Beter im Tempel. Sie halten Ausschau nach Gott, Frauen wie Männer. Tellergroße Augen, mit blauem Lapislazuli eingelegt. Sie verkörpern eine Frömmigkeit, wie sie viel später die Psalmen besingen: „Meine Augen schauen stets auf den HERRN“ (Psalm 25, 15) oder: „Aller Augen warten auf Dich…“ (Psalm 145, 15). Das alte Israel erzählt dies in der Begegnung am Sinai, als die Ältesten mit Mose hinaufsteigen und im Angesicht ihres Gottes aßen und tranken, eine Bundes-Feier: „Sie durften Gott schauen und sie aßen und tranken“ (Exodus 24, 11).
Im Schauen verdichtet sich die Begegnung von Gott und Mensch
Auch wenn für uns Gottes Auge unsichtbar bleibt, so ruft er doch unsere Sehnsucht wach, sein Antlitz zu sehen, seine Zuwendung zu spüren: Er blickt mich an. Viele Psalm-Verse sprechen davon. Und am Ende unseres Lebens, werden wir ihn sehen? (vergleiche Matthäus 5, 8). Ahnung im Herzen und Zuversicht vor Augen, leben wir „erwartend die selige Hoffnung und die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Jesus Christus“ (Titus 2, 13). Gott schaut auf uns im Guten, nicht als Kontroll-Organ, das alles unterscheiden und richten will. Sein Schöpfungswort vom Anfang umreißt den Rahmen für seinen grundsätzlich gütigen Hin-Blick: „Gott sah alles, was er gemacht hatte: Es war sehr gut“ (Genesis 1, 31). In der Erzählung um Hagar, die vertriebene Magd Saras, die am Brunnen in der Wüste Gottes Hilfe erlebt, bekennt Hagar: „Du bist El-Roi, das heißt ,Gott schaut auf mich‘. Gewiss habe ich dem nachgeschaut, der auf mich schaut!“ (Genesis 16, 13). Unser Gott bleibt nicht anonym: Gottes Blick korrespondiert mit seinem Namen: Jahwe, der „Ich bin da für euch“. Und Jesus / Jeschu´a (unser Josua oder „Joschi“) bedeutet: „Bei Jahwe ist Hilfe“. Distanz ist nicht Sache des biblischen Gottes!
Im Schauen verdichtet sich die Begegnung von Gott und Mensch, und im Augen-Blick treffen auch wir Menschen uns, stehen wir miteinander in Beziehung. Es können sich immer nur Zwei gleichzeitig fest in die Augen schauen, im Ich-Du-Verhältnis mit allem, was in diesem Augenblick zwischen uns geschieht (Martin Buber). Und dieser Blick kann ein ganzes Leben verzaubern! Oder vernichten. Blicke können töten. Aber umgekehrt gilt auch: „Das Auge ist des Leibes Leuchte“, heißt es bei Jesus (Matthäus 6, 22f): „Wenn nun dein Auge lauter ist, wird dein ganzer Leib Licht sein. Wenn aber dein Auge böse ist, wird dein ganzer Leib finster sein.“ Lukas spricht sogar davon, dass das innere Licht im Menschen uns durchformt und nach außen dringt, uns zum Lichtkörper (für andere) macht (Lukas 11, 34f). Und im Propheten-Buch Jesaja hören wir den Zuspruch an Jerusalem: „Auf, werde Licht, denn es kommt dein Licht!“ (60, 1)
Augen schauen dich an: Beterfiguren aus dem Alten Orient (heute Irak).
Quelle: Wikimedia Commons
Es hängt so viel von unseren Blicken ab. Unsere ganze Lebenseinstellung spiegelt sich darin. Zurückhaltend, vorsichtig, misstrauisch, feindselig, drohend, scharf beobachtend, freundlich, optimistisch, offen, einladend, aufmunternd. Am anderen interessiert oder verschlossen. Leer, verlassen, verstört oder funkelnd vor Lebensfreude, als ob man die ganze Welt umarmen wolle. „Warum gabst du uns die tiefen Blicke“, dichtetet Goethe exemplarisch über seine (unerfüllte?) Liebesbeziehung zu Charlotte von Stein in Weimar. Goethe war mit Welt-Wunder-Augen begabt.
Unsere Spiritualität für Augen-Blicke schärfen, kann uns helfen, geistlich besser sehen zu lernen und wachsam den Augenblick als glücklichen Moment zu erkennen, als Chance, als günstige Stunde, die es zu ergreifen gilt. Das war ein Hauptanliegen in Jesu Botschaft vom Gottesreich. Nur so erkennt man, wie das Große schon im Kleinen heranwächst (Markus 4, 31f) und was jetzt zu tun ist. So erblickt der barmherzige Samaritaner den verletzten und ausgeraubten Mann am Wegesrand, und er handelt sofort: „als er ihn sah, hatte er Mitleid“ (Lukas 10, 25ff). Für den Samaritaner eine humanitäre Selbstverständlichkeit, aber für uns im Nachvollzug ein Schlüssel zur Wirklichkeit religiösen Lebens.
Wir können den Versuch machen und einige Passionsszenen als Standbilder auf uns wirken lassen
Die Evangelisten erzählen zwei Augenblick-Geschichten von besonderer Dichte im Kontext des auferstandenen Christus: Wenn Maria von Magdala im Gärtner den Herrn erkennt und die beiden Emmaus-Jünger den Auferstandenen am Brotbrechen, dieser großen Geste der Hingabe (Johannes 20, 14ff; Lukas 24, 31). Es macht „klick“ und das Bild bleibt vor uns stehen, ein Standbild, das so Vieles zusammenfasst. Wie im Scheinwerfer-Licht. Ein bleibender Augenblick.
Wir können den Versuch machen und auch einige Passions-Szenen als Standbilder auf uns wirken lassen, ein imaginärer Kreuzweg unserer inneren Sehkraft. Der Augenblick des Abendmahles, einer wird Jesus verraten. Suchende, unsichere Blicke. Bin ich es? Jesus, der Brot und Kelch den Jüngern reicht und sie gewiss dabei anschaut. Wie betete Jesus nachts am Ölberg zum Vater? Den Blick aufwärtsgerichtet oder ganz nach Innen gewendet? Und dann: „Seht, der Verräter, der mich ausliefert, ist da“ (Markus 14, 42). Die Magd im Hof des Hohenpriesters, forschender Blick auf Petrus, dich kenne ich doch, du gehörst zu den Unruhestiftern. Die Blicke des Pilatus beim Verhör und sein „Ecce homo“ vor der versammelten Menge: „Herauskam nun Jesus nach draußen, tragend den dornenen Kranz und das purpurfarbene Oberkleid. Und er sagte ihnen: Siehe, der Mensch!“ (Johannes 19, 5). Die Blicke der Peiniger, die auf Jesu Rücken einschlagen und ihn geißeln. Aggressive, boshafte, grausame Blicke. Und die am Gekreuzigten vorbeigehen, am Schädel -Ort, kopfschüttelnd, die Augenbrauen spöttisch hochgezogen, voller Ablehnung und Verachtung. Waren auch mitleidende Blicke darunter, traurige, hilflose Blicke, enttäuscht und niedergeschlagen, voller Verzweiflung? Und die Blicke von denen aus sicherer Entfernung, neugierige Zuschauer und die anderen, die ihn kennen und lieben, die alles mit ansehen mussten, aber kaum hinzuschauen wagten?
Und Jesus selbst? Jesus sieht unter dem Kreuz seine Mutter und den „Schüler, den er liebte“ und gibt sie zusammen (Johannes 19, 26). Dann stirbt er, wie Markus und Matthäus schreiben, mit einem lauten Schrei. Als der wachhabende Hauptmann „ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ (Markus 15, 39).