Neben Glaube und Liebe zählt Hoffnung zu den drei göttlichen Tugenden. Offensichtlich hat die menschliche Hoffnung auch etwas mit Gott zu tun und geht über die Welt hinaus – oder kommt von dort her. Aus dem Glaubensleben jedenfalls ist sie nicht wegzudenken.
Hoffnung ist eine ausdrucksstarke Haltung im besten Sinn: Das althochdeutsche Wort „hopen“ bedeutet nämlich „vor Erwartung unruhig springen“ ...
„Hoffentlich wird es eine gute Note. Ich habe gelernt und gebetet!“ Mit diesen Worten und tatsächlich ein bisschen aufgeregt, hüpfend, hat mir eine Schülerin ihr Blatt mit der geschrieben Religionsarbeit nach der Stunde abgegeben. „Das hat sicherlich beides geholfen“, sage ich zu ihr, damit es ihr vor der Rückgabe der Arbeit nicht bange ist.
Zum Leben der Kinder genauso wie zum Leben von jedem erwachsenen Menschen gehört das Hoffen: Dass es in der Schule und im Beruf klappt, dass es mit der Familie und den Kindern gut geht, dass wir gesund bleiben – es gibt so vieles im persönlichen Leben, worauf wir hoffen. Dass es Frieden gibt und wir unsere Welt und Umwelt vor Zerstörung bewahren, sind die großen Hoffnungsthemen der Menschheit. Wir kennen auch das Gegenteil: dass ein Mensch resigniert oder verzweifelt und er seine Hoffnung verliert, wenn sich für ihn nichts zum Guten wendet.
Was lässt einen Menschen hoffen? Sicherlich sind es vor allem Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben macht. Da ist das Schulkind, das daheim gelernt hat und gemerkt hat, dass es etwas weiß und leisten kann. Da haben auch wir Selbstvertrauen und trauen uns etwas zu, wenn wir schon etwas bewältigen konnten, was uns aufgetragen war. Da haben wir auch Vertrauen in Menschen, weil wir schon erfahren haben, dass wir uns auf jemanden verlassen konnten und angenommen waren. Wenn wir erfahren haben, dass unsere Hoffnung nicht enttäuscht wurde, wächst unser Vertrauen. So hat es das Kind in der Schule vielleicht auch erlebt und hofft und hüpft sogar – wie das Wort „hoffen“, althochdeutsch „hopen“, „vor Erwartung unruhig springen“, ja auch seine Wurzel hat.
Kommt in Hoffnung schon etwas zum Vorschein vom guten Ende?
Hoffnung zählt, neben Glaube und Liebe, zu den drei göttlichen Tugenden. Offensichtlich hat die menschliche Hoffnung auch etwas mit Gott zu tun und geht über die Welt hinaus oder kommt von dort her. Jedenfalls ist die Hoffnung aus dem Glaubensleben nicht wegzudenken. „Hoffnung ist in Wahrheit das Übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert“, sagt Friedrich Nietzsche. Menschen hoffen immer wieder auf etwas und vielleicht wird da das eine oder andere auch einmal erfüllt. Aber letztlich kann ich nicht auf eine endgültige Erfüllung hoffen. Da kommt das Nichts und alles scheitert am Ende. Da hilft auch eine mögliche gute Note in der Religionsarbeit nichts. Vielleicht denkt Nietzsche das tatsächlich am radikalsten durch, was es heißt, wenn Gott verschwindet. Dann ist auch die Hoffnung sinnlos. Der Mensch quält sich nur, wenn er immer wieder Hoffnung schöpft, da doch alle Hoffnung nur wieder enttäuschen muss.
Aber ohne Hoffnung können wir nicht leben, selbst wenn manche Hoffnung sich im Leben nicht erfüllt. Wir hoffen dennoch weiter. Und es ist wohl richtig: Entweder wir verlängern damit unsere Qual oder es kommt, weil es Hoffnung überhaupt gibt, darin doch schon etwas vom guten Ende zum Vorschein. Ein glaubender Mensch setzt seine Hoffnung auf Gott, der für ihn der Ursprung und das Ziel von allem ist. Für die Bibel ist Gott ein Gott des Lebens. Das Volk Israel im Alten Testament hat in der Gefangenschaft in Ägypten, in Babylon die Hoffnung nicht verloren, dass Gott sie retten wird. Gott ist mit ihnen, auch wenn sie ihn oft als fern erlebten.
„Dein Reich komme“, mit dieser Bitte des Vater-unser-Gebets nimmt Jesus die Jünger und Jüngerinnen in die Hoffnungsgemeinschaft hinein. Das macht einen Menschen aus, der christlich hofft: Ich vertraue darauf, dass meine ganz persönliche Lebensbiografie bei Gott vollendet wird. „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“, hat Albert Camus gesagt. Sisyphos ist ja jener Mensch aus der griechischen Mythologie, der von den Göttern verurteilt wird, einen Felsbrocken immer wieder den Berg hinaufzurollen, und der dann immer kurz vor dem Gipfel wieder hinabrollt. Dies ist das Bild des Menschen, der in einem gottlosen Universum sich selbst abmüht, ohne dass es letztlich Erfüllung gibt. Eine Welt ohne Hoffnung. Jesus setzt mit seiner Botschaft das große Hoffnungszeichen. Christen leben aus dieser Hoffnung, ohne die es für sie kein zuversichtliches Leben schon im Jetzt geben kann.
Dabei reihen sich Christen auch ein bei allen anderen Menschen, die vielleicht diesen Glauben und diese Hoffnung nicht haben. Sie rollen, im Bild gesprochen, den Felsbrocken ebenso hoch und müssen die Erfahrung machen, dass es ihnen nicht ganz gelingt. Sie nehmen das Leben mit allen Brüchen und allem Scheitern genauso zur Kenntnis und leiden vielleicht auch an vielem, was ihnen begegnet. Ein christlich hoffender Mensch kann alles, was ihm gelingt und was misslungen ist, Gott hinhalten. Da ist das Vertrauen, dass Gott alles vollendet. Wir Menschen können und müssen es nicht selbst tun. Wo immer Menschen gedacht haben, sie müssten und könnten das Paradies auf Erden schaffen, ist eine Hölle daraus geworden.
Jesus setzt mit seiner Botschaft das große Hoffnungszeichen
Christen können sich mit allen Menschen guten Willens zusammen einsetzen, dass es gerechter zugeht in unserer Welt, dass es Frieden gibt und Sicherheit. Dass Menschen nicht Opfer von Rassismus und menschenverachtenden Ideologien werden und dass sie ihr Leben entfalten können. Und doch gibt es bei allem immer wieder die Gefährdungen – die ökologischen, sozialen, politischen Risiken unserer modernen Kultur. Wir Menschen leben auch in unüberwindlicher Abhängigkeit und Ohnmacht in dieser Welt. Aber in der Liebe Gottes ist unsere todbringende Verlorenheit überwunden. Das ist die christliche Hoffnung.
„Hoffentlich wird es eine gute Note“, hatte das kleine Mädchen nach der Religionsarbeit gesagt. Sie hatte tatsächlich eine gute Arbeit geschrieben. Und ich war froh, dass ihre Hoffnung da nicht unerfüllt blieb. Die Hoffnung auf Gott soll im Gelingen und im Scheitern Bestand haben. Denn die christliche Hoffnung ist, dass der Gott des Lebens – und nicht wir – alles vollendet.
Von Erhard Bechtold, stellvertretender Dekan des Dekanats Karlsruhe.