Der Herr ist mein Hirte

18.04.2024 |

... nichts wird mir fehlen: Er lässt mich lagern und führt mich zum Ruheplatz

Ob Heilige Schrift, verheißungsvolle Jesu-Worte oder Jahrtausende überlebende Evangelien, um nur Weniges zu nennen: Es sind Schätze des Glaubens, die es zu bewahren gilt. Ich liebe es im Besonderen, an „unseren guten Hirten“ zu denken. Das Gleichnis vom guten Hirten, der sein Leben gibt für seine Schafe und Sorge trägt, dass keines von ihnen verlorengeht, bewegt und veränderte mich, die tiefe Wahrheit zu verstehen: „berufen zu sein, allein auf seine Stimme zu hören“. Das Bild vom guten Hirten ist ein sprechendes, natürliches Bild aus der Natur, das auch heute tausende Mal vorkommt. Auch König David (übersetzt: „der Geliebte“, er lebte zirka 1000 Jahre vor Christus) kannte das verantwortungsvolle und entbehrungsreiche Hirtenleben aus eigener Erfahrung. Der von ihm verfassten Psalm 23 ist zugleich auch Geschichte aus dem Leben der Hirten.
 
Jesus ist für uns auch Mutter, die für ihre Kinder einsteht!
 
Es lohnt allemal, den Psalm 23 zu verinnerlichen. Trost und Zuversicht, die aus den dunklen Reihen der Buchstaben erblühen, in den oftmals grauen Alltag fließen zu lassen, erweist sich für mich in Zeiten von Schwernissen immer wieder als Balsam. 
Meine erste „bildhafte Begegnung“ mit „Jesu, dem guten Hirten“, der liebevoll sein verloren geglaubtes Lamm auf seinen breiten Schultern trägt, wurde mir im Bühler Kloster Maria Hilf zuteil. Auch heute lebe ich mit dem Bild und muss es nicht herholen. Aus folgendem Grund: Als beliebter „Edel“-Ministrant (in aller Demut) der Schwestern der Kongregation vom Allerheiligsten Heiland (seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1964 „vom göttlichen Erlöser“) lautete mein klösterlicher Ministranten-Auftrag im Alter von neun Jahren, frohgemut Altardienst zu leisten. Dreimal wöchentlich um 6 Uhr in der Früh. So auch in der Exerzitienhauskapelle, wo „der gute Hirte“ über viele Jahrzehnte ein meditativ-berührender Hintergrund für den Hochaltar war. Meine damals bescheidene Vorstellungskraft und theologischen Kenntnisse reichten nicht aus, die wunderbare Symbolkraft, die dieses Altarbild auf die große Schar der Ordensschwestern (1950 zirka 300 Schwestern) ausstrahlte, zu begreifen. 
 
Jesus als guter Hirte: Dieses ausdrucksstarke Altarbild hat der Autor schon als junger Ministrant in der Exerzitienhauskapelle im Kloster Maria Hilf in Bühl oft und gerne betrachtet.

Das Saatbeet der Berufung ist inzwischen leider ausgetrocknet. Indes, meinem Wissen sowie natürlichem Verständnis über christliche Kunst versuche ich auch heute und immer aufs Neue Leben einzuhauchen. Meine Inspiration und innere Bewegtheit zu dieser Darstellung vom guten Hirten äußere ich nun, mit über achtzig Jahren ...

Das erste Stichwort: vertrauensvoll. Ein starker Wille prägt die Erscheinung. Die Körperhaltung, der aufrechte Gang und Blick nach vorne, vermitteln Verlässlichkeit und Sicherheit. Die rechte und linke Faust umschließen fest Hirtenstab und Lamm auf den Schultern. Worte, die Jesus gebraucht hat, fallen mir bei der Betrachtung ein: „Ich gebe ihnen ewiges Leben und sie gehen nicht verloren ewiglich, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben“ (Johannes 10, 28). Von einem der bekanntesten Prediger des 19. Jahrhunderts, dem englischen Pastor Charles Haddon Spurgeon, sind Predigttexte zum Evangelium überliefert. „Ich bin der gute Hirte und ich kenne die Meinen“, heißt es bei Johannes.  Spurgeon: „Der gute Hirte kennt die Anzahl seiner Schafe und wird nie eins verlieren. Er kennt den Charakter und das Alter eines jeden der Seinen. Er kennt die Schwachen, Nervösen, Ängstlichen, die Starken, die Kranken, die Sorgenvollen, die Ermatteten und Verwundeten. Er kennt diejenigen, die vom Dämon gejagt sind und sich zwischen den Klauen der Löwen befinden und geschüttelt werden. Er kennt unsere innersten Gedanken und Gefühle. Die Schafe Christi sind Sein, lange bevor sie es selbst wissen. Jesus verspricht, dass er die Herde hüten wird“ (aus: „Ein Leben für die Schafe“, Verlag CLV).
Ein sprechendes und natürliches Bild ist die Schafweide. Wo sich ein Mutterschaf liebevoll um ihr neugeborenes Lämmlein kümmert, das erst wenige Stunden auf der Welt ist. Meine spontane Empfindung: Jesus ist für uns auch Mutter, die für ihre Kinder einsteht!
 
Mögen die Seelsorger stets in den Fußspuren des Herrn wandeln
 
Meine Betrachtungsweisen über das facettenreiche, sensible Thema „vom guten Hirten“ will ich nicht ideologisieren. Aufgrund der Missbrauchsgefahr und anderer negativer Erfahrungen im gelebten Umfeld „unserer Kirche und ihrer Hirten“ haben viele Menschen aller Altersstufen nicht mehr die Kraft, Bilder oder Gleichnisse wie das „vom guten Hirten“ zu lieben. Für mich ist das absolut verständlich. Indes: Bibelstellen und Bilder von Schafen und Hirten charakterisieren das Volk Gottes als Schafherde.
Ich erinnere mich gerne an die Predigten zum vierten Sonntag nach Ostern, dem „Gute-Hirte-Sonntag“. Der Predigt des geschätzten Seelenhirten lauschte ich andachtsvoll. Das Fazit berührte mich: „Ich versuche schon, euch ein guter Seelenhirte zu sein. Aber vielleicht bin ich in den Augen Gottes auch nur ein Schaf, das hinterhertrottet?“ – „Nein, lieber Herr Pfarrer, das sind Sie nicht!“, dachte ich. Als Mitglieder der Schafherde sollten wir gute Schafe sein, die der Stimme ihres Hirten folgen. 

Unseren Seelsorgern (bis zum Oberhirten in Rom) wünsche ich, dass sie stets in den guten Fußspuren des Herrn wandeln und uns auf gute Weiden führen. Psalm 23 beten, am besten zweimal täglich, hilft: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er lagert mich auf grünen Auen, er führt mich zu stillen Wassern. Er erquickt meine Seele. Er leitet mich in Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen. Auch wenn ich wanderte im Tal des Todesschattens, fürchte ich nichts Übles, denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch angesichts meiner Feinde; du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, mein Becher fließt über. Nur Güte und Gnade werden mir folgen, alle Tage meines Lebens; und ich werde wohnen im Haus des Herrn auf immerdar.“
 
Hermann Seiler