... und gefunden: Gedanken zur Begegnung von Maria und Elisabeth
Von Brigitte Böttner
„Oh, schwanger: Herzlichen Glückwunsch!“ Der spontane Ausruf eines jungen Vaters, angesichts einer Bekannten und offensichtlich werdenden Mutter, klingt bis heute in mir nach. Und macht mich schmunzelnd: Ich fand die Reaktion großartig, die ganze Szene war es. Bis heute kommt sie mir in den Sinn, wenn ich eine „Maria gravida“ sehe, ein christliches Andachtsbild, das die schwangere Gottesmutter zeigt, auf ihrem Leib oft bildhaft oder symbolisch das ungeborene Jesuskind. Maria in der Hoffnung.
Das Motiv der graviden Gottesmutter gehört zum Fest der „Heimsuchung Mariens“, das auf dem biblischen Bericht vom Besuch Marias bei ihrer Verwandten Elisabeth gründet (1, 39-56). Das Herzstück der berühmten Episode im Lukasevangelium enthält auch das Magnifikat: den jubelnden Lobpreis einer jungen Frau, die leibhaftig die Gnade Gottes erlebt.
Das im Franziskanerorden entstandene und 1263 von Bonaventura eingeführte Marienfest wurde am ersten Tag nach Abschluss der (inzwischen gestrichenen) Oktav des Festes der Geburt Johannes des Täufers (24. Juni) am 2. Juli begangen und 1570 von Pius V. in den allgemeinen Festkalender übernommen. Seit 1969 hat „Maria Heimsuchung“ seinen sinnvolleren Platz vor der Feier der Geburt des Täufers, nämlich am 31. Mai. In den Bistümern des deutschen Sprachgebiets wurde jedoch der alte Termin beibehalten – mit Rücksicht auf die tief verwurzelte Volksfrömmigkeit …
Ein Freundentanz von Elisabeth und Maria
Oh, schwanger! Herzlichen Glückwunsch! – Das könnte doch auch Johannes gedacht haben, als er den Gruß Marias vernahm – durch die Bauchdecke seiner Mutter hindurch. Seine Bewegungen bringen beide Frauen in Wallung: Ich stelle mir vor, wie sich Elisabeth und Maria an den Händen fassen, wie sie juchzen und zusammen einen Freudentanz hinlegen. Und wie es aus Maria schließlich geradezu herausplatzt, wie sie singt: „Meine Seele preist die Größe des Herrn / und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. / Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. / Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. / Denn der Mächtige hat Großes an mir getan / und sein Name ist heilig. / Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht / über alle, die ihn fürchten. / Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: / Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; / er stürzt die Mächtigen vom Thron / und erhöht die Niedrigen. / Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben / und lässt die Reichen leer ausgehen. / Er nimmt sich seines Knechtes Israel an / und denkt an sein Erbarmen, / das er unsern Vätern (und Müttern) verheißen hat, / Abraham und seinen Nachkommen auf ewig“ (Lukas 1, 46-55).
Die Bronzestatue „Denkmal für das Leben“ des Bildhauers Timothy Schmalz zeigt die Gottesmutter Maria mit dem noch ungeborenen Jesus in ihrem Bauch.
Dargestellt wird die „Heimsuchung“ Marias bei Elisabeth seit dem 6. Jahrhundert als eine Art „Gegenstück“ zur Verkündigung des Engels an Maria, außerdem in Erzählkreisen des Marienlebens. Für den volkstümlich eingefleischten Termin des Marienfestes Anfang Juli spricht nach meinem Empfinden auch der Jahreszyklus: Die Geburt Johannes des Täufers markiert nicht nur (bis heute) die mitteleuropäische Sonnenwende – meteorologisch-volkstümlich: „Tag-und-Nacht-Gleiche“ –; die Person und Stimme des Rufers in der Wüste: „Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!“ (Markus 1, 3) kündigt auch eine gesellschaftliche „Zeitenwende“ an: Das alte Israel hat abgewirtschaftet und Johannes verkündet am Jordan eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden an. Auch Jesus, der später Geborene, wird die Drohbotschaft seines Verwandten hören und sich davon berühren lassen. Mit der Taufe des Johannes, die „Jesus aus Nazaret in Galiläa“ an sich geschehen lässt, beginnt seine Mission. Denn „sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel aufriss und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden“ (Markus 1, 9-11). Drei Monate blieb Maria bei ihrer (Seelen-)Verwandten Elisabeth, heißt es bei Lukas weiter. Dann kehrte sie nach Hause zurück.
Wo war Maria "daheim"?
Nach Hause? Wo war Maria „daheim“? In Nazaret in Galiläa, wo sie mutmaßlich beziehungsweise gemäß dem Bericht des Evangelisten ein halbes Jahr vorher der Engel „heimgesucht“ und ihr Gottes Ratschluss verkündet hatte? Oder eher im Haus der Elisabeth, wo die herz- und seelenerfrischende Begegnung der beiden Frauen stattfand, beide an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt – einer Zeitenwende? Im Moment der Begrüßung öffnet sich eine anrührende menschliche Begegnung ins Göttliche: „Da wurde Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lukas 1, 41-43).
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (vielleicht auch deutlich früher) entstand vermutlich im Eichsfeld das geistliche Volkslied „Maria durch ein’ Dornwald ging“, das die biblische Erzählung von Marias Reise zu Elisabeth mit dem legendarischen Motiv vom Dornwald verbindet, der sieben Jahre abgestorben war und beim Kommen Marias mit dem göttlichen Kind in ihrem Schoß zu blühen beginnt. Das Lied wurde im 20. Jahrhundert zu einem der populärsten Adventslieder. Vor Kurzem begegnete es mir wieder, an einem regnerischen Vormittag im Frühsommer, bei der Beerdigung einer Freundin, die – jünger als ich – nach Jahren des Kampfes schließlich doch einem aggressiven Krebsleiden erlegen war. Die Verstorbene war nicht kirchlich gebunden in dem Sinne, dass sie mit der Institution und ihren Traditionen viel im Sinn hatte. Was ihrer spirituellen Weite und religiösen Musikalität keinen Abbruch tat: Als die Melodie von „Maria durch ein‘ Dornwald ging“ in der Grabkapelle erklang (kurz danach ein Titel von Lady Gaga), gab es wenige Gesichter im Raum, denen die innere Bewegung nicht anzusehen war.
„Maria ging geschwind / mit ihrem lieben Kind“, heißt es in einem alten Kirchenlied ... Und: „Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen ...“ Wenn das nicht direkt ins Hirn schießt und eine Erinnerung aufruft, eine heiße Spur – die Fährte der heiligen Geistkraft, die dunkle Wälder erleuchtet und (wieder)belebt: „Komm, o du glückselig Licht, / fülle Herz und Angesicht, / dring bis auf der Seele Grund (...) Was befleckt ist, wasche rein, / Dürrem gieße Leben ein, heile du, wo Krankheit quält. / Ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn, / kann nichts heil sein noch gesund ...“